Mittwoch, den 8. August
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Der rätselhafte Feind.
Roman von Sven Elve stad.
(Fortsetzung.)
Asbjörn Krag ließ sich diese Bezeichtnnna gefallen. Kurze Zeit darauf deutete der Bauer aus einige Baum- gruppen und sagte:
„Sehen Sie dort den Glockenturm
,-,Jaivohl."
„Das ist der Turm aus. dem Gute des Obersten."
„Dann muß das ein großer Hof sein."
„Ja, es ist das größte Gut hier in der Gegeud."t
„Möchten Sie gerne die Stelle sehend setzte der Bauer nach einer Weile hinzu.
~ „Welche Stelle?"
„Die 'Stelle, wo es geschehen ist. Wo man ihn gefunden hat."
„Nein, ich danke. Jetzt noch nicht. Wer hat ihn denn gefunden'?" *
„Der Ingenieur." Wieder deutete der Bauer mit dem Finger. „Dort auf dem Ziegelwerk. Er kam des Nachmittags über die Wiese daher und sah ihn am Waldrandj unter den Bäumen liegen. Er machte Anzeige beim Gericht. Dann wurde der Oberst nach Hause gebracht. Und nun sind wir da."
Der Wagen hielt vor einem alten Herrenhause inmitten eines mit hoher Hecke umgebenen Obstgartens. Krag bezahlte den Kutscher und entließ ihn. Als er in den Garten: trat, nxic nirgends ein Mensch zu sehen, aber ein Hund fing an, mit der Kette zu rasseln und gewaltig zu bellen. Da kam ein Mann in Hemdärmeln heraus.
„Ich möchte Herrn Jvar Rye sprechen," sagte Krag. „Ist er zu Hause?" ^ ^
Der Mann betrachtete chn schweigend eine Welle. Dann sagte er:
„Ja, er ist zu Hause. Aber ich weiß nicht, ob er jemand empfangen famt."
Allein in diesem Augenblick lvurde an eines der Fenster geklopft. Asbjörn Krag sah auf und erblickte sein.es Freundes Gesicht hinter den Scheiben. Der Polizei beamte erschrak. Jvar Rye sah aus, als ob er viele Nächte nicht mehr geschlafen hätte.
Asbjörn Krag trat in seines Freundes Arbeitszimmer, dessen Wände mit hübsch eingebundenen Büchern förmlich bedeckt waren. Am Fenster stand ein großer Schreibtisch. Hier hatte Rye gesessen rmd' hatte seinen Freund ankornmen sehen.
Die beiden begrüßten einander, als ob sie erst vor einer Stunde beisammen gewesen waren.
„Na, es freut mich, daß du da bist," sagte Rye. „Eben habe ich mir überlegt, ob ich dir nicht telegraphieren solle.
„Ich komme iveaen des Unglücksfalles," sagte Krag.
Ein Schatten, glltt über des Freundes Gesicht.
„Hast du schon mit jemand darüber gesprochen?" fragte er.
„Ich habe mll zwei Leuten'aus der Gegend gesprochen."
„So bist du wohl schon vollständig im reinen mit der Sache?"
„Ja; mir ahnt, daß es dir augenblicklich nicht besonders gut geht."
„Mcht schlechter als sonst," gab Jvar Rye zur Antwort. „Es ist nur der einzige Unterschied, daß ich jetzt bei den Leuten im Verdacht stehe, ein Ddörder zu sein."
4. Kapitel.
Im Namen des Gesetzes.
Asbjörn Krag legte Hut und Mantel ab und nahm seinem Freund gegenüber Platz.
„Ist er tot?" fragte er.
„Nein, er lebt noch, aber er ist nicht bei Bewußtsein."
„Ist noch Hoffnung vorhanden?""
„Das tveiß man nicht. Es wurde nach den allerbesten Aerzten geschickt."
„Er ist also draußen auf freiem Felde gefunden worden?"
„Ja, nur etwa zehn Minuten von seinem eigenen Hofe. Der Oberst hatte in den letzten vierzehn Tagen seinen Hos nicht verlassen, aber gestern ging er aus einem bestimmten Grunde aus. Er war dazu ausgefordert worden.""
„Wer hatte .yn aufgefordert?""
„Das hatte ich getan,"" antwortete Rt)e gelassen.
Der Detektiv schwieg einen Augenblick, dann fragte er:
„Du bist wohl in den letzten Tagen ganz verzweifelt gewesen?""
„Das kannst du dir denken. Ich war sehr niedergedrückt."
„Die ganze Sache kommt dir jetzt wohl vollständig hoffnungslos vor?""
„Vollständig! Und ich habe mich zur Abreise bereit ge-, macht. Ich will das Gut verkaufen und für immer von hier fortgehen.""
Forschend sah ihn der Detektiv an, und als er des Freundes fieberglänzende Blicke bemerkte, lief ein leichter Schauer über seinen Körper. Er ging hin und legte dein Freunde die Hand ans die Schulter.
„Du hast weite Reisen gemacht,"" sagte er. „Du hast Menschen und Rassen kennen gelernt, die anders sind, als die, mit denen wir täglich verkehren. Du hast Leidenschaften ausflammeu sehen, du stehst vielleicht unter denr Einfluß einer andern Denkungsart, einer andern Moral. Ich kenne dich nicht so genau, daß ich ohne weiteres für dich einftehen könnte. Oder richtiger gesagt: I ch ke n n e d ich? Nichts wäre mir lieber, als wenn ich dir helfen könnte. Aber in einem bestimmten Fall bliebe mir nichts anderes übrig als zu ehen und dich deinem Schicksal zu überlassen. Nun will ich ich fragen — und du verstehst, welche Bedeutung ich in diese Frage lege —: soll ich bleiben oder soll ich gehen?""


