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Abschi edsfeier nach Haus geVonrmeir und an tiefen Meiderhalter gestülpt worden war, war eine eiidlos lange Zeit vergangen, ohne daß eine Hand ihm lrebkoserck den glänzenden Biberpelz glatt- ^strichen hätte, ohne daß er die gewohnte Morgenspazier fahrt «irch die Straßen nrachen durfte. Tenn er ging selten, er fuhr Nur. Nun oder hing er und fein und leise senkte sich der Staub Ack seine glänzende Außenseite. Und der Zylinder verfiel in den Zustand aller vereinsamten Leute, er begann zu grübeln.
Seltsam — dachte er — ganz seltsam, Welch eine Zeit herrscht heiute, daß man mich vergessen tonnte, mich, deir Freund der Aristokraten. Ob es U-ohl meinesgleichen ebenso geht? Ob sie am Errde eine neue Made aufgebracht haben? Wie, oder ob es noch «twaS Vornehmeres gibt als meinesgleichen? Wenn ich doch wenigstens noch einmal eine Spazierfahrt durch die Stadt machen rönnte, UM zu sehen, welche Mode heute herrscht.
Ta kam ein unerwarteter Gast, der Helm am Kleiderstarider, zu Besuch. Tie Begrüßung zlvischen den beiden sehr verschiedenartigen Leutchen fiel, wie man sich denkerr kann, zuerst sehr kühl und mißtrauisch aus. Ter Zylinder war höflich und distin». gUrert, wenngleich es ihm scheußlich peirrlich war, daß ihn der Staub eines langen Wartens und Grübelns bedachte. Aber der Helm sah durchaus nicht sauberer aus. Nickst allein, daß Staub und Sckrveiß ihm alles Glänzende genommen hatten, er war auch rwch, Und das zeigte der Helm sogar mit einem gewissen Stolz, durchs löchert.
„Wie?" räusperte sich, der Zylinder höflich-erstaunt, als sie deshalb ins Gespräch gekommen tvaren „ist denn die neueste Mode, äh, ein Hut, der durchlöchert ist?"
„Versteht sich, Kam'rad'" schnarrte der Helm, „mit oder ohne Löcher, ganz gleich, aber ein Helm muß es sein — Zylinder — heute durchaus unmodern."
Dem Zylinder gab es' einen Stich'!. Das Wort „unmodern" war für ihn der Ted, und er hätte gern dem derben .Helm — recht von eben herab — eine Abfuhr erteilt. Aber er besann sich, daß er ja bestaubt und aus^ der Mode gekommen war. Er fragte also etwas Unsicher: „Seit wann, wenn ich fragen darf, hat sich dieser Geschmacksunfug, ah, Umschwung vollzogen?"
„Seit dem Krieg!" grunzte der Helm.
„ ^ „Krieg?" säuselte enffetzt der Zylinder. „Tas ist ja entsetzlich Und davon toeiß ich gar nichts."
„Hm!" brummte der Helm und rasselte unruhig mit der Schuppenkette. „Was sollen .Sie vom Krieg wissen, Verehrte ster? Erleben muß man das, mit dabei sein Tag und Nacht — und darrn selbst ein paar Kugeln abbekommen — Und dann kann man davon reden." Er verfiel in ein dumpfes Brüten.
„Aber warum schweigen Sie, lieber Freuird?" begann der Zylmder wieder, „glauben Sie, das interessiert mich. Werrn man, wie ich,, yo monatelang abgeschnitten von aller Welt seine Tage verbrirrgen muß — reden Sie, erzählen Sie!"
„Hnr!" sagte der Helm, „ich habe nur kurzen Urlaub, aber werm Lie's interestiert, will .ich erzählen."
Und er sPracks von seinem Auszug in Feindeslalld, von Kämpfen Und Schlachten, von schweren Tagen und siegreichen Stunden. und während der Helm erzählte, schien es dem Zylinder plötzlich als ob der alte Helm irr neuem Glanze erstrahlte, oder war es nur die Mittagssonne, die einen heiligen Schein auf die Pickelhaube warf? Ter Helm erzählte von rnorgerrs bis abends, und dann wieder ben nächsten Tag von morgens bis abends und so fort, bis sein Urlaub herum lvar. Der.ZylUcker aber hatte wie gebarmt all diesem gelauscht, seine Eitelkeit ivar zUsamm engefchrnnipft, eine ungeheure Hockmchtung erfüllte ihr: vor dem glücklicheren Nachbar.
Als die Abschiedsstunde schlug, wmren sie Freunde geworden
„Nun wollen Sie wieder hinaus?" fragte der Zlstinder. r „Bis der Friede erkämpft sein wird." sagte kurz der Helm.
„Und dann?"
. Helm lächelte. „Wird es an Ihnen sein,
menr Werk fortzu setzen. Wollen Die das?"
„Tas will ich, —" gelobte der Zylinder. „Ich werde also dann wieder Mode werden, glauben Sie?"
„Glauben? Tas weih ich!" rief der Helm zuversichtlich. -„Warten Lre auf mich, lieber Freund, wenn ich wiederkomme, wird Ihre Zett kommen. Gott befohlen."
Seitdem hängt der Zylinder wieder allein an seinem Kleiderständer.
Tie Zeit vergeht langsam — langsam. Mer seltsam, der Zylinder empfindet nichts mehr von Langeweile, von Müdseiu Er ack>tet nrcht des Staubes, der sich aus ihn legt. Er denkt an seinen Freund, den Helm, den er draußen in der Schlacht weiß, er träumt von feineil Tagen voll Not und Sieg und, indem er still und ge-;
Wiedeikehr seines Freundes harrt, bereitet er sich aus fern Werk vor, das würdig sich den kühnen Taten des Helms emtofnt soll, das Friedenswerk.
Eriitefrenden und Erntefeste vor 1Q0 Zähren.
3n diesen Tagen des zuversichtlichen Höffens auf die kom- toenbni Erntezeit ist es von besondere,ir Interesse, an die über alles Erwarten glänzende Erfüllung zu erinnern, die deir Erwartungen emer glliclllchen Ernte vor getan Jahrhundert beschieden
war und die damals das dentschc Volk von drückender Sorge befreite. Tie schlechte Ernte des Jahves 1816 hatte die letzten Monate vor der Ernte 1917 in manchen deutschen Gegenden, vor allem in den Rheinprovinzen uick in Westfalen, zu einer wahren Leidenszett für die betrofferle Bevölkerung gestaltet, an der selbst das Eingreifen des Königs Friedrich Wilhelm HI., der Kr Mhilfe des Kornmangels in Westdeutschland zwei Millionen Taler ausgeboten hatte, eine für die damalige Zeit ganz stattliche Summe, recht wenig hatte ändern können. So lvarckte sich denn naturgemäß alle Hoffnung der neuen Ernte zu, von der man sich, da das Getreide allenthalben sehr gut stand, eine reich Ent» schädigung für die zu Ende gehenden Tage schlimmsten Mangels versprach. Ter Juli zog ins Land mrd mit ihm ein Erntesegen, der alle Erwartungen überttaf. Zeitungsberichte aus jener Zeit, lassen ims einen Einblick tun in die Erhebung der Gemüter, die in förmlichen Volksfesten ihren Ausdruck fand. So meldet ein Berichterstatter aus Frankfurt a. M. unterm 8. Juli: „Gestern war ich Zeuge einer -Feierlichkeit, wie man sie in Frankfurt vielleicht nie -oder wenigstens seit undenklichen Jahren nicht sah." Und er schildert dann in lebhaften Farben, wie es in den 'Straßen der alten Goethestadt irr den Nachmittagsstunden von Menschen wimmelte, die in Festtagskleidern hinanszogen vor das Stadttor, denn es war kund geworden, daß der erste beladene Erntewagen, der des Frankfurter Bürgers mck Gasthalters Schmidt, in feierlicher Weise ein ge holt lverden solle. Etwa Um 5 Uhr kam der Wagen ans dem Kornfelde heransgefahren inmitten einer Schar von Schnittern und Schnitterinnen, die Erntelilcker sangen. Er war von sechs prächtigen, mit Bändern und Blumeii geschmückten Pferden gezogen und mit Girlmcken vor: Kornblumen mtb Fekd- blnmenstr außen geschmückt. Ans der Vorderseite prangte der Frankfurter Adler und eine Anschrift, lautend: „Ties geschehet Gott zu Ehren, weil er uns will reich ich nähren." Ein anderer Spruch auf der Hiltterseite lautete: „An Gottes Segen ist alles gelegen." Aut Stadttore war eine Musikkapelle ausgestellt, die beim Nahen des Wagens ihre Weisen erschallen ließ. Tann setzte der Chor der versammelten und spalierbildenden Schuljugend ein, und brausend ,,'.aD Pl ,(&<$ aoq nr upM": ßvq M ^?noM
In feierlichem Zuge ging es'hieraus unter Msrngen von Hymnen bis vor die St. Katharinenkirche, wo eine mit Blumen geschmückte Tribüne war, aus der der L>enat der Stadt Frankfurt Platz genommen hatte. Es war ein die Herzen mächtig packender Anblick, wie die ungeheure Volksmenge, die den Platz dicht füllte und auch alle Fenster und Balkons der umliegenden Häuser mit Beschlag gelegt hatte, begierig war, an der Weihe der Feierstunde teil zu nehmen, der ein Geistlicher durch eine festliche Ansprache besonderen Ausdruck verlieh. „Fast kein Auge blieb tränenleer," so berichtet der Korrespondent, dem wir die vorstehenden Einzelheiten verdanken, wörtlich, „jeder beeiferte sich, eine Aehre von dem Wagen IM erhalten, um dieselbe als Andenken überstand euer Not für seine Nachkommen auftnbewahven." Nachdem der Geistliche gesprochen hatte, stimmte die Versammllmg das Lied „Nun danker alle Gott" an. Tann fuhr der Wagen, während die Menge Volks sich teils zerstreute, teüs ihn begleitete, nach Hause. So endete vor 100 Jahren das für Frankfurt so denkwürdige Fest des Einbringens des ersten Erntesegens. Aus anderen Städten Westdeutschlands wurden ähnliche Mnckgebungen gemeldet. Sehr feierlich muß es u. a. in Kreicznach zugegangen sein. Unterm 3. JUli 1817 wird von dort geschrieben: „Tiefen -Abend Um 5 Uhr sind die zwei ersten Wagen voll Frucht — es war Wintergerste — nach Hause gefahren worden. .Während uns eben noch die traurige Nach richit von 14 verlmngerten Menschen lNiederbengte, während Wagen mit Brot vom Rhein und -von hier aus den unglücklichen Wald- und Gebirgsbewohnern gesandt werden ^habenwir nun die Freude, daß die Ernte beginnt. Gott allein die Ehre! Es war ein Volksfest. Die Glocken aller Kirchen wurden -geläutet, ein ganz freiwillig und aus Neigung zusammengttretenes MuMorps führte.die beider, geschmückten Wagen zunr Stadttor herein und durch alle Straßen. Festlich gekleidete Leute ans allen Ständen kamen ihnen entgegen und gingen von da in die Kirche." Spweit die an sich schmucklose und schlachte Berichterstattung der Zeittmgen aus dem Jahre 1817 erkennen läßt, nahm das Volk in allen seinen Schicksten an diesen Erutevolksfesteii überaus innigen Anteil, den man versteht, wenn man die Leiden ans den mannigfachen Meldungeii verschiedener Gegenden Deutschlands hat kennen lernen, die dern neuen Entte- segeu vorausgegangen Waren. Westdeutschland war es, wie schon erwähnt, ill erster Linie, das von der Getreidenot schwer heimgo- fircht war, wahrend Ostdeutschland durch seine Kornkammern gilt versorgt erschien. Die Getreidetransporte nach dein Westen erfolgten damals zu Wasser: aus der Ostsee in die Nordsee, und es kennzeichnet so recht die primitiven Transportverhältnisse der Zes) tm- 100 Jahren, wenn es an einer Emdener Notiz vom 7. Juli 1817 heißt: „Wir haben hier eine Erschnuung fast ohne Beispiel gehabt, währelld der Monate März, Llpril und Mai nltr 3 Tage Ostlrind zu üjaben. Die Alrknnft aller Getreidetrailszwrte aus der Ost- in die ?Nordsee ist hierdurch ailßerordentlich verspätet lvord-en."
Vermischtes.
* Z ur Eier kon se rv i e rnn g enrpfiehlt eine Gießeiler Hausfrau folgendes Mittel.: Die saul>er gelvnsck>euen Eier werdeii


