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„So — bann hat meine Fvau also doch beit Frühzug ge-, auotmticn. Sic tvar noch nicht ganz entschlossen heute morgen, als Ichtwg mußte."
Woher er bie Kraft genornmen, bie Lüge herauszubriiigeu, wlußte er selbst nicht. Schnuren Scktrittes trat -er m feilt Arbeitszimmer - er stutzte: auf seiircm Diplom atett fianb unter einem mächtigen Strauß roter La France-Rosen Manons Bild und ein Brief. Er tonnte bas lange, schmale Format ihres Papieres, bas sie, wie \o vieles, noch immer aus Frankreich bezog. Knallgelb mit lila Umrahmung. . . . Hastig riß er ben Umschlag auf und las bie wenigen Zeilen.
„Ich. kann nicht länger bleiben. .Ich hasse Euch Deutsche, ich hasse und verachte Euch.
Verzeih' mir!
Manon."
Sie hatte französisch geschrieben, was er fich sonst ein sür^allemal verbeten hatte. Er lachte ans. Faßte sich an die hohe Stirn. Das tvar ibre Liebe . ... So- lohnte sie ihm seine Istngebenbe, verehrende Liebe, daß sie Um ohne Zaubern verließ in der Stunde, da er vor den Feind mußte. Hm einer Laune willen, einer fipen Idee .... Mehr veruiochte er in ihrent Verhallen nicht zu sehen, als eine Laune, ein plötzliches Durchgehen ihres Temperamentes. Kopfschüttelnd nahm er das Bild ans, das sie ihm auf ben Schreibtisch gestellt. Es war eine Aufnahme aus den letzten Tagen. Er hätte ausschreiew mögen vor Schmerz, lstitte henlctt mögen. . . . So unsagbar hatte er sie geliebt. . . . me würde er aushören sie zu lieben, nie sie vergessen können.
Ein Paar Tage später war er mit einem Reserve-Felb^ Ar'titterie-Regimeut zur Front ausgerückt. Ein Brief Manons ans Eens hatte ihn kurz vor seinem Äusrncken erreicht: sie hatte es fertig gebracht, nach der Schweiz zu kommen unb betäub sich auf der Reise durch Frankreich %n ben Ihren nach Antwerpen. Roch einmal, Anfangs September, hatte er etwas von ihr gehört. Ein Brief durch Vermittlung eines Geschäfts freu nb es ihres Vaters in Hollanb war augekommen unb ihnt ins Feld nachgesaudk ivorbcn. Sie schrieb nur ein paar Zeilen. Daß sie glücklich bei ihren Eltern augelangt sei, bamals im August, und baß sie wieder bei ihnen )vohue in der Billa La Margna.
Gerhard Lütten schaute auf. Er l)atte sich auf einen im Schußfeld gefällten Baumstamm gesetzt und den Kops in beide Hände gestützt. Es tvar unerträglich h.iß geworden.. Trüben au dein leis ansteigenden Hang, über und hinter und um beit sich die Stadt hinzog, lag die Villa Anatole Veno ins. Mit dem bloßen Auge konnte er die drei wuchtigen Stcinsäulen c rfc raten, i>ie beit Vorbau des ganz in Weiß - Marmor und Stuck gehaltenen Baues trugen. La Margna lag ganz abgesondert von den anderen Villen in riesigem, wunderbar angelegtem und gepflegtem Parke. Und dort toar jetzt Marion, sein .Ein und Alles, sein Lebensglück, fieberte vielleicht vor Angst und Furcht - und jeden Augenblick konnten deutsche Geschütze ihre Geschosse dorthin schleudern und altes
vernichten, drüben sein Weib und hier ihn.
Plötzlich sprang er auf, riß den Feldstecher aus dem „Futteral Und starrte irre gebannt durch das Glas zu der Villa seines Schwiegervaters hinüber. Alles Blut strömte ihnt zitnt Herzen. Eine wviße, scklan'tt^Gestalt war aus dein Hause getreten und blieb auf der untersten Stufe der breiten Vortreppe sie hon. Gerhard Lütten zitterte wie iin Fieber. Das war Manon, sein Weib, sein Glück! Er hätte einen Jauchzer ausstoßen, winken, rufen mögen - — kraftlos ließ er das Glas sinken: uienfand dort drüben hätte ihn gehört oder gesehen, seine Warnung hätte sie niemals erreicht durch das Dröhnen der Geschütze und das unaufhörliche Knattern und Rattern der Gewehre. In iähem Erschrecken, als habe er etwas Uneinbringliches versäumt, hob er das Glas wieder an die Augen. Tie Gestalt stieg die Slufcu wieder empor mit einer zlveiten/ eincnt Manne - in Uinfvrm, einem Offizier — jetzt gingen sic tu das Haus da laut noch einer zwei, drei, vier — ztvck
au de re schleppten eine Kiste herbei - verschrauben im Haus-
Er setzte den Feldstecher ab. Trüben lag alles lvieder leer und leblos da. Langsain erhob er sich und schaute auf die Uhr. Drei. Uhr Mittags. Bis zur augesetzten Stunde, da das Feuer seiner Batterie von neuem einsetzcu sollte, waren noch zu,ei Stunden Zeit. Er mußte ein wenig imhen, tvertn er nickt befürchten ,rollte, daß seine Nerven zwsammeubrächen unter der Last der Aufregung.
Wie lauge er schon lag und sich in quälenden Träumen auf seiner Decke um herwälzte, wußte Gerhard Lütten nicht, als er plötzlich aufwachte. Eine Hand, hatte ihn leicht an der Schulter gerüttelt. Verwirrt blickte er auf. Leutnant Santen stand vor ihm „Verzeihuikg, Herr Haupttuann, es tut . mir unendlich leid, daß ich Lie Hören muß. aber cs bedarf dringend Ihrer Befehle. Trüben über der Ltabt, aus der >reißen Villa, kommen unablässig Licht-, und Lptegelsi guckte für die feindliche Artillerie _Gerhard Lütten war anfgesprungett und packte den jungen ^'I^ler am Arme. „Was sagen Sie — Spiegelsignale ams der Mißen Villa - aus Villa La Margna
„Ich keniw ihren Namen nicht. Seit ungefähr zwcknzig Minuten geht die L-ache schon."
„Das ist ja Benioins Villa - das ist Manon —"
«r« -nL' 1 ' 1 ?! 1 ’ Ein paar Schritte und er Datie freien
nt"".. dle Hohe und die Villa. Er lwb das Glas. Trüben lag alles still. Am Fitße des Hügels blitzte unablässig das Feuer und
der Qualm arbette-ider G, schätze «nß An der Villa aber nichts, gar nichts Tic feindlichen Granaten schlngeit vorn bet der Insartteri« hinter^ den ersteii erstürmten Forts ein. Man mußte die Batterie zum 'Schweigen bringen. Plötzlich zuckte er zusammen Ter Leutnant neben ihm nies erregt mit der Recksten aus dia weiße Villa.
„Jetzt kommen sie irjeder, Herr Hauptmann!"
Gerhard Lütten zitl.rte am ganzen Körper. Trüben unter, dem Vorbau blitzte es plötzlich blendend hell auf und warf drei lange Striche den Hügel hinab. Spiegel signale . . . Leutnant; Santen schaute durch seiiwGlas. „TaS war die Ankündigung! einer Meldung. Tiefe drei Striche kommen jedesmal zu Anfang
Ter andere stand wie erstarrt. Kein Wort brachte er über die Lippen. In der Villa La Margna spielten wieder die Morsczeichen: Punkt Punkt .— Strich — Punkt — Strich — — Sie mußten eine besondere geheime Abmachung haben. Lüttcir konnte sich die Zeichen nicht deuten. Tie Augen begannen ihm zu brennen wie höllisch Feuer. Trüben feuerten zwei, drei Batterien in die Linien der vorgehenden deutschen Infanterie. Jetzt mußte er —
Ein Aufschrei rang sich über seine Lippen. Hilfesuchend faßte er nach deur Arme des jungen Offiziers.
„Manon —! Manon—"
Leutnant Santen stand ratlos. „Ist Ihnen nicht ivvhl, Herr Hauptmann —"
Gerhard Lütten raffte sich auf. Hinter U>m war ein Reiter iii die Stellung eingeritten. Er trandte sich um. Ein Husareuoffrzicr sprang aus dem Sattel und pilte auf ihn zu. Schweiß und Staub bedeckten Reiter und Pferd. Er blutete leicht am Kopf. Hauplmann Lütten machte ein paar Schritte dem Ankominendeit entgegen. Ter Husar faßte salutierend an die Pelzmütze.
„Oberleutnant von Camnrir, 2. Eskadron Husaren 9. Ich komme von der Spitze - auftrags des Stabs der Insanterie- Regiurenter. Tic weiße Villa dort —" er wies mit dir blutbespritzten Rcck)teii nach La Margua — „muß sofort unter Feuer genommen werden. Tic Infmtterie hat kolossale Verluste durch das Signalisieren."
Gerhard Lütten war cs, als tvcnn ihni vor Gericht gesagt würde: Tu bist zum Tode verurteilt. Alles vorbei, alles aus. . . alle Hoffnung genommen .... Mechanisch legte er die Hand an den Helm. „Ich wollte soeben den Befehl geben. Wir wir wollten nur zuerst Sicherheit haben, ehe Wir einen —" er stockte dato Sdluttbc - - „einen solchen Treffer ttm. Das gibt ritten Vollttesfer." Er hob das Glas an die Augen und schaute zur Villa La Margna empor. Ein Zittern tief durch seineii starreit Körper. Aus der Treppe der Vorhalle staub wieder Jute vorhin Manon Beuoin — Manon Lütten sein Weib . . . ,
Mit plötzlichem Entschluß ließ er das Glas sinken. Seine limine klang ruhig und ohne Erregung. „Lassen Sie durchgeben, unten, alle Geschütze richten aus.die weiße Villa — fchtvien Sie die Karte nach: Villa La Maigna." Tann rvandte er sich an dett Oberleutnant von den nennten Husaren. „Kolossale Verluste hattett wir durch die dort, sagen Sie, Herr Kamerad?"
„Wir hätten ein Drittel der Toten und VerivUudcten, wenn das nicht gekommen iväre. Tie Hunde . . . ." Er lvischte sich mit dein .Taschentuch das leis rinnende Blut von der Stirne.
„Sie sind verwundet —"
Ter Husar nickte. „Alles wegen denen dort! Eine Schramme nur, nicht von Bedcutting; ans dem Ritt hierher ist's passiert."
Leutnant Sauten kaut zurück „Befehl ausgeführt. Batterie zum neuern fertig!"
Gerhard Lütten dankte. Vor feinen Augen verschramm alles. Wie^in einem Traume sah er plötzlich wieder Manon, seine Manon: iui Lommer, abends trenn cr von der Universität kaut, ait dem ilcinen weißet: Gittertor zu dem Garten seiner Villa stehend und aus ihn warkeud. Tann kam sie ihm entgegen gelaufen wie ein Kind und er nahm sic in die Arme und süßte sie, intb sie wandelten Arnt in Arnt zurück zum Hause . . . Oder auf den Bällen und Festlichkeiten, die sie besuchten: die gefeierte, ge- rühmte Schönheit, um deren Besitz ihn Tausende bemühe hm . . . oder Wwun sie abends am Flügel saß und ihre weißen Else»Hände über die Lasten glitten und ihnen die schwermütigen, ichluckzeudcn. Lieder der Flamen entlockten . . . inanchnal sang sie dazu mit threr trvhllautcn tiefen Stiutme . . . Jetzt gaukelte ihm wieder ein Bild vor Augen: Manon ßkand auf der Treppe der Vorhalle vor der Villa La Margna, wie er es eben gesehen. Ahnungslos. Furchtlos. Ta kam etwas durch die Luft. Sausend, heulend — etn dounerglticker Schlag
Lütlen riß sich empor. Seine ganze Gestalt» schien zu wachsen. Etivas gellte ihm plötzlich kn dett Ohren das, was der Husar getagt hatte: Kolossale Verluste hatten sie gehabt. . . Er trat ait das erste Geschütz und prüfte.
„Gut. Mir feuern."
Er schaute noch einmal kurz durch das Glas und reichte? dkm HU sa reu Offizier. Manon stand noch am gleichen Fleck.
„Lehen Sie die wekße Franengestalt vor der Villa, Herr Kamerad?"
Ter andere^nickte. „Ganz recht, jawohl!"
^Behalten Lie sic gut im Auge. Sic auch Santen."
Lchtitzetw legte er die Hand u- ie ein eit Schirm über di« Aatgen, um -das Geschütz in der Sonne besser sehctt \n können. Hochaufgcrtchtet stand er da. *


