Ausgabe 
13.8.1917
 
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Schaukelpferd )mi das Evesen, alS er mich Bube tvar, fcvit Schaukelpferd vor 65 Jahren. , _

Ter Herr Professor fa&tc JidC;i an beit Kopf. 65 Jahre! -L-o viel Zeit sonnte schpn hiatab geflossen sein .in den unersättlichen Trichter des Vergehens ujib Vergessens seit damals! Freilich,, die altägyptischc Kultur, eS war doch nur eure unbedeutende Frist dagegen. _

Fünf Jahre alt War er damals, als ihn das Schaukelpferd Unterm Christbaum grüßte. Zwei Augen batte es damals noch Und einen prachtvollen, naturechten Schweis. Hei^ wie er darauf Utnestürzt war mit dem Aufjancsioen eines ungejtÄmen Knaben! Wie er es unter dem Tische hervorzog und sich darauf schwangt mitteir aus der Weihuachstsstub-e wollte er in den Krieg reiten, in Galopp und Trab m paä Land der Phantasie. Hu, Pferdchen! Hin und her flog er, brs die Mütter begütigeitd sagte:

Mer sieh doch«, Franzl, ivas dir das Christtind noch be­schert hat!"

Hatte es noch, etwas gegeben? Ter Knabe sah es nicht. Er sah nur das Pferd, das prächtig sich bäumende Christpfett», das chm dann wie ein zweiter Genosse ivurde, das bei allen Spielen mit dabei war, den: er von seinem Kuchen und deit Mahlzeiten,' vbgab, das er abends tot sein Bettchen zog Und mit dessen! Zügeln in der öanb er ein schlief, das er an seinen tleinen KindersreUden und -leiden teilnehmen liest, dem er die ersten Lesestücke frorta^ nnd mit dem er fctJte Indianerabenteuer und Schlachten erlebte, wie sie in den Büchern nicht spannender ge­schildert waren. Es war ihm treulich eine Kinderzeit lang sein Genosse gewesen und hatte sein eines Auge und den Stolz seiner Pserdeschiönheit, seineir Schweif, dafür gegeben.

lldun stand es hier. Unter Büchern, die die Jahre angehäust hatten, war es begrabet mit so mancher Kindheitserinncrung^ Zwei Mens'chcualter hatte e$' hier gelegen und geduldig gewartet, bis es den Knaben twiedersah, der nun ein alter Mann ge-, worden war. s Jta blickte es ihn wieder an, und aus seiuielm gläsernen Äugle schiawte dem Kreise der Vergangenheit entgegen. Tie Tage der Kindheit lagen vor seinem Geiste aufgeschlageu wie ein liebes, buntes Bilderbuch, MM Greifen nahe, ttnb das Klingelt alter, trauter Stimmen drang mit wunderbarer Teutlich»- keit hier in dem stillen Mansardenstübchen an sein Ohr.

Wie köstlich, noch ein Knabe zu sein Und die Wett vor sich zw haben, wie ein Märchenland voll unentdeckter Schönheiten und Rätsel. Ob es nicht möglich w>ar, noch einmal Hinlibersehen zU fönneu über den goldroten Horizont in das Kinderland, weit hin­über mit allen Sinnen in den Wunder selig eit Garten der tlingenden Sphären? Uud in seinent Herzen, das plötzlich die Regungen eines Kindes zu fühlen begehrte, ward der unbezwingbare Wunsch wach, zu vergessen, was war, und zu empfinden wie einst, sich noch einmal hinübersinden zu können in das Kinderland, noch, einmal! Mit dem Herzen des Knaben zu fühlen, mit seinen Lltugen zu sehen!

Vor ihm versanken die Berge gelehrter Bücher,' weiteten! fidi die Wände das war nicht mehr die Mansardenstube mit Staub Und Spinnennetzen, Sonnenlicht brach herein und eine frühlingbeschienene Flur breitete sich vor den schwindelnden Augen

a)is das war das Märchenland-

-und da blieb Frau Huberdietrich! wie augewurzelt

in der eitgeit Tür der Mansarden sAbe stehen, die sie mit ihrer massiven Gestalt ganz ausfüllte, nnd rief, indent sie angstvoll die Hände zusammen schlug:

Mer, Herr Professor!"-

Tenn sie sah deit alten Gelehrten just auf dem hölzernen Pferdchen sitzeit und sich auf ihm hin und her wiegen, während seine Au^en abwesend in die Ferne starrten.

Mein Gott, der Herr Prostssor sitzeit auf einem Schaukel­pferd -"

Und reiten iits Miiderland, jawohl, liebe Frau Hubcr- dietrich, geradeaus ins Kinderland!" nickte der alte Herr und strich versonnen über den Hals der hölzernen Rosinante.

Ta ist Fron Huberdietrich gegängelt und hat nur den Kopf geschüttelt. Uni immer nur wieder den Kopf geschüttelt. Tenn, alles, lvas recht ist, deir Herrit Professor kennt sie nun schon dreißig Jahre, aber so etwas hat sie noch nicht mit ihm erlebt!

Die Hose.

Eine leider wahre Geschichte von Artur Brausewette (Nachdruck verboten.)

Wir haben noch einen ganz vorzüglichen Stoff zum Beinkleid Friedensware, prima Qualität. So etwas bekommen der Herr Toktor nie wieder ganz ausgeschlossen!"

Es war jene längst verklungene Zeit, da man solche heute Märchen gewordene Spruche noch von deit Geschäftsleuten hörte, da mau noch Ware anpries', die man jetzt aus eitel Gnade und Barmherzigkeit gibt.

lind unter der Hand habe ich gehört vorläufig noch Ge­schäftsgeheimnis daß man nächstensBezngssck-eine" ansstellen ivird."

Bezugsscheine ivas sind baut das?"

Nun, wie soll ich« es dem Herrn Toktor klarmachm? Heute eittsck>eiden der Herr Toktor noch, ob S-ic eine Hose haben wollen oder nicht. Später tut es die Behörde. Es wäre also höchste

Zeit gewissermaßen die zwölfte Sttutde, bei Preis ist er­staunlich billig gewissermaßen ein Rest, in kürzester Zeit wird dasselbe Stück das Vierfache kosten!"

Ich ahnte damals noch nicht, was für ein Prophet eng eist aus dem Manne sprach, schrieb seine frcundlick-e Anpreisung auf Rech? nung seines Geschäftssinnes, gegen den ich schon manchesmal lvehr- los gewesen, bestellte aber glücklicherweise die Hose.

Nein Unglücklicherweise bestellte ich sie.

Tvch ich will nicht vorgreifen.

^ Eines Tages hatte ich meine neue Hose, nahm sie als etwas Selbstverständliches fern von jeirer Ehrfurcht entgegen, mit der man heute ein derartiges Stück empfangen würde, und benrrtzte sie gleich zu einer Reise zu einem BeLamrten, dessen kritisches Auge und hohe Ansprüche in bezug guf die Kunst desSichan- ziehens" ich diesmal nicht zu fürchten brauchte; denn nteinc neue Hose war, lvas Stofs «und Schnitt rmd Fall betraf, eilt Prachtstück.

Auf Eisenbahnsahvten habe ich, zivei Gewöhn he it eit; erstens, daß ich die nichtigsten Arbeiten für die Stunden im Mieil auf­spare, wo ich vorBesuchen" sicher bin, und zweitens, daß ich nie anders reise als mit drei Bleistiften in der Tasche, weil ich zwei von ihnen sicher verliere.

Und richtig kaum hätte ich mir die kleine Klappe in meinem Abteil aufgemachit, die Zigarre angesteckt und meine Schrift­stücke cutfaltet da kullerte auch bereits der erste Bleistift auf die Erde und tvar spurlos verschiwuuden; nach einer Stunde folgte ihm der zweite. Ta ich« den dritten auf jeden Fall zit be­halten trachtete, begann ich mit deur Suchen. ?lber nun offenbarte sich die Niederträchtigkeit des Objekts in ihrer ganzen Tücke. In dem vollen Mteil, in dem Gewirr der Menschen, Decken, Stiefel, Kasten und Kisten hatten die beiden Bleistifte so sichere Schlupf­winkel gesunden, daß trotz aller Anstrengungen keiner von ihnen zu finden war. Ich beging die Torheit der meisten Mn eschen in solchen Fällen: ich wollte der Stärkere bleiben, huckbe, kniete, rutschte auf dent Boden herum, daß die Mitreisenden, in der Meinung, ich« hätte zum mindesten eine Tafel Schokolade ver­loren, in ehte begreifliche Unruhe gerieten, mich zuerst voll tiefen Mitgefühls anblickten und mir dann, einer nach dem anderen, ihre Hilfe anboten.

Endlich, hatte ich den Sieg errungen.

Mer er ivar teuer erkauft.

Mein neues Beinkleid, auf das ich die Rücksicht in der Hitze des Kampfes ganz.außer acht gelassen hatte, rächte sich und über­raschte mich, als ich mich wieder niedcrlicß, durch wenig angenehme Flecke auf den Knien. Ich suchte ihrer Herr zu werden. Aber all mein Reiben, Klopfen, Bürsten, Kratzen machte sie nicht besser, sondern nur ärger.

Wir werden die Sache schon kriegen!" meinte mein Zu­schneider. In .zwei Tagen haben der Herr Toktor die Hose, tadellos wieder!" t

Aus den zwei Tagen wurden zwölf. Ich rief den Schneider an. Er verhielt sich zurückhaltend und sagte: die Hose wäre noch nicktfertig". Nach abermals zwölf Tagen machte ich mich persönlich auf deit Gang ttnb fand deit sonst so ruhigeit, auch durch deit krakeligsten aller Knndeit nie aus der Fassung zu bringenden Maitn in einem Zustande ganz ungewohnter tutb deshalb er­schreckender Verzweiflung. Tie Hose sei von einem Arbeiter zunt andern g ei stand er t, ntan habe sie gewaschen, gebügelt, wieder ge­waschen, wieder gebügelt, schtießlich habe er selber unter Vernach­lässigung der ivichitigsten Aufttäge seine gatrze Mühe und Kunst an sie gewandt, habe geivascheu, gerieben, getrocknet, mit Seife, Benzin, allen möglichen anderen Mitteln an ihr herumgearbeitet die Flecke wären geblieben. In seiner ganzen Praxis ivären ihnt so hartnäckige und verstockte Flecke noch nicht vorgekommew Jetzt bleibe nur noch eins: die Hose in eine chemische Reinigungsanstalt zu geben.

Meine Hose Wanderte in eine chemische Reinigungsanstalt, machte dort alle denkbaren 'Kirren durch uud kehrte nach ebnem vielwöchentlichen Mfenthalt mit genau denselben Fleckett zu'meinem Schneider zurück.

Ter schlug als Merletztes vor: sie zu einer Färberei zu geben und schwarz färben zu lassen. Tann wäre sie doch nicht ganz verloren. Tenn damals fingen die Hosut bereits an, ein seltener Artikel m werden. Freilich, unter drei Ndonaten lvürde es heut­zutage nicht möglich sein.

Aus den drei Monaten wUrdett es abermals drei: ein dumpfes Almen hatte mich abgehalten, mich nach dem Schicksal meiner Hose zu erkundigen.

Ta erhielt ich, einen Brief von meinenr Schneider: die Hose wäre in der Färberei auf uubegreiftiche Weise spurlos verschwunden.

Inzwischen aber war die Herrschaft der Bezugsscheine nicht nur gekommen, sie war bereits auf einett solchen Gipfel ihr« Macht gestiegen, daß der Besitz von mehr als zwei Hosen als eine vaterlandslose Gesimumg, zunt tnindesten als un erklärter Luxus angesehen wurde. Ich afat brailchte eine dritte Hose selbst aus die Gefahr, von meinen patriotischst Verwandten als nn- deulsch verachtet zu werden.

Tic Färberei bot eine Geldentschädigung! ich uwllte die Hose. Ich helt mich an meinen Selmeider, ich machte geltend, daß ich die Hose vor der Einftchrung der Bezugsscheine gekauft, daß er und nicht ich sie jn die Färberei gegeben, und ich letzt.