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lassen, die Briese im blauen Umschlag in seine gasche gleiten lassen konnte. Die anderen waren so eifrig damit beschäftigt, die gefundenen Sachen aufzuschreiben, daß sein Tun ihrer Aufmerksamkeit vollständig entging. Krag wußte, daß er hier eine Ungesetzlichkeit beging, die er selbst unter gewöhnlichen Umständen für höchst unzulässig gehalten hätte. Aber er hatte den Brief gesehen, und nichts auf der Welt hätte ihn nb- gehalten, dieses Schriftstück an sich, zu nehmen.
Inzwischen ivar es drei Uhr geworden, und der stellvertretende Anitsrichter war mit der geschäftsmäßigen Erledigung feiner Pflichten fertig. Asbjörn Krag verließ das Zimmer und versprach, bald wiederznkommen oder wenigstens von sich hören zu lassen.
Draußen standen immer noch die Menschen herum. Nun hatten sie beinahe den ganzen Tag ihre Arbeit versäumt, so sehr hatte dieses Begebnis sie alle ergriffen und gefesselt.
Asbjörn Krag ging rasch an ihnen vorbei, und alle betrachteten ihn aufmerksam. Da hörte er eine Bemerkung: „Sieht der gräßlich aus!"
sollte er wirklich so angegriffen aussehen? Vermochte er nicht mehr, seine innere Bewegung zu verbergen, er, der doch sonst ein wahrhaft steinernes Gesicht gehabt hatte? Er machte sich auf den Weg zum Lause seines Freundes.
Als er hinkam, saß sein Freund da und schrieb:
„Was schreibst du?" fragte Krag.
Der Rittmeister zeigte ihm, mit was er beschäftigt ivar. Es war ein großer Stoß Papiere, die den gemeinsamen Titel trugen: Reiseeriunerungen. Erstaunt sah der Detektiv seinen Freund an.
„Bringst du es wirtlich fertig, dich jetzt damit zu beschäftigen?" fragte er. Der Rittmeister lächelte wehmütig.
„Was soll ich anderes Lun?" fragte er. „Mein Hirn erträgt nicht mehr, an all die andern entsetzlichen Dinge zu denken. Ich muß einige Stunden Ruhe haben, muß mich mit irgend etwas beschäftigen. Mir graut vor der Nacht!"
Asbjörn Krag nickte. Er kannte diesen Zustand.
„Wie ist es übrigens mit dir?" fragte der Rittmeister. „Du siehst auch nicht besonders vergnügt aus."
„Ich brauche dreierlei," antwortete Asbjörn Krag.
„Sprich nur, was willst du haben?"
„Ich brauche ein Zimmer für mich allein, eine Hand- voll Zigaretten und eine Tasse recht starken Kaffees."
„Du hast eine Ruhestunde nötig. Das kann ich gut begreifen."
„Ich werde nicht ruhen," erwiderte der Detektiv. „Ich will Nachdenken."
Plötzlich schlug seine Stimmung um, er ging auf den Rittmeister zu, klopfte ihm aus die Schulter und sagte laut und deutlich:
„Lieber Freund, alles ist gerettet, ich habe die Papiere !"
Der Rittmeister erhob sich langsam.
„Ich verstehe nicht. . . welche Papiere?"
„Die Briefe, die Briefe in dem blauen Umschlag!"
„Briefe? Ich verstehe immer noch nicht."
Des Detektivs Gesicht sah gekränkt und ärgerlich- zugleich aus.
„Gut," sagte er. „So reden wir nicht mehr davon. Ber- jchasf mir den Kaffee, die Zigaretten und das Zimmer."
Der Rittmeister klingelte.
19. Kapitel.
Das geheimnisvolle W esen.
Einige Minuten später hatte es sich der Detektiv in einem von des Rittmeisters kleinen Zimmern beguem gemacht. Krag hatte zwar seit dem frühen Morgen nichts mehr gegessen, aber er empfand kein Bedürfnis nach Nahrung und ließ sich auch nichts geben.
Des Rittmeisters Diener kam lautlos auf Filzschuhen herein und bediente ihn mit Kaffee. Wenn Asbjörn Krag erst einmal anfing, Kaffee zu trinken, um einen klaren Kopf zum Denken zu bekommeii, inußte er eine Tasse Kaffee nach der andern haben. Um nicht durch das Auf- und Zumachen der Türe gestört zu werden, hatte er dem Diener die Erlaubnis gegeben, im Zimmer zu bleiben; dieser ging nunmehr lautlos zwischen Krag und dein kupfernen Kessel hin und her,
M dem der Kaffee warnigehalten wurde.
Asbjörn Kwag lag auf einem Diwan, und neben sich hq>tte er eine Tasse dampfenden Kaffees und eine Schale mit Zrgaretten. Km Zimmer herrschte Halbdunkel. Nun sing sx ah, gewaltige Muchwotken von sich Au blasen.
^ Er mußte sich selbst gestehen, daß dies der sonderbarste Fall war, mit den» er jemals zu tun gehabt hatte,. unÄ zugleich ivar es einer von den. unheimlichsten. Vorläufig hatte er ein Menschenleben gekostet und ein zweites schwer geschädigt, nnb Krag ivar nicht sicher, ob es dabei bleibett würde. Es schien ihm, als ob noch immer Unheimliches' tu der Luft liege.
N u n h a tt e e r d i e B r i e fe s o r g f ä l t i g g e le j c ih In dem blauen. Umschlag hatte er zwei Briefe gesundem die beide im März 1890 mit wenigen Tagen Zwischenraum geschrieben ivaren. Oberst Holaer hatte sie an einen andern! Offizier gerichtet, und sie hanoelteir beide von des Obersten! Tochter Dagny. Sie entschleierten ein entsetzliches Geheimnis. Wie diese Briefe in den Besitz des Advokaten gekommen sein konnten, ahnte Krag nicht, aber wahrscheinlich! hatte er sie auf irgendeine ungesetzliche Art und Weise in die Finger bekommen. Asbjörn Krag war es sehr begreiflich^ daß das Auftauchen dieser Briefe Dagnys Verlobung mit dem Rittmeister über den Haufen werfen konnte.
Nun verstand er des jungen Mädchens Handlungsweise, ihre Geheimniskrämerei, ihr Entsetzen, und jetzt tat es ihm leid, daß er ihr gegenüber vielleicht zu aufdringlich, ztt sehr Polizeimann gewesen war. Sie kämpfte nicht allein süv sich, sie kämpfte auch für ihres Vaters Ehre. — Nun begriff er auch, wie sie zu dem verzweifelten Schritt gekiommett war, die Briefe stehlen zu wollen, als sie entdeckte, daß der Advokat nicht zu Hause ivar. Mer sie fand sie nicht, denn der Advokat trug sie in seiner Brieftasche bei sich:. Nun verstand Krag auch, warum sie die Sache vor ih-nk- dem Detektiv, geheimhalten inußte, der doch gekommett ivar, um ihr zu helfen. Den wahreil Zusammenhang konnte sie keinem lebenden Menschen offenbaren. Nicht einmal! ihrem Verlobteri hatte sie das Geheimnis mitteilen wollen. Er wußte nichts von der Existenz dieser Briese, das hatte! Krag aus dein verwuuderteir Ausruf entnehmen können, beit der Rittmeister ausgestoßen hatte, als Krag sagte: Ich habe! die Briefe in dem blauen Umschlag! Er wußte nichts davon.
Asbjörn Krag war nun nicht mehr int Zweifel über den Grund, aus dem die Verlobung aufgehoben worden war. Dabei hatte der Advokat die Hände im Spiel gehabt, daZ war deutlich zn merken, da er die Briefe an den Obersten ge»! schrieben hatte, an dem Tage, an dem dieser überfallen worden war.
Wer konnte Oberst Holger überfallen haben? Advokat' Bomann konnte es nicht geweseil sein, das widersprach aller Wahrscheinlichkeit; der Rittmeister war es auch nicht gewesen. Roch weniger war begreiflich, wer Bomanns Mörder sein könnte. Der Advokat war allerdings ein Schuft, ein gewissenloser Kerl gewesen, aber wer sollte den tödlichen Streich gegen ihn geführt haben? Und in welcher Verbindung standen die beiden Uebersälle, Dagnys Verlobung und die Briefe in dem blauen Umschlag?
Das waren die Fragen, über die Krag Nachdenken wollte. Mehrere Stunden blieb er liegen, und als er sich endlich erhob, war das Zimmer mit wahren Wolken von Tabaksrauch erfüllt, und er selbst war blaß und erregt.
Als Krag zu dem Rittmeister ins Zimmer trat, sag dieser immer noch da und schrieb an seinen Reiscerinneruip» gen. Geistesabwesend nickte er Krag zu.
(Fortsetzung folgt.)
„Mein Zunge!"
Zeppelin-Skizze vor: Geor g Müller- H e i m. (Nachdruck verboten.)
Sie wußte ihn heute nacht über England. Er hatte ihr'H nicht gesagt, wie noch niemals, wenn er ansgezogen war zu großer Tat. Mer dennoch war's' ihr Gewißheit,, daß sie in dieser 'Nacht aufgesliegen waren zum Flug an die Themse. O, sie hatte trotzt ihrer fast siebzig Jahre ihre Hellen Sinne bewahrt, wußte gar wohl, daß bei den letzten vier Flügen, an denen ihr Einziger, ihr Edgar, beteiligt war, Windstille geherrscht hatte und Neumond gewesen war, gerade wie heute. Und daß er gestern nicht noch ein-, mal ans einen Sprung von seinem Lnftschiffhasen drüben her-, nberge'kommen war zu ihr, das deutete sie, roie sie ihn kannte- nicht etwa als ein Zeichen dafür, daß fein Flug beabsichtigt sei, sondern für’ß Gegenteil. Er wollte sie nicht beunruhigen, wollte ihr nicht wieder eine so schwere Mschiedsstnnde bereiten nrie das letzte Mal.
Ter gute, dumme Junge! Ahnte nicht, daß sie ihn durchschaute, daß sie, die sich in ihrem Leben wahrlich wenig ums! Wetter gekümmert hatte, nun Abend für Abend nach dem Himmel! ttuKschaute und noch dem Wind und — dem Mond guckte. Ja^


