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Sache, sondern suchte seinen Freund durch allerler anoer^ Gesprächsgegenstände zu unterhalten und abzulenren. Der Rittmeister saß meistens schweigend da.
Als sich die beiden Freunde vom Tisch erhoben, erklärte Asbjörn Krag, er wolle in der herrlichen milden Abendlust noch einen Spaziergang machen, und der Rittmeister begleitete ihn bis vor die Haustüre. Auf dem Hofe grüßte der Verwalter des Rittmeisters und deutete auf den Wald, an dessen Saum sich mehrere Pferde tummelten.
„Sehen Sie, dort weidet „Eva", sagte er. „Jetzt hat sie ein neues Hufeisen. Aber woher zum Henker haben Sw gewußt ,daß eines ihrer Hufeisen zerbrochen war?"
„Ich weiß viel mehr, als manche ahnen," antwortete der Detektiv, nickte dem Manne zu und ging seines Weges. Er ging langsam und summte ein Liedchen vor sich hin, so lange der Verwalter und der Rittmeister, der auf dem Hofe tzurückgeblieben war, ihn sehen konnten. Sobald ihn aber die Bäume vor ihren Blicken verbargen, fing er an zu lausen. Er wollte noch einmal auf die Hollewiese, dorthin, wo der alte Mann überfallen worden war. Es sing sachte an zu dämmern, und der Tau begann zu fallen. Die Umrisse der Dinge verschwammen, die Bäume sahen nur noch wie graue Schatten aus.
t Plötzlich blieb Krag auf dem Wege stehen, der sich wie ein Band über die Wiese schlängelte. Er war nicht allein an diesem unheimlichen Orte. Dort unter den schiefen, niederen Bäumen, gerade an der Stelle, wo der Oberst bewuß- los gefunden worden war, sah er einen Schatten sich bewegen.
Es war eine menschliche Gestalt, die eines Mannes, und eS sah aus, als ob dieser Mann nicht gesehen zu werden Wünschte, denn er schlich sich vorsichtig unter den Bäumen hin. Er mußte also Äsbjörn Krag ebenfalls bemerkt haben.
Rasch schritt der Detektiv auf ihn zu.
Nun hatte der Mann dprt droben die Wahl, entweder nell den Hügel hinunterzulaufen und damit zu verraten, ß er mit geheimen Absichten hier sei, oder Asbjörn Krag offen entgegenzugehen. Der Mann tat das letztere, er ging denr Detektiv entgegen.
Und nun, da er aus der Dunkelheit, die unter den Bäumen herrschte, hervorgekonimen war, erkannte ihn Krag so- jbrt. Es war der Herr mittleren Alters, der aussah wie ein Lehrer und der ihm bereits bei seiner ersten Anwesenheit auf der Holtewiese aufgefallen war.
Der Mann grüßte und Krag dankte.
„Wir treffen an einem seltsamen Ort zusamm>en," stammelte der Mann einigermaßen verlegen.
„Und zu einer etwas seltsamen Tageszeit," fügte Krag hinzu.
„Vielleicht sogar zmn selben Zweck?"
„Wer sind Sie?" fragte Krag.
,Der Mann lüftete noch einmal leicht den Hut.
„Advokat Bomann," sagte er.
„Aus Christiania?"
„Nein, aus der nächsten Stadt."
„Ach so! Und Sie halten sich wegen dieser Sache hier auf? Vielleicht führt Sie die Hoffnung her, Rittmeister Nyes Verteidiger werden zu könnend
„Daran habe ich nicht gedacht," antwortete der Advokat abwehrend. „Mein Hiersein hat einen'andern Zweck, und ich wünsche gar nicht, Rittmeister Ryes Verteidiger zu werden."
„Warum denn nicht?"
„Weil ich keine Lust verspüre, eine so schlechte Sache wie die seinige zu verteidigen."
Asbjörn Krag lächelte.
„Oho, so hängt das zusammen? Sie gehören also zu den vielen, die den Rittmeister schon zum voraus verurteilen? Meinen Sie nicht, seine Sache stehe an sich schon schlimm genug, ohne daß auch Sie sich noch in seine Angelegenheiten mischen?"
„Ich babe von jeher einen ausgeprägten Gerecht igkeits- inn gehabt," erklärte der Advokat. „Und ich habe das Ge- ühl, daß wir hier weit von der Gerechtigkeit entfernt sind, besonders seitdenl der berühmte Detektiv aufgetaucht ist."
Asbjörn blieb dieser Grobheit gegenüber vollkommen gelassen.
„Ich begreife Sie vollständig," sagte er. „Sie halte:: den Rittmeister für den Schillingen. Und so nieit kann ich Ihnen recht geben, es liegen allerlei Umstände vor, die dafür
sprechen. Wer es^ stecken hinter diesem Drama noch mehr und größere Geheimnisse, als wir bis jetzt wissen."
Der Advokat blinzelte- den Detektiv spöttisch, an. ^
„Und dann ist hier auch viel, das man steht, und nick-t sehen will," sagte er.
„Was meinen Sie damit'?"
„Ich habe den Boden auf der Wiese auch untersucht.^
„So ei was!"
„Und ich habe Hufspureu gestöcken."
„Bon des Rittmeisters Pferd?"
„Ja?""
„Er hat aber doch das Recht, hier in der Gegend zu reiten, wo er will."
Der Advokat deutete auf die Baum gruppe, wo der Oberst gefunden worden war.
„Aber die Huftritte führen dorthin," sagte er. „Man sieht in dem lehmigen Booen die Spuren ganz deilllich."
(Fortsetzung folgt.)
Erinnerung.
Bon Paul Ernst.
Ein iunverheirateter Mann vor: etwa siebeivzig Jahren beüoohnte mit cm er alten Haushälterin allem ein ererbtes Haus in einer? kleinen deutschen Stadt. Man trat durch die Haustür mit der lange nachkl:ngendn: Schelle auf die große, kühle Diele, aus 1 reicher hie gegenüberliegende Tür trt den stillen grünen Hos führte. An den Wänden standen atte^ dunkelbraune, geschützte Schränke. Eine gewundene flache Treppe mit eisengeschmiedetem Gelärwer, das schwarzes Rankenwerk mit vergoldeter Blumen darstellte, führte nach oben. In den Zinmrern des alten Mannes reihten sich hohe Gerüste mit Büchern, hingen alte Bilder von Borfahren, von An sichen vertrauter Gegercken; geschweifte Stühle standen vor Tischen, welche auf gewundenen Säulen ruhten, auf denen Kupfer-, Werke, Mappm, Bücher lagen. Mehrere Menschenalter hückurch hatten die Borfahren des alter: Mannes in diesem Harls gelebt;, jedes Aller hatte Bücher und Bilder, Möbel und anderes zugekauft und neben den älteren Dachen aufbewahrt; nun erinnerte die Einrichtung denn an Leute, die längst venoest waren in der Kirchhoferde, von denen niemand mehr etrvas wußte, wie der einsame alle Enkel; an Bader Und Mutter, Großeltern und Urgroßeltern und Ahnen.
Ter alle Mann hatte einen Fremrd gefunden, einen Iüng,- ling, welchr mit vollen Wangen und blitzenden Augen in die Mell sah. Er wollte erzählen, und nun lauschte ihm jemand.
Sv saßen die beiden in einer Dämmerstmide um den großer: rUiwen Tisch. Sie hatten ein altes Buch besehen, das in gefalteten Kupseri'. euren großen Aufzug Ln: siebzehnten Jahrhundert darstellte mit Wagen, die wie bauchige Traoben mit geringelten Schwänzen geschnitzt waren oder loie fremdartige Vögel; eine bestaubte Flasche Wein mit halbgefüllten Gläsern stand vor ihnen.
Wie nun die Dunkelheit sich allmählich immer mehr sammelte, w-ie die Stille bemerkbar wurde imb dem einen die Züge des andern undeutlicher erschienen, da lehnte sich der alte Mann in den Lehnstuhl zurück imb begann zu erzählen:
„Ich war als junger Mensch in die Großstadt gekommen, wv ich an der Universllät Vorlesungen höre:: sollte. Meine Familie hatte keinerlei Beziehungen zu den: neuen Ort ineines Aufenthaltes — merkwürdig! Ich spreche sofort tu abstraktem Ausdruck — und so ging ich den:: durch die breite:: Ltraßen zwischen den hoher: Häusern, verloren in der fremden, hastercken Menge, und las die Ankündigungen von Zimmern an den Hauseingäugen, stieg Treppen hock) mW sprach mit Vermieterinnen, sah mir Stuben an; und ein Gefühl grenzenloser Verlassenhell zwischen gemeinen Menschen kam über mich nill lasteicker Schwere.
Endlich fa:ll> ich eine Wohnung, die Lwrrz aickers !var, unc die übrige::. Eine stalle, vornehme Dame .in Trauer vor: etwa vierzig Jahren öffnete mir, erwiderte gemessen ineinen Gruß, der umvill- kürlich achtungsvoll geworden war, und führte mich in das Zinnner, das sie vermieten .wollte. Es. war mit alter: Möbeln aus dem Anfang des Jahrhunderts ausgestattet, die im nur gut gehalter: gewesen waren: die Fenster gingen auf einer: sehr großer: Hof, in welchem sich zwei Linder: breiteten; Spatzen lärmten in U>uen und die Sonne blitzte in Tropfer:, welche aus der: grüner: Blätterr: lagen. Ich erklärte, daß ich das Zinrmer mieten »volle. Tic Dame zögerte eine Weile, sah rnich an, m:d sagte endlich: „Wir leben sehr zurückgezogen, es ist das erste Mal, daß wir das Zimmer vermieten, es ist immer sehr still bei uns oeweserr." Ich fühlte, was sie sagen wdllle, denn Manche .Reden der übriger: Zimmer- vermieterinnen hatten mir gezeigt, »velche Sitter: Herrscher: mochten: aber ich War so Verleger: wie die Tan:e Und flonitte nicht recht oitf*» Worten: ich sagte nur, wahrscheinlich sehr fchiichtern: „Sie werde:: mit mir Alfrieden sein." Eine Art von Freude flog über jhr Gesicht, sie reichte mir die Hand.
Ich besuchte meine Vorlesungen, ging zum Essen, holte mir Bücher von der Bibliothek, las auf meinem Zimlner. Nach Möglichkeit vermied ich Geräusck>e und Störunge:: meiner Milbe-» wvhner. Es stellte sich heraus, daß die Dame nvch ihre errvachlsene


