Ausgabe 
8.8.1917
 
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ftrrfeit gesegneten bergigen Qtegenb, die Büben in Ordnung zu halten unb den Mädchen im herein mit der alten Handarbeits­lehrerin allerhand 2r>o-tw!toiges' beMibringen.

^Cujdh hier im ,Öanbe fing man die Knappheit der Lebens­rnittel spüren an. Ter steinige Baden lieferte zu wenig, uni) an Einfuhr war nicht Kn deüken. Tie armen Menschur, die bares Geld selten ihr eigen nannten, konnten-nickst die geforderten. Preise bezahlen und waren auf ihre eigenen Erzeugnisse und den Tausche Handel runter sich, mrgerviesen. Ter Lehrer, der Innggeselle war, bekam das sehr zu spuren. Seine Wirtin gchiränkte die Portionen immer mehr und mehr ein, und die Wassersuppe wurde täglich dümrer, das Brat schssejchlter, die Kartoffel immer seltener-. Much die Kruder seiner Schlüte kamen immer hungriger zürn Unter­richte, sie konnten.nur mühsam dem Bortrag folgen und des Lehrers weiches Herz litt unter diesem Bewußtsein, daß die armen Kinder Mmgertien! >

Im Winter, der hart und grimmig einsetzte. wurde es noch Ärger, die armen Kinder froren aus den meiten Wegen zür Schule in ihrer notdürftigen Kleidung, und in deur warmen Raum Gottlob, daß es Holz zur Genüge gab!< schliefen sie vor Er­mattung ein. Der Lehrer selbst hatte mit sich! zu kämpfen, daß er nicht das tat, was er bei den Kindern strafen mußte. In diesen Zeiten schlug das Samenkorn der Liebe hochiauf in seinem Herzen. sttte hatte er so leicht und faßlich den Unterricht gestaltet wie jetzt. Er fand Töne von seltener Herzenswärme für die Schilderungen der Vaterlandsliebe und der Treue, wenn er den Kindern von ihren Bädern, die da draußen kämpften, erzählte; er verstato es, in die Seele der Kinder ein Samenkorn zu legen, das später herrliche Früchte zeitigen würde! Die Kinder, die instinktiv die Liebe fühlten, die aus dem gütigen Herzen ihres Jlugeudbi'ldners kam, hingen mit Zärtlichkeit an ihm. Sie kränkten! ihn nicht wissentlich, sie suchten ihn durch kleine Llüsmerksamkeiteu Kn erfreuen, brachten, eine seltene Blume, einen Küfer und b*er^ gleichen mit, vertrauten ihm all ihren. Kummer an, und ftlr jedes und jeden hatte er ein liebes tröstendes Wiort, einen frewrdlichien Blick!

Wie verstand er die Kinder ziu trösten, wenn eines weinend Kn dem Lehrer kam. Um ihm mitzuteilen, der Vater sei gefallen.

Nicht mit den üblichen Trostesworlen kam er da seiner Psticht nach! Nicht mehr Trauen rief er hervor, nein! Er sprach dann vor seinen Schülern von den Heldentaten unserer braven Soldaten in flammenden Worten, und den Gefallenen hielt er dabei lvobl die schönste Grabrede, die sie sich wünschen konnten; verwob Wahrheit und Dichtung und am S'chjlusse warm die Trauernden überzerrgt, daß ihre Liebsten einen beneidenswerten Msckiluß ihres Helden­lebens gesunden!

Bon allen Seiten türmten sich die Anliegen an ihn. Mein and wie er verstand ein Urlaubsgesuch so anfzn setzen, eine Unterstützung

f i erbitten, eine Mutter so zu trösten, wie der schlichte Mann.

ie Feldpostbriefe an ihn mehrten sich, und im dritten Kriegsjahre hatte er eine so umfang reich? Korrespondenz, als wäre er Kriegsberichterstatter! Wenn er dann abends todmüde in sein Bett schlüpfte und vor geistiger Ueberanshrengüug lange nicht eiu-^ schllafen konnte, dann sah er sein einsames Leben vor nch^ ein Leben, .das er nur für andere lebte; für ihn kein Sonneni prahl des Glückes, und er wäre doch auch gerne da draußen im Kriegs- gebraus gewesen, hätte sich gerne die Kngeln nur die Ohren pfeifen lasse,: Und hätte all das Große selber erlebt, was er den Kurdern in Worten schilderte. Ach! ins Leben hinaus, die große Zeit mitleben, iaiuch wenn er es mit dem Leben bezahlen umßte; was lag an seinen: Leben!

In ruhigeren Stoben aber behielt die Liebe zu seinen Kinder,: wieder die Oberhand. Ich, streite ja auch für mein Vaterland! Ich! bilde chm wackere Männer heran; ich pflanze Liebe und Er-i kemttnis für ihre Schotte in ihr Herz. Tue ich nicht arrch so meine Pflicht für meiner: Kaiser? Und nach solch':: Tagei: war der Unterricht noch schöner als sonst, und selbst die müdesten :m$> hungrigster: Kinder horchten dmm erstaunt ans.

Das zweite Kriegsjahr war ins Land gezogen, der Winter ungewöhnlich lang und streng gewesen. Endlich war das Frühjahr gekommen. Tie italienisch,e Offensive .setztt e<u. in Frankreich schlug der verzlveifelte Feind wütto um sich, Und Tauser:de bedeckten die Felder! Ter Lehrer tröstete urid tröstete Und feine, kluger: trübten sick!, wem: sie auf die Kinder fiele::, vor: denen so viele vatei'loS wUrderr!

Heute war ein .so lachender, blütenüberdeckter Frühliugs- rnorger: gewesen, daß sich alles wie ueubelebt fühlte, die Kinder lauter und fröhlicher lacksten, Und der Lehrer fühlte sich so wohl wie schon lange, nicht mehr. Ms die Schttstuuden zrr Ende waren und die Kinder sich ir: alle Windrichtungen zerstreut hätten, nahm der Lehrer seiner: H:ft imd wollte einen Spaziergang :n die frische Maipruchlt macheil. Tas Grün würde seinen Augen Alt tun und sein Herz erfreuen; dann kamen die Ferien. die so sauer verdienten, und diesmal lvürde er sie so recht von Herzen genreßeir; wie ein Wanderbursch wollte er ir: seinen: Batmlcmde umherziehen, schlafen gleich! einem Zigemrer in der freier: Statur, Krache sammeln für die schwere Arbeit, die dam: seiner wieder harrte. - Eure fröhliche Melodie surnmerrd, schritt er die Straße entlang; aber noch keine Viertelstunde tuar er dahin geschritten, als er bei: kleiner, Peter äus seiner Schule an der: Zam: des statt- luten Bauernhofes gelehnt sah, der herzzerreißend sckstuchzte. Ter

Lehrer trat näher. Ja, lvas hast du denn, Peterl? fragte ec den Knirps: der hob den Kops mit der,: tränenüberströmte:: Gesicht

empor und schluchzte: Tie MüMV, die Mutter-und zeigte

iitlcOj Hause. Ter Lehrer, dem Unheil ahnte, schritt über den Ein­gang durch den sauber gehaltener: Garter: ii: die Wohnstube; die Tür derselbe:: stand offe::, und am Tische saß eii: junges Weid und stöhnte. Vor ihr lagen eine Unmenge Schriften, nnd am Boden spielte ent allerliebstes kleines Mäderl mit einen: Teil der herabgefallerren Papiere. Mit raschem Blick hatte der Lehrer die Situation ersaßt; der Mann gefallen, das junge Weib Witwe geworden! Jetzt hieß es wieder der: Tröster spielen, und es siel den: Lehrer wirklich recht schrver, die ersten Worte zu sinder:.

Peters Mutter hatte sder: Lehrer üst bemerkt, als er ihr die Hand auf ben blonden. Scheitel legte; sie fuhr in die Höhe, Und als sie in die gütigen Augen ihres einstigen Letprers blickte, siel sie ihm mit einem laitten Ms schluchzen um den Hals und ein heftiges Weine:: schüttelte ihre:: Körper. Behutsam schlang der Lehrer seinen Arm um sie und sagte:Min dich aus, Frauerl, imiTt d:ch, aus, die Träne:: sind die Wundersalben des Himmels!-

Lange standen die zwei Menschen Und er da. Euvlich richtete sich die junge Frau empor und strich sich die Haare au3 den: tränenüberströmten Antlitz. Seien sie nicht böse, Herr Lehrer, es überlani mich mit einemmal und ich habe ja niemand, dem ich mein Herz ausschütte:: kann. Sie kennen mich. Sie jmifen mein Leben, wissen, wie ich, den Toten geehrt habe! Wer wird meinen Kindern^eine Stütze sein? Wer? fragte der Lehrer, aber Frau Anna, Sie doch! Sie sind jung und arbeitsfreudig, Sie narben die Herzen der Kinder bilden. Sie lieben sie ja. Sie müssen ihnen ja jetzt alles sein! Ja, Sie haben recht, Herr Lehrer, aber die viele Arbeit, die Bercuttwortung, die auf mir liegt, und die wenigen Arbeitskräfte, wie soll ich das bewältigen? ! Wie, Frau 2lu:m? Mit ieu wenig gutem Wille::, mit Lust und Liebe, dam: geht alles!-

Bon diesem Tage an hatte das Dasein des Lehrers einen neuen Wert bekommen. Er würde .Frau Anna bald unentbehrlich. Er wirtschaftete auf den: Hose wie der Verstorbene selbst. Autos brachte er die Bücher in Ordnung, schrieb Bestellungei: ein nnd bastelte, kümmerte sich um die Knechte und Mägde, sah auf den Feldern, in den .Ställe:: nach und fand iwch Zeit, mit den Kinder:: zu scheuen! Seine Augen schienen einen neue:: Glanz zu bekommen, seine Wangen röteten sich, die schmächtige Bricht dehnte sich, und der ganze Mann schrei: sich jetzt erst entwickeln zu wollen ; er fühlte sich! wieder jung mit seine:: 35 Jahren, fühlte auch ein ganz eigenes Gefühl in seiner Brust keimen, eine Sehn- suchit, über die er sich keine Rechenschaft geben konnte, wenn er in Frau Annas ^ftjhe kan:. Er wurde rät wie ein Knabe, aber er blieb Herr seiner selbst! Mit keinem Blick verriet er sein Inneres; was komtte er ihr, der retcfim jungen Witwe sein, um die schon alle heiratsfähige:: Mämrer der Umgebung tänzelten er, der arme Volkssthullehrer!

Peterle imb seine kleine Schwester hingen mit Leidenschaft an ihm und erstickten ihn oft mit ihren 'Liebkosungen. Er war glücklich über all diese Liebe, über die neue schöne Arbeit, über seine Schule und bedauerte nur, daß er nicht mehr schaffen, nicht mehr arbeiten,

mehr Liebe geben konnte.-Frau Anna, die ihren früheren

Lehrer jetzt erst näher keimen lernte, begriff, welch ein Schatz in diesem Manne schlummerte, der bei näherer Betrachttmg ohne d:e abscheuliche Brille und frei: nachlässigen Anzug ein hübscher Mann genäsen wäre. Sie beobachtete, sie fühlte sich immer mehr von seiner Art angezogen, imb eines Tages entdeckte sie, daß sie ihn liebte. >

So war ein Jahr dahin gegangen. Tie zweiten Ferien .luaren gekommen. Der Lehrer komtte sich mm ganz der junge:: Witwe Und ihre::: Anwesen widmen. Ter Schnitt kam, die Henernte :uar vorbei. Und er war unermüdlich tätig gewesen. Frau Anna hatte es in letzter Zeit mit allerlei klein ei: Künste:: versucht, Cmttlick in seü: Inneres zu erlange,:, aber vergeblich! So ging das nicht länger, dachte sie. Tie Dorftrachbarn machten Anspielungen, die der Lehrer einfach nicht verstand und die junge Frau absichtlich überlwrte.

An einem der schöne:: 2lbe,:de trat der Lehrer zu Frau Anna ms Zimmer. Wieder saß sie vor einen: Berg Papier', und das Bild ihres Mannes lag obenauf. Wieder weinte sie. und als der Lehrer es sah, ging ein tödliches Erschrecken über sein Gesicht. Frau Amt«, sagte er. und seine Stimme bebte, Frau Anna, ich komme Ihne:: Ade zu sagen! Tie Enrte ist bald -eingebraätt. die Ferien fast vorbei. Tie letzten 8 Tage muß ich in der Stadt verbringen - weinen Sie nicht mehr um den Toten. Gott bat ihn als Helden sterben lassen, ich wollte, ich wäre <m seiner Stelle! -

Tie Stimme versagte ihm, und er griff nach der Lehne des hohen Stuhles, der vor ihn: fümfr. Frau Anna war erschrocken aufgefahreu, als sie des Lehrers blasles Gesicht sab. seine Worte hörte. Wie. er wollte fort? Wollte sie allein lassen, vielleicke ftir mimet? - Nein! sie wollte sich ihr Glück nicht rauben lassen! Was lmg ihr au den Menschen! Sie sprang mit einem »tuef oen iln-em L-essel auf, und irre damals Ing sie mit einem Aufschrei an seinen: Herzen, und wie danrals flössen ihre Tränen und seine zitternde Hand strich über ihren blonden Scheitel. Tann fmto> sich z,rei L:ppeupaare in: seligen Kusse.