Die blonde Drossel.
Roman von E. F a h r o w.
(Fortsetzung.)
13. Kapitel.
Ztveimal noch hatte Rnth ihre künftige „Herrin" besucht Herr Otter hatte ihr erlaubt, schon vor dem gesetzlich en Tenn in ihre Stelle aufzugeben, da er, miede rum durch die stets praktiscl-e Therese, eineil passenden Ersatz gefunden hatte.
Und acht Tage vor dem Monatsersten hielt Ruth chren Einzug in dem großen, graueil Hause, das fortan ihre Heimat sein sollte.
Gerade all demselben Tage erschien Mieder Herr Riethling iln Hause Otter und ward zu seiner unangenehmen Ueberraschung von eurer etwas welken, aber um so liebenswürdiger lächelnden Empfangsdame nach seinen Wünschen gefragt.
O, er loollte nur fragen, ob einige Abzüge des neuen. Bildes fertig seien. Ob er nicht Fräulein Stockton spreckren könne?
Nein, die Dame bedauerte sehr (mit spitzem sicheln), aber Fr'üulein Stockton sei nicht mehr hier angestellt. Wenn der Herr vielleicht ihre Adresse tvünsche, so köstme er die jedenfalls in der Pension Schubert erfahren, Mo das Fräulein aber ebenfalls nicht mehr weile.
Heinz Riethling verlor keine Zeit. Nach einer Viertelstunde klingelte er vier Treppen hock) bei Fräulein Schubert wld bat lMl die Adresse von Nttß Stockton. Er glaubte nicht recht zu hören, als das Dienstmädchen mit der hochstehenden Haubenschleife sie ihm mitteilte.
Bei Frau Ulrich? Und als Gesellschafterin? In der Großen F.-Straße?
Jawohl, so lautete bk Adresse. Und just, als Herr Riethling sich dies noch einnial versichern! ließ, kam Mr. Most aus seinem Zimmer und hörte es mit an.
„Hang you!“ sagte er im Vorbeigehen, aber man mußte nicht, ob er das Mädchen oder den Besucher meinte. Er hatte ja nicht das übliche „bang bim" ausgesprochen; übrigens loar er im Begriff, nach New York zurückzureisen.
Riethling war ganz verblüfft, als er die vielen Treppen wieder hinabstieg.
Frau Ulrich — er kannte sie gut. Denn er war augenblicklich für ein halbes Jahr Hilfsarbeiter bei dem Justizrat Kurzius, der Frau Ulrichs Sachverioalter und Notar', außerdem ihr langjähriger Freund war.
„Merkwürdig!" murmelte er einmal über das andere. „Es ist zu -merkwürdig. Daß die alte Dame, bei der ich mich schon mehrmals lieb Kind zu machen suchte, nun gerade dieses Mädchen ins Haus nehmen muß! Diese süße Ruth, die mir sehr viel mehr den Kopf verdreht hat, als sie selber es ahnt!"
Er wälzte unsichere Plärre im Kopf, die alle daraus hin* aiMrefen, daß er so bald und so oft wie möglich mit Ruch zusammen kommen wollte. Es müßte ja nicht mit ra&cft. Dingen zugehen, wenn er es nicht wenigstens zu einer kleinen Lrebelei mit ihr bringen könnte! Er wußte doch, wir inan die kleinen Mädchen zu nehmen hatte. Bei dieser grng es umgekehrt wie mit dem Goetheschen Schwerenöter: Nicht keck und verloegen durfte er sein, sondern „zart" mußte er rhr entgegenkonunen.
Er strich seinen kleinen Katerschuurrbart in die Höhe, den er seit vierzehn Tagen trug.
„Machen mrr, kleiner Käfer, machen wir!" murmelte er.
*
Zur selben Zeit sprach Franziska Sebius ein ernstes Wort mit ihrem neuen Armestellten, August Stockton, der wieder einmal zu spät ins Bureau gekommen war.
„Das gehört sich nicht, Herr Stockton," sagte sie, durch ihre scharfen Kneifergläser den alten Eigenbold anschauend. „Sie haben wirklich nicht z>u viel bei mir zu tun, aber so pünktlich, wie ich meinen Beamten ihre Gehälter auszahbe, so pünktlich verlange ich auch von ihnen die Arbeit."
„Ich Übervorteile Sie nicht, Frau Sebius," fauchte er. „Ich leiste das Pensum, das ich zu leisten habe, und dabei kann es Ihnen doch gleichgültig sein, zu toelcher Zeit das geschieht."
„Durchaus nicht. Die Bureanstunden sind dazu da, um eingehalten zu toerden, scheint mir. Wollte jeder das Sei- nige zu beliebiger Zeit leisten, so könnte ja auch jemarrd nach Mitternacht Herkommen. Von zehn bis zwei Uhr haben Sie Ihre Arbeitszeit mit mir abgemacht. Die bitte ich einzuhalten."
Bei diesen Worten wandte sie sich kurz unl und schritt hinüber in ihr eigenes Kontor, das am andern Ende des Hauses lag.
Sie wußte, daß Stockton jetzt einige hämische und bittere Bemerkungen hinter ihr machte. Das verschlug ihr wenig, sie loollte nur auf Ordnung in ihrem Geschäft halten.
„Deutsche Kleinlichkeit!" knurrte August Stockton. „So ettoas würde bei uns in Amerika nicht passieren."
Er hatte sich nach und nach in den Wahn hineingelebt, wirklich ein „freier Amerikaner" zu sein, der nur aus Torheit und Bequemlichkeit noch hier aushielt. Daß er drübell nie zu etwas Gescheitem gekommen war, weil er eben nachlässig und ungleichlnäßig in seinen Arbeiten lvar, das hatte er vergessen. Zudem wuselte und lvirkte in seinem Kopf ein neues Gewebe von Plänen und Entdeckungen Er glaubte sich ganz nah daran, eine Flugmaschiue erfunden zu haben, zu der mau keinen Motor und keine Ballonhülle brauchte, sondern die auf eine ganz verschmitzte Art genau den Vogelbau und Vogelflug nachahmen sollte.
Es loar ein ungemein einfackies Projekt.
An welcher Kleinigkeit es lag, daß es immer noch nicht so ganz funkttornerte, das sollte sick) in den nächsten Wochen endgültig heraussdelleri. Vennutlich lag es nur noch an


