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' Der Juskizrat erlvartete seine angesehene und beliebte Klientin in seinem Arbeitszimmer, das ähnlich eingerichtet war wie dasjenige des seligen Karl Ulrich.
„Mrs gibt's. Neues, meine verehrte Frau Ulrich?" fragte er. „Haben Sie auch schon politisches Fieber bekommen und fürchten sich vor dem Kriege?"
„Um Gottes willen, Herr Justizrat, malen Sie doch keinen Deubel an die Wand! Glauben Sie ernstlich, daß es Krieg gibt?"
„Zweifeln Sie etwa noch daran? Haben Sie nicht seit acht Tagen die Zeitungen gelesen?"
„Ja, ja, aber ich glaube doch nun einmal grundsätzlich bloß die Hälfte von dem, was gedruckt wird."
„Das ist noch zu viel. Glauben Sie aber nur ein Viertel, so ist das auch schon genug, um uns den — oder vielmehr die Teufel zu zeigen, die sich nahen. Wir brauchen sie gar nicht mehr an oie Wand zu malen."
Frau Ulrich sank in den Lehnsessel, den ihr der kleine behäbige Herr hinschob. Sie sah ganz erschrocken aus und fand nicht gleich ihren gewohnten Ton wieder.
„Ich — ich fürchte mich nicht, Herr Justizrat," Murmelte sie. „Warum sollte ich das tun? Aber ich habe Siebzig mitgemacht — und ich weiß es noch wie heute, wie mir das Herz erstarrte vor Jammer und Mitgefühl."
„Ja, ein Krieg ist immer fürchterlich", sagte Kurzius, „gleichviel, wer ihn führt, und wer ihn gewinnt."
„Oho!" fuhr sie auf. „Wer ihn gewinnt. Na, daran ist doch noch nicht eine Sekunde zu zweifeln, daß wir gewinnen, wenn es wirklich losgehen sollte!"
(Fortsetzung folgt.)
Sommer.
Von Waldemar Bensels.
Als der Vagabund das von Wjeiden .und Eclengebüsch be* wachsene Ufer des Flusses erreicht hatte, warf er sich ins (Hras nieder, das in der feuchten, kühlen Erde so hoch stand, daß cs ihn wie eine grüne Flut aufnahm und üvecschlug. Es war so still um'her, daß mau die Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die geheimnisvollen Stimnren des träge dahingehenden Wassers. Die Rohrspatzen schrieen im Schilf in einer nahen Sumpfniederung, in der das tote Master zwischen oeiH hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Der Ruhende dachte an das Heise Leidens band der Straße, wie an eine überstandene schmerzhafte Krankheit, trocknete seine Sürn und atnvete tief, als tränke er seine Genesung in diesem Frieden.
Ter sanfte Wind bewegte über seinen Augen die Halme, Jie schaukelten im Himmel. Eine Biene zog daher, summte sorgenvoll, und lieh sich am Rand des Kelck)s einer Sommerblnrne nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den strahl« lven Sannen tcmpd, in dessen reincrj Halle das Leben einander suchte und begegnete, in den einfälligen: Wundern der Natur. Langsam zog eine kleine, »reiße Wolke hoch am Himmel dahin/ leuchtete, wcmderte, und verging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlrm von eurem Wnrdhauch berührt »vurden, begann für eine Weile ein geschäftiger Eifer in den Blättern, ein silteimer Strom umfloß sie, der die Angerr lockte. Die Düfte, die vom drrrchwärnlteu Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strömten, schläferte»» ein und führten mcrkrvürdige Erinnerungerl aus den Tagen der Kindheit mit sich, die zugleich wach und vergessen »oaren, wie ein von Träumen befangener Blick.
Der Vagaburrd ließ die Stunden dahinstreichen, als habe er sein ganzes Leben lang nur auf sie gewartet. Ek sah nichk eben aus, als habe er sich viel um curdere Dinge gekümmert, aber in denl Biigen seines (^sichts lag ein aus der Tiefe des Herzens dringender Lichrscknmmer, als habe sich Gott um ihn gekümmert.
Als schon die Gnadenbahn der Sanue ihren Höhepunkt überschritten hatte, vernäh.n der »Ruhende ein gedämpftes hölzernes; Pol Um» und ein Plätschern des Wassers, das nicht oon der Strömung kommen konnte. Er richtete snneu Kopf empor und sah aus fyc Silbecleisle, des Flusses einen Kahn hinabtreiben, in dem ein M rechen stand, da., mit einem groben Ruder steuerte und auf das U.'cc znh-ielt, an ccm c c lag. Er betrachtete ihre twr.i Licht uitt- flosserre (8es:alt, ihre jungen Glieder, die das oürstige und arme Sommcrkleid kaum verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem nachlässigen Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von einem seltsamen, farblose»! Blond, als hätten Smnc und ihn: seinen Glanz genommen. Und doch lag ein matter Schein darauf, von betörender Lcbenswärme.
Dicht bei seinem Ruheplatz sah er nun einen- .Holzsteg im Sumpf, der auf morschen- Pfählen ein »oenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schicks. Als das MÄ>chan den Kahn an die Bretter antrciben ließ, mid ihn befestigen wollte, erblickte sie den Vagabunden und sah ihn mit großes, hellen Augen starr und erschrocken an. Tie Strömung drehte langsam den Kahn, das Mädchen hielt einen Prahl mit der Hand fest, beugte sich vor und
staunte, bis die Züge dieses fremde»: Mönnergesichts ein ratloses Lächeln in ihrem %nqe]idyt hervor brachten.
„Was liegst di, dort? Woher kommst du?" fragte sie laug»am mit einer tiefen Altstimme.
Sie zögerte, den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten der Frenrde schien cs mit der Antivort nicht eilig Zu haben. Endlich sagte er und erhob sich halb, wobei es schien als drücke der schwere, goldene Sonnenmäntel auf seine Glieder und Gedanken:
„Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himwei und das Wasser an, und nun auch dich."
Irgendwas seiner Art vertWyck-' sie leicht, sie empfand, das. sich mit chm nicht ans die Arkaden ließ, wie sie cs mit de,« Leuten ihrer Gegend konnte. %bci ihr »var, in einem bescheidenen Stolz, als sollte sie doch vor ihm bestehn: können, auch »var dig heimliche Sorge, die sie beschlich, ohne Angst, sic »var frei nndl rvunderbar.
„Du bist inüde, vielleicht hungrig, oder lange mtterwegS?" fragte sic stockend. Sie sah nun, daß ec älter »var, als er ihr zu Anfang erscheine,: müßte, seine Augen hatte»: sie getärrscht, deren, Schein so jugendlich »var- »vie das Blau des Himmels.
Die Würde ihrer Armüt rührte ihn tief. ES schrei: ihm, als entstammte ihre Gestalt dieser Landschaft, »vie eine Pflanze dem Wiescngeund. Ihm, »var, als oer»virrte ihm die Sommerglut alles zu einem einziger» Tepp ick) des Lebens, in dem das eine so viel.' »vie das andere galt, Blumen uird Wind, Mädchen und Hecken.
Er tat sich Geioalt an, erhob sich und trat auf den Steg zu.
„Komm herüber zu mir," sagte er, „ich »verde dar helfen."
Sie antwortete nicht, sah ihr» voll und ruhig an und löste die Hand vorn! Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß der Fluß de»: Mhn langsan: vom Steg abtrieb. Er sah ihre (Gestalt gegen den Himmel, unberveglich und doch auf stiller Minderschaft, »vie zuvor die Wjolke rm Blauen. So entfernte sie sich lautlos mehr und mehr von ihm, aber sie lächelte ihn an, als käme sie ihm entgegen.
„Komm doch wieder," sagte er und trat Dom Steg zurück. Da sie sah, »vie er sich an seinem alten Platz ins Gras sinken (\t% und daß kein Anzeichen von Groll in senren Augen zu finden »var, tauchte sie die Ruder ein und stieß den Kahn gegen die Flut, bis ihre Hand wieder den im Wasser schwankenden Pfahl erreicht hatte.
„Was wolltest du hier tun?" fragte er.
„In der Bach'mündung liegt die Fischreuse."
Sie erschrak, da sie den Ort perraten hatte, an dem »htr Gerät lag. deim ec hätte vom Ufer aus dorthin gelangen können, u»rd ein Landstreicher »var eS allemal, wenn auch....
„Wdhcc kommst du?" fragte sie rasch, um ihn abzulenken, aber cs schien, als habe er nichts von der Reuse gehört, denn er suckste weder nach ihr, »roch anttvortete er. Sie scch mit Befangenheit m seine Augen, und gewiß, »var ihr, als ob es eine glückliche Traurigkeit geben müsse. Sjie »vagste nicht indhtr zu sr^ecktm, üü enlpfmrd, als habe sie ihm unrecht getan, und ihre Unsicherheit? wuck)s. Da löste sie die Hand, ohne eS recht zu »vollen, und schlna, die Aügen nieder, danfit die sonderbare Frage seiner Blicke sie, nicht erreiche»: konnte. Die »vitlkommene Strömung faßte »nieder den Kahn, dichte ihn langsan: und nahm ihn lautlos mit sich for^- Erst als schon die Schuswände sie deckten, hob sie die Hand unv nmrkte schüchtern, ins Grüne, Weite dahi»: ...
Erst vereü:zelt, ttzvm in Gemeinschaft, erklangen nun wieder die Stimmen der »Römspatzen, und eine Libelle mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm, dicht vor dem »Ruhenden nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank, wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein um^r bekam auf allen Blättern, auf den» Wiesengruich und in der Weite am Saum-- dn, Walde-, je»:en Goldglanz ohne Frische, wie ec die Svmmernach-mittage so klar und sonderbar Macht, in ihrer Stille. Tie Fische begannen zu springe»», ein dichter Sck-warm kleiner, »veißgeflügelter Iüsekten spielte über dem Wien Wasserarü: in der reinen Luft und sah sich hruscndfach im Spiegel seiner Lebenstvelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit den: Bild des Himmels, Wiege unb Grab ....
striegrzahlen einst und jetzt.
Tic in jeder Beziehung ungeheuerlich»n Ausmaße des Weltkrieges lassen sich am deutlichsten an den Zahlen ermessen, die hier im Spiele sind :md hinter denen die größten Daten und Ziffern? a»ls vergangenen ötriegen klein und unbedeutend erscheinen müssen. (2anz anferordcntlich enveist sich dieser Unterschied, den Leutnant Siegfried Baske in einer höchst interessanten Zu sa minensteltimg im nächsten Heft der beider Teutsck)eu Verlag: )l»i : ilt in S?»»ttgart erscheinenden Zeitschrift Naber Land und Meer darlcgt, ivemk man z..B. an die Zeit der berühmten „Potsdamer Wacknparade" denkt, als Friedrich der Oäroß: 175,7 einen fast dreimal so starkv: Gegner mit bloß 21 (MX) Mann schlagen sonnte, und als ein VLuf" gebot von 33000 Mann genügte,^ nm einen so bedeuumgsvollen Sieg wie ^>en bei Leuthen zu erfechten. Heute »ft ein einziges deutsches Armeekorps so groß, daß es in vorgefchriebenen Abständen auf einer Straße marschierend, uugesälc eine Suecke von 00 >lo- metcr cinnimmt, »vas also bedeutet, daß die letzten Truppen 10 Stunden ununterbrochen marschieren müßten, um an deri Punkt zll gelangen, wo die ersten ausbrachen. Auch die Zahlen der napoleo- nischen Kriege, »vie z. B. bei Leipzig 472 000 Mäim, bei Wagram


