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Tochter bei sich fjuttfc; ein Dienstmädchen war nicht m Mirtschaft; jeden Morgen kam eine Aufwarterin, welche auch mein Zimmer besorgte. Von dem Leben der Damen erfuhr rch nichts,- jo, sogar jenes Wenige wurde mir erst nach einigen Wochen klar. , r
Es fand ein großer festlicher Umzug statt, der durch unsere Straße kam. Ich saß in meinem Zimmer und war unentschlossen, ob ich mich von meinem Buche losreißen und auf die Sttaße hinunter gehen sollte; da klopfte ies^ und die Dockster trat in die Tiir. Sie lud mich ein, in das Wohnzimmer der Familie zu kommen, Um den Zug aus dem Fenster zu betrachten.
Wie soll ich das Mädchen beschreiben? Sie war ein schlankes, biegsames Kind von vielleicht siebzehn Jahren, in Hellen Kleidern, mit lichtem, leicht rosa angehauchtem Gesicht, das schnell blutrot werdeu .konnte bei einer Verlegenheit, mit strahlenden, mUt-, willigen und zugleich scheuen Augen, und mit einem Mund, der eilt so reizendes Lächeln hatte, ein so redendes Lächeln^ wie ch es nre sonst bei einem Menschen.gesehen habe.
Ich trat in das Zimmer-, begrüßte die Mutter; aber von dem ersten LlUgenblick an, da Lilla, so hieß das Mädchen, auf meiner Schwelle gestanden, ivar ein Band zwisck>en uns gewesen, das ich- stark spürte, ein elektrischer Strom, welcher beständig gespannt war fühlte ich mich innig vertraut mit ihr, wie wenn wir seit langem verbunden wären. Wenn ich zu ihr sprach, umging ich Die Anrede, denn mir war, daß ich sie mit du ausprecheu müßte. Und das durste ich doch nicht.
Tie beiden Frauen lagen in dem einen Fenster, ich lag inr andern. Wir sprachen miteinander; Lilla stand hinter ihrer Mutter, und indessen sie reoebe, machte sie mir Zeichen. Tic Mutter erzählte, daß 'sie am Nachmittag mit Litla ausgehen wolle, um einen versprochenen Besuch bei ihrer .Freundin zu machen. Lilla deutete mit dem Finger auf sich und schüttelte den Kops. Tie Mutter stagte, ob ich zu Hause bleiben werde; Lilla schüttelte den Kopf, ich schüttelte gleichfalls, es war mir, als werde ich durch iihre Bewegung ge-, zwungen, denn mir war gar nicht klar, n-as das alles bedeutete. Lilla drückte ihre Freude aus, daun sah sie mich fest au. als wollte sie mir einen Gedanken mttteilen. Ich sprach ohne Zögern aus, daß ich gegen zwei Uhr gehen wolle, um das Fest weiter zu betrachten. Sie lachte, dann zeigte sie auf sich und hob vier Finger hoch; ich wußte, daß ich um vier Uhr in die Wohnstube fommen sollte. Aber das wußte ich wie im .Traum.
Ich verließ das Haus Punkt zwei Uhr und kehrte kurz vor vier Uhr in meine Sttlbe zurück. Ms es vier vom, nahen.Turm schlug, klopft^ ich leise an die Tür der Wohnstube. Wjemimb antwortete, aber ich Härte ein leichtes Rascheln. Vorsichtig öffnete ich die Tür; da saß Lilla in den Winkel des tiefen, alten Sofas gedrängt, die Füße hochgezogen, sah nach mir hin. Eine heftige Und fast schmerzliche Sehnsucht ergrist mich; ich eilte auf sie zu, kniete auf den Teppich vor ihr, nahm .ihre Hände, küßte sie, hielt sie vor mein Gesicht Und verbarg mein Gesicht in ihrem Kleid.
Sie lachte wie ein silbernes Glöckchen, und vielleicht lachte sie 'aus Befangenheit, denn eine süße Mrgst teilte sich ihr mit; sie schloß die Äugen, und ich barg wieder mein Gesicht in ihrem Kleid. Rachher küßte ich sie.
Wir haben ja nichts gesprochen.. Was sollten lvir denn sprechen? Wir loUßten uns u'ichts zu sagen. Aber wir hielten unsere Hände versckKmrgen.
Dem alten Mann rollten.runde Tränen aus den Augeu. Er schwieg eine lange Weile, dann entschuldigite e>c llch; es war eine merkwürdige Entschuldigung, die er vorbrachte; denn er sagte „so lange ist das nun her. daß man zu Tränen gerührt nrird", dann fuhr er fort:
, >,Wir haben also eine Stunde zusammengesessem haben nichts- gesprochen, und sürd selig gewesen. Ms die Turmglocke fünf Uhr schlug, ich hörte deutlich die fünf Schläge, da sagte sie: , Tu mußt nun gehen; ich habe meiner Mittler gesagt, daß ich Kopfschmerzen habe, .deshalb hat sie ihren Besuch allein gemaust; sie kommt gleich
ging a-'f die Straße hinunter, .irrte mit 'iriiv'n Klopf ohne Ziel ^nd) die Straßen und kam wät jiacft Äjuiiu: zurück.
Ms ich die Gangtür ausgeschlossen hatte, metkte ich eine sonderbare Unruhe im Zimmer meiner Wirtsleutc. Ich wollte vorbei in meine Stn&c ae^m, da äfsnete sich die Tür, die Dame stand lauf der Schwelle, verweütt, Hatto die Lampe in der Hand. Hinter ihr im Tunkel war jemand, man härte auch ein Acck>zcn. „Mein Kind stirbt", sagte sie.
Ich begriff die Worte nicht und stagte gedankenlos „Wie?" Tann aber wurde mir plötzlich alles klar, ich folgte der Vorauf- aehenden in das Zimmer. Ter Arzt saß am Sofa, aus welchem, das Mädchen gebettet war, eine andere Tamc stand dar Liegenden #u Häuptcn. Tie Sterbende wendete mir ihr Gesichtchen zu Und lächelte.
Mir anderem Ton sagte der Alte „ihr liebes Gesickstchen an nnft läck-eltc.". Tann stihr er nach einer Weile fort. Die Mutter erzählte, daß das Kind herzkrank war. Sie I-atte sic nie allein gelassen. Heute hätte sie eine Verabredung geliabt, das Kind hatte plötzlich Kopsschmerzen bekommen, sie mar allein ge- aangeu. d<^s erste Mal in ihrem Leben: als sie nach Hause kommt,
cs ist kurz nach fünf Uhr, da hockt das Kind im Sofa Winkel, die Füße unter das Kleid gezogen, sieht sie mit großen Augen an und sagt: ,^Ich bin sehr k«rnk, Mutter."
„Ich WÄß ja nichts von dem Kind," schloß der Greis; es starb in meinen Armen, meine Tränen flössen ihm über das Gesichtchen. Ich weiß auch nichts von der Mutter, denn ich sagte ihr nicW und stagte sie nach nichts, ich lvar so erschüttert, daß ich die Stadt verließ. Vrie habe ich wieder etwas von ihr. erfahren."
„Ja, ich weine, ich alter Maim," sagte er noch zuletzt. „Weshalb soll ich /licht Iveinen? Sie können nicht wissen, weshalb ich weine; ich trollte es Ihnen ja gern sagen, aber ich finde die Worte nickst, denn einen Gnind, den ich mttteilen könnte, habe ich ja nicht."
Hule.
Eine kleine Geschichte von K. v. d. Eider.
(Rachdruck verboten.)
Ov Tänuseu und Tiene Klock waren gute und getreue Rachl- bvru. Er besorgte seinen kleinen Haushalt und seinen großen Hühnerhof ganz allein, er scheuerte, fegte, wusch und kochte, wie es eine Hausfrau getan hätte. Tiene wiederum bestellte ihren Garten und dicker sebcr, grub, säete und erntete wie ein Mann. So lebten die beiden jahrelang friedlich nebeneinander, imb wenn sie sich mal an dem gemeinsamen Brunnen begegneten, sagte er: „Guten Tag, Frau Rachbarn!" und sie antwortete; „Guten Xaa Machbar!" Gegenseitige Besuche gab es nicht, wett sich das doch nicht geschickt hätte; im übrigen erwiesen ste sich einander stets gefällig. Ov Dönnsen bekam alle Eierschalen Mis Tien.es Küche für ferne Hühner, und weil es sich doch nicht paßte, daß sie hinüber ging, hatte sie draußen an der Vdauer einen alten, braunen Steintopf tzingestellt. In diesen legte sie die Schalen; Ov holte sie sich selbst rmd legte zum Tank dafür die Knochen hinein, die in seiner Küchle abfielen, und die Tiene ivieder an den L-nmpen-- maier verkaufte.
Ties Verhältnis währte Jahre. Dre Krieg kam, Ov Tännsen und Tiene Klock merkten kaum etwas davon. Sie bekamen nute ihre Erzeugnisse besser bezahlt als früher. In den Topf wmi- derten immer noch Eierschalen, ja es, steckte auch sehr oft estr Knochen drin. 1
Im dritten Kriegswtttter umrde alles knapper. Dennoch eignete sich eines Tages etwäs, was die kleinen HeimlichLettanj der atten Leute ans Licht brachte.
Krüger Paulsen hatte einen Hund, einen großen schwarzen Pjudel. Gr jvar Herkules getauft, wurde aber kurzweg Kitte genannt.
Im Frieden lag Kulc ipohlgenährt und behaglich vor der Tür des Kruges und sah die Vorübergehenden mit vornehmer Ruhe an. Jetzt hing ihm das Fell auf dem Körper Wie dem Bettlest ein geschenkter Rock. Er strich fortwährend auf den Rackchar-, Häfen umher und spähte ans nach etwas Freßbarem.
So 'kam er auf Tiene Klocks Hof. Ov Tännsen hatte gerade einen Knochen in den Topf gelegt, einen großen, schönen Knochen. Kule witterte ihn. Er fuhr mit dem Kopf hinein, erfaßte den Knochen und tonnte nicht wieder heranskoinmen, wett der Topf oben enger war als' unten.
Er warf den Kopf mit dein Topf hin mrd her, ^vergeblich Er rannte davon, überkugelte sich mrd sprang übers Ltaket auf die Straße. 'Die Kinder hinterdrein.
„Was ist los? Wer ist das!? Ist das rin Tier? Was hat er für 'neu Kopf? Was für einen schrecklichen großen Kopf?!"
Tie Kinder johlten, die Erwachsenen traten ans den Häusern. Ter Hund jagte wie gehetzt die Straße entlang mrd wieder zurück. Dreimal ging es die Straße hinauf mrd herunter. Da an der Ecke fuhr er mit dem Kopf gegen die Mauer. Ter Topf zerbarst. Kittes verstörtes Gesicht kam zum Vorschein. Eine Schar Jungens brachte ihn im Triumph zu seinem Herrn.
R'un kamen aber die Nachviehen der Geschichte. Am andere^ Tage erzählte der Krüger Jemen Gästen, bei Ov Tömrsen mch Tiene Klock gingie es hoch her. Ta gäbe Braten und Eier-, Pfaunkucken mrd Gott weiß was iwch. Bei Bäcker Fink erzählten sich die Leute sogar, Ov Tännsen und Treue Klon Witt den sich heiraten und der Knochen lväre vonr Hochzeitsbrateir. Ja, die Leute traten sogar au die briderr heran mrd fragten, ob sie nickst etwas gebrauchten: einen neuen Anzug, ein schvarres Kleid, ob sie n.icht eins von den Häusern verkaufen wollten mrd dergleühew
Treue Weinte vor Witt mrd schloß ftcfii .in chre Stube ein, und Ov Tännsen ging .zwanzigmal rir seiner Diele auf rmd ab, faßte einen großen Entschleuß, zo-.z die Somttagsjoppe an und ging.zrr Tiene Klock.
„Frau Rackcharn." sagte er, „weil es umr doch sckZon so ist. daß mss die Leute iu dem Mjulnd haben, da brauchen wir uns ja nicht mehr zu schrnieren, daß wir zu alt zirs Heiraten sind. Wenn es Ihnen mit ist, dann können wir uns ja zusammentun."
„Ja, Ov, es ,si mir nstt," antwortete Tiene. Sie stand re soll tt auf, wischte sich mit dem Sckstirzonzipfel den Mund ab rmd gab Ov Tönusen den Verloiniwtsknß.
An ihrem Hochzeitstage haben die beiden allen Leute den Knle zum Essen eingeladen.


