Ausgabe 
22.8.1917
 
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in langsamen Sätzen, und suchte die Sache möglichst zu um­gehen. Dem Detektiv wurde schnell klar, daß die Leute der Geaend mißtrauisch gegen ihn geworden waren, weil sie meinten, er habe die Partei des Schjuldig-on ergriffen, der in ihren Augen niemand anders sein konnte als der Ritt­meister. Es wurde ihm unheimlich MMüte, wenn er an den unendlichen Schaden dachte, den solch eine vorgefaßte Volks­meinung in eurem bedeutenden, schwierigen Falle aurichten kann. Gewiß würde er aus Gesprächen mit den Nachbarn seines Freundes, tvie er jetzt eines anzjuknüpfen versucht yatte, nicht viel herauszuvrtngen vermögen.

Aber der Zufall, der Mbsö.rn Krag schon mehrfach in wunderbarer Weise zu Hilfe gekommen war, tat dies auch jetzt.

Er unterhielt sich mit bent Kaufmann in dessen Stube. Auf dem Tisch befanden sich Schreibsachen, Feder imb Tintenfaß, sowie mehrere Papiere, darunter^ruch ein an- aefaugener Brief. Dieser Brief fiel Asbjörn Krag in die Äugen, und als er die Handschrift sah, war er so verblüfft, daß er seine Bewegung kaum zu verbergen vermochte.

Diesen Brief mußte er haben! Uitb er mußte ihn wo­möglich so in seinen Besch bringen, daß der Kaufmann nichts davon merkte.

Nun hörte Krag anscheinend aus, den Kaufmann über den vorliegenden Fall und die darein verwickelten Personen auszuftageu, Und betrachtete sich statt dessen die Photo­graphien an den Wanden mit großer Aufmerksamkeit.

Und siehe da, es währte nicht lange, da befand sich der Brief in der Tasche des Detektivs. Der Kaufmann hatte nichts gemerkt.

Nun ging Krag nach Hause. Es war inzwischen neun Uhr geworden und bereits recht dunkel. Dennoch zog der Detektiv den Brief aus der Tasche und las, was da geschrie­ben stand. Es war ein ^anz gewöhnlicher, noch unvollendeter Geschäftsbrief, der sich um den Verkauf eines Waldes drehte. Aus dem Inhalt ging deutlich hervor, wer den Brief geschrieben haben mußte.

Außer diesem legten Punkte bot der Inhalt für Asbjörn Krag nicht das mindeste Interesse. Die Handschrift war es allein, die sein Interesse gefangen hielt, und er zitterte vor Freude über seine Entdeckung. Das war der erste Lichtstrahl tn diesem geheimnisvollen Dunkel.

Abs nun Krag langsam über die Felder ging, hörte er plötzlich aus der Richtung, wo des Rittmeisters Haus stand, einen Säuret des Entsetzens.

Asbjörn Krag blieb erstarrt stehen und lauschte in die Dunkelheit hinein.

Dieser Schrei war ihm durch Mark Und Bein gegangen: er kam ihm vor, wie der Hilferuf eines Menschen in höchster

Not.

Anscheinend war der Schrei von der andern Seite des Gehölzes hergekommen, wo das offene Feld war, das an den Hof des Rittmeisters grenzte.

Asbjörn Krag blieb längere Zeit stehen und lauschte, ob sich der Schrer wiederholen werde. Er wartete mehrere Minuten, da aber alles still blieb, ging er entschlossen weiter und beeilte seine Schritte. Er hatte ein unbehagliches Gefühl, daß in der Nähe von des Rittmeisters Haus etwas vorgefallen sein müsse.

Krag erwartete halb und halb, das ganze HaUs in Auf­regung zu finden; als er aber heimkam, war alles ruhig, und die Fenster leuchteten friedlich in die Nacht hinein.

11. Kapitel.

D e r S ch u l d i g e . . .

. Aus dem Hofe traf Asbjörn Krag den Verwalter und ^ing sofort ans ihn zu.

Ist etwas vorgesalleu, -Herr Verwalter?" fragte er.

Borgefalten?" versetzte der Verwalter, der sich die Frage nicht zu deuten vermochte, und schaute den Detektiv er­staunt an.

H ^ dc>rt auf dem Wege war, hörte ich einen Schrei," erklärte Krag.Er schien von dieser Seite zu kommen." fjji/v'' - en Schrtü? Hier hat niemand geschrien, das weiß

4 -A" Verwalter betrachtete den Detektiv mit miß­

trauischen Blicken. Er war ein breitschultriger, gesetzter Land- mann, dem es augenscheinlich merkwürdig vorkam, was sich hier, für Dinge ereigneten, seitdem ein Mann von der Poli­zei m dieser sonst so friedlichen Gegend angelangt war. As­

björn Krag deutete auf dem Rand des Gehölzes, das einige hundert Meter vom Hause des Rittmeisters entfernt war.

Dorther kam der Schrei," sagte er.Er hörte sich an, als ob er vom Rande des Gehölzes herkäme."

Nun fing der Verwalter an zu lachen.

^,Dann waren es die Pferde!" rief er.Die schreien zuweilen so, wenn es dunkel wird."

Bei diesen Worten deutete er auf die Wiese hinaus, auf der sich mehrere dunkle Schatten hin- und herbewegten. Das waren die Pferde auf der Weide.

Es wird wohl die wildeEva" getvesen sein, die so geschrien hat," meinte der Verwalter.

Die Pferde! Asbjörn Krag schwieg nachdenklich. Sein Gehirn arbeitete angestrengt.

Ist des Herrn Rittmeisters Reitpferd sehr wild?" er­kundigte er sich.

DieEva" hat ihre Zeiten," erwiderte der Verwalter. Es kommt zuweilen so über sie. Ich kenne mich mit diesem Pferde nicht aus."

Asbjörn Krag brach die Unterhaltung kurz ab.

Dann ist es also wohl eines der Pferde gewesen," sagte er, nickte dem Verwalter zu und ging seines Weges. Als er einige Schritte gemacht hatte, drehte er sich, um und fragte:

Ist der Herr Rittmeister zu Bett gegangen?"

Das weiß ich nicht."

Die Pferde! . . . Krag überlegte. Sollte das möglich sem? Sollte er den Notschrei eines Menschen und den Schrei eines wilden Pferdes nicht zu unterscheiden vermögen? Als Krag ins Zimmer kam, saß sein Freund am Kamin und wärmte sich; eine lange Pfeife hing ihm schlaff im Munde. Er schlummerte, wachte aber sofort auf, als die Schritte des Detektivs erklangen. Krag trat mit Absicht hart aus, um ihn zu wecken. Der Rittmeister fuhr auf und starrte den Ein­tretenden mit schlaftrunkenen, wirren Hingen an. Wie um sich zu entschuldigen, sagteer:

Ich habe in den letzten Tagen kein Auge zugetan."

Asbjörn Krag setzte sich an seine Seite, und seine Stimme hatte einen weichen Klang, als er sagte:

Armer Freund!"

Der Rittmeister preßte die Lippen zusammen.

, ,,,'Jch habe mich nie gern bemitleiden lassen, und ich möchte auch nicht von dir bemitleidet werden," sagte er.

Krag schwieg eine Weile, dann sing er an:

Auf morgen ist wieder eine Verhandlung angesetzt. Ich balle es für wahrscheinlich., daß das Gericht den Entschluß faßt, eine Verhaftung vorzunehmen. Das scheint dich nicht stark anzufechten?"

Geschehe, was da wolle, ich. werde die Fassung nicht verlieren," erwiderte der Rittmeister mit stoischer Ruhe.

(Fortsetzung folgt.)

Llaire.

Skizze von Otto Törn er.

rM denr zertretenen Rasen des Malles, der die Pariser Vorstadt Pantrn von der großen Festung trennt, lagert eine müßige Lclxir der vom Kriege Ueberraschien, die rücksichtslos aus aller Regelmäßigkeit herausgemorfen siird und nun außer Mmst der müden September sonne das Schauspiel genießen wollen ben_ Fernd erirrücken M sehen. Man sagt, daß Paris als offene stadt erklärt worden fei; desto besser für die Leute, b'sitze^ ^ern Landhauss in den sicheren Provinzen.

Claire ist auch gekommen, heute wie gestern irnd alle

sonnigen Tage, seit ihr geklebter Hans sie so plötzlich, so ganz ohne Mschaed verlchsen hat. Oder ist er rricht mehr jhr lieber Hans? Hat sie vielleicht den Viktor lieber, den lustigen Vetter-, der Hansens Nachlfolger geworden ist und der, als das Vaterland rhu gerufen, dein Mädchen geschworen hat, den deutschen Trännrer und Dichter unter Millionen F-eiirden heraus^ufinden? Auf wel- chen von beiden wartet sie hier? Sie >veiß es nicht und wischt sich dre Augen, erns für Hans, das andere für Viktor

Tie Leute auf dem Walle nutzen den schönen Tag unb

bte nicht weniger schone Freiheit, die zwar nickM einbringt, aber auch nicht viel kostet. Sie trinken den Wein ans der Flasche und essen aus dem Papier; sie suchen mit Ferngläsern den Horizont ab und machen Späße. Furcht haben sic nicht, da io viele bciiammen find.

Claire sitzt abseits und schaut ins Weite. Sic überlegt, ob ,hr der Großvater mit Rat und Trost die Unruhe aus dem Herzen nehmen kann. Ter alte Mann hat'ihr ja auch zu Viktor geraten, als Hans nicht mehr da war; mag er nun auch weiter für die Ruhe rhriÄ Gemütes sorgen. Tenn vvir dem Tage all, da fre femen Rat befolgt und dem lustigen Detter endlich Gehör ge,