Ausgabe 
15.8.1917
 
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Gesang. Wie packten da bic, alten Fäuihe, n»c fltajUen sich, die Arme. Es war dam Wen, wie wenn Grillen und Aengste aus Duirnstübe und Herzen hinausWomigen .und ein starkes lunges Lebensgesühl ihn duvchshrömtc. Dann bebte der Grockenton nock)i lange in seinem Körper nach pich qc lehnte ftumbciilang an der Brüstung des Turmes und starrte auf die fahnenbewlpielte Ltadt hinab, in der die helle Freude fieberte und blinkte.

^dun wartete er Stunde aus Stunde aut den Andreas, dein die Feld Kar de voranfgceilt lvvr. Er nmßte, .des Urlaubers eritxr und einziger Weg war der Durm von St. Kathrin, denn der Enkel war ein Ebenso Einsamer wie der Alte. -^ixl;»t Vater nnd Mutter, keine Geschwister. Von Verwandten keiner, der sich, uw ihn kümmern mochte. Um so inniger hatte er sich dem Großvater angeschlo,seu. der Andreas, schon als Bilde. Hatte ihm geholfen, wo die alten Knochen nicht mehr so recht ) rollten und war schon reckst und schiel Zum Rachsolgerim Glöckncrdienste bestimmt, als ber ^enst rhm andere Arbeit aiufgab. Und ivo blieb er nun, der Junge? Schon sank der llLachincittag. Trauten stiirmte es und die Schneeflocken wirbelten in flimmerndem Taumel.durch die Lust und gegen die Fenster.Halt gut Msschau!" schrieb der Jlrnge. Ja, ja, bei dem Wetter. Schon besser 'war es, das Ohr zar spitzen wird dw Steinstnsen

?>'ilUn.ter zu lauschen, die ans'dem TurmwinM aus die Straße führ­en. Wohl ein dutzendmal ^chM hatte der Alte die Durmtüv geössnet nnd nach denr Turminnern gelauscht, lltun war es auf einmal wie Helles Klingen durch das Gewölbe gesprungen. Ein Frauenlackerc? Glöckner Thommsen schüttelte den Kopf. Das war rhm seit Jahren nicht mehr hier ans Ohr gedrungen, ein Lachen ans Frauenmund. Er trat an die Stiegenbrüstung und rief hinab/ Bist Tu's, Andreas?" " .

Da dröhnte ein Lach,en herauf, ein dunkles und ern Helles, das sich im Echo der Wände vielstimmig brach Und die Stein stufen herauf polterte es nnd trippelte es. ^ ^

Halloh! Großvater Thommsen, die Türe weit ans! Haft Raum gen.iV im Hause?" ^

Und nach> einigen Minüteir stürmte ein gebrannter Soldat die letzten .Stufen herauf und zog hinter sich her ein junges Ding.

Willkommen, Großvater. Sieh, was ich, dir mitgebracht habe."

Geh, aus dem Kriege bringft du das?" lachte der Alte.

Ja, nun, hätte der Krieg nicht deir Kuppler gespielt,> sio ist's mm aber geschehen. Die ist meine Braut Marianne heisst sie ist Waise wie ich hat ehrlich ihr Geld verdient als Wäscherin und soll nun Frau Andreas Thommsen werden, gelt, Marianne?" .

Schau, schon," mackste der Großvater,so ein Mädel. "La, Wnb wird sie denn den Soldat auch mögen und den Großvater Türmer dazu?" forsche er.

Marianne blickte auf und überließ dein Wien ihre Hand.

Ist aber feilt freundlich Brot, da hier oben tagein tagaus Frau Türmerin sein, mein Kind, da gibts Kein Schwätzen mit der Frau Nachbarin, Lein lieber-dic-Straße-D linz el n. Harter Dienst ist hier flfren und der Wind weht hart hier. Kann sie de»n allein sein, so ganz einsam?"

Verred ihr nichts, Großvater," schritt Andreas ihm die Rede ab.Wo wir beide sind, da gibts kein Weinsein. Was brau­chen wir Nachbarn, die UnD in unser Glück hinernreden? So weit über der Welt, das ist schon der reche Ort für so ein Paar, wie wir beide es sind, meinst nicht, Marianne?"

Vdarianne nickte und blickte ihrem Andreas fest ins ?lüge. Tann saßen sie zu dritt am Tisch am Ofen und Andreas mußte aus denr Kriegstoruifter die Erinnerungen kramen, daß der alte Glöckner fast die Zeit des Rundganges versäumt hätte vor Be­gierde zu hören. Der Flockenfall hatte rrachelasseu. Der Abend sank. Zu dntt saßeir sie aufs Mn Mhane deß) Turmes. ^

Gott!" fuhr die Marianne scheckhaft zusammen. Ein Schwin­del hatte sie erfaßt, als sie deir Blick in die.Tiefe richtete.

Gelt, Hoch wohnen wir Hier." lache .Andreas nnd hielt die AengsUichefest und sichr umschlungen.Wie die Turm­schwalben hoch haben wir unser s Jteft gedarrt. Hab keine Furcht, oaran gewöhnt sich unsereins bald."

Sie schritten um den Turm. Trmrben lag wie ein .in Watte gepacktes Kinderspielzeug die verschneite Stadt, die die ersten Lichtlein aufblitzeu ließ. Aus denr Schnee hoben sich die dunklen Häuser-Fronten wie Linien scharf hervor, gleich), einem schimmerrui den Teppich lag inr Umkreise Wald und Feld ausgebreitet, urrd alles war so fern, so winzig klein und lvesenlos, als gehöre es zu einer anderen Welt, die fremd und teilnahmslos dalag, zu der man sich nicht hinfinden könne. _

Marianne war still geworden, als sie die Stube wieder betraten. Die war beim Schauen aus der Höhe von einer Be­klemmung erfaßt worden und glaubte das .Gefühl eines gefangenen Vogels zu spüren, der das Fliegen verlernt habe angesichts der Freiheit, und der sich nun vor der Freiheit fürchtete. Wie geborgen hatte sie sich an Andreas' Brust gefühlt, von seinen Armen fest umschlungen, kam ihr das .Gefühl der Sicherheit zurück. Sein . Lachen hatte sic von ihrer Angst befreit, und doch war ein leiser Eckauer in ihr zurückgeblieben, etwas Unerklärliches, das sie nickt ganz überwand.

So saßen sie noch kurze Zeit im Türmerstübchen, ein wenig üiller als zuvor, bis es Zeit war für Marianne heimzuk^hreu.

Langsam stiegen Andreas und sein Mädchen die vielen Stufen hinab in die Tiefe, und je näher sie der Erde kamen, so leichter Ivurde ihr ums Herz. Der junge Soldat brachste seine Braut bis zur Wrhunng und kehrte dann in den Turm zum Großvater zurück.

In drei Tagen ist .Hochzeit, Großvater." sagte .Andreas, sv ist's Kriegsbrauch." . . . . .

Der alte Thommsen nickte und lächelte versoimen. Und dret Tage später zog er die Glocken ,zur Hochzeit seines' Enkels. In abermals drei Tagen war der Andreas wieder tzinausgegangen zu seinein Truppenteil. Für den Großvater begann die alte, einsame Zeit. Rickst ganz so einsam freilich, wie sonst. Denn da hatte ihm der Andreas ja ein Stück von sich selbst hinterlassen, sein junges Weib, die Marianne, die fand nUU öfter den Weg hinauf ins Turmstübchen zum Wen, brachte ihm .Post Vom Andreas und ging dem alten Manne, cho sie konnte, zur Hand. In dem Gedanken an den draußen Kämpfenden trafen sich zwei Einsame, und wenn sie auch nnr wenig sprachen, die JUnge und der Alte, sie fanden sich zueinander durch den Einen, Fernen, der ihre Lebens- kreise eng und immer inniger verband.

Oft stand Marianne am Dnrmfenfter und schaute hinaus in die Weite. Sie konnte es noch immer nicht über sich gewinnen, mit Großvater Thommsen .auf die Mtane hinaustzntreten. Andreas hielt sie ja nickst. Andreas' sicherer, schützender Arm focht draußen für Heimat und beider zukünftiges Glück. .Wenn das Sehnen nicht gewesen wäre und dann die tückische Angst, die sich zuweilen rnn ihr Herz krampfle, wenn sie an öbn dachte! Ta verband^ sich plötzlich schaudernd in ihrer Vorstellung das Angst- und Selig- keitsgefühl, da beide an der Dnrmbrüftnng standen .und sie. von einem Schwindel erfaßt, sich an seine Brust preßte, da Himmel und Abgrund sie so nahe gefühlt hatte, und sie fühlte ihr Glück von dünsten Aengsten beschattet, daß sie oft verzweifelt mit ihren bösen Ahnungen ringen mußte, um gläubig und stark zu bleiben.

Wochen waren hingegangen. Ter Märzstürm hatte den Winter abgelöst nnd er sang nicht minder.trotzig durch die Glockenfenster hinein und tanzte heulend und pfeifendum Großvater Thommsens einsames hohes Turmgelaß. Ter alte Glöckner kannte sein Lied und hörte es kaum noch. Er lauschte nach innen, saß stmnpf in seinem Stuhl und verrichtete automatisch seine Pflichten, .wie er jahraus, fahr ein getan. Wieder war e£ stiller um ihn geworden. Marianne war seit Tagen nichst mehr zu ihm gekommen, Marianne, die ihm Klmde von Andreas gebracht, die durch ihre Gegenwart ihm die Einsamkeit freundlicher gestaltet hatte. Auch, > ihm direkt drang kein Zeichen mehr von Andreas. Doch er kannte das, geduldig sein und Ivarten. Nur manchmal schüttelte er den grauen Kops und sah gedankenverlorener über die Stadt hin, als sonst. Und er fühlte eine tiefe Leere in sich, in seiner Gottverlassenheit mehr denn je.

Ta geschah es eines Abends, als alle Sturmgeister um das Verließ des Alten ihr Stelldichein hatten, daß seine wachsamen Ohren leise Tritte die Wendeltreppe hinaufschlürsen hörten. Die Tür ging leise und eine müde Hand legte sich auf des Alten Stflulter, wie das matte, welke Matt, das vom Herbstivinde herab- geschüttelt wird.

Bist lang ferngeblieben. Hat dir's vor dem Turm gegraust, Kind?" fragte der Glöckner. Da sank Marianne 'vor ihm in die Knie Und barg mit verzweifeltem Stöhnen ihr Gesicht in seinen Schoß. Er.bemerkte, wie verzehrt ihre Hände, wie verwandelt ihr Wesen war. Andreas?-Es durchlebte ihn wie einen vom Blitz­

schlag getmfsenen alten Stamm. Doch er dachte mcht an seinen eigenen Schmerz, er sah Nur die haltlos Gewordene, die ihres Lebenskerns Beraubte nnd fuhr mit tröstender Hand über ihr Haar. Sie zitterte wie im Krampf, unfähig poch zu schluchzen.

Kind, Kind," stammelte er und faud kein anderes Wort zu trösten. Tann schlug die Uhr imd er mußte an sein Amt denken.

Bleib hier, Kind," sagte er, sich erhebend',wir zwei beide wollen.Zusammenhalten, Kind!"

Marianne schsütstelte leise den Kopf.

Dock)! doch!" bcharrtc er. ,,Es wird alles, alles gn^ Marianne." Tann trat er auf lonnkenden Knien hinaus, wahreind der Sturm ihm die Tür aus der Hand schlug. Langsam tappte er um den Turm, im Brausen der Lüfte hielt er sich ^trotzig nnd oer­bissen und stemmte sich gegen sein inneres Leid, nnewohl ihm die Füße fast den Dienst versagten. Da hatte daS nicht wie ein Schreien durch die Lüfte geklungen. Ihm gef vor das Blut. Er eilte zurück und riß die Tür zum Turmzimmer auf. Leer.

Mar", der Laut erstickte ihin die Kehle.

War sic toll geworden? Er stürzte zur Turmtreppe. Rickhs Er ftchr sich über die Ml gen. Wie, wenn sie jhm nach­geeilt war und sich!? , ^

Er nahm die Handlaterne und eilte jetzt die zahllosen Stufen hinunter, als könne er noch retteir, noch helfen. Unten schlugen. Laute gegerr sein Ohr'. Mensch^nstimmen. Ter Wind blies ihm die Laterne aus, als er auf den Platz ttat. Und wie durch einen Schleier sah er Menschjen stehen .und gaffen. Aus dem Haufen löste sick ein Krankentragen, der davonfuhr. Mit erloschener Laterne stand der Alte, versteinert, an beit Türpfosten gedrückt, stand, bis der Platz wieder leer und still gelrorden war.

Tann wandte er sich und schlürfte mechanisch in sein Verließ zurück.