Die blonde Drossel
Roman von E. Fahrow.
Gortsetzimg.)
Glück hatte der schöne Riethling auch jetzt wieder. Denn schon am nächsten Tage, als er nachmittags bei Kurzins saß, erschien Frau Ulrich wieder bei diesem und wünschte nunmehr ihr Testament zu notarieller Form aufnehmen zu lassem
Es wurde ein Zeuge herbeigel>olt, ein Kaufmann, der in der Nahe wohnte, als zweiter Zeuge diente der Referendar Heinz Riethlntg. .
Und so erfuhr dieser nochmals bis in alle Einzelheiten hinein, was er vorher schon erlauscht hatte. Seine gute Laune wuchs mit Riefeugeschwindigkeit. Die alte Ulrich war ja noch viel reicher, als er gewußt hatte!
Ein weiteres Glück war es, daß der Monats-Crstc wieder herannahte und er nun Geld genug hatte, um eine kleine Reise uitternehmen zu können.
Bei den, Justiz rat erbat er sich einige Tage Urlaub, um nach der Heimat reisen zu können, wo ihn hochwichtige Besprechungen erwarteten
Und am nächsten Tage stieg er in Dortmund in einem der ersten Hotels ab und wunderte dann sogleich auf das Wohaungs Meldeamt, um sich zu vergewissern, wo Herr jölugust Stockton seine Wohnung und demnach auch sein Laboratorium ansgeschlagen hatte.
17. Kapitel.
„Gibt es einen Zufall?" nturuieUe Therese Berber, als sie in einem Etappenlazarett im Westen unter den Leichtverwundeten auch einen Vizefeldwebel traf, der unverkennbar Herr Amadeus Kirchler war.
i Gr erkannte sie nicht sofort, weil er in einem durch Morphium herbeigesührten .Halbschlummer lag; inan hatte ihm eine schmerzhafte kleine Operation am Kopse dadurch erleichtern wollen, und Therese dankte im stillen dem Stabsarzt für diese Zartheit.
Sie wollte um keinen Preis von dem tapsern Photographen erkannt werden, denn zu genau war ihr das letzte Gespräch mit ihm im Gedächtnis geblieben.
Flugs ging sie, nachdem sie den Assistenzarzt, dem sie half, bis zur letzten Lagerstatt begleitet, wieder hinaus und eilte zu dem guten, granbärtigen Oberstabsarzt, der sie schon seit Wochen kannte und schätzte.
_ „Nun, Schwesterchen, was gibt's denn?" fragte er sie. „Sie kommen ja angeschossen wie eine Granate."
„Bloß nicht so explosiv!" antwortete sie. „Ich habe eine große Bitte, Herr Oberstabsarzt! Sie fahren doch jetzt weiter, nickst wahr? Und Sie sagten mir doch, daß drüben in dem Senchenlazarett nock) Hilfe fehlt?"
,£jto, Schwester, das habe ich wohl gesagt. Aber der Dienst ist dort noch anstrengender als hier. Und Sie haben schon das Menschenmögliche geleistet."
Therese machte ihre hübschesten Augen.
„Ach, bitte schön, Herr Oberstabsarzt, nehmen Sie mich doch mit. In Ihrem Auto ist ia noch Platz. Ich möchte so gern bei den Typhuskranken Dienst tun."
„Sie sind ein Prachtkerl, Schwester. UebrigenS, wenn Sie auch ein bißchen blaß geworden sind, Kräfte haben Sic wirklich noch mehr, als die meisten Ihrer Kolleginnen. Also kommen Sie nur, ich nehme Sie mit."
„Dem Himmel sei Dank?" dachte Therese, als sie -wischen den bis an die Zähne bewaffneten Männern dahin fuhr. „Lieber will ich Todkranke pflegen, als dem liebecrsüll ten Fachgcnossen begegnen! Das fehlte mir ja noch!"
Aber Therese wußte nicht, daß sie einer kleinen Un annehmlichkeit ausgewichen war, nm viel schwerer wiegenden Schicksalsfügungen entgegenzugehen.
Aus der Fahrt wurde kaum ein Wort gesprochen. Alle diese Männer hatten zu viel des Furchtbaren in den ver gangenen Wochen gesehen, um Lust an überflüssigen Ge sprächen zu haben. Wohl kannten die erfahrenen Aerzte die Schrecken des Todes schon lange Jahre gar genau. Aber nicht so oft und so in Massen hatten sie das junge, frische Leben dahinströmen sehen, wie hier.
Ernst blickten alle diese Augen, fest geschlossen blieben die Lippen unter den wieder zu Ehren gekommenen Vollbärten. Und Therese hatte Zeit, nachzudenken, was auch ihr seit vielen Wochen nicht vergönnt gewesen war.
Ihr frohes Lachen war verstummt. Doch das liebe, aus richtige Lächeln, der sonnige Ausdruck in ihrem Gesicht, der war geblieben, und der war schon unzählige Male eine bessere Arznei am Wundbett gewesen als alle die herrlichen und erprobten Mittel, die mit so großer Sorgfalt angewandt wurden.
Manch junges Augenpaar hatten Thereses weiche Hände schon zugedrückt, und manchen Seufzer, viele letzte Grüße ausgeschrieben, die dann in die Heimat geschickt wurden.
Sie selbst hatte nur ganz wenige Postkarten nach Hause geschrieben. Auch bezweifelte sie, ob diese angekommen waren, denn bei dem rasenden Ansturm der ersten Zeit, noch bevor die ungeheure Maschinerie der Feldpost regelrecht funktio^ nierte, konnte man nicht auf allzu pünktliche Erledigung rechnen.
Die Fahrt ging jetzt durch einen Wald, der schon tief in herbstliches Bunt gekleidet war.
Die farbenfrohen Augen der jungen Schwester glitten genießend über alle die unglaublich verschiedenen Töne von Goldgelb und Bronzetinten hin. Und tief sog sie den eignen Duft des vermodernden Laubes ein, der sich mischte mit dem würzigen Hauch von Pilzen und letzten Blumen.
Das letzte Mal war sie im Walde gewesen damals mit Ruth zusammen, als sie die Aufnahme von den Rehen gemacht hatte.
Wie lange, unendlich lange das her war!
Würde denn jemals wieder dieser fürchterliche Lärm
Schlachten verstummen? Würde man einmal keinen


