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„Nun?" fragte er. „Hast dtu an Riothling telegraphiert^ Witfty?"
„Me Depesche ist schon Uiirgst abgegangen, Papa — Herr vneihlina ist aber noch nicht eingekvoffen."
Jetzt trat ^rau Ulrich naher heran, neigte sich über deir Kranken rmo nahm seine unruhig hin und hergreifende Hand.
„Ich bin Krau Ulrich/' sagte sie, vergebens versuchend, ihrer Stinrme Festigkeit zu geben. „Sie missen, Ruths mütterliche Freundin. Und ich bin hergekmnmen, um Jhneir Lu sagen, daß es .uicht der Hilft des Herrn RieiWing bedarf. — Ich selbst will Ihnen geberi, was Sie stir Ihre Erfindungen brauchen. Ruth bat mir davmr erzählt. So ist es doch besser, nicht lvahr, daß Sie von jenmnd die erwünschte Beihilft erhalteii, der dabei keine so häßlichen Be- dingilngen stellt."
Stockton hörte gerrau, was sie sagte. Er faßte es anch klar auf, drih schien ihn etwas anderes noch mehr zu beschäftigen als ihr Vorschlag.
„Frau Ulrich sind Sie?" sagte er. „Ja — ich weiß, Ruch hat es gut bei Ihnen. — Urrd es ist sehr- nett von Ihnen, daß Sie mir helfen wollen — es ist ein glänzendes Geschäft, wissen Sie. — Wem sehen Sie bloß ähnlich? Ich weiß gwnz gewiß, daß Sie jemand sehr ähnlich seheii, den ich aut gekannt habe."
(Schluß folgt.)
Der Vertrag mit dem Tode.
Ms dem Kriegstagebuch keines Helden.
Bon Max Treu.
Ich bin kein Held. Ich fürchte mich vor dem Tode. Tas Still- V?. des Lebens, der ekelhafte Vorgang des Zersetzens, der yaulnis floßt nnr Grauen ein. Ich vermag es nicht, das Le. den verachten, es von nnr zu werfen, im Rausche der Begeisterung ft wenrg, wie in kühler Ueberlegnng: ich habe das Leben Ueb, habe Frau und Kind daheim, die sehnsüchtig meiner Wieder- kehr harren und für die ich schaffen, wirken, arbeite:! muß, weim Ar Lasern aus g-esrcherter Grundlage beruhen ftll. Mein Herz hangt an dieser Welt mit ihren! Glück und ihren Mühen und noclr> nnmal: rch brn kein Held, ich fürchte mich vor dem Tode. . . . ^cun kommt er doch! zu mir, er, der Fernhintresser, der jeden g finden werß. Ich liege still, ganz still und erwarte ihn. ub er nicht da — aber ich fühle. tS. er komwt, er ist m! navisier Jcafyc es gibt kein Ausw^eichen, seine Arme sind stark Urw ferne Umarmmrg ist vernichtend. Muß es denn sein?
^zch wiar mit meinem Pionierzug wrgeschickt, eine Mtbrücke über >emen klemen Flußlauf zu schlagen. Tie französischen Gra- naten heulten un: uns, jene grausige Melodie, die wir allö ft mit schon kennen: klatsch! klatsch, fahren sie ins Wasser — Gott sei Tank! Tort schaden sie nicht mehr. Aber die anderen, welche «vischen die Baumäste sausen, mannesstarke 'Stämme um/reißen, sich m den weichen Boden wrihlen — die fordern ihre Blutopfer Und lassen es Nicht los. ... '
„Achtung, Herr Leutnant!" höre ich rufen.
, ffi™ W& urüh: ich fühle einen heftigen Schlag, höre
im selbe:: Augenblick wie seltsam! — das fröhliche Lachen meines sechsjährigen Jungeil daheim, sehe mit verdmikeltein Blick noch ommal den Spiegel des langsam gleitenden Flusses, dann fchwmden mir die Sinne. . . .
Als ichl wieder zu mir komme, ist es Mend. Dunkel rinasum Z?d owe große beängstigende stille. Bill ich ettva schon tot? Rock) Nicht. Ich fthle den Verband, den mir eine hilfreiche Hand wn die wunde Brust gelegt hat: er ist klebrig, naß von Blut — als ob ste etwas Ekelhaftes berührt habe', Gicht meine Saud zu- ^E matt^nieder. Tabei fährt sie aufs neue m eklvaS Rasses, abn doch scharfes, tastet langsam umher: ah, ich liege dßitze dm der kalte Tezemberwmd, der schireidendi durch den Wall) pfeift mrt eurer Eiskruste liberziehen will — eru unheimliches Totenbett. . . .
Ich will rufen. Tie stimme versagt, nur ein aUraeluder Ton kommt aus dem Munde. Niemand hört ihn. Tvch — da ist r e lr blasses Gesicht neigt sich über mich, zwei M?zt dunkelnde Augen bringen in die meinen — wohl ein
„Werde ick leben ?" fragte ich angstvoll. „Sie jtitb doch Arzt?" M Lnws-Eme ^"nsch^it kennt!" tagte eine stille.
s® atmete auf.'Tas ist ein Gruß des Lebens. . .
„Tann bm ich, in guten Händen!" flüsterte ich „In den bejten! kommt die Antwort, wie von weit, weit her. jsWnnc hilfreicheren gibt es für den Menschen'"
- lsises Leuchten zuckt in denr tiefen Auge ^ weo schaffen Sre mich fort!" bitte ich. „Zum Verbandplatz
vz-d kommen den Verwundeten suchen und finden!" Mugt btr Entgegnung, ruhig, leidenschaftslos. '
,,Und warum tun Sie es nicht?" fragte ich. Mir bangt um das langsam verrinnende Leben.
, </Eas ist nicht meines Amtes!" sagte der aiidere mit derleb den inllen, fast tonlosen stimme.
Ihres Aintes? Ihres Amtes nicht als Arzt7"
.Ern geheimnisvolles Lächeln huscht einen Augenblick über die scharfen Züge:
„Ich 'bin der Tod!"
cwfc, lKeie auf: Ter Tod! Was willst du? Latz mich leben! Ich habe Werb und Kmd. — Geh zu denen, die dich rufen!"
. ""Tie mich am lautesten rufen und begehren, die höre ich "M-.-6u denen aber komme ich, die mich hassen, verabscheuen, mich furchten und von der Welt nicht lassen wollen — das sind meme Auserwähllen!"
„Und darum kommst du zu mir?" rufe ich entsetzt. „Tu kennst mut^ weißt, daß ich leben ivill und daß du mir ein Grauen bist
"Tas lveiß ich! Mer sei beruhigt, noch fordere ich dich nicht m mem Reich! Teure stunde ist noch nicht da —"
Ich atme auf.
'-rrr ^ ^llst du denn von mir?" fragte ich. stl'iwere^Antlch ^ ^ Oeheimuisvolle Lächeln über dieses rätst!.
„Was gibst du mir, wenn ich dich leben lasse?"
f‘)wf H 1 Rätseln, wie du selbst der Rätsel größtes bist!"
Er schüttelte ler,e den Kopf.
r H in Rätsel — nur der gelungene Schluß eines ver
fehlten In ternehm ms! Hör' mich an — du bist in der Stimmung dazu. Steh,^ ich habe meine Lieblinge unter den Meuschau die ™ lr L?uze. Hekatomben ihrer Mitmenschen in die Arinc führen — die Tollkühnen, Iveiche jede Gefahr Verben; die Uuvorsich- L5^^^lche mit nnverwüstlichiem Leichtsinn Gesahreri heranf- beschwören; dre Aengstsrchen, denen Mut und Geistesgegeuivart fthlen, eure drohende Gefahr kurz entschlossen zu ersticken: diie Zauderer, dre vor lauter Ueberlegen zu ftin-em Handeln kommen lönnen; che Neunmalklugen, die jeder/ Gefahr aus.dem Wege gehen wollen und doch! m jede hineintapperr: die und so marJfe ?^ere, das Mw meine besten Freunde, das sind die Lieferanten des Todes Mrt rhnen mache rch gerrr einen Pakt, lasse sie leben, bis sie, satt und übersatt vom Leben, selbst mich! rufen, und sie führen mrr dagegen ihre Opfer scharenweise zu. Ich bestehe auf mernem Schem, aber ich lasse ihnen Zeit zur Erfüllrmg — ich dränge Und-mahne nicht-" ;
«f 11 IvIrten," warf ich bitter ein, „du bist ewig!"
Eine Sekunde schlossen sich die gedankenschweren Augen, ehe er entgenete: 7
,,Ermg? Tu irrst! An dem Tage, an dem der letzte Merrsch oder- der erste Unsterbliche geboren wird, stirbt der Tod —
dos tst der Frerhertsnrorgen für die Welt-"
cm ^6es. banges Schweigen, dann nahnr er wieder das
Wort, mrd rvleder klang seine Stimme wie von west, weit her, ruhrg, still, lerdensckgstslos:
'""E' den^Aichcn.
,Lch )veiß es!" ächze ich.
das unter euch Menschlein eine schände ist, weiß ich
mchit. Mer das werß rch, daß du mein Mani: bist --"
^Und was willst du von mir?" frage ich, mid der Ateni stockt. , Etn kurzes schweigen. Tann klingt die Antwort, düster ui& rnhaltschwer:
• — ^ie Gelegeiihest kommt."
„Meinen Zug!" schreie ich auf. „Meine Pioiüere! Meiire Mteu braven Leute — -
„Ich verlange sie! Sie sirid meür! Und du briirgst sie mir!" „Und wvim ich es nicht Ae?" ruft ich.
>,So stirbst du selbst!"
Qtine Eiseskälte greift mir ans Herz. Turch die kahleir Aeste der Baume rrngsUm singt der Wind das Lied vom Sterbem Meine Augen durrkelii. Ein Gesick-t taucht auf: das zarte Gesicht' einer geliebten Frau. Ms ihrem Schoß zwei Kinder: ein Kuahe und cm klein, klein Mädelchen. Sie lächeln, ivinken:
„Vater, Vater, klomm!"
. Und schwer und schwerer liegt der Tod auf mir. Er drückt den „Atem aus der Brust — es ist das Ende. Mir granst . . . „Wahle! Du oder dein Zug!" ft klingt es mir in den Ohren, das Herz haliimert Ivild, Mid Me Pulse jagen
Elil ZenAergewichit steht Lus meiner Brust. Kein Memzutz mehr moglicht. Nachit vor den Augeii. Und trotzdem —- noch immer fthe rch sre winken, sie, die ich liob chabe: „Komm doch lvitder heiin. Vater! Komme doch!"
Und wieder schrei ich auf:
Ielt>en! ^ ir 9taui m bir! Tu weißt, ich bin kein
„Tu oder dein Zug! Wähle!"
Aus der Tiefe meüres gemarterten Herzens steigt die Ant- wart: „Meinen Zug! Tu svNst ihn haben! Mich gib frei'"
Ta fpeuht die Last von mir; mir lmrb frei und leicht. Tief und lvionuevoU hole ich Mem. Ein Lied klingt in meinen Ohi'en: Es steht ein Baum im Westen'
Mn der Straße nach Paris,


