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Montag, den 16 . Zull
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dazu
Die Monde Drossel.
9bwna nt von E Fahrow.
(Fortsetzung.)
Frau Ulrich sah, daß sie litt, aber sie schwieg absichtlich
Mochten die jungen Leute siel) allein zurechtfinden, es tat nicht gut, sich da ungerufen einzumischen.
Dabei wuchs ihre eigne, zärtliche Zuneigung zu ihrer Nielite alle Tage. Mit ihrem klaren, einfachen Verstände hatte sie Ruths Charakter balo völlig erkannt, und was Berber ihr gleich in den ersten Tagen gesagt, fand sic mehr und mehr bestätigt: In Ruth waren eine Menge einzelner Zuge, die sie uon ihr, der Schwester des Vaters, ererbt zu haben
Das machte sie ihr noch, teurer; denn die schlechtesten Züge wareii es gerade nicht, die sic da bemerkte.
Al- sie eine solche Andeutung Berber gegenüber lcutt- werdeu ließ, zog dieser ein noch verdrießlicheres Gesicht als sonst und ertaubte sich, mit beißender Ironie zu fragen, itm» für schlechte Eigenschaften denn das Fräulein überhaupt da
hätte erben können? .
,M) Gott, Berber," antwortete Frau Ulrich. „Sie hal- ten mich ja wohl für eine gailz Perfekte! Bin ich aber nicht, Weiß Gott nicht. Ich muß es doch am besten wissen — so ga,rz still vor sich nimmt mau ja kein Blatt vor den Mund.
Und ich Tann Ihnen sagen.. na
t)er nichts sagen. Wie konliuc ich dazu, ^chueu meine .Schwächen und Fehler auf die Nase zu binden?"
Berber lächelte noch sarkastischer, so daß er wie ein leibhaftiger Satan aussah. ,
Sie kann lange reden!" dachte er. „Mir macht sie doch nichts weis. Den Fehler möchte ich mal sehen, den die
Frau hat!" , , _ ™ ^
Doch nie ließ er seine bedingungslose Anbetung irgendwie merken. Er war und blieb der gewissenhafte Geschäftsführer uub Ratgeber in allen Geldangelegenheiten, und er blieb auch das Faktotum, das er seit so vielen Jahren ge-
tüeU1 ^>icv und da mußte sich Berber wieder um August Stock kümmern, inußte Erkundigungen einziehen, obwohl Ruth durch Frau Sebius ziemlich regelmäßig Nachrichten aus
Dortmund bekam. . r . . ,
Es ging seit Ausbruch des Krieges nicht besonder» mit seiner Gesundheit; wenigstens schrieb Berbers Gewährsmann, daß der Alte ziemlich verfallen aussehe, obwohl er abends am Stammtisch bedeutend mehr Bier trinke und bedeutend „lehr rede als früher. Ueberhailpt könne es mein an irgendeinem Mangel liegen, daß er so schlecht aussähe, denn er kleide sich sichtlich besser als ehenials. Vielleicht sei er „kriegskrank", wie so viele andere. ., . ^ ,,
Diese Auskunft erfüllte Frau Ulrich uni großer Un- ruhe; aber Berber suchte sie ihr auszureden.
„Wenn er wirklich krank wäre," sagte er, „so würde ja sicher Frau Sebius sofort seine Tochter benachrichtigen.
„Aber es wäre mir doch sehr lieb, wenn sich jemand persönlich nach ihm umsehen würde. Ich selbst würde hrr^ fahren, aber ich fürchte, dann verrate ich mich. Man rst d»ch nicht gewöhnt an Komödienspielen; es fällt mir schon schnür genug, daß ich es meiner Nichte gegenüber immer noch Um muß."
„Muß? Warum nlüssen Sie denn?"
„Weil sie noch keine zwei Monate bei mir ist; und ich halte mein Wort, auch mir selbst. Sehen Sie, da haben Sie gleich einen so kleinlichen Zug an mir. Bloß weil ich mir vorgenommen habe, mindestens ein Vierteljahr lang das liebe Mädchen auf Herz und Nieren zu prüfen, darum will ich nun auch nicht vor der Zeit das Geheimnis aufdecken. Eigentlich ist es ja dumm."
„Es ist ganz in der Ordnung," entschied Berber. „Die junge Dame ist doch hier in Stellung, da ist es nur natür> lieh, daß sie sich zusammennimmt und von der besten Sette zeigt. Sie kann noch vielleicht ganz andere Saiten auf- ziehen." ^
„Unsinn, Berber, von jungen Mädchen verstehen Sie nichts. Das haben Sie doch auch bei Therese gezeigt, von der Sie dachten, sie würde Ihnen wunder was für Streiche machen. Na, und nun ist sic Krankenschwester und Hilst im Felde unsere Verwundeten pflegen."
An demselben Tage erschien bei Frau Ulrich der Rest rendar Riethling, um eine kurze Information für den Justiz rat zu erbitten, die sich auf einen kürzlich vollzogenen, übrigens unwichtigen Notariatsakt bezog.
Zu^Riethlings Enttäuschung empfing ihil Frau Ulrich allein, während er in der Hoffnung gekommen war, Ruth zu sehen. t
.,Me, Sie sind in Zivil?" war die erste Frage, die ihm entgegentönte. „Wie kommt denn das, Herr Referendar?"
,,Jch bin untröstlich, meine gnädigste Frau, aber das Schicksal hat es mir nicht vergönnt. Krieger zu werden?"
„Nanu? Wieso denn? Sie. sind doch ganz heil und ge sund?"
Riethling blickte melancholisch zu Boden.
„Das glaube ich auch. Aber die Militärärzte waren doch anderer Meinung. Ich wurde, als ich dreiundzwanzig Jahre alt war, zum Landsturin ohne Waffe verwiesen. Nervös» Herzschwäche hieß es.""
Frau Ulrich schüttelte den Kopf. Sie hatte wieder ein- nral, ihrer leidigen Gewohnheit folgend, die Arme m die Seiten gestemmt und blickte, halb mitleidig und halb mißbilligend, den schönen, jungen Menschen an, der sick) freilich hütete, ihr die volle Wahrheit zu gestehen. Denn damals, als er sich stellen mußte, da hatte er, um dem verhaßten Dienst' jahr zu entgeheil, vierzehn Tage lang eine ganz schändliche. Kur mit sich vorgenommen.
Vierzehn Tage lang hatte er lediglich von schwarzem, übertrieben starkem Kaffee und Dutzenden Zigaretten gelebt.


