Erinnern Sic sich, Fräulein Holger, daß ich Ihnen gestern abend etwas nach acht Uhr begegnet bin?"

Ja, ich erinnere mich daran."

Ich fragte Sie, wozu Sie noch so spät unterwegs seien, »und Sie wollten mir keine Antwort geben, aber ich sah wohl ein, daß Sic sich nur ans einem sehr triftigen Grunde vom Krankenlager Ihres Vaters entfernt haben konnten."

Was gehl denn das Sie an?"

Liebes Fräulein, wenn Sie die Sache so ausfassen, dann bedauere ich, jetzt gewisse Rückslchttcn aus die Seite setzen Tu muffen. Wollen Sie mir eine Frage, eine ganz be­stimmte Frage gestatten?"

Fräulein Holger gab keine Antwort.

Ich erlaube mir. Sie zu fragen: Haben Sie das Schriftstück gefunden?"

. Die junge Dame wurde totenbleich und sank aus den nächsten Stuhl. Asbjörn Krag lief zu ihr hin. Sic war einer Ohnmacht nahe.

Soll ich die Dienerschaft rufen?" fragte er.

'Nein, nein!" flüsterte sie.

.Vorsichtig ergriff er ihre Hand.

Warum wollen Sic auch alles vor mir verbergen?" fragte er.Bezweifeln Sie, daß ich Ihr Freund bin?"

Plötzlich stand sie aus.

Jetzt müssen Sie gehen," sagte sie.

Nein, ich gehe nichtt, ehe ich eine Antwort auf meine Frage erhalten habe. Haben Sie dasSchriftstück ge - 7 u n d e n ?"

Ich weiß nicht, wovon Sic reden."

^ Asbjörn Krag zog einen kleinen Gegenstand aus der Tasche. Es war das kleine Ding, das er aus dem Fußboden rnt Zimmer des Advokaten gesunden hatte. Er legte das Ding auf den Tisch.

Bitte!" sagte er.Dies gehört Ihnen."

Die jjunge Dame stieß einen lauten Nus der lieber* raschung aus.

L.i 15. Kapitel.

D i c Begegnung.

Verwirrt starrte Fräulein Dagnh den kleinen Gegen­ständ an, den Asbjörn Krag auf den Tisch gelegt hatte.

Wo haben Sie das gefunden?" fragte sie.

In Mvokat Bomanns Zimmer drunten beim Kauf* mann. Versuchen Sic nicht zu leugnen, Fräulein Holger, daß dies Ihnen gehört."

Es war ein schmaler goldener Ring mit einer weißen Perle, den Asbjörn Krag auf dem Fußboden im Zimmer des Advokaten gefunden und unbemerkt hatte cinsteüen kön­nen, während die andern Anwesenden mit dem Betrachten des argen Durcheinanders im Ziinmer beschäftigt waren.

, Die junge Dame gab keine Antwort, aber die krampf­artigen Zuckungen ihres Gesichts verrieten ihre heftige Ge­mütsbewegung. Sie stützte den Kops in die Hand. Asbjörn Krag stand eine Meile schweigend da und betrachtete sie. Seme Stimme klang außergewöhnlich mild, als er endlich fragte:

Siebes Fräulein, Ist es Ihnen lieber, wenn ich gehe?'

. Ä- gab zuerst immer noch keine Antwort, aber nach eurer Werke sagte sie doch:

Ich wollte . . . ich wollte, Sie wären niemals hierher gekormn en!"

Diese Worte berührten Asbjörn Krag peinlich. Er ging ent paarinal hin und her und blieb dann vor dem junaew Mädchen stehen. Er hatte die Hände ans den Micken gelegt Mid blickte Dagnh ernsthaft an.

Wenn ich nicht gekommen wäre, sähe es hier ietzt tzanz anders ans," sagte er.

^awohl!" brach sie los, offenbar kämpfte sie schwer Mrt den au fst tagenden Tränen.

Liebes Fräulein Holger, ich begreife wohl, das; Sie ^unglückttch suhlen, und ich habe herzliche Teilnahme für

Unglück, sagte der Detektiv.Mer Sie dürfen darum dock) nicht gar zu ungerecht sein."

Was soll ich tun? Ich stehe ganz allein."

_ halsHrrria sind. Ohne Vertrauen kvm-

fe 1 nicht wetter. Ich Witt nicktts als Ihr Wohl, Ihres imd das Ihres und meines Fremrdes, Jvar Rye. Nun will

l ^ 11 f m T r ^"hlen, wie sich die Dinge zu getragen ^bn, »veim rch, nne Sre wrinschen, nicht hierhergekommen Ware. Liebes Fraulein, wäre es wirklich Ihren, Wünsche entsprechend, roenn der Rittmeister jetzt unter dem Verdacht,

bei, Mordversuch an Ihrem Herrn Vater b-egangen zu haben, hinter Schloß und Riegel säße?"

Ach, es gibt keinen. Menschen, der das zu behaupten wagt. Er ist dock) nn schul big!"

Das rveiß ich ebensogut wie Sie. Mer das Gericht siagt nicht nach Glauben und Gefühlen. Das trifft unbarnv- herzig, wo es meint, daß cs treffen müsse. Es waren viele Indizien vorhanden, die für die Schuld des Rittmeisters sprachen. Hoffentlich Halter, Sie mich nicht für eingebildet, liebes Fräulein, aber ich muß wiederholen, wenn ich nicht gekommen wäre und die Sinnlosigkeit dieser Indizien ins rechte Licht gesetzt hätte, so wäre der Ritttneister verhaftet! worden, und wir hätten einen noch größeren Skandal fürs ganze Land, als er es jetzt schon ist. Sie kostet es vietteicht nur ein Wort, Licht in das Dünkel zN bringen. Se allein können es, da Ihr Herr Vater immer, noch bewußtlos ist und üns keine Aufklärung geben kann!"

Dagnh schaute den Detektiv an. Sie sah vergräimt aus, und ihre Augen standen voller Tränen.

Ich kann nichts Mitteilen," sagte sic.Oder was ich zu sagen habe, steht mit dieser Siche in keinerlei Be-- ziehnng."-

Gewiß steht es damit in Beziehung."

Es ist grausam von Ihnen, an meiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Es ist die reine Wahrheit, daß ich keine Spur von einer Ahnung habe, wer meinen Vater zn ermorden versucht haben könnte."

Es ist leicht möglich, daß Sie das nicht wissen. Aber worin besteht das Geheimnis, das über den, tragischen Vor­spiel zn dieser Begebenheit, dem Bruch Ihrer Berlobnna nnt Rittmeister Rye liegt'?'

Fräulein Dagnh stand ans.

Dieses Geheimnis geht nur mich und den Kranken an," sagte sie bestimmt.Das betrifft den Rittmeister gar nicktt Ich bitte Sie dringend, machen Sie dieser peinlichen Szene ein Eiide." , t

(Fortsetzung folgt.)

Der volliresser.

Novelle von CUrt R ein ha r d Tic tz.

HaUptmann Gerhard Lütten faltete die vor ihn, an^gcbrcitctt Karte zusanimm und schob siech, die Seiteutasche seines ieldaranen Wasfenrockcs. Ein schmerzliches Lächeln l-nschte uni seinen fcinge- schN'Ungenen Mund: besser, als wie es ihm die genaueste Karte hatte zeigeuI'onnen, kannte er die Stadt da vor sich aus unzähligen gl Nattchen stunden, die er m ihren Mauern verlebt Antwerpen' Wie oft l^lte er Straßen und Winkel durchwandert aus 'seinen Studienreisen, ehe er n'ui Wett über die Bandenkmäter der Flamen herausgegeben. Später, als er Manon Benoin kennen gelernt und dann, als fie seine Braut geworden, hatteri sie zusammeni die ganze Gogend durchstreift. Er, der junge deutsche Gelehrte und sie, e,ne heißblütige, echte Französin, die Tochter eines deck größten Reeder Antwerpens.

. .d??bard Lütten chchr aus seinen .Trännlcreien aus. Eiiicj feindliche Graiiate mußte unweit seiner Batterie ein geschlagen!

tuU Cl ~ n cm ^/ ^^'itze heran.Sind neue!

iiw- fnTi r irfh ."JchE, Herr Hauptmann. Um fünf

ÄS a»ft..!" 01 ** obt eineut «nSwomn.«

Mechanisch griff Lütten an den Mützenschirm.Tanke."

Eine ent)etzl,ck-e Angst übertäm ihn mit einenr Male. 2venu Manoi, i,nr gesleh.-n ittar, wmn sie nur rechtzerttg die Stadt verlassen hatte! Aber das. hatte.sie sicher nicht getan - ihr Stolz 'Vr Trotz hatte cs nre gelitten. Er lackte leise ans, hart, vrwletzÄ r} im .sich )elbfd rvchzittnn. Als weiiii er es immer noch tonne, das, was seit Tagen, ja seit Wochen setzt

E, unerbittliche Wahrheit glÄwrdcn, schüttelte er dm Kops. Er konnte ^s immer noch nicht begreifeir, ivas mit Manon iii den wenigen Ltnnden damals im August, als die Kriegs enlarung kam vorgegangcn war. Wohl hatte sie niemals ihre sranzosischc Abstamnumg .verleugnet und ihre fast südländische -.atur widern tonnen, immer hatte sie mit einer kleinen Opposition gegen, alles, was deutsch tvar, gespielt, aber er hatte es stets nur für c,ne Laune gehalten, die sie aiisnntzte, um \idt interessant au machen. Wie ein Blitzstrahl ans heiterem Himmel hatte cs

getrosten, als er am Tage der Mobilmachung glückstrahlend si"? doch mit einem leisen L>chn,erz ,m -Verzen über die bevor- stehende Trennung nnt der Mobilmachungsorder in seine malerisch« sieme Billa heinikam und Manon verschwunden war spurlos vnschwundeii. ^.as Dienstnlädchtgl, das er nach ihr fragte, erklärte ihni etwas erftaimt, daß die gnädige Frau-am Vormittag bereits abgercist sei. Eineii Moment hatte er wie crfi-arrt dagestandm.

Cr wiollte sich vvr dem Dienstmädchen keine Blöße geben. Er