Ausgabe 
1.8.1917
 
Einzelbild herunterladen

390

bat es an zwei Zeitungen telegraphiert, Sie werden es also lesen. Hier schreibe ich Ihnen endlich auch die genaue Adresse Kürows auf. Schreiben Sie ihm schnell und viel, Ruth. Er denkt ja an nichts weiter als an seine Braut! Von mir ein andermal mehr. Ich fühle mich nicht ganz wohl. Hoffentlich habe ich nicht trotz alledem einen Typhuskeim erwischt das wäre ein unrühmlicher Tod! Aber letzten Endes dennoch auch ein Tod fürs Vaterland, also etwas Herrliches. Gott behüte Sie, meine liebe Ruth. Immer bin ich

Ihre Freundin Therese Berber."

*

Ruth stürmte in Frau Ulrichs .Blumenzimmer, den Brief in der Hand.

Tante, meine liebe Tante Karoline," rief sie,ich habe Hermanns Feldadresse! Lies doch, welch Glück er gemacht hat! Ach, wie wunder-, wunder-, wundervoll ist das doch!"

Herrlich mein Kind! Aber wenn wir nur erst direkte Nachrichten von ihn: hätten!! Gerade in den letzten Tagen haben überall heftige Kämpfe stattgefunden."

Es war, als ruhten die blauen Augen bei diesen Mor­ten wie prüfend auf dem zarten Mädchengesicht.

Ruth faltete die Hände und sprach ganz andächtig:

Er lebt, Tante Karoline. Er lebt ganz sicher. Er er muß leben! Denn sonst, siehst du, sonst stürbe ich ganz gewiß auch!"

Es klang so schlicht und innig überzeugt, daß Frau Ul­rich den Ton tiefer, heißer Liebe klar herausklingen fühlte. Und sie war zufrieden, wenn auch nun Ruth vielleichtaus Li^be leiden" mußte. £

Sie saßen noch beisammen, ohne viel zu reden, nur in dem wohligen Bewußtsein, daß sie einander von Herzen ver­standen. Da kam Gustav Berber aus der Fabrik herüber; es geschah zu einer so ungewöhnlichen Zeit, daß man nichts Gutes vermuten konnte.

Er hielt ein Telegramm in der Hand und reichte es schweigend Frau Ulrich hin.

Schwester Therese Berber schwer erkrankt. Sie brachte mit Sanitätshund den Unteroffizier Kürow, der schwer ver­wundet, in Sicherheit, liegt seitdem hoffnungslos an Typhus bier. Kürow nach Lanon Lazarett verbracht, wird, sobald transportfähig, nach Berlin kommen. Schwester Therese sen­det letzte Grüße. Lazarettverwaltung zu L."

Ruth sah, daß ihre Tante erbleichte und einen erschrocke­nen Blick zu ihr hinüberwarf.

Blitzschnell stand sie neben ihr und griff nach der De­pesche.

Er ist tot?"

Lautlos hatten ihre Lippen die Morte geformt, sie brachte keinen Ton aus der Kehle. Aber Frau Ulrich verstand sie doch, und laut rief sie aus:

'Nein, nein, er lebt da sieh her er scheint ja außer aller Gefahr zu sein, sonst würde man nicht telegra­phieren, daß er nach Berlin soll. Aber Therese ach mein lieber, armer Berber!"

Sie drückte und schüttelte dem grauen, kleinen Mann vre Hände und wollte ihn gar nicht loslassen. Bis er in seiner trocknen Art sagte:

. ^ war darauf gefaßt, Frau Ulrich. Mas hatte sie m den Krieg zu ziehen."

, Sein Vorwurf erleichterte seiner mitfühlenden Gönne- rm sogleich das Herz. Gleichwohl wußte sie, daß Therese ihm nah gestanden hatte. Mit ihr verlor er die einzige Verwandte, die er m der Welt gehabt.

Uh kaum, was um sie her vorging. Sie tte ein Brausen in den Ohren und schwarze Wolken vor en Augen. Ein einziges Mal in ihrem Leben war sie vor Zähren ohnmächtig geworden sie wußte, auf diese Weise fing es an, so kam es heran.

Aber sie wollte nicht ohnmächtig werden. Durchaus nicht. Und die zähe Willensanspannung, die sie zwang, ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihr körperliches Befinden zu len- ken, half ihr über bie ersten schreckhaften Minuten hinweg.

Als sie fühlte, daß es vorübergma, streckte auch sie Ber­ber die Hand hin und mit tonloser Stimme sprach sie:

r i* veEe/e eine gute - gute Freundin in ihr. Es tut Mir sehr weh, Herr Berber."

Gr öZFb ihnen beiden und stand noch eine Weile wie be­nommen still. Bis er wieder alltägliche Worte fand und sagen konnte:

Das Telegramm ist gestern abend schon aufgegeben. Sie mirß also letzt tot sein. Es nützt nichts, hinzufahren.

Man wird sie dort wohl in Ehren begraben. Soll ich mich erkundigen, wie es Herrn Kürow geht?"

Ja, das sollte tx dochttun; es war auch eine Ablenkung für ihn. Uird wenn es irgerrd möglich wäre, so wollten die Damen beide hinfahren und Kürow holen.

Nun, das war freilich nicht zu machen.

Nach stundenlangem Umherfahren ltnib Befragen ge­lang es Berber, wenigstens Telegramme an die Lazarette Lösenden zu dürfen: das eine, um jlt fragen, ob und wann Therese entschlafen war, das andere, um genaueres über Kürows Verwundung zu hören.

An: nächsten Tage kamen beide Antworten.

Therese war schon an dem Abend verschieden, als man telegraphiert hatte. Der Typhiis hatte sie bereits gepackt, als sie mtt dem Hunde auf die Suche ging. Aber auch ohne diese übergroße, letzte Anstrengung wäre sie nicht mehr zu retten gewesen. Man hatte sie heute vormittag mit militärischen Ehre,: beerdigt.

Hermann Kürow hatte eine Kopfwunde, die sich als Ungefährlich erwies; dagegen war die Kugel, die seinen linken Unterarm zerschmettert, noch in die Rippengegend weitergegangen. Trotzdem, und trotz der hinzukommenden »Quetschungen, die ihm das stürzende Pferd zugesügt, war er außer Lebensgefahr. Man wurde ihn mit den: nächsten Lazarettzug heim schiefeu.

Ein dankbarer Tränen ström brach jetzt aus Rüths Augen. Sie hatte sttll und tapfer seit denr Empfang des ersten Telegramms Saum ein Wort der Klage geäußert, hatte mit noch vergrößertem Eifer irr den Räumen des Erd­geschosses, wo die Berwuiideten lagen, mitgeholfen Und durch wackeres Verhalten der guten Frau Ulrich die höchste Bewunderung äbgenötigt.

Mer diese hatte ihre kleinen Geheimnisse. Ganz hinter dem Rücken der Nichte fuhr sie in ihrem großen Landauer in der Stadt umher und ruhte nicht eher, als bis sie auf das genaueste erfahren hatte, wann urid wo dernächste Lazarettzug" nun eigentlich hingehen werde.

Er war nach Sachsen bestimmt, und man erwartete ihn in Dresden innerhalb weniger Tage.

Da kam Frau Ulrich zu Ruth in das Blumenzimmer und sprach gewichtig:

Regimentsbefehl: Die Koffer werden iwch heute ge­packt, und Frau Ulrich nebst Mjutant fahren mit dem Nachmittagszug nach Dresden. Der Mjutant, auchdie blonde Drossel" genannt, hat die Trauerkleider für die nächsten Tage abzulegen, da Verwundete keine ttiiben Ein­drücke empfangen dürfen. Frau Ulrich zieht das gute Schwarzatlassne an1 das heißt, nicht etwa auf der Reise, sondern in Dresden, wo wrr verbleiben werden, bis wir den Verwundeten mitnehmen dürfen. Mädel, laß los, du chwürgst mich ja. Sieh mal an, so herzhaft kannst du einen umkrieaen? Na UU mal fix an die Packerei. Du machst das viel schöner als ich."

*

Blaß war er noch, der Herr Ingenieur, der das Eiserne Kreuz mitbrachte. Aber seine Zlügen leuchteten wie Korn­blumen, als Ruth neben seinem Lager auf den Knien lag uird ihren schimmernden Kopf neben denr seinen in das Kissen drückte.

Herz, mein Herz, wie bist du schön!" hatte er gleich nach der ersten Begrüßung ausgerufen.Du bist ja in den Kriegsmonaten noch viel schöner geworden als vorher! Und gewachsen bist du auch!"

Hoffentlich nicht nur äußerlich", sagte sie beschämt. Hermann, was hast im nur gedacht, daß ich dir gar nicht schrieb? Ich wußte ja nicht, wohin!"

Gedacht? Ach, Liebling, im Kriege hat man nicht viel ^eit zum Nachdenken. Aber wenn ich dennoch an dich dachte,

.0 sah ich dich natürlich immer nur vor mir, wie du aus mich wartetest. Weiter hast du doch and) wohl nichts ge­tan ? So ganz innerlich, meine ich."

Ach," seufzte sie,ich habe weiter nichts getan als dich geliebt! Hermann -- und jetzt habe ich eine Bitte an dich. Wirst du Ja sagen?"

Wenn es keine Unmöglichkeit ist, dann gewiß."

Nun, ich wollte dich bitten wenn du nichts dagegen hast und wenn du wieder gehen kannst und wenn du au( J} dann vielleicht noch einmal in den Krieg mußt ich wollte dich nur bitten, ob wir uns nicht recht bald so bald wie es nur angeht kriegstrauen lassen könnten?"

Nutb!"