331
Es war gut, daß er seinen rechten Arm ziemlich ungehindert brauchen konnte. Gr hielt sie umfangen, als wollte er sie jetzt gleich für i min er an seine Seite ketten. Und dw- Mischen stammelte er allerlei zärtliches Zeug, das nur für Kuth verständlich war.
Tante Ulrich kam nach einer Weile aus dem Nebenzinv- rner herein. Diesmal stemmte sie nickt die Hände in die Seiten, sorrdern legte sie auf die beiden blonden Köpfe.
S „Minder," sagte sie leise, „im grauen Hause ist ja Platz llr Tuch beide. Und die Kriegstrauung soll stattfinden, so ald wir in Berlin angekommen sind." ^
„Tante Ulrich," erwiderte Kürow, „Sie sind ein Pracht kerl."
Und damit hatte er ja auch recht.
„ ’ v — Ende. —
Der Vertrag mit dem Tode.
dem Kriegstagebuch keines Helden. '
r • Von Max Treu.
(Schluß)
Schon stehe ich neben ihin. Er zeigt mit der rechten Hand in den brüllenden Schslachtlärm vor uns.
/, Sehen Sie dort drüben das einzelne Gehöft mit den blen- dend weißen Umfassungsmauern?"
Fr Hbrr Mgjor ! Es liegt dichit vor der feindlichen!
„Ganz richtig! Wie weit schätzen Sie die Entfernung?"
Einen Augenblick schätze ich ab.
„Etwa zweitausend bis zweitanseudfünfhundert Schrüt von hn?r aus!" sage ich dann. >
„Wird stimmen! Ta drin äst eure ganze Kompagnie des x. Jwsowlerie-Regiments eingeschossen! Sie rönnen nicht heraus/ weil die Franzosen vorhin bei ihrem Ansturm alle Ausgänge derart verbarrikadiert haben, daß keine Katze hinein und hin-, Mrs kann, yftnt nimmt die Gesellschaft das versckLossene Gehöft Unter^ schweres Artillerieseuer, wie sie selbst sehen!"
Ich! nicke. Ich erkeirne deutlich die ciuschlagenden Granaten.
„Tie Kompagnie ist bis ans den letzte,: Mam: verloren,^ cchrt der Major fort, „wenn es nicht gelingt, sie ans ihrem Ge- ängms zu befreien. Ich habe den Befehl dazu von der Division neben erhalten. Mhnren Sie ihren Zug und altes erforderliche Werkzeug, aber schnell, schnell! Tann im Lauffchritt nach dort uüd befreien Sie die Tapferen mit Axt und Hacke!^
„Zu Befehl, Herr Major!"
Er reicht mir die Hand.
„Gehen Sie mit Gott! Es ist ein gefahrvoller Auftrag — Sie haben das Eiserne Kreuz noch nicht — dort können Sie es sich holen: in dem Gehöft liegt es. Mchntals Gott befohlen!"
Schon zwei Minuten später sind wir unterwegs. Was die Berne halten und die Lungen hergeben, so schnell geht's vorwärts. Tie weißen Mar lern des Gehöftes leuchten in der 'Sonne. Unmittelbar vor ihnen, so daß wir es, ehe wir heran sind, passieren müssen, liegt ein Stück freies Feld, an dessen rechter und Unkcr Seite sich,, zwei große, secartige Teiche werthin ausdehnem Ueber dieses freie Feld, aus dem sich keine Menschenseele zeigt, müsse,: wir. Ter Weg Um die Teiche herum führt zu ,veit ab und, was das übelste ist, er setzt ugs dem Bemerktwerden Und dem Feuer des FeirHes ans, während uns die hohen Marrerir gute Teckung gegen Licht und Schluß gewähren.
Also vorwärts — auf das freie Feld zu. Bald srird wir bicfjit davor, kein einziger ist zurückgeblieben. Tie feindlich,en Geschosse gehen alle über uirs lnnweg. Tie Unfern im Gehöft scheinen zu erkennen, daß wir ihiren Hilfe bringen. M,s einer Dachluke heraus sehe ich, zwei Köpfe 'emporragcn mrd gleich darauf auch zwei Hände ....
Aber-, mein Gott, was ist denn das?
Tiefe Hände winken uns ab — gar kein Ztveifel, sie winken ^Zurück! Zuriick!"
Ich kommandiere Halt, Rehiue mein Feldglas vor die Augen: nrcht der geringste Zweifel, sie winken „Zurück?"
Was hat denn das zu bedeuten? An ein Berständlickmachen durch die Lprache rst nicht zu denken — die Entfernung ist zu groß, der Lärm ringsum zu toll . . .
llud immer weiter, rveiler winken die beide,: Hände — Zu- rilck! Zurück! Zurrick! Das verstehe ich nicht. Indessen, mögen sie winken: ick) habe der: Befehl und Befehl ist Befehl, also Vorwärts . . .
Eben will ich rufen: -„Vorwärts, Leute!"
Ta fällt zufällig mein Blick auf den Erdboden, ein Dutzend Schritte vor uns. — Tas Wort erstarrt mir im Rttmde. Blasse Entsetzen saßt m:ch . . .
~1 € freie Stelle vor den: Gehöft ist ein Minenfeld! Deutlich erkenne uh mit den: geübten Blick des Fachmanns die ver^ derbeubrmgenden Satansapparatc: sie sind offenbar in aller Eile und nach, franzöftscher Art ziemlich liederlich angelegt, sonst dürfte man sie nicht so ohne weiteres erkennen. Aber ihre Wirkung, werden ftc tun — wer sic berührt, ist ein Kind des Todes.
Jetzt verstehe ich jenes Verzlvcifeltc Abwinken.
Was tun, um Gottes Wille,:? Hinüber kö,men >oir nicht — v^uu sind wir alle verloren. Tie Minen zu beseitigen erfordert große Vorsicht, Nick Vorsicht erfordert Zeit, und die haben wir nufif vuf > um den Teich herum — aber wohin kommen wir dann? Ist auf diesem Umweg das Gehöft überhaupt noch für uns erreichbar? Ter U,nweg eittzieht fUf> von meinem Stand- punkt aus teder Einsicht — lvie, wenn ,vir dabei aus vor- oder zurückgclu,ckc Truppe,: stieße::, zwischen die eingekeilt ,vir unser Z:el nicht erreickM:. unsere 9lusgabe nicht lösen könnten? Und sie muß^gelöst werden, muß, muß, muß . . .
So jagen sich die Gedanken innerhalb von Sekunden in meinen: Hirn, während mein Blick wie gebannt ans dem unheilvollen Minenfeld hastet. Und die drinnei: im Gehöft. aus das Granate nach Granate niederzischt, min'Oeu noch immer, winken, winken. Winken . . .
Meine Leute verstehen den Aufenthalt nicht — staunend und fragend ruhen aller Blicks auf mir.
„Herrgott im Himmel," stöhnt mein gequältes Herz, „tue ein Wunder!"
Ta plötzlich — da steht er neben mir, der Manu jener düsteren Ltunde am Flußufer . . .
Und seine Stimme klingt an mein Ohr, lofie damals, wie von wert, weit her:
„Hier bin ich! Was zauderst du?"
du, was quälst du mich?" will ich schreien. Aber keine Silbe srndet den Weg über meine Lippen, Angst :md Eentsetzen schnüren mir die Kehle zu.
Kühl, leidenschaftslos, wie ein sicherer Rechner das Ergebnis seiner Rechnung mitteilt, spricht ec weiter:
„Erfülle den Vertrag, wie ick)! ihn erfüllte! Ich ließ dich leben — jetzt tu' das Teine: schicke die andern über das Feld —"
„Versucher!" knirsche ich.
Es leuchtet in den dunklen Auge,:, als er entgegnet:
„Kleinlich zu sein, überlasse ich den Menschen! Aber ich bestehe aus meinem Schein! Schicke deine Leute über das Feld — sie s:nd mein, Und wir sürd qnitt! Tu aber bleib zurück, lvirf dich platt auf den .Boden, das Gewitter geht unschädlich über dich pin und Weib und Kinder werden nicht vergeblich auf dick Watten-"
Ich sehe das Gesicht meines Weibes, sehe die braunen lacheiv- den AUgen meines Jungen, und mein Mädelchen streckt lustig die Aermchen nach mir aus . . . Und hinter mir sehe ich meine Leute: meinen brave:: Sergeanten Letzter, der neulich weuche wie ein Kind, als er einen Brief von tzu Hause erhielt, unter welchen sein vierjähriger Junge ein paar unlesbare Krikel-Krakel- Bucktzaben gekritzelt hatte — so rührte der Gedanke an das Heim de,: Vater: da steht mein tapferer Gefteiter Worrmann, der an ledem Abend das Bild seiner Braut verstohlen küßt, ehe er sich! Mr Ruhe legt: da ist der Pionier Heim, der neulich, als wir seit 24 Stunden nichts mehr m essen gehabt hatten, mir se:n letztes Stückchen Brot zuschob: „Essen Sie man, Herr Leutnant! Mir macht das bißchen Hunger nischt — aber Sie sind das nickt gewöhnt, Ihne,: tut er weh! Essen Sie man —
'S. ist ganz sauber!" Und da ist der treue Pionier Schinücke, der mich auf seiner Schulter durch de,: Fluß trr:g: „Wozu sollen S:e ooch noch naß werde::. Herr Leiltnant? 's ist ja genug, wenn ick mit det nasse Emolument Bekanntschaft mächie!" Und da sind die andern alle, treue, gute, liebe Menschen . . .
Und die soll ick. . .
. „Erfülle dein Versprechen!" mahnte die kühle Stimme neben m:r.
2üock immer sehe ich mein Mädelchen winken, Meinen JUngen lachen, mein Weib zittern . . .
„Vortvärts!" will ich rufen, aber das Wort erstirbt mir auf der Lippe.
„Tas ist ja Mord!" schreit cs in mir.
Und neben mir steht der andere, der das Seine fordert . . .
Ta ist es wir, als «ob etwas in mir risse, als ob eure Kraft frei werde, die ich bisher nicht gekannt. Was es ist, ich weih cs nicht: aber es ist etwas Starkes, Fortreißeudos . . .
„Leute!" rufe ich, und ich ivundere mich, wie schlich und kalt meu,6 Stimme klingt. „Mles sofort zu Boden werfen!"
In: Ru liegen sie platt auf der Erde.
Ich wende mich um, zu ihnen, sehe die treuen, guten Gesuchter mich^ fragend anstarren — ihr Herz schlägt zu mir heriiber, und jeder Schlag bedeutet unbedingtes Vertrauen zu ihrem Führer.
„Gebt acht!" rufe ich wieder. „Ihr bleckt liegen, bis Ihr es knallen hört da vorn, — dann im Laufschritt auf das Gehöft zu Und Euren Auftrag ausgeführt, den. Ein geschlossenen Lust gemacht! Wenn ich n'icht mehr da bin, hört der Zug auf das Kommando des Sergeanten Leßler-"
„Und grüßt mein Weib und ineinc Kinder!" will ich hinzusetzen. Mer ich spreche die Worte nicht mehr - schon eile ich auf die Minen zu. Jetzt erkenne ich deutlich den Kontakt, der sie Untereinander verbindet - sie explodieren zugleich ein >knatt. Und das Feld ist unschädlich gemacht.
Eine.Sekunde überlegen, ob sic sich nicht auf andere Weise unschädlich inachen lassen — vielleickK ja, aber es würde Zeit kosten, und die haben uckr nick.1t . . .


