Ausgabe 
25.8.1917
 
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{fötale Frauen c-bft süße Mädchen gab es, die man hatte an- schwärnien können, anl>eten oder lieben. Immer ging' man sucheud, sehnend, voll verrückter Hoffnungen umher. llnd da ging »ncinew hungrigen Angeil eines Tages ein Bild auf, das meines Herzens! Unrast alsbald sättigte. In einer Borstadt betrieb ein jüdischer Handelsmann ein Lumpengesckxist. Er fauste Lump'ctt aller Art <utf ließ sie sortieren und verlauste sie »veiber an die zahlreichen, greßeu Papierfabriken, die am Rande der Stadt lageil und aus riesigen Schloten immer dicke schwarze Wolfen über die Land­schaft trieben.

An dessen kleinem a(tcu Hanse vorrüberreitend, sah ich durch das breite Tor mitten im Hof ein Mädchen stehen, ganz hell ge­lleidet, rotblond, ohne Hut, umgeben von einem Hausen schmntzigec Leute. Greise utid Kinder, die große, breite Säcke öffneten, uur rhr die Lumpen darin zu zeigen. Sie nutßte ein ganz gesckstists-, tüchtiges Wesen sein, da sie so selbständig entschuld. Tenn ich sah sie die Leute an weisen, ihre Säcke auf eine große Wage z»t werfen, wo dann ein alter, mürrischer Kerl das Geivicht seststelltc ltud die Letlle bezahlte. Im Rücken des Mädchens türmte sich bald ein Hanse, ein Hügel von Lumpen an. und sic stand in all dem Schmutz und Elend wie rin Märchen, ein Engel, unberührt imd unberührbar.

Ich hatte mein Pferd angehalten^nnd sah zu, vom ersten Blick gebannt, mit dem ersten Blick verliebt, entzückt, in alle Himmel des Dichters gehoben. Ich »rußte, nicht einmal der Gestaut' der Lumpen würde sich an il-r helles Gewand heften. Ein junger Hund beUbRx'r- um, jauchzte seiner Herrin zu. und über die Verkäuferund ihre Sacke hinweg rief sie ihm ein Kosewort zu, das il-n ganz ivild machte, ^ie hatte eine Stimme wie eine gläserne Glocke. Stimme, Musik von einer anderen Welt.

Plötzlich sah sic mich Sie verstummte, eine schnelles, zartes Rot übergoß ihr schmales Gesicht, sie rief dem alten Knecht etwas zu. Ter Tarn gelaufen, schloß mit bösem Blick ans mich die Haustür, und da hielt ich mm auf meinem Pferd vor der zugesatlenens Paradiespfortc, ein verzauberter Märchcncitter. Aber ich gelobte mir, über alle Hindernisse zu der Prinzessin vorzudringen und die Frucht ihres Mundes zu kosten."

Ter Erzähler verstummte kurz. Die Kameraden sähe»» ihn läelicln. Es mochte der letzte Rochglianz jenes glücklichen, sicges- sichercn, verliebten Lächelns sein, mit dem er damals luimge- riftcu war, glühend vor Sehufttcht, die Lumpenprinzessin zu. küssen.

Er fuhr' schon wieder fort:Es war Mai, der Liebe liebster Monat. Und ich war erglüht und berauscht wie durch einenj Zauber. Rachts ging ich in die Vorstadt hinaus, stand vor der verschlossenen Tür, lauschte aus alle Laute des schlafenden Hauses, ihren Atem darin zu vernehmen. Ich wurde melancholisch, floß die Kanteraden Und ihre geselligen Abende, setzte mich in mein eh Kaserncnstube hin und schrieb tolle Briese, die ich wieder zerriß. Und i>,zwischen erfuhr ich durch das eindringlichste. Herumfragen, daß sie. die ich 'liebte, die einzige Tochter des Salomou Geduldig war, siebzehn Jahre zählte und demnach schon versprochen war mit dem Sohn eines Gesckäftsfreiuides ihres Vaters. Sie, meine rotblonde Prinzessin, der Schwan, die Taube, die Libelle.

Aber, Kameraden, was erzähl ich Euch dch Es handelt sich ja nicht um die Liebesgeschichte, sondern um das Seltsame, mit dem. sic endete, um das Wunderbare, das die Liebe vermocht hat. Also nichts weiter von meinem Herzen! Genug, an einem Sabbat, begegnete ich ihr, die zu ciucr Freundin ging. Ich sprach sie an. Sie ging wortlos weiter. Aber ich halte ihr ins Auge gesehen. Eiu graues zärtliches K'iudercmge.

Und mm traf ich sie ost. Ich lauerte ihr auf. Sie blieb unge­rührt. Einmal lächelte sie. Das Bild dieses Läckslns trug ich loie einen Schatz nach Haas, es verklärte noch meine Kaseruenbude. Und daun, anfangs IUni, antwortete sie mir. Sie sagte das waren ihre ersten Morte:Ich bin verlobt."

Ich - ach, ich war nicht mehr verliebt . . . Ich liebte sic! Ich war zu allem en t schlossen. Ich schrieb ihr, ich steckte ihr die Briese, zu. lind sie O, endlich suchte sie selbst mir zu begegnen, sic floh nicht mehr, sie sah scheu nach mir aus, sie '.nachte sich überflüssige Wege, um mich zu sehen. Liebte sie mich'? . . . Ich habe cs nie erfahren. Denn --

An einem Abend trat sie aus ihrem Haus. Tie Straße war noch dunkel, die Laternen brannten noch nicht. Tie Luft war voll Rosen. Ich stand da, meine Hand sing sie auf, ich stammelte Tolles, Rasendes. Und da sagte jk:Morgen mittag um Eins in der HoUuuderlaube aus der Promenade." Und schon war sie ins Hans zurückgetrcten. Sie hatte mich wohl vom Jen st er aus gesehen.

Leute kamen, ici, taumelte heim. Tie Rächt war eine ewige süße Qual, andern Tags war ich so bleich, meine Hände zitterten,! daß mich der Hauptmann vom Tienst heimschickte.

Um zn-'öls Uhr saß ich schon in der Laube . . . In diesen Mittagsstunden »rar die Promenade ganz leer. Arbeiter von den .Papierfabriken am Fluß zögert in dunkler Schar hindurch, d-ann kam fein Mensch mehr. Sie hatte die Stunde gut gewählt. Aber wie entschuldigte sie zu Haus ihr Fortgehen'? Aber damals dachte ich an nichts. Ich »rußte nicht einmal, daß der Tag glühhciß w-ar. daß die Sonne blendend flimmerte, die Blumen ans den Beeten betäube,,d dustetnl. Ich saß in d<r Laube', schwach vor Glück, krank vor Erwartung. Wenn sie nicht kanr .... Mer ich weiß, ich habe keinen Augenblick gezrveifelt, daß sie käme.

Endlich, endlich schlugen die Glocken Eins. Ich lauschte, ich sah aus den Weg hinauf, den, sie kommen mußte, er uxn blendend weiß und leer. Wieviel Minuten vergingen'? Mein Herz, schlug wie ein eiserner .Hammer zweimal in der Sekunde.

Plötzlich stand sie vor der Laube, int Eingang zwischen den Hollnuderziveigen, unvermutet aufgctaucht. Sie war ganz bleich, ohne Hut, das Harr wirr: in der Sonne glänzte cs wie Gold

Sie hatte beide .Hände aus ihr Herz gepreßt, und ich sah: über ihr

weißes Kleid, über die Brust und den Leib liefen zwei schmutzige Streifen, dunkle Spuren - wovon? - Ich konnte mich nicht rühren, nichts sagen, cs war tvie ein Traum, eiu süß-schreckhafter - -. da sagte sie:Ich kontme -" Sie wollte weiter sprechen« Aber int selben Augenblick quoll es über ihre Lippen, rot, pwrpurir, glänzend, Blut - -

Ta schrie ich auf, als erwachte ich aus einem Alp. Ich griff nach thr sie war nicht da ... . Ich stürzte aus der Laube: zwei alte Damen kamen den Weg herauf. Bon ihr keine Spur - Was war mit mir? Hatte mich, die Sonne gestochen? Ich fror nnt

heißen Mittag, mein Herz klopfte tvie toll. Mein Atem klang

wie Stöhnen. -

Eine Stunde später ging ich in die Stadt zurück. Sic u ar nicht gekommen. Oder doch! sie ivar ja gekommen, ttebcr das letzte« Hindernis lstuweg. Sie hatte mich geliebt. Und ihre Liebe war stärker als der.Tod. Denn in der Stadt erfuhr ich. es, vor ihrem Hause, wo viele Meuschetr.standen, iitdcs von drinnen das irre Schreien einer Frqu, ihrer Mutter, heraustlang. Ein altes Weib­chen I-atte alles mit angesehen und erzählte cs nun zum ungezählten Male. Rur mir, der ich versteinerte vor Schmerz und Grauen: Alses gerade Eins schtug, stürzte das Mädchen ausdent Hause und lies eilig der Promenade zu. Sie mußte so in Eile und Erregtheit gewesen sein als hätte sie sich verspätet , daß sie blindlings in einen Wagen hinein raunte, einer Lastwagen . . . Tie Räder gingen ihr über Brust und Leib. Als das alte Weibchen sich über sie beugte, hatte sie die Hände auf ihr Herz gepreßt, riß dig Augen auf und flüsterte:Ich komme." Aber schon quoll ihr Blut über die Lippen, und sie war tot . ."

Ter Erzähler saß aufrecht in seinem Bett. Er fror nicht. Und ohne eilt Wort lveiter legte er sich nun hin, drehte sich zur Wand um und tat, als schliefe er. Und von den Kameraden wagte keiner, ein. Schweigen zu brechen, in denr sich Geheimnisse verbergen.

Die Zäerili.

Bon Kurt Küchler.

Ich besuchte befreundete Kameraden, die auf einem Gutshof hinter unseren Liniert an der Aisne in Ruhe lagen. Ter Hof war wie viele in dieser vom. Krieg traurig heiiugesuchteu Gegend., Er lkötttc, von seinen Bewohnern verlassen, vom Bo tun ar sch her l-alb zerschossen, mir n cif3.cn Mauern und den hübschen Treppen-, giebelit seiner »reißen Häufte uud mit einem dicken Turin einen, baumlosen, äckcrbcdectten Höhruzug. Wenn die Sonne diese Fermen mit voller Kraft beglärtzt, dautt sch.ut sie gegen den blatten Himmel aus wie verschlafene, weiße Märcheuschlösftr aus einsamen Höhen.

Als ich bei ben Kameraden war, sah ich eine Frau über den Hof züiuj Blnumen geh.ut. Sie schien jung und »rar schlank gelvachsen, trug z»oci Eimer, schritt langsam, mit vor ge betagten Schultern und gesenktem Kops.

Wer ist das?" fragte ich erstaunt, dcmt cs »rar ungewöhnlich, auf einer solchen Ferme, »reuige Kilometer hinter den vorderstetr Graben, die von den französischen Kanonieren von Zeit z»t Zeit mit einem Granatensegcn bedeckt wurde, ein. Weib zu sehen.

A.ch," sagt einer,das ist die Frau des Bauern, dem dieses G»tt gehört. Sie ist sehr schön, hat schvarzes Haar uud vimkle Augen nnd ein braunes Gesicht: wie eine Südsranzösin. Sic ist fleißig und besorgt unsere Wasch: aber sie ist nicht reckst gescheit. Ter Krieg hat ihr den Verstand verwirrt. Wir haben oft versucht, sie abznschicben, aber damt jammert sie. So hat man sie schließlich, da sie harmlos ist und nn's ttützt, hier gelassen."

Tie Frau gittg mit den gefüllten Eimern vom Brunnen »oeg ins Haus. Tos schwarze Haar glänzte starr in der Sonne. Sie ging langsam ihren Weg intb kümmerte sich nicht mit die Soldaten, die plaudernd im Hof standen oder au den weißen Martern faßen und sich sonuten.

Ein anderer »rußte mehr von ihr. Er er-al.tte mit ein sacken Morten ihre Geschichte:Als der deutsche Vormarsch der A.isne cittgegenstürmte, wurde die Ferme von ihren Bewohnern im Stic!? gelassen. Von den Feldern rtrnd um den Hof trugen viele reise Frucht; mancher Acker »rar frisch gepflügt und »vartetc mit aufgcbrochettcn Furchen auf ben neuen Sennen. Toch damals war noch feine Zeit, die verlassenen Aecker zu bestellen. ^

Eines Tages, im Oktober, sahen Soldaten, die aus der Ferme tauten, um zur Front zu marschieren, und sich eben daran macksten, in einen Annäheruugsgrabeu zu steigen, der sie den Blicken des Feindes entzog, im kalten und grauen Rekcldi'.nst des ftulKil Morgens eine Frau langsam über einen Acker geben. Es war eins vott dcn Feldern, die im September srisch umgebrochtu gc,t-r en »oarcu Nnd »tun, da es tu Sielst des Feines und unter der Rcrnwe»?.' ftu.K' Kanonen lag, nicht begangen we den^durste. Tie^Loldate-r '.ab .1 erstaunt, loie di Fran gleich e i u- ''" ^ Sarr . üi ,