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bis er eine wahre Leichen färbe und ein derartiges Herzklopfen erreicht hatte, daß man ihn eher für einen Todeskandidaten als für einen ganz gewöhnlichen „Drückeberger" halten
mutzte.
Diese Gewaltkur hatte ihm keinen dauernden Schaden gebracht. Er hatte seinen Zweck erreicht, brauchte nicht zu dienen und pflegte sich in einigen Wochen wieder zu der gewohnten Frische und Schneidigkeit heran.
Jetzt, seit der Mobilmachung, hatte ihn wohl ein Anflug von Reue und von Bedenken gepackt. Aber die Zeiten waren zu bedeutsam für i h n, er konnte nicht um des Vaterlandes willen seine Pläne ausgeben.
Diese Pläne datierten von dem Abend her, als er die Testamentsentschlüsse angehört hatte, die Frau Ulrich bei Justizrat Kurzius kundgegeben hatte.
Jetzt sollte er ins Feld? Die „Knarre" schleppen und den „Assen" und sich schinden, bis ihn die Kugel irgendeines gottverdammten Feindes traf?
Denn so weit war er patriotisch, daß er weidlich fluchte und schimpfte. Nur selbst hineilen und seine Glieder zu Markte tragen, wo es doch nach seiner Meinung genug andere schon gab, die das taten — ja, wo lag da der Sinn?
Daß es in einer gigantischen Maschinerie viele tausend winzigste Teilchen gab, die nötig waren, damit auch das unscheinbarste Rad sich richtig drehte, das war ihm ein lästiger Gedanke, von dem wollte er nichts wissen.
machte er ein betrübtes Gesicht, während Frau Ulrich kopfschüttelnd vor ihm stand und ihm schließlich einen Platz anbot.
* 1 - entledigte sich seines Auftrages, war aber so umständlich und langsam dabei, daß endlich zu seiner geheimen und frohlockenden Genugtuung doch ein leichter Schritt sich näherte und Ruth über die Schwelle trat.
Da er bei ihrem Eintritt aufsprang und sich verbeugte, sah er, daß sie errötete.
, Schon wallte ein vorlauter Triumph in ihm auf, da neigte sie so kühl und beinah unhöflich den Kopf, daß ev wiederum stutzte.
* , "Mein gnädiges Fräulein," rief er aus, „wer hätte gedacht, daß wir uns hier Wiedersehen würden?"
k sah ihn ganz groß und kalt an. Instinktiv wußte sie, daß dieser Adonis seine Fangarme aufs neue nach ihr aus- aber das leichte Gefallen, das sie früher an seiner ritterlichen und flott unterhaltsamen Art gefunden, war längst emer gründlichen Gleichgültigkeit gewichen: und sie ?-^Ä?nd es wie eine Zudringlichkeit, daß er sie so enthusiastisch begrüßte.
Frau Ulrich hatte verwundert aufgeblickt.
„Sie kennen sich?" fragte sie.
^Eing waroderist einer der besten Kunden L" .?"er. erklärte Ruth, nicht ohn^rnen Beiklang von -'Ar Herr, welcher dort die Aufnahmen macht,
M *!; ba J dem Herrn Referendar nur eine ihm
bekannte Hofschauspielerin konkurriere."
Mipkb^nÄ^^^^/^psindlich zu tun, lachte Heinz Archen hatte T ' ^ er cm W r schönktzngendes
^ E 10 r gab er zu. „Ich bin schrecklich eitel, Madige Frau, und außerdem habe ich zahllose Bekannte die öfters Bilder von mir haben wollen. Indessen jetzt, in sol-
Nnßerdem" ? e £ en ' mirb mid) Herr Otter nicht Wiedersehen.
r rac ^ ? b n U r llb blickte Ruth mit einer so glutvollen .Anbetung an, daß sie verstehen mußte.
Frau Ulrich," sprach sie, sich kurz von ihm ab- wendend, „da sind Boten vom Roten Kreuz, die sich die
Mmmt'h7ben.^ sollten, die Sie für die Verwundern be- ■ < ^ V ich komme. Herr Referendar, Sie feben
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yr e ^be ja auch meinen Auftrag erledigt. Aber darf ^fragen, gnädigste Frau - richten Sie ein Lazarett hi»
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Singer laufen! Wohltätigkeit in alten Ehren, aber inan kann doch auch darin übertreiben!"
Er wäre gern noch mit durch die Zimmer geschritten. Nicht aus Interesse, sondern um noch in Ruths Nähe weilen zu dürfen.
Jndessen'gelang es ihm nicht. Er mußte, um nicht auf- dringlich zu erscheinen, das Feld räumen, doch ging er nicht zuruck rn das Bureau des Justizrats, sondern schleuderte durch die Straßen.
Wieviel hatte er zu überlegen!
Seitdem er neulÜ) das Gespräch im Bureau belauscht, seitdem er wußte, daß Ruth eine schwerreiche Erbin sein werde, kannte er nur iwch den einen Wunsch, das eine Ziel, sie zu erringen, ihr Gatte zu werden. x. ci ^ber konnte er sich ja nicht verhehlen, daß der sieghafte Eindruck, den er sonst auf die Damen machte, hier versagt hatte. Er mußte sich also Bundesgenossen suchen. Und
.g^. denn natürlich den einen, stärksten und wahrscheinlich auch willigsten Bundesgenossen: Ruths Vater, Mr. Stockton.
Er war, wie er neulich vernommen, ein Querkopf, ein sozusagen verkommenes Genie, das sehr begierig darauf aus war, einen Kapitalisten zu finden, damit er seine phantasti- ^en Erfindungen verwerten, sie überhaupt fertig aus den Markt bringen konnte.
verschlagenes Lächeln umspielte Heinz Riethlings klassisch geschnittene Lippen, als er so seine Gedankenfäden welterspann.
Den Alten wollte er schon einwickeln! Es galt nur, mit einem, wenn auch nur scheinbaren Grunde, nach Dortmund zu kommen und dort den Mann kennen zu lernen.
. Ob er ihm verriet, was er wußte von Frau Ulrich? Nem, lieber doch nicht. Sobald Stockton ahnte, daß seine Achter ein großes Vermögen zu erwarten hatte, dann brauchte er;a keme andere helfende Hand mehr, dann würde er sich selbstverständlich an die Tochter oder an die Schwester klammern, von der er jetzt noch nichts wußte.
Also das Gegenteil mußte er im Auge behalten — er mußte den alten Sonderling in dem Glauben lassen, daß
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rp;r*w ie sm hn9 I^l es gar nid&t schwer, sich in die Rolle des ^wen Mannes hlneinzuversetzen, denn es war nicht das
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^^"? b ^barerweise gelang es ihm in der Regel, sich nnd^obn? Labyrinth seiner Schwindeleien hindurchzuwinden eipTtcn Scyaden davonzukommen. Auch hatte er tatsächlich einen vermögenden Onkel, den er ins Feld zu tt,te ^ e i ne überhaupt angesehen und
rs mar ' A gerade Heinz, als ein unverbesser- licher Schuldenmacher, von dem bewußten Onkel ebenso wie
Acht nnd°Rann"V^"^ denkenden Mitgliedern längst in verschweigen""" ^etan «'«r, das pflegte er wohlweislich zu
Jedenfalls war er aber augenblicklich, da alle Freunde und Gönner n» Felde oder doch mit aller Anspannung beschäftigt waren für das Vaterland, ganz ohne Hilfsquellen
im Monat kann man nicht Hmnz- soviel nämlich erhielt er von den Verwandten „Es „t die höchste Zeit, daß ich den großen schlag tue der m,ch auf den Gipfel hebt, wohin ich gehöre Der große Sckilag »t diese Heirat. Also nur keine Zeit ver-
oder "nicht." b “ 8 ®’ len Wmieben ' gleichviel ob es heiß ist (Fortsetzung folgt.)
Die ewigen Nosen.
so durch die
Von Alfred B r a t t.
«5-^.^r '-lcht wnnger als das, was man bei Fünf-Uh'r-Tee- "ad aus deir großen Bällen einen ^Löwai des Salons nennt. Trotzdem fein Name leuchtend genua war ^ unter den gronten des Landes zu iuiikeln. iaiw ^ sich niemals ü Reihe von „Empfange,i" im Reigen der Grohstadtfest
l“ 1 “T SüT 1 abseits gestanden, und fo IM ?ls er groß geworden war, gqoß im doppelten Sinn, ".LsMei.sch und als Künstler. Denn fftoriK Ä ge,chatzte,l>cn und ernstesten Dichter seiner Tage 1
?" em ^Een Fischerdorf am obersten Zipfel der Oerei'und und gewachsen, war er als halbwüchsiger Fnnm auf See gegangen. Er hatte die träumerischeKjch?


