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dem Material, das er ganz nach der Art der Vogelfedern Herstellen wollte nnd dessen Fabrikation er ebenfalls ganz allein und geheimnisvoll zu übernehmen gedachte.
Nur Geld, Geld und wieder Geld fehlte ihm dazu. Es war eine Schmach.
Für Automobile uno schwere Aeroplane fanden sich immer Kapitalisten — für einen genialen Erfinder wie ihn nie. Erst vor wenigen Tagen hatte er mit Herrn Wecker gesprochen und versucht, ihn für seine geheimnisvollen Ideen zu gewinnen. Aber Wecker hatte ihn mit stinen kalten, grauen Fischaugen spöttisch angesehen und gesagt:
„Das soll ich wohl zum Dank dafür tun, daß Ihre Tochter mir ohne jeden Grund den Stuhl vor die Tür gesetzt hat? Sie hät^n sich das beizeiten überlegen und das Fräulein verhindern sollen, ihrer Abenteuerlust nachzu- gehen! Dann hätte ich mit mir reden lassen!"
„Abenteuerlust?'" war Stockton emporgefahren. „Was erlauben Sie sich, Herr Wecker?"
„Regen Sie sich nicht auf, Herr Stockton, und geben Sie lieber zu, daß ich recht habe. Wäre sie bei mir geblieben, wie gesagt, so wäre ich möglicherweise für Ihre Pläne nicht taub gewesen. Aber so? Ich möchte wissen, wie ich dazu komme, Kapital zu riskieren!"
Ja, so war er abgefertigt worden! Und die Wut auf Ruth, die ohnehin fortwährend an ihm nagte, hatte sich in einem groben und unzusammenhängenden Briefe an feine Tochter entladen. Er nannte sie darin ein undank- vares Kind und den „Nagel zu seinem Sarge". Auch prophezeite er chr, daß er es in der entwürdigenden Abhängigkeit von einer Frau nicht lange aushalten, sondern demnächst mit dem Tode abgehen werde.
Ruth hatte glücklicherweise endlich gelernt, sich durch solche väterlichen Zärtlichkeiten nicht mehr umwerfen zu lassen.
Und Franziska schrieb ihr auf ihre besorgten Anfragen immer wieder, es gehe dem alten Herrn recht gut, und er sähe frischer und kräftiger aus als je vorher.
So legte Ruth den zornigen Brief schweigend zu dem Uebrigen; doch merkte ihre mütterliche Vorgesetzte, daß sie eine schmerzliche Regung unterdrücken mußte.
Sie fragte kaum ie etwas Persönliches, aber Ruth fühlte sich so unwiderstehlich zu ihr hingezogen, daß sie freiwillig oen aufmerksamen Blick von Frau Ulrich mit der Erklärung beantwortete:
„Es war ein Brief von meinem Vater. Er kann es mir noch immer nicht vergeben, daß ich ihn verlassen habe."
„Hm. Sagten Sie nicht, daß Sie jahrelang nur für ihn gelebt- baden?"
„Ja, aber das war doch auch nur selbstverständlich. Ich «ache mir selbst zuweilen Vorwürfe — besonders, seitdem ich in Ihrem Hause bin — daß ich ihn verließ."
„So? Und warum das?"
„Weil es mir so überaus gut geht. Ich führe doch jetzt ein ganz paradiesisches Leben — arbeite nichts, tue fast nichts, und dafür bekomme ich rwch ein hohes Gehalt — wahrhaftig, Frau Ulrich, manchmal meine ich, ich müßte plötzlich wieder aufwachen und finden, daß alles nur ein Traum war."
Die jungen Augen logen nicht, was sie an Zuneigung und ehrlicher Hingebung der Matrone aussprachen, das war ehrlich gemeint. Eine täglich wachsende Dankbarkeit erfüllte sie gegen diese Frau mit dem grundguten Herzen und dem gescheiten, schlichten Denken.
Wie freute sie sich, als jetzt ein liebevolles Lächeln über die hier und da gefurchten Züge lief, und die ihr schon so liebe Stimme sprach:
„Wir haben beide also Glück gehabt, Ruth. Denn ich fürchtete mich auch ein bißchen davor, mir eine Unbekannte rns Haus z/u nehmen, was ich doch mein Lebtag noch nicht getan hatte. Nun ist es so gut ausgefallen! Nur Frau Tribaldi wird mir natürlich zürnen, weil Sie nun nicht mehr Unterricht bei chr nehmen."
„Ich bin froh, daß ich nicht mehr hin brauche. Ich time mich so gar nicht Lur Künstlerin! Und übrigens habe ich Ihnen ja altes erzählt, Frau Ulrich — wenn ich eines Tages doch heirate, wozu soll ich mich erst im Gesang weiter ausbilden lassen?"
„Ich hoffe, Herrn Kürow bald einmal kennen zu lernen."
„Ja — Sie sind so sehr freundlich. Aber wir sind doch nod) nicht richtig verlobt."
..Nichtig? Als ich jung war, da bätte ich mich gewiß
ehr dagegen gesträubt, daß es einer nicht „richtig" finden 'oute, wenn ich auch nur ganz heimlich verlobt war. Nun, ässen Sie nur, Ruth, ich scherzte nur. Aber das meine ich doch auch — richtig verliebt scheinen Sie mir keineswegs zu sein."
Ruth senkte den Kopf. Niemand brauchte es ja zu wissen, daß sie insgeheim brennende Sehnsucht nach Hermann hatte. Sie begriff es selbst nicht. Früher, als er noch nicht in Berlin war, da batten sie sich gar nicht oft geschrieben, und sie hatte — vielleicht auch nur, weil sie \n ein neues Leben hineingekommen war — nichts von Sehnsucht gewußt. Aber seit neulich Abend, seitdem sie mit ihm so trauliche, liebe Stunden verlebt, war in ihr ein Verlangen, gegen das sie sich wehrte; ihr war's, als müsse sie „stolzer" sein, als dürfe sie um keinen Preis merken lassen, wie bange ihr nach ihm war.
Uebrigens schrieb ihr Kürow auch jetzt noch nicht oft; zwei oder höchstens drei Briefchen in der Woche, und es schien, daß ihn selbst seine Arbeit aufs äußerste interessierte.
Frau Ulrich fuhr jetzt abwechselnd mit Ruth oder mit Berber spazieren. Alle drei zusammen, das wäre chr zuviel gewesen, auch hätte sie die geschäftlichen Rücksprachen mit dem alten Getreuen nicht ganz missen mögen. Und so auf der Fahrt, oder nachher im Tiergarten, da besprach sie alles so leicht und in den gewohnten Bahnen.
Das Gewohnte aber, das ward nun doch langsam in den meisten Richtungen geändert.
Schon nach wenigen Tagen hatte sich Frau Ulrich über Ruth ein klares und rn jedem Zuge treffendes Bild gemacht. Das war ein Mädchen nach ihrem Herzen! Und sie und keine andere sollte nun auch ihre Erbin sein, das war der erste logische Schluß ihrer Ueberlegungen und Empfindungen. Nicht etwa ihr Bruder! Der sollte freilich nie wieder Sorge haben, und er sollte auch bald aufyören, zu arbeiten. Mochte er doch als ein Sechziger, sich zur Ruhe setzen. Frau Ulrich schwankte noch beAglich der Art und des Zeitpunkts, wann sie sich zu erkennen geben wollte.
Inzwischen aber wollte sie doch schon alles mit ihrem alten Rechtsfreunde besprechen und erledigen. Beim Justiz- rat Kurzius, wo sie sich auch in jeder andern juristischen Angelegenheit Rat holte, hatte sie schon im vorigen Jahr ein Testament entworfen und niedergelegt. Das mußte jetzt geändert 'werden, und zwar je eher, desto besser. Man iolttesolche Dinge nie aufschieben, denn rasch tritt der Tod oen Menschen ja an.
Es war an einem heißen Julitage, als Ruth mit einem heißen Erröten bat, sich mit Kürow, der heute aus einige Stunden in der Stadt war, treffen zu dürfen.
Frau Ulrich klopfte sie aus die Schulter, lachte und sagte:
„Natürlich, Kindchen, gehen Sie nur und seien Sie vergnügt mit Ihrem Schatz. Es paßt mir heute sehr gut, denn ich habe mit meinem Anwalt zu sprechen."
„Soll ich Sie dort abhoten, Frau Ulrich?"
„Nein, Kleine, wir wollen es eber umgekehrt machen. Ich bin etwa um sieben Uhr fertig, der Wagen wartet auf mich dort, und dann kann ick) ja hinkommen, wo Sie sein werden und Sie mitnehmen."
Ruth Überlegte, sie wußte nicht gleich, was sie antworten sollte.
„Ich bin nämlich wirklich neugierig," gab Frau Ulrich unverblümt zu, „ich will Ihnen gar nichts vormachen.^Sie brauchen mir ja Ihren Freund nicht vorzustellen, aber es genügt mir oft, wenn ich einen Menschen nur sehe. Und es liegt mir am Herzen, zu wissen, wen Sie sich erwählt haben."
„Gut, ich werde also von sieben bis halb acht das Stück am Tiergarten auf- und abgehen, das von der Bellevuestraße bis zur Lennestraße geht, nicht wahr?"
„Ja, das ist mir recht. Und nun seien Sie noch so freundlich und nähen mir eine frische Rüsche in meinen Umbang, ja? Sie machen das so geschickt, und ich kann mich darauf verlassen, daß es gut aussieht."
Frau Ulrich sah sehr hübsch und stattlich aus, als sie eine Stunde später in ihrem großen Landauer durch die Frankfurter Allee fuhr, um sich zu ihrem Anwalt zu begeben. Ihre seidenen Bindebänder umschlossen ein fröhliches, gesundes Gesicht, das aus den doppelten weißen (Aaze- rüschen so appetitlich berausschaute wie ein schon etwas schrumpfliger Bratapfel.


