Ausgabe 
1.8.1917
 
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Die blonde Drossel.

Roman von E. Fahrow.

. ' (Schluß.)

U ebermächtig lvallte die Bewegung in Frau Ulrich auf. Uber sie wußte, baß eine neue Aufregung den Armen auf der Stelle töten konnte. So bemühte"sie sich, in möglichst heiterein Don zu sagen:

Ach, so wie ich sehen viele Leute aus. Ist es Ihnen nun recht, wenn wir Herrn Rietbling, falls er kvnrmt. gleich sagen, baß er auf Ruths Hann nicht mehr zu rechnen braucht?"

Natürlich!" murmelte er mit einer schwächlichen Land- bewegung, die großartig aus sehen sollte.Ich wünsche ja durchaus nicht, meine Tochter zu einer Heirat zu überreden , sie hat ihr Lebenlaug tun und lassen Kinnen, was sie wollte. Wir Amerikaner, wissen Sie, sind nicht so pedantisch wie die deutschen Eltern oh oh was ist das nur wieder ich glaube ich tue besser mich einmal erst gründlich auszuschlafen- dann toerde ich wieder bei Kräften sein, und Ihnen meine Maschinen zeigen..

Er sank zurück, und gleichzeitig ging wieder ein un­heimlich rascher Farbenlvechset auf seinem Gesicht vor.

Ruth sah es und sank rieben dem Bett in die Knie.

Papa!" rief sie.Lieber Papa, hörst du mich?"

Aber er streckte sich mit einem Ruck ganz lang aus, fuhr noch einmal hoch rmd griff an seine Kehle.

Ein kurzer Kamps noch, ein Röcheln, und dann toar es aus.

August!" rief Frau Ulrich, in bitterliches Weinen aus­brechend,August sieh mich doch noch enrmal an! Ich bin es ja Karottna deine Schlvester!"

Aber er hörte sie nicht mehr.

Rur Ruth hatte ihre Worte veruvntmen, und sie sprang auf, einen erstickten Aufschrei auf den Lippen.

Frau Ulrich streckte ihr die Arme entgegen.

Nun weißt du es, Kind, liebes Kind, was ich dir vorhin sagen wollte. Es ist roahr, ich bin deines Vaters Schwester, und nun sollst du an mir auch eine Mutter haben. Willst du das, mein Liebling'?"

23. Kapitel.

Drei Stunden später traf Heinz Riethling ein.

Frau Ulrich ließ es sich nicht nehmen, ihn selbst ab­zufertigen, iiitb es war ihr eine innige Genugtuung, sein er­schrockenes Gesicht zu sehen, als er in die Wohnstube eintrat und ihm hier sie selber anstatt Ruth gegenüberstand.

Sie hatte die Arme in die Seiten gestemmt. Für ihr Leben hätte sie das in diesem Augenblick nicht unterlassen können. Mtt ihren großen, blauen Augen blickte sie den ge­schniegelten Wicht an, der sich fassungslos verbeugte.

So, so, Herr Referendar," sagte sie,Sie also sind es, der Herrn Stockton so |remibli£^ unterstützen wollte? Dec­

ken Sie bloß mal an! Unangenehm, nicht wahr, daß ich die Geschichte zu früh erfahren hgbe?"

Gnädigste Frau," stammelte er,ich weiß nicht, was man Ihnen erzählt hat. Aber daß ich Fräulein Ruth liebe daß ich sie schon liebte, bevor sie in Ihr Haus kam, das will ichcheschwören."

Schwören Sie lieber nicht oder meinetwegen tun Sie es auch! Denn Ihresgleichen ist ja doch nicht zu kurieren, das gleitet aus dem schiefen Wege abwärts weiter ganz totsicher und unaufhaltsam. Aber ich freue mich. Ihnen melden zu können, daß mein Bruder jemand anders gesun­den hat, der ihm helfen wollte. Er brauchte deshalb seine Tochter nicht zu einer Verlobung mit einem gewissenlosen Spekulanten zu zwingen."

Gnädige Frau! Ich muß doch sehr bitten!"

Was? Auch noch aufmucken wollen Sie? Hören Sie mal, da sind Sie an die Unrechte gekommen; das kann ich Ihnen sagen. Machen Sie bloß, daß Sie hier schnell wie­der fortkommen, sonst könnte die Auseinandersetzung mit Ihnen noch unangenehmer für Sie werden."

Riethling, der kreidebleich geworden war, versuchte sich in die Brust zu werfen:

Ich bin hierhergekommen, um mit Herrn Stockton zu reden . . ."

Herr August Stock ist tot."

$!tot? Ddas kann doch nicht stimmen . . ."

Beruhigen Sie sich, es stimmt leider. Und Sie sind hier wircklich gänzlich überflüssig. Nur erneu Rat will ich Ihnen noch zuin Abschied geben: Wenn Sie ein andermal Amtsgeheimnisse zu Ihrem Vorteil ausnützen wollen, dann fangen Sie es geschickter an. Und mm leben Sie wohl. Wir haben einander nichts mehr zu sagen."

So endete Heinz Riethlings Auftreten in Dortmund und auch zunächst in Berlin. Denn er wollte lieber jetzt seine Station" bei der Behörde an einem Landgericht auswärts abmachen, zumal es ihm mehr als je an Mitteln gebrach, in gewohnter Form aus Kredit weiter zu leben.

Erst nachdem er abgefahren war, erzählte Frau Ulrich Ruth und Franziska von ihrem Testament und von dem in­diskreten Gebrauch, den der schöne Referendar davon zu machen gedacht hatte.

Sie war mit Ruth zu Frau Sebius gegangen und blieb dort, bis das Begräbnis ihres Bruders in würdiger Weise vollzogen war.

Dann reisten sie zurück uach Berlin. Und jetzt erfuhr es jedermann, der im grauen Hause verkehrte, daß Frau Ulrich in Fräulein Stockton ihre leibliche Nichte zu sich genommen hatte.

Ruth fand auf ihrem Zimmer einen Brief von Therese, der kurz von dem zweiten Wiedersehen mit Kürow, aber auch von seinem großen Erfolge erzählte. Therese fuhr dann fort:

Ihr Hermann sah vortrefflich aus, und er wünschte sehnlich, daß man Ihnen telegraphieren sollte, damit Sie dft Freudennachricht schnell bekämen. Unser Ober^absarzt