Ausgabe 
21.7.1917
 
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Die blonde Drossel,

Roman von E. F a h r o U>.

(Fortsetzung.)

In Berlin, als sie bei Gelegenheit einer geschäftlichen Angelegenheit mit Therese in einem Weinhause der Leipziger Straße gespeis^ hatte, da war Riethling, der am Nachbar tische sa»; und Therese scholl vorher begrüßt hatte, beim Fort gehen heraugekommen und hatte sich vorstellen lassen. Eine ganz flüchtige, formelle Begegnung also: aber doch war Fran­ziskas Eharaktertopf in seiner Erinnerung hasten geblieben, und im Weiterschreiten sagte er zu Stockton:

"Das war Ihre Chefeuse, nicht wahr? Sieht schneidig aus: aber nicht sehr liebenswürdig."

Liebenswürdig? Sie ist das männlichste Frauenzim­mer, das mir in meinem Leben begegnet ist! Hat einen Kopf wie der geriebenste Kaufmann, weiß es aber auch! Es ist das*-- Widerwärtigste, was mir passieren konnte, daß ich in meinem Alter gezwungen bin, mich unter ein Weiberregiment zu ducken."

Nun, Herr Stockton, wenn Ihre Erfindung wirklich eine ?o hervorragende ist, dann werden sich ja auch Mittel urid Wege finden lassen, um Sie aus dem unwürdigen Joche zu befreien."

Dann müßte ich endlich einmal in meinem Leben das verdleiue Glück haben! Aber, Herr Riethling, wo werde ich denn! Hundertmal schon schien mir das Glück so nah, daß ich es greifen zu können glaubte. Und jedesmal war es eine Täuschung. So geht es jachen meisten Erfindern!"

Den meisten Genies!" verbesserte ihn Riethling, der gestern abend die Bekanntschaft mit Ruths Vater gemacht hatte.Ich sagte Ihnen ja, Herr Stockton, daß ich ein Mem'ch bin, der sich für Außergewöhnliches interessiert. Wenn ich Nicht schon ohnehlil ben Wunsch gehabt hätte, Sie kennen zu lernen, so würde ich diesen Wunsch doch in dem Augenblick bekouliuen haben, wo ich von Ihrem Flugzeug hörte."

Sie hörten davon - in Berlin, sagten Sie ?"

:föa, imb zwar auf Umwegen Ihre Tochter, die ich

uebe, wie ich Ihnen ganz offen bereits gestern anvertraute, nlup, ivohl von Ihren Erfindungen gesprochen haben - wer will die Wege verfolgen, auf denen solch ein Thema zuletzt einem zu Ohren kommt! Jedenfalls vernahm ich von Pro­jekten und auch davon, daß sich noch niemand gefunden hat, der Ihnen hilft, sie zu verwirklichen. Deshalb verband ich eine Reise in die .Heimat mit diesem kleine;! Abstecher hier­her, und da bin ich nun und brenne darauf, Ihre Mo­delle zu sehen."

Stockton harte den Hut abgenommen und ftlhr sich auf­geregt^ durch die spärlichen Haare.

Jhur war so heiß und beklommen vor Glück. Sollte es denn endlich möglich sein, sollte der Traum Wahrheit werden?

Aber er besann sich, daß ja wieder Ruths Person hier

mit hineinspielte gerade wie damals mit Wecker, als er NA, bereits darauf gefreut hatte, der Schwiegervater des Millionärs zu werden. Er besann sich auf seine Würde und fragte von obenher:

Sie lieben meine Tochter, sagten Sie. Aber Sie können Uch denken, daß ich jedem Freier meines Kindes gegenüber lehr vorsichtig und genau sein muß. Meine Tochter wird eines Tages, durch meine Erfindung, sehr vermögend sein. Deshalb ist ja auch jeder Vorschuß, den ich jetzt brauchen würde, nur ein ganz kurzer, geschäftlicher Uebergang. Also Ruth macht Ansprüche, und das kann sie auch. Was hätten Sie meinem Kinde für eine Zukunft zu bieten?"

Durch Riethlings Kopf blitzten die Summen aus Frau Ulrichs Testament, und er sah das große Haus in 'der Friedrich-Allee vor sich auftauchen.

Fräulein Ruth", sagte er,wird eines Tages in Ber­lin in einem vornehmen, großen Hause wohnen, sie wird zahlreiche Dienerschaft und ein Auto für ihre persönliche Be­nutzung haben, sie wird Frau Geheimrat Riethling heißen und von mir, ihrem Gatten, auf Händen getragen werden."

Hm, hur Ihre Vermögensverhältnisse sind also gute und gesicherte?"

"Sie sind so gesichert, daß nicht der leiseste Anlaß vor- liegt, daß sie sich jemals ändern werden," antwortete Heinz sophistisch.Uebrigens wird Ihnen der Name des Vor­tragenden Rats im Ministerium von Waklien vielleicht be­kannt sein. Das ist mein Oheim, er war nrein Vormund und Nt jetzt mein Erbonkel außerdem besiehe ich monatliche Renten aus Familienstiftnngen, die nie geschmälert werden können."

J3o, so Nun, das ist ja ganz nett alles. Aber ich kann doch natürlich meine Tochter, wenn sie auch noch nicht mün­dig ist, nicht zu einer Heirat zwingen. Haben Sie denn mit Ruth bereits gesprochen?"

Riethlings Gesicht wurde so feierlich und bieder, lvie es um Anno 1830 am Platze gewesen wäre.

Ich hielt es für richtig," sagte er gemessen,mich vor allem an den Vater des teuren Mädchens zu wenden. Habe ich Ihre Zustimmung, dann werden Sie ja gewiß auch die richtigen Wege wissen, um mir Fräulein Ruth günstig zu stimmen."

Stocktou warf sich in die Brust:

Wir wollen sehen, was sich machen läßt. Das törichte Mädchen hatte da allerdings eine kleine Herzcnsverirrung angefangen - ich glaube, es war nichts als eine Tändelei, wie sie Backfische betreiben ein Ingenieur, der jetzt im Kriege ist .Doch ein Machtwort von mir wird da genügen! Ich lasse nicht mit mir spaßen, wenn es gilt, ernst zu machen."

Riethling empfand einen gewaltigen Stich bei dieser un­erwarteten Mitteilung.

So also lagen die Dinge?

. Deshalb hatte er, der Herzensbezwinger, bei Ruth keinen Erfolg gehabt?