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Dir -tn-eleqenheit schien doch nicht ganz so einfach LU sein, wie er sich vorgestellt hatte. Aber gleichviel, er mußte nun doppelt eifrig darauf bedacht sein, den Alten ganz aus seine Seite zu bringen, und er lenkte sofort ans sein
^ ,^Wir wollen nun aber bo<f) aus Ihre Erfindungen zurück kommen. verehrter Stockton," sagte er „Es würde mich aufrichtig freuen, wenn ich Ihnen von Nutzen Ktn »Mite Hätten Sie heute Zeit, mich in Ihr Laboratorium zu führen?"
Flugs wandte fid) Slockton seiner Wohnung zu
Wenn dieser reiche, junge Manu, der ihm erschien wie ein Himmelsboote, begriff, was sein Flugzeug bedeutete, dann war ja alle- übrige selbstverständlich, Dann m u n t e ihm Ruth helfen, mußte den Freier aunehmen. der doch etu in jeder Hinsicht höchst prüfen tabler Mann war!
In seinem wirren Denken machte er sich nicht klar, daß es sich hier um ein Verhandeln, um ein richtige- Verkaufen seiner Tochter handelte.
Mit gieller. lauter Stimme schrie der Egoismus in ihm, der ihn von jeher geleitet und beherrscht hatte. Er schrie so laut, daß er stürmisch fein Blut in Wallung setzte und ihn Plötzlich schwankeii nud ai,halten ließ. Das hagere Gesicht
wurde erdpfahl.
Erschrocken griff Rielhting nach seinem Arm.
„Ist Ihnen schlecht. Herr Stockion? WaS haben Sie?" Der Alte atmete einige Sekunden mühsam und mit starkem Geräusch. Dann riß er die Augen gewaltsam weit auf, reckte sich und stand gleich daraus ausrecht und steif da.
„ES — e- ist nicht-," murmelte er. „Eine kleine Vchwächccviwandlnng die Acrtte sprachen non Aderver- kalkung — so etwaS gebt schnell vorüber. Nur die Aufregungen, die vertrage icy nicht mehr so wie früher — habe etwas zu viel davon nt meinem Leben gehabt."
Sie gingen weiter. Riethliug besorgt den Arm seines „künftigen Schwiegervaters" haltend.
„Olle, verdrehte Schraube!" dachte er dabei. „Dich kann
? an nicht gerade eine angenehme Zugabe zur Mitgift deines öchterchenö nennen!"
In der unordentlichen und staubigen Stube, die als Werkställe für Stocktvn diente, waren die Modelle ausgestellt, an denen insgesamt „nur noch eine Kleinigkeit" fehlte.
Diese „Klenngkeit" lvar aber der springende Punkt bei jedem etn-klnen Modell. Entweder lvar eS eine Steuervorrichtung. die „noch nicht ganz" funktionierte, oder es lag am Gewicht, oder an den Naturgesetzen oder an sonst etwas.
Bei alledem verwandelte sich Slockton hier in seinem AUerheiligsten in beinah rührender Weise. Er eilte freudig
« mber. brachte Maschinenteilchen herbei, zeigte den einen lpparal halb, um zu einem andern übcrzusvringen, ließ alles liegen, um zwischendurch von einem Unterseeboot zu schwärmen. daö er herstelle. und das alles glattweg in Schot' ten stellen solle, was eS bis jetzt bei Freund und Feind aab.
Rielhting hatte mit seinen klugen Augen sofort gesehen, daß alles dies nur phantastischer Kram war. Da war nichts wirklich Neues! Und wenn eS etwas Neues war. dann war es „nicht gehauen und nicht gestochen" haltloses, beinah kindisches Zeug
Ein heimliches Mitleid mit dem Alten erfaßte ihn, aber eS ivurde sofort unterdrückt durch die Erwägung, daß er gerade in solch wirr phantastischem Kopf den besten Helfer finden würde.
Nachdem eine volle Stunde alles über ihn hingeströmt war, was Stockion an Vorführungen und an wortreichen Auseinandersetzungen bereit hatte, brachte Riethliug die Rede wieder auf die Hauptsache zurück.
„Sie sagen, daß Sie für alle diese Dinge ein Kapital von mindestens vierzigtausend Mark brauchen. Herr Stock ton?" sprach er. indem er sich, gewichtig sein Notizbuch her- vorzicbend. zurücktehnte.
„Ja. allerdings, das wäre das mindeste! Das ist eine Bagatelle, wohlverstanden, in Anbetracht des ungeheuren Gewinne-, der mir sicher ist! Der Krieg kommt ja gerade hier wie gerufen! Denken Sie doch, das Kriegsministerium wird mir ja sofort diese beiden Apparate hier abkausen wollen AuS den Händen reißen wird man sie mir? Aber Ä ^erde mich hüten! Ich verkausc davon nicht ein einziges Modell, sondent bedinge mir Beteiligung bei den Herstellungen auS!"
,.tTa haben Sie sehr recht, Herr Stockton. das ist «in viel einträglicheres Geschäft. Und wenn die vierzigtausend Mark nicht reichen, so läßt sick) am Ende ja noch über wer, tereS reden. Nur letzt kommt meine Haupffache, Herr Slockton! Sie sind Geschäftsmann und dazu Amerikaner. Sie wissen, umsonst ist nichts in der Welt zu haben."
„Allright, das ist nur recht und billig."
„Schön. Ich will also ganz kürzet, Prozc-ß machen und Ihnen unumwunden meinen Preis sagen: Ich erkläre mich bereit, Ihnen die vierzigtausend Mark vorzuschicßen. wenn Ihr Fräulein Tochter sich mit mir verlobt hat."
Slockton fuhr nun doch empor:
„Aber. Herr Riethliug, ich kann, wie ich Ihnen sagte, meine Tochter doch zu keiner Heirat zwingen? Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter."
„Leider. Aber ich sprach ja auch gar nicht von einer Heirat, sondern nur von einer Verlobung? Verstehen Sie nur so recht diesen Unterschied. Zu einer Verlobung können Sie Ihre Tochter doch ohne Gewissensbisse veranlassen — zu einer Heirat nicht. Und ich verpflichte mich, Ionen die besprochene Summe zu zahlen, wenll lvir verlobt, nicht wenn lvir verheiratet sind!"
Stockton merkte, daß ihm hier ein sehr großmütiger Vorschlag gemacht wurde. Der junge Freier deutete an, daß Rutb, falls sie wirklich eigensinnig bleiben wollte, von der Verheiratung immer noch rechtzeitig genug surücftreten konnte. Deshalb aber brauchte er, Slockton, nicht zu verzichten auf die endliche Erfüllung feiner LebcnSwünsck>e.
Das lvar überwältigend!
Er batte nicht einen Augenblick das Gefühl, daß er ein Unrecht oegehen wollte. So, wie er niemals früher, als er Ruths Jugend und Arbeitskraft so rücksichtslos ausgebentet, sick) klargemacht hatte, daß er niedrig handelte, so wenig kam ihm jetzt eine solche Ueberlegung.
(Fortsetzung folgt.)
Herr Zchellhaa«.
Eine Kindheitscriimerrmg von Louise Schulze-Brück.
Es lvar eine Lieblingsbeschäftigung unserer Kinderzeit, uus auSzudenken, lvelche drei Wünsche wir auSsprechc.:, ivoltten, wem, eine güuge Märck-ensee uns das erstattet hatte. 2« „reinigen waren sehr vmchiccener Art. Eine ^ieitlang wünschte ich mir aufs heftigste, erstens, daß „deine langen Zöpfe, die mir jeden Margen »neuen Aeraer machttn, wenn unsere alte Marie sie eisensest an den 2kvpf flocht, kurz abgesckxritten wären, zlveitens. daß ich cS fertig bräche, ivie der von im3 heiß bewunderte H«ns Spiekermann, ein Butterbrot, das ringsum mü großen fetten Spinnen belegt war, verspeisen )u können, — sie schmeckten lme Nüsse und Rusinen, erklärte Hans lchmatzcnd —' , *m6 drittens, daß ich jeden Tag gut Herrn Sck-ellkias geben dürfte, um sein Mnsikroerk zu hören, von seinen gebackerren Birnen eine zu bekommen und seinen herrlichen Reden m laufdjen. ES kamen baim mich andere Zeiten und andere Wim sch'. Memc Zöpfe sollten nickü inehr abgesckmitten, sondern unr einen Pfeil mir zlvei silbernen Kugeln in crn Nest gewickelt werden. Die neuen Sckrrul^, die Schalster Pe^rberger mir mack-te, sollten eine Handhab höher, mrd das Kleid, daß das bucklige Linettchen für^mick) zureck-rsck-r.eder.e, «ine Hmidbreit länger sein, so daß meine Strümpfe nicht mehr sehen rvaren. ?lbcr wenn die gütige Fee diese zwei Wünsche als einen gelten ließ — was man ja vielleicht l-offtn konnte —, so ioar es noch immer meines HercenS höchste L>ehnsucht. Herrn SchellhaaS möglickffl oft zu bcsuclien und ÄckZaner der Bewilnderung vor seiner Person' zu empftnden.
Die meisten dieser Wünsche nmßtc ich im tiefftcn Herzensgnmd verbergen. Das Abschnciden meiner Zöpfe hatte ick, einmal versucht. dock) hatte mir Marie gerade iroch reckitzeitig die Schere aus der vand gerissen und mich mit allen zeittickjen und Höllenstrasen bcdiohr, ivenn ich sowas nochmal pwbicren würde. Tos Spinnen- butterbvodessen komrte ick» nicht lernen, tveil ich einm unüber- n-indlichen Abscheu gegen Spinnen hatte. Einen silbernen Kugel- Pfeil erklärte meine Mättter für unkindlich und geschnrackloS, gegen Hobe KnopMcfel verhielt sich Schifter Peerbergcr entschieden ablehnend, und über das längere Kleid ivar das ^inettchi, in philosophische Belrackmmgen geraten, die mit dem ylusspruch schlossen, daß ich noch zeitig genug lange Kleider träger, könne und noch einmal mit blutigen Tränen die .Zeit der kurzen lxrbeiweiii«r würde.
Und auch Herr SchellhaaS war ein mrr selten erreichbarer Gegenstand der Beivuneerung. samt seinein Dktsikwerk. seinen gebackenen Binren und seinen herrlichen Flieden. Herr Schell baaS bieß im allgenreincn Meister ScheNliaas. Aber seit er meiner Mutter' rnimal LterNütten Blicks und nril nicht mißznVentebor- der- Teittickkeu caiseinandergese^t hatte, daß die Trau Landrätftr, )v,'icke, „mm doch einmal wzukaaen offiziell nicht mrr die vor»


