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behielt er stets die Tür im Auge, um nicht zu versäumen, iebein neu Ankommenden zu grüßen.
Sv erklärte es sich, daß Herr Tienemaun eine der beliebtesten Persönlichkeiten tnt Torfe mar. Trotzdem verstand er es, allznM^ße Vertraulichkeiten fernzichalten. Wenn es auch bei den Bauern immer hieß.: „Tu, Dienemann!" — Herr Dienemann selbst pflegte den simpelsten Knecht mit „Sie" und „Herr" anzureden.
Bei dem weiblichen Geschlecht stand er trotz, mancher Neckereien m besonderer Gunst. Er tanzte wie ein gelernter Tanzmeister. Er verneigte sich vor den Bauerntöchtern, als ob sie Gräfinnen! waren. In den Tanzpausen spendierte er den Tomen Himbeer- umonade und Pfefferminzbonbons. So kam es, daß er auf den Festlichkeiten des Torfes eine grÄße Rolle spielte. Es hieß sogar^ er wäre mit der schmucken Wiebke Johnsen von Jvhnsenshof heimlich versprochen: aber das war nicht der Fall. Wiebke hatte nur em Auge auf ihn geworfen, und er machte ihr in gllen Ehrenj den Hof. Zn einer Erklärung war es zwischen ihnen noch nicht, oekonlmen.
Eines Tages gab es im Dorf eine große Hochzeit: Dtiend Tychsen, die Tochter des Amtsvorslehers, verheiratete sich. Ta die Frau Anits Vorsteher zu den ganz Feinen gehörte, gab es auf der Hochzeit statt Schnaps und Dünnbier Rot- und Weißwein zn trinken, und da sie trotz ihrer Feinheit noch am Bauerndünkel! ymg, wurde keiner eingeladen, der nicht von einem Hofe stammte, der mindestens vierzig Temat groß war.
Wiebke Johnsen war auch auf der Hochzeit: aber Herr Diene- mann war nicht eingeladen. So fehlte auf dem Fest der beste Tänzer.
Es gab Herrn Tienemann doch einen kleinen Stich ins Herz, als er abends beim Schließen der Fensterläden die Fenster des Amthofes hell erleuchtet sah mti> die Tanzmusik aus der Ferne herübcrschallte.
Es war bereits nach Mitternacht, als ihn ein Klopfen an fernem Fercher weckte. Ta der Lehrling sich den Fuß verstaucht hatte, mußte Herr Tienemaun auchehen.
. Draußen stand Jan Tychsen, der Sohn des Amtsvorstehers, mrt emem großen Korbe.
,^Ter Wein ist alle," sagte er, „die Kerls saufen lvie verrückt, VUd Mutter läßt schön bitten.^
r .r ."Mit Vergnügen," antwortete Herr Tienemann. Er kleidete sich rn aller Eile an, schlüpfte in die gestickten Morgenschuhe und streg mit dem Burschen in dm Weinkeller, wo sie beim Schein eines Talglrchtes die Weinflaschen ernpackten.
Ter Korb war schwer, und der Bauernjunge stand schon nicht mehr sicher atuf seinen Beuren.
„Tu, Tienemann," sagte er, „tu mir doch den Gefallen und trag mrr ihn mit rüber. Kriegst auch em Glas ab."
„Mit dem größten Vergnügen." v % rr Tienemann band sich nur noch in aller Erle Kragen Und Manschetten um. Er hielt aut weiße Wäsche, und es war rmmerhm möglich, daß ihn die Gäste, wenn-auch nur von ferne, sehen könnten.
Ter andere trampelte bereits vor Ungeduld mit den Füßen.
"Ich komme sofort," rief Herr Tienemaun.
Unterwegs fiel ihm ein, daß er eigentlich auch Stiefel hätte anzieheiimussen. Aber der Weg war zunt Gluck trockeii. Tie ge- Mckten Lchuhe sahen auch noch sehr gut aiis, nur hatte er in der Erle keine Ltrmnpfe angezogen. Ties gab ihm ein Gefühl der Unsicherheit.
AUf deni Amtshofe wurde der Wein mit lautem Hurra bewußt Herr Tienemaun wurde umringt, und ehe er sichs versah, saß er an einem Tisch inmitten einer fröhlichen Gesellschaft. Man fthenkte ihni ein, die Ha'nsfran selber brachte ihm Torte und belegte Butterbrote, und ihm gegenüber saß Wiebke Johnsen.
Wiebke strahlte. Ihre blauen Augen funkelten, ihre Wangen waren roter als son,t, ihr blondes Haar hatte sie hübsch gebrannt. Und dann hatte es sich beini Tanzen gelockert. Tas gab ihr in Herrn Tienemanns ?lügen ein romantisches Aussehen.
. Er wurde nicht müde sie anzusehen. Rur einmal lvars er einen verstohlenen Blick auf seine Füße. Dann attnete er auf Es war nichts zu lehen.
Gesellschaft irUrde immer lustiger. Herr Tienemann erzählte Anekdoten. Ter Punsch kam auf den Tisch. Er stieß mit Wieble an ans Du ilnd Tu.
«on der Diele her klang die Tanzmusik.
'»Tanzen! ,Tanzen! wamenn'-ahl!" rief eine Stimme
Wiebke verbeugte sich regelrecht: „Bitte!"
. Herr Tienemaun erhob sich. Er schwanke schon ein wenig .>;h>n >rar so, als wäre irgend etwas bei ihm nicht ganz in Ordnung. Er zupfte an feinen Manschetten. Schon hatte Wiebke ihi, e.ngehätt.
Tie Musik spielte: „Tu, du liegst niir im Herzen" —
Tieneniann schwang feine .Tänzerin im Walzertakt .Hu, wie er tanzte! Alle anderen hörteu auf. Alle sahen zu ] 11 c scherten, lachtey. Ein derbes Scherzwort
traf Wu'bkcs Ohr oa hielt sre unre. Zwei gestickte Morgeusänilre. nogeu in die Ecke, und vor ihr stand Herr Tienemaun ohne Strumpfe. ’
£ant aufkreischend eilte Wiebke fort.
Herr Tienemann starrte ticke betäubt ans seine Füße. Eine
mitleidige Seele schob ihnr die Hausschuhe ljin. Er zog sie >uud machte sich still ohne Abschied sverbeugung davon.
Am nächsten Sonntag stand im Jtzehoer Wochenblatt eine Annonce, worin ein gewandter Kommis Stellung in einem ersten Danse der Kolonial- und Kurzwarenbranche suchte.
Und Wiebke?
Sie behauptete, es wäre ihr tue in den Sinri gekommen, Mi eine Heirat mit Herrn Tienemann zu denken. Sie fügte hinzu, wenn ein Bauer mit bloßen Füßen daherkäme, so bliebe er immer noch ein Bauer, aber ein feiner Herr, der barfuß ginge, iväre ein 'Lpott für die Leute, und deshalb bliebe sie beim Bauernstände.
Die Ackerfurche.
Bon Alfred Bratt.
„Gewiß, mit der Kriegsromantik vergangener Jahrhunderte FL vorbei," sagte der Major, indem er nachdenklich vor sich hin- vttckte. „Und das ist auch ganz natürlich so. Tenn damals mmvste man noch Auge in Auge, tveiin ich so sagen darf. In den: .tcaße, m dem znnr Beispiel die Schußweite zugenommen hat, grng es nut der Romantik zurück. Für poetische Anekdoten aller Art ist heute wenig Zeit und Gelegenheit vorhanden. Und doch was die Technik der Feldspionage betrifft, so möchte ich ruhig behaupten, daß ihre Spitzfindigkeit sich mit den Schirckerrgkeiten verdreifacht hat."
Er machte eine Pause und lächelte aus nwetwürdige Weise. ,^ch habe da Lachen .erlebt," fuhr er fort, „Sachen, die auch cm ^H^Avck Ho l m es -Er finde r nicht verdrehter ersinnen würde Znm Bersmel die Geschichte mtt den Ackermrck>en . . . hin ja. glaube doch, daß auch ein gut Stück Romantik drckii steckt — «mf snne Weise, natürlich."
Er machte eine neuerliche Pause, und da nran ihir drängte uiid bat. begann er zu erzählen. In kurzen Sätzen, manchmal holperig und dann plötzlich in erstaunlicheni Fluß, wie die einzelnen «egebeiihetten ihm eben mehr oder minder plastisch zum Bewußtsein
^ „"E? .war in väordfrankreickx besetztes Gebiet. Wir hatten Artilleriestellung in einem Torf bezogen. Oder über das Dorf hinaus, 11 ni ganz genau zu sein. Tenn der Ort selbst war das, was mml im SteNungskampf oft erste Etappe nennt. Ziemlich wert vorgeschoben allerdings, init mehrfacheir Schrammen in Mmicrn und Tachern, wo mal eine Granate oder eine Fliegerbombe des Gegners guten Tag gesagt hatte.
Trotzdem war das Torf iiicht ganz verlassen. Der Bauer hängt überall m der Welt an seinem kleinen Stück Boden, aus ob ausgerechnet hier und iiirgend anderswo die Glückseligkeit zu fin- deii wäre, soweit eine solche überhaupt noch .aus- dem alten Globus augetroffen werden kann. In dieser Hinsicht ist so ein Bauernschadel manchmal init etneur Trotz bewaffnet, der einen unter llinftanden rasend niachen köirnte. So gab es denn auch an dem Ort — eben unserer Begebenl>eit — dre Name tut ia nickits zur Lache — Leiijte, die trotz Tlonner rmd Blitz dageblieücn. waren. Tann erhielten wir mal eine ordentliche Ladung Flanken- seuer, schweres Geschütz, das gar incht iibel brumnite. Ta verzogen uch natürlich auch die ältesten zivilen Franzmänner': tage- lang wurden sie sogar strerigstens fern gehalten.
,Aach^'nem Gewitter pflegt wieder 'ne Zeitlang schön Wetter ni eine Regel, die sich auch im Stellungskrieg mehr alv einmal mit Erfolg behauptet hat. Ta kamen denn wieder ein paar von den Bauern zurück, um ihre Habe zu holen und zu sehen, wie denn jetzt die Tinge ständen. Einer aber blieb standhaft au seinem Fleck, ob es Sttirm oder Sonne gab. Immer wieder treiste er um sein Gehöft und seinen Acker, grau, gebeugt, fclmau.nmrtig, wie so'n Ideal von einem Hofhund mit M'Uisct'en- inttlmt, der lieber- zugrunde geht, als daß er die alte Behausung aufgrbt. Es war der Batcr Mathicn, wie man ihn nannte
Alte lwtte weder Weib noch Kind. Ter Acker war seine Well, feine ,yantilte. Rührend war er, der Bursche: das verhärtete Eemnt hätte da 'reich iverden müssen. Er flehte und quälte, bis er mefat | 6 m§ erhielt, zu bleiben. Auf eigene Gefahr, das ver-
Ta war es, als hätte man dem alten Landmann das Paradies leidst m die zitterigen Knocheuhände gelegt. Er war glücklich', trotzdem sein Haus iveniger Schutz gegen die Witterung bot, als rin iuirrig gewordener Regenschirni. Er lebte förmlich von neuem auf, nachbem man ihm das Verbleiben gestattet hatte irurde jünger, pfiff und trällerte, als herrschte eitel Freude aus Erden. '
Und dann — ja, dann kehrte der Alte sich überhaupt nicht mehr au den Krieg. Er traf allrrlwiid uni u der da re Vorbrreitungen, und eines Tages - cs war Frühling geworden begann- er wahrhaftig, seinen Acker zn pflügen. Jeden Morgen spannw er seinen klapprigen Gaul vor den Pflug und zog los. als hätte er keine Minute Zeit zu verlieren. Und nenn man ihm dann r>r- lnelt, daß er doch nicht tvissen könnte, ob nicht ein einziocr 'ernd-- licher Schuß eines schönen Tages sein Iganzev Feld in r,ue wüste Grube verwandelte, läck-elte er nur. ulegte loorllo- den Kopf, selmalzte dem Roß zu und pflügte loeiwr.
Soweit ist die Sackw ganz friedlich und nmnicrlich und xn\


