Ausgabe 
13.8.1917
 
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Dann haben Sie dort wohl eine Menge Beobachtun­gen gemacht?"

Was meinen Sie?" . a

Haben Sie nicht irgcick) etwas gefunden, das Ihnen einen Fingerzeig geben könnte, wie die Sache zugegan- mn ist?"

Es ist nicht die geringste Spur zu entdecken."

Aber dort ist doch Lehmboden, nicht wahr? Ist der Platz abgesperrt?"

Nein."

/,Dann habe id> jetzt Wichtigeres zu tun, als bei diesem Verhör anwesend zu sein," erklärt Krag eifrig.Ich gehe hinunter auf die H-vltewiese."

Der Vorsitzende schaute den Detektiv einen Augenb-lick gespannt an. Dann legte er seine Papiere zusammen und sagte:

Ich Eoinme mit Ihnen. Wir können das Verhör später fortsetzen. Und von nun ab bitte ich Sie, die Untersuchung seihst zu leiten!"

Jetzt kommt die Sache in Schwung," sagte Krag be­friedigt.Ich muh Ihnen etnränmen, daß Sie mit denk Briefe wahrscheinlich aus der richtigen Spur sind. Aber der Rittmeister hat ihn nicht geschrieben," setzte er lächelnd hinzu.

Beide Beisitzer, der Schreiber und auch der Rittmeister waren einigermaßen erstaunt über die unerwartete Wen- ung, die daS Verhör so plötzlich gefrömmen hatte. Alle lten sich vvn Asvjö>rn Krags Eifer mitgerissen. Der De- v hatte der Sache sein Gepräge aufgedrückt, und es war Zug hineingekommen. Man stand nicht länger nur um einen grünen Tisch herum und schtvatzte. Sobald der stellvertre­tende Amtsrichter seine angenommene Würde hatte fahren lassen, zeigte er einen natürlichen Eifer, der eineir sehr An­genehmen Eindruck machte. Cr ging mit Asbjörn Krag Voran, und der Rittmeister und der Protokollführer kamen ln einem kleiner: Llbstand nach

Der Rittmeister hat den Schein gegen sich," saate der Stellvertretende zu Asojövn Krag.So wie mir die Liebes­geschichte berichtet worden ist, stcnck) es mir sofort klar vor Augen, daß allein bei ihm die Lösung des Rätsels zu finden sei. Ein anderer als Jvar Rye konnte es gar nicht gewesen kein."

Und doch muß noch ein Vierter im Spiele sein," er­widerte Kraa.

Ein Vierter?" fragte der Stellvertretende überrascht.

Bei dem Drama waren bis jetzt nur drei Persmren beteiligt," erklärte der Detektiv.Der Oberst, der Ritt­meister und dann die Tochter des Obersten, Dagny. Und nun kommt also der Vierte, den wir bis jetzt noch nicht kennen. Sie haben die Sache seither nur von einer Seite betrachtet. Das hat zur Folge gehabt, daß Sie sofort aus Widersprüche gestoßen sind. Ich glaube, man darf die Untersuchung solch 5ner Sache niemals mit vorgefaßten Meinuugen beginnen, wenn ich auch HUgeben muß, daß es oft schwierig ist, sie sich

S änzlich vom Leibe zu halten. Wir smd noch nicht einmal ber die eine Frage ganz im reinen: Ist der Oberst einem Mordanfall ausgesetzt gewesen, oder liegt ein Unglücks­fall vor?"

Ein Unglückssall ist unbedingt ausgeschlossen/" erklärte der stellvertretende Amtsrichter mit Ueberzeugung.Der Oberst ist im weichen Grase aufgefunden worden. Nicht ein­mal ein Stein war ln der Nähe, über den er gefallen sein könnte.""

Asbjörn Krag gab keine Antwort. Bald waren sie auf der Wiese angelangt. Der Weg, der darüber führte, war ziemlich weich, und der Graswuchs war nicht sehr üppig wegen des schlechten Bodens, der hier beinahe nur aus Lehm bestand. Am Ende der Wiese, wo de? Wald anfing, standen einige Bäume mit krummen, niedrigen Stämmen. Dorthin führte der stellvertretende Amtsrichter Asbjörn Krag und sagte:

Hier ist er gesunden worden. Er lag halb auf dem Gesicht.""

Und hatte eine Wunde im Hinterkopf?" fragte Krag.

.Ja/" antwortete der Stellvertretende. ,,Soweit ich ur­

teilen konnte, ist er auf den Hinterkopf geschlagen worden und sofort zu Boden gestürzt. Uebrigens mag Gott wissen, was er hier verloren hatte. Er war ja da ganz weit vom Wege ab."

Wir können einstweilen einmal annehmen, daß der Unbekannte hier auf ihn gewartet habe," meinte Krag.

Krag fing nun an, den Erdboden zu untersuchen. An­

scheinend war es eine ganz flüchtige Untersuchung, und es sah auch nicht aus, als ob er irgend etwas entdeckt hätte.

, Nun erschienen auch der Rittmeister und der Protokoll­führer ans der Stelle.

Plötzlich fragte Asbjörn Krag:

War der Oberst zu Pferd?"

Nein," erwiderte der Stellvertretende.Er war zu

Der Detektiv schwieg eine Weile. Dann fragte er wie­der, und seine Frage kam den andern recht merkwürdig vor:

Wird hier in der Gegend viel geritten?""

Der Stellvertretende blickte den Rittmeister an und dieser antwortete:

Im Umkreis von zwei Meilen haben nur drei Men­schen ein Reitpferd: der Oberst selbst, seine Tochter und ich. Wenigstens weiß ich von keinem andern."

Höchst sonderbar," murmelte Asbjörn Krag vor sich hin.Falls hier wirklich ein Mordversuch vorliegt, so war der Mörder zu Pferd," setzte er sehr ernst hinzu.

(Fortsetzung folgt.)

ver Ritt ins Kinöcrlanö.

Skizze von Paul Alexander Schettler.

(Nachdruck verboten.)

Man sagt, daß alte Leinte wie die Kinder werden, iuib führt dies aus den Gehirnzellenabbau zur,ick. Dieser Zustand mußte wohl bei km alten Professor .Geyer ein getreten sein. Anders wäre der Vorfall nicht erklärlich, der ihm, oder vielmehr seiner Haushälterin mit ihm, zugestoßen ist, die nun schon an die dreißig Jahre bei dem alten Junggesellen haust und die hoch, und tcner fctrtuört, daß ihr sonst nie auch die geringste Seltsamkeit in dem Benehmen des Herrn Professors ausgefallen sei, seine kleinen harmlosen Grillen und Angewohnheiten ausgenommen. Aber die sind ja nur natürliche unwesentliche AuswüMe eines Gelehrte,:, der dazu noch Jsunggeselle geblieben ist, was so viel bedeutet ,vie ein Gelehrter zur Potenz.

Also die Frau- Huberdietrich, hatte eines Tages ein Erlebnis mit dem Herrn Professor, ein Erlebnis, das alle bis dahin gemachten Erfahrungen einer vernünftigen Frau mit einem alten, gelehrten Manne in den Schotten stellte, Und das ihr, der Frau Huberdietrich, obwohl sie im Leben manches Ungereimte gesehen hatte, ein besorgtes Kopfschütteln «und eine trübe, rätselhafte Jn- saltenlegung ihres schon runzelreichen Gesichtes abzwang.

Es war an einem Freitag. Frau. Huherdietrich mußte sich schon deshalb diesen Tag merken, weil sre"beim General fenster­putzen war, einer Arbeit, die sie seit Jahr und Tag nur am Frertag vorzunehmen pflegte. Ter Herr Professor hatte wegen einer wissenschaftlichen Arbeit nach einigen wichtigen Büchern sehen wollen, die des knappen Platzes wegen ans den: Speicher-» zrmmer anfgestapelt warey, einem ZiUrmerchen, das schon' in früheren Jahren dem Knaben und Studenten Geher als Bude, wie man sagt, gedient hatte, als noch die alten Gehers lebten.

Ter Herr Professor hatte nach Frau Huberdietrich gerufen und nur eint Licht und die Speicherschlüssel gefragt. Frau Huber­dietrich, aus dem Fenstersimse stehend, hatte geantlvortet, der Herr Professor möge sich einen Angeublick gedulden, sic würde ihm sogleich, zur Hand gehen.

Indessen hatte der Augenblick dem alten Herrn doch wohl zu lange gedauert. Vielleicht hatte der Gelehrte auch geglaubt, srch, selber helfen zu können, hatte Schlüssel und Licht genommen und war die Stiege hinauf geklommen iir das uirterm Dach ge­legene Mansardenstübchen seiner Jugendzeit, in dem Bücher und Lchrrften in hohen Stößen aufgeschichtet lagen, bedeckt von einem Weichen ^grauen Mantel von Staub und umwobeir von siguren- reichen Spinnennetzen.

Er hatte den Staub von beu Büchern geblasen, die feinen Lpinnengewebc hastig zerstört und gesucht und geräumt, und auf einmal, war er auf etwas gestoßen, das unter dem Hausen von Gelehr,amkert verschollen und vergessen gelegen hatte wie lange wohl? ohne daß es auch nur irgendwie damit in sicht­barer Verbindung gestanden oder davon ein «Queultchen profitiert hätte.

Etwas kniehoch Hölzernes, mit einem Tuche Bedecktes zog der Herr Professor unter seinen Büchern hervor, schälte die graue Hülle von den: seltsamen Gegenstand und schüttelte den greisen Kopf.

Erstaunt musterten die gelehrten Brillengläser die wunder­same Entdeckung, die der Herr Professor gemacht hatte: ein altes hölzernes Schaukelpferd, schadhaft, mit verblick-eneu Farben, einen: ausgerissenen Schiwanze und einen: großen fragenden Glasauge das andere fehlte schaute seinen Enthüll er an.

Man denke, ein Gelehrter sucht Bücher über altäghptische Kultur und findet ein Schaukelpferd, ein Kinderspielzeug, nein, sein Kinderswelzeug, sein altes Schaukelpferd, dem: jetzt fiel es dem Professor wohl ein, dies hölzerne Pferdchen war ein Zeuge seiner Eigenen Kindheit, dieses eine .Auge, dieser ausgezupst« Lchwnf, diese in stolzem Mähen erstarrten Holzuüstern, fern