Die blonde Drossel,
Roman von E. Fahrow.
(Fortsetzung.)
„Bin schwer erkrankt, brauche Dich dringend, nimm sofort Urlaub und komm her. Vater."
Dieses Telegramm kam am nächsten Tage an und versetzte Ruth in große Aufregung und Angst.
Auch Frau Ulrich war sehr erschrocken, aber ihre reifere Erfahrung ließ sie nicht ohne weiteres an die Depesche glauben.
Herr Berber ward durch Telephonruf aus dem Fabrikgebäude zitiert, und er, der ein lebendiges Kursbuch war, erklärte, daß der einzig mögliche Zug nach Dortmund heute bereits abgegangen sei, und daß Fräulein Ruth eben erst morgen früh fahren könne.
„Hören Sie, Berber," sagte Frau Ulrich zu ihm, als Ruth nicht zugegen war, „ich kenne doch meinen Bruder August! Daß der so plötzlich todkrank ist, das will mir nicht ui den Sinn. Wir wollen doch insgeheim an Frau Sebius oder auch an Ihren Gewährsmann telegraphieren und hören, was los ist."
.Hab' £d) schon gleich getan, Frau Ulrich. Als Sie mir am Telephon vorhin sagten, um was es sich handelte, habe ich sofort ein Telegramm an meinen Bekannten geschickt. Wir können die Antwort in ein paar Stunden schon haben."
„Gur. Berber, Sie sind doch eine praktische Seele. Wenn ich Sie nicht hätte!"
Ein solches Lob aus dem Munde der Herrin machte den braven Alten glücklich für Tage.
Freudestrahlend kam er auch um vier Uhr — die Ausfahrten zu dieser Stunde fanden im Winter selten statt — herüber und zeigte die Antwortdepesche:
,Svn Krankheit nichts zu merken. Er ist im Geschäft allerdings beurlaubt, sieht aber unverändert aus."
„Das dachte ich ntir doch?" rief Frau Ulrich, vor sich hinnickend. „Aber Hinreisen muß ich das Kind doch lassen, das geht schon nicht anders. Schließlich — wenn ich es mir recht überlege, braucht das Komödienspiel auch nicht mehr länger anzudauern. Ich will nur abwarten, was er eigentlich von Ruth will, und dann, je nachdem „enthülle" ich mich — oder auch nicht."
Ruth wollte im gewohnten Straßenanzug mit einem kleinen Köfferchen abreisen, aber das war nicht nach Frau Ulrichs Sinn.
Sie holte eilten wundervollen Nerzpelz herbei, der nicht zu weit und altvaterisch gemacht war, und hüllte Ruth hinein.
Um Hals und Hände schmiegte sich kostbarer, silbergrauer Chinchilla. Und „damit es paßte", ließ Frau Ulrich auf der Stelle von ihrem Lieferanten ein ebensolches Mützchen kommen, das entzückend zu dem goldblonden Lockenhaar stimmte.
„Das schenke ich dir im voraus als Weihnachtsgabe," sagte sie zu Ruth. „Natürlich bekommst du außerdem noch nützliche Sachen; du mußt mir einen langen Wunschzettel schreiben."
Ruth betrachtete förmlich ehrfurchtsvoll das Mützchen.
„Das ist ja viel zu kostbar für eine.Gesellschafterin," entschied sie. „Wenn ich mit solcher Ausstattung ankomme, wird Papa denken, daß ich den Verstand verloren habe."
„Du sagst ihm, daß die Sachen von mir sind. Und übrigens verstehen Männer nicht immer etwas von Pelzwerk. — Zeig einmal dein Schuhwerk. Hast du keine derben Stiefel? So wie zum Beispiel fürs Gebirge?"
„Nein, ich wüßte auch nicht, wozu ich die brauche. Es ist doch warm im Züge, auch in der dritten Klasse, und in den Straßen dort brauche ich ebenfalls keine Gebirgsstiesel Liebe Frau Ulrich, bitte, bitte, verwöhnen Sie mich doch nicht so schrecklich."
Mer es half ihr nichts, sie bekam starke Stiefel, als wenn sie nach dem Nordpol reiste. Und die Köchin mußte einen flachen Korb mit Eßwaren vollpacken, so daß es für eine tagelange Reise genügt hätte.
„Die Reise bezahle ich natürlich," sagte Frau Ulrich, indem sie Ruths Geldtasche füllte. „Wenn dein Vater etwa Geld braucht, so gib ihm, was du hast, und' ich schicke dir mehr. Man kann nicht wissen, was die Aerzte für Anforderungen stellen."
So fuhr Ruth endlich wohlversorgt ab, begleitet von Berber, der ihr noch die Fahrkarte zweiter Klasse löste und ihr einschärfte, daß sie „kurz und offen" nach Hause berichten solle.
„Nach Hause!" dachte Ruth mit einem frohen, warmen Gefühl, das sie ganz erfüllte. „Nach Hause! Das ist das richtige Wort, wahrhaftig. Wenn ich an das graue Haus denke und an die Prachlfrau, die dort lebt, und die ich sogar noch „Tante" nennen soll, dann wird mir so zumut, wie ich es mein Lebenlang nicht gekannt hatte. Und ich könnte wie Therese die Arme ausbreiten und sagen: O Welt, — o, Heimat, — o, Vaterland. Ja, Deutschland ist mein Vaterland! Keine eingeborene Deutsche kann es inniger lieben als ich! Und wenn mein Papa etwas dagegen hat, so werde ich mich nicht daran kehren und es nur noch mehr lieben."
20. Kapitel.
Hermann Kürow hatte sich zur Front zurück gemeldet und wartete in brennender Ungeduld auf seine Hinberufung.
Inzwischen hatte er auf anderm Gebiete einen Erfolg gehabt, dessen Größe ihm selbst noch nicht bewußt war.
Die Verbesserungen und Neuerungen, die er bei seinen Chefs in Pankow vorgelegt, waren dort gleich nach seinem Antritt zur Ausführung gekommen.
Aber die Mobilmachung hatte den ohnehin so langsamen Instanzenweg noch mehr erschwert, und es waren Monate darüber hingcgangen — bis die Fabrik plötzlich den Besuch einiger Fliegeroftiziere bekam, die in höchster C


