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Kanonendonner, kein Heulen von Granaten mehr hören? Mehr als einmal schon war Therese mit den Sanitätern in gefährliche Nähe der Front gekommen, und sie kannte das Pfeifen der Geschosse aus eigenster Erfahrung.
Sie versuchte, indem sie die Augen schloß, sich einen der Nachmittage vorzuzaubern, die sie so besonders gern hatte, Nachmittage, die sie bei einer alten Patentante auf dem Lande verlebt hatte. Die saß dann mit ihr in dem schönen alten Garten auf einem runden Rasenplatz, der eingefaßt war mit Rosenstämmchen. Und der Duft von gutem Kaffee und frischgebäckenem Kuchen stieg von dem 'blütenweiß gedeckten Tische auf, und ein Frieden und Genügen lag über der ländlichen Welt, die sie unbeschreiblich glücklich gemacht hatte.
Würde es jemals wieder so werden?
Sie fuhr zusammen, als eben jetzt ein surrendes Geräusch aus der Lust herabtönte. Ein Flieger sauste dort unter dem grauen Himmel vorwärts; vielleicht flog er geradewegs in Tod oder Gefangenschaft hinein.
Aber dann raffte sie sich empor, und ein tiefer Atemzug hob ihre Brust: Ueber alle Erwartung herrlich war ja bisher Sieg auf Sieg erfochten worden! Und daheim im Vaterland läuteten die Siegesglocken, und die deutschen Fahnen wehten von den Häusern.
Und plötzlich stimmte sie halblaut ein Lied an, das sie von jeher gern gehabt, noch bevor es so windbrautschnell volkstümlich geworden war, wie jetzt.
„Stolz weht die Flagge Schwarzweißrot."
Und sie hatte kaum begonnen, da stimmten die ernsten, bärtigen Männer ein, nicht durchaus melodisch, aber alle mit heller werdenden Mienen,
Und dann hielt der Wagen an vor einer großen Halle, die hier in günstiger, geschützter Lage aufgerichtet war: eine Halle für Flugzeuge, mit anschließender Schmiede und „Werkstätte für Flickarbeit", wie in großen Buchstaben in Kreide zu lesen war.
„Hier werden Flugzeuge repariert," sagte der Ober- Mbsarzt, „aber hier wird auch noch mehr geleistet. Und ich möchte einen Blick hineintun, weil da ein junger Bekannter von mir am Werke ist. Lange werde ich mich nicht aust- halten."
Er stieg aus und verschwand hinter dem Eingänge.
Nach etwa zehn Minuten kam er wieder heraus, begleitet von einem hochgewachsenen Feldgrauen, bei dessen Anblick wiederum Therese im stillen ausrief: „Gibt es einen Zufall?"
Denn der da eben herantrat und die Anwesenden, auch sie, mit freundlichen Worten und Händedrücken begrüßte, war kein anderer als Hermann Kürow, der Ingenieur, der hier mit wichtigen Neuerungen an den Maschinen beschäftigt war, nachdem er durch eine leichte Verwundung am Fuß vor kurzem aus der Front fortgemußt hatte.
„Herr Kürow!" rief Therese aus. „Welch ein Wiedersehen! Erkennen Sie mich denn eigentlich?"
. . sagte er lächelnd. „Sie sind Ruths große Freun
din, Fraulein Berber, nicht wahr?"
„Schwester Therese, unser Stolz!" setzte der Oberstabsarzt hinzu, indem er einstieg. „Lieber Kürow, es ist famos, was ich gesehen habe, aber jetzt dürfen wir uns nicht eine länger aufhalten. Auf Wiedersehen, sobald es irgend geht. Vorwärts, Unteroffizier!"
Therese wäre gar zu gern noch geblieben, hätte wenigstens Wrochen^ ihr so sympathischen Riesen ge-
* «. ?l er f [ e konnte nur noch zurücknicken, denn der Fahrer Mb schon den erhaltenen Befehl ausgeführt, und Hermann Kürow verbeugte sich vor einer dicken Staubwolke, die sich hinter dem grauen Ungetüm von Kraftwagen wirbelnd erhob
iv. Kapitel.
D^uziska Sebius ging, leise pfeifend, mit vergnügte Miene durch chr großes Glaslager.
fcv* a? k gute, vermehrte Einnahmen gk
da sre nnt Heeres referungm beschäftigt war. Auc ^efteUrfad)e, persönlich zufrieden zu sein, denn di Siege^nachrichten gingen ihr ins Blut wie reiner Wein un belebten alle ihre Seelenkräfte. Sie wirkte in der Stille tag m/s !! sandte unaufhörlich Liebesgaben ins Fel
Richtungen^hin^^O^^ bll Beiträge nach den verschiedenste'
Längst hatte sie in ihrem Hause Einouartierung voi
Landwehrmännern und auch zum Teil genesenden Verwundeten. Und wer sie nicht kannte, hätte ihren durch den Kneifer- funkelnden Augen nicht so viel Liebe und zarte Güte zugetraut, wie sie in dieser Prüfungszeit entwickelte.
Dabei leitete sie mit gewohnter Umsüht ihr Geschäft und hielt alle Fäden in ihrer kleinen, festen Hand.
Daß Herr August Stockton ihr eine besondere Hilfe werden würde, hatte sie nie erwartet; sie war also auch nicht enttäuscht, als sie sah, daß ihn der Krieg vollkommen unberührt ließ.
Was ging ihn der Krieg an?
Er hatte sich nach und nach so fest hineingelebt in seine amerikanische Maske, daß er gleichgültig und erhaben nur zuhörte, wenn der Stammtisch kannegießerte.
Einmal hatte ihn Herr Wecker ganz bissig gefragt, ob er denn „als Amerikaner" ebenfalls ein ergebener Vasall von England sein und es für „ehrliche Neutralität" hielte, an England und Frankreich Waffen und Munition zu liefern?
„Was? Das tun wir?" hatte er ahnungslos gefragt.
„Nck, Herr Stockton, lesen Sie denn gar keine Zeitungen?"
„Nein, das tue ich aus Prinzip nicht. Die deutschen Zeitungen sind doch allesamt Käseblätter."
„?lch, was Sie sagen! Es gibt vermutlich wirkliche Zeitungen nur in Amerika? Nun, dann lassen Sie es sich also A.ewgt sein, daß Ihre lieben Landsleute sich in der lächerlichsten Weise von England Vorschriften machen lassen, und daß ganz Amerika vor England automatenhaft dienert und knixt."
auf den Tisch schlug.
Dieser Ausbruch kam so unerwartet, daß die ganze Tafelrunde erstaunt zusalumenfuhr.
.„Hol sie der Henker!" schrie Stockton noch einmal. „Das ist eine Gemeinheit, wenn es wahr ist!"
„Es ist wahr. Also Sie lieben England nicht?"
. u Herr August Stockton so ergiebig und kunst
voll über alle Anwesenden hinweg bis in die hinterste Ecke befände er sich noch in Buffalo und säße zwischen Pferdeknechten.
r "? T0 I t! r / ibm sein Gegenüber zu, indem er das Glas lachend erhob Es scheint also doch Ihr deutsches Blut noch Nicht ganz erloschen zu sein.^
Alle tranken mit, nur Herr Wecker nicht. Er trug seinen Groll gegen Ruth so wohlverstaut im Herzen, daß er auch gegen deren Vater nicht anders als feindselig empfinden wimte. Durch Frau Sebrus hatte er vernommen, daß es Ruth vortrefflich ging, und daß sie ihre „Undankbarkeit" gegen Wecker nrcht im Mindesten zu bereuen brauche
Der alternde Seladon mußte wohl oder übel fertig wer- den chU den Gluten, die in ihm aufgeflackert waren. Er tat es mit sauersüßer Miene und glaubte, die Welt ahne nichts von alledem. Dennoch war etwas von seinem vergeblichen Johannistrieb unter die Leute gedrungen, und er hatte es ?^.ben überwältigenden Zeitereignissen zu danken, daß trotzdem diese für eine kleinere Stadt so interessanten Dinge letzt ganz vergessen waren.
an dieser Tage, daß Frau Sebius zu
nach Feierabend Herrn Stockton auf der schon herbstlich kahlen Promenade begegnete. Er war begler- tet von einem ungemein eleganten, schlanken, jungen Herrn,
St°ckt°n!wch^Egrüßt^^ °” fa * U " b bQ " n ' ^^eich mit
i ntte j! e d°ch diesen bildhübschen Menschen schon ,^^ben? Sle besann sich, blickte sich sogar unerhörterweise iwch emmal nach ihm um, konnte aber nicht darauf kommen (Fortsetzung folgt.)
owei zreunoe.
Modernes Märchen von Paul Alexander Schettler.
« Zylinder und ein Helm schlossen Freundschaft miteins ^ an em und demselben Kleiderständer, freilich
nur eine kurze Zeit, aber diese genügte, unr ihnen eine gegenseitige Zuneigung zu erwecken. Noch vor kurzem hatte den Zylinder die -nnsam^rt geplagt, zun: ersten Male chatte er in seinen: Leben o etwas wie Langeweile gespürt. Er War gewiß nicht verwöhnt, er kannte zum Lterben langweilige Gesellschastsabende. Er hatte i^^Aen und Bestie hinter sieh Hoheiten und Begräbnisse, Gelegenheiten, die eben nur ern Zylinder mit heroischem Gleichmut zu ertragen vermag. 9lber seit er mm letzten Male von einer


