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sie war wieder Vdondgücker geworden, loie.vor fünfzig Jahren, alä sie ihren Verlobten drunten Wußte in Böhmen, im heißen Schlachtenkamps. Ta hatte sie dem Monde Grüße aufgetragen:. „Du siehst ihn, ich sehe ihn nicht. Schütze ihn!" Nun hatte sie der geliebte Mann schon seit einem Jahrzehnt allein gelassen; aber ein Sohn War sein Vermächtnis, ein über alles geliebter Sohn ! Freilich, sein kühner Mut sührte ihn weit und auf lange Zeit oft hinweg, als Offizier auf deutschen! Panzer an fernste Kirsten. Mer sie blieb mit chm verbunden, eng, als Wäre er bei ihr. Iw wieviel hundert Stunden hatte sie Zwiesprache mit ihnr gehalten in stiller Nacht; ihre Lippen hatten Kosewiorte geflüstert: „Mein Edgar, mein lieber Einziger!" Und chre Lände hatten sich unwillkürlich bewegt, als strichen, sie über sein Haar. Und seine Stimme hatte sie ganz deutlich, zu hören gemeint: „Muttes, gute, gute Muttes!" Und doch lagen damals Tausende hon Meilen zwischen ihm und ihr.
Tann aber war eine schöne Zeit gekommen, wo er erst, in.Wilhelmshaven in der Marine-Inspektion tätig war und sich dann zum Luftschiff-Offizier ausbilden ließ. Ta hätte sie ihn vst bei sich gehabt, oder aber aus den Lüsten — wie häufig kreuzte der viel geflickte Hebungs-Zeppelin über ihren: Haus! — erreichte sie sein Gruß.
Er war glücklich in seinem Beruf. Und als das Mutterherz, bebte bei der Nachricht vom Unglück eines Luftschiffes, da hatte er getröstet: „Muttel, willst du einen Ofenhocker oder einen deut-, scheu Offizier zuin Sohn? . . . Na also! Tu weißt ja gar nicht, wie herrlich das da oben fft und, glaub' mir, ohne das bißchen Gefahr, na, da w«'s eben nicht so schön!" Ta hatte sie, sich ihrer Tränen fast geschänst. . . .
Wie die Sltundon schlichen! Ter Schlaf floh ihre Augen. Es lvar doch nicht das erste Mal, daß er drüben war.. iAber heute bangte sie so sehr. Tie drüben hatten sich gerüstet, hatten vor einigen Wochen ein Luftschiffs getroffen, das in. Flammen; Und Manch niedergestürz!t! war . . .
O Gott! Jetzt lvar vor ihren Mgen ein Bild erschienen? Ihr Junge beugte sich ans! der Gondel, um das Brandgeschoß zu.' verfolgen, das dicht an seinem Zeppelin vorübergezischt lvar. Jäh hatte sie sich aufgerichtet . . . Tie Glühbirne flammte aus. Wieviel Uhr? — Mitternacht vorbei. Ta konnten sie über England sein. Es litt sie nicht mehr im Bett. Sie kleidete sich Halb an Und holte sich drüben von: Micherbrett den Tröster, der ihr schon so ost in bangen Stunden Stecken und Stab geworden war: die Bibel im Goldschnitt, die ihr der Herr Pfarrer am Tage der: Silbernen Hochzeit eingehändigt hatte. Tie war ihr lieber als Monschenwort. Hätte ihr die treugcdiento Kathrine, die zwei Zimmer weiter den Schlaf des Gerechten schlief, so Stärkendes zu sagen gewußt, wie das Buch vor ihr?
Tie Palmen wollte sic aufschlagen und griff doch die Klagelieder. Auch recht! Ihr Herz war verzagt und erfüllt von einer großen Klage: Herrgot. warum dies Leid über die Welt, den furchtbaren Schmerz des Krieges über die Völker! Warum dieses! gräßliche Vernichten und .Blutvergießen ans der vom Schöpfer so Wunderbar geschaffenen Erde! Warum dieser wütende, haß-, erfüllte Ansturm immer neuer Feinde Näder das Land, das Nur den Frieden wünschte, das reinem..Volk des Erdballs be-. wußt Leid angetan.hatte! Feinde ringsum, die uns vernichten -vollen, Unsere Heere schlagen, unser Volk aushungern, unser Land verwüsten wollen. Ta fiel ihr Blick auf das Wort Feinde. „All« deine Feinde sperren ihr Maul auf wider dich, fauchen dich an, blecken die Zähne, und sprechen: He! Wir wollen dich ver-, tilgen! Das ist der.Tag, dessen wir haben begehrt. Wir haben's erlangt. Wir werden's erleben!"
„Nein, laß sie es nicht erleben!" Nun betete sie, schüttete ihr Herz vor dem aus, der Himmel und Erde gemacht hat, der dem Krieg seinen Lauf gelassen hat, der aber auch seinen Frieden geben kapn. Sie sprach sich alles von der Seele herunter, was sie be-> drückt« seit langem. Wie es in ihrem Empfinden so schrecklich sei, Wernt sie ihren Jungen hinausziehen lassen müßte als Dodbnnger Und Vernichter, und daß seine Wurfgeschosse neben den schlinunen Menschen, die den Haß gesät haben, vielleicht auch schadlose! Kinder und Mütter treffen könnten. Tavor bewahre ihn, Herrgott, flehte sie, aber beschirme ihn auch tzu dieser Stunde, da er, «ein! furchtloser Rächer deutscher Ehre, von allen Gefahren des Feindes Umbraudet ist. Laß ihn nicht dem entsetzlichen. Flammentod ver-. fallen: laß ihn nicht in fremde Erde sinken, unkenntlich, namenlos, von keiner liebenden Hand umtreut. Ich will das Liebste, was ich habe, nicht in jenem Lande wissen, das diese Blutschuld' ohnegleichen ans sich geladen hat ....
Zu einem brünstigen Seelenschrei 4111 t Gottes Schutz für den geliebten Sohn wurde zuletzt das Gebet dieser Mutter. Mlf die Bibel saut ihr Haupt, w!o geschrieben stand: „Stehe des Nachts Wut Und schreie! Scbütte dein Herz- ans in der ersten Wache vor dein Herrn ..."
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-Aber selbstverständlich, mein lieber Kapitän - Leutnant!" sagte beim Morgengrauen der Kommandeur des Lustschisfhafens, als die aus England heimgekehrten Zeppeline eben glückli^ gc- ika-wdet wären. ^.Wenn Sie nach dieser sainosen Tat niclst lieber den nötigen Sckstas Lirn Wollen, so fahren Sie getrgst zu Ihrer verehrten Frag Mutter. LH'ein «Auto stellt Ihnen zur .Verfügung.
Und beste Empfehlungen!" Und ein dreitägiger Urlaub War bewilligt !
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Eine Stunde später brauste ein feldgrauer Kraftwagen in das verschlafene Städtchen, das noch nicht znm Sonittagmorgen erwacht war. An der Promenade ließ, der in einen Lederanzug gehüllte Marine-Offizier halten. Tie paar hundert Schritte bis zum Eltern--. Haus legte er zu Fuß zurück. Tie liebe alte Frau da oben sollte nicht Erschrecken. Ganz 'behutsam wollte er die Wohnung betreten. Tan Schlüssel trug er ja immer bei sich.
Nun bog er um die Ecke. Tie Vorhänge zu Mutters Schlafzimmer natürlich noch znge^ogen, aber ein lichter Schein ha-^
hinter-was war das? Sein Herz tat einen schnellen Schlag.
Im Zintmcr der Mutter Licht? Jetzt, wo es eben sechs geschlagen hatte. Er eilte ans Tor, schloß ans, horchte. . . Altes still. Er schlich sich in die Küche . . . Leer! Kathrine genoß den Sonntag. Aber warum das Licht?!
Mit leisen Schritten tappte er an Mutters Tür, legte das Ohr daran. Nichts! Ganz vorsichtig drückte er ans die Klinke. Ein Spalt öffnete sich . . ; Ta brannte die Birne und ihr ruhiger Glanz ffel aus den weißen Scheitel der Frau, die er über alles liebte aus dieser Welt, zu der so manches Mal seine Gedanken flohen und in dieser^ kampfdurchtobten Nacht hcimgeeilt wären.
Fast lautlos durchmaß er das Zimmer bis zum Tisch, auf den der Mutter Kopf gesunken war. Ein starkes Buch lag dar-, Unter . . . . die Bibel! Ta stieg es ihm brennend in die Augen. Liebkosend strich seine Hand über den Scheitel und eine Stimme so voll Zärtlichkeit, wie nian sie.den: großen Manne nie.zugeä traut hätte, flüsterte durchs' stille Gemach: „Muttel? — M utteli w
Nun hob sich langsam der Kopf. Noch schlaftrunken schauten die übernächtigen Augen einpor. Tann leuchtete es wie in einem Blitz! des Erkennens auf. Zwei welke Hände tasteten sich an den Schultern des vornü bergebeugten Mannes einpor und schlossen sich, wie znm! Gebet, in seinem Nacken. Und dann löste sich.die übermächtige Aust regUngj dieser angsterfüllten Nacht in dem erschütternden RuseL ^.Mein Junge! — Mein Junge!"
Der englische Parvenü.
Eine Betrachtung aus der Sclftacht in Flandern. * Von Oberleutnant Fla ch.
(Nachdruck verboten.)
Ter Parvenü ist ein Emporkömmling, der die äußeren Be-, dtngungen erfüllt hat, „ein feiner Kerl" zu sein. Sein Rückhalt. Betriebs- und Allheilmittel ist das Geld. Mit ihm kauft er sich eine Bibliothek und damit die Bildung, die er nicht hat, Oelgemäldä und damit das Kunstverständnis, das! ihm fehlt, Schlösser stndi damit eine Umwelt, in der er sich nicht tzu bewegen versteht..' Er glaubt, mit Geld Liebe taufen und Tränen trocknen zu können. Ter Parvenü hat im raschen äußeren Erfolge die Stufen den inneren Entwicklung übersprungen, i>te den Weg des innerlich vornehmen und erzogenen Menschen kennzeichnen. Ter Parvenü! bleibt hei allem äußeren Glanze innerlich roh und unfertig.
England ist, militärisch bettachtet, ein Parvenü. Das zeigt! schon^ sein Standpunkt, den Krieg als Geschäft anfzusassen, das um Sachwerte mit Menschenleben feilscht. Mer auch seine Methode ist die eines Parvenüs. Um Gold kauft es Bundesgenossen und Material, uni Sold treibt es seine Hilfsvölker vor sich ins Feuer.
Ter Parvenü wirkt mit der Masse; und so bevölkert, der Engländer das Schlachtfeld mit Hunderten von Batterien, die Luft mit Tausenden von Fliegern, die Sturmgräben mit Hiurdert-, tausenden von Angreifern und glaubt sich mit dieser bequemen^ wenn auch kostspieligen Kumulativ Maßnahme vom .Lehrgeld lang-, jähriger Einzeljchulung lostäufeu zu kömten.
Ter Parvenü wird inimer dann ins Hintertreffen kommen, wenn er auf einem Gebiete in Wettbewerb tritt, das ihnr innerlich fteuid geblieben ist, sei es nun, daß er sich in guter Gesellschiftj auf dem Parkett .lächerlich macht oder auf dein Schlachtfelde gegenüber erworbener Feldherrnkunst in Hilflosigkeit verfällt.
Ter letzte große Clugrifs in Flandern bewies mit schlagender Schärfe, daß das Gesetz vom sinkenden Ertrage auch für die Kriegskunst gilt. Von einem gewissen Moment an nützt es dem Bauer nichts, wenn er seinen Acker weiter .pttt Tung belegt. Ter Ertrag steigt nicht mehr im gleichen Maße mit dem Aufwand. Tie in den Wochen vor dem 31. Juli verschwendete Munition übertraf die im März und April vor Arras von den Eng-, ländern verschossene um ein Vielfaches. Ter taktische Erfolg lvär nicht annähernd so groß wie dort.
Es wäre falsch, hieraus zu folgern, daß die .Verwendung von Massen aussichtslos iväre. Kein Feldherr ward je zuviel Heere Und zuviel Munition haben. Aber Menschen lassen sich durch Material und Maschinen nur bedingt ersetzen, und Minderheiten durch zahlenmäßig überlegen« Kräfte nur dann erdrücken, wenn gewisse Voraussetzungen Vorhänden sind, die durch keine militärische Schnellpresse und keine finanzielle Spekulation geschaffen werden können.
Tem englischen Parvenütum der brutalen Masse steht die: atte militärische Tradition im deutschen Heere gvaenüber. Ti«; geistige und sittliche Schulung, die jeder oeutsck>e Mann — sehr


