Ausgabe 
2.7.1917
 
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lächelte Frau Ulrich,aber trotzdem können S,e stets allein im Garten sein, soviel Sie wollen. Ich verstehe das sehr aut. Wer die Natur wirklich liebt, der ist auch am liebsten allein rit ihr, oder doch mit stillen Leuten zusammen. Uebrigens werden Sie an: Drge stets mehrere Stunde,: tir sich allein haben. Ich ruh» nachmittags ziemlich ange."

In ihrer schlichten, natürlichen Art sprach sie Wetter zu Ruth, führte sie durch die Wohnung, zeigte ihr auch die beiden Gastzinmier, und berührte zuletzt auch die Gehalts- frage, die sie in freigebigster Weise ordnete.

Ruth war fast betroffen.

Mer gnädige Frau, das ist zuviel," sprach sie.Ich soll doch gar nichts Rechtes leisten, und ich werde gar nicht wissen, wofür ich ein so hohes Gehalt bekomme/"

Sparen Sie es, Kind, fangen Sie ruhig an, ein wenig zu sparen. Eines Tages werde:: Sie sich dochi verheiraten, und dann ist es für ein junges Mädchen sehr angenehm, wenn sie etwas Eigenes besitzt/"

Forschend rnhten bei diesen Worten Frau Ulrichs Augen auf Ruths feinem Profil. Und sie sah, daß eine Helle Röte über die lichten Wangen zog, und daß der frische Mund wie au einen: Geständnis sich öffnete.

Ruth schwankte. Mnßte sie gleich sagen, daß sie heim­lich verlobt war?

Ich brauche es nicht,"" dachte sie,das ist doch meine allerprivateste Angelegenheit."" Und während sie es dachte, sprachen ihre Lippen:

Ja, eines Tages gedenke ich zu heiraten. Aber es hat noch lange Wege bis dahin/"

Frau Ulrich freute sich. Ehrlich war also dieses an- mutige Kind; sie hatte fast erwartet, daß sie ein wenig ver­steckt oder verschlossen sein werde, denn ihr Br,wer hatte sie nie durch Freimut ausgezeichnet.

Gut, gut," sagte sie,es ist nichts natürlicher, als daß Sie jemand lieb haben! Das ist aber auch ganz Ihre eigne Sache. Wenn es soweit ist, daß Sie sich verloben wollen, dann sagen Sie es mir ruhig, und dann könne,: Sie in meinen: Hanse Ihren Verlobten empfange,:/"^

Sie sind wirklich außerorde,:tl:ch gütig," innrmelte Ruth. Sie wußte, dieser Frau würde Kürow sicherlich ge­fallen; aber zugleich war sie froh, daß sie sich noch nicht auf eine öffentliche Verlobung eingelassen hatte. Es sagte ihr zu, lockte sie geradezu, bei dieser mütterlichen, lieben Frau leben zu wollen. Wie ein Hafen voller Sicherheit und Behaglichkeit erschien ihr dieses Haus; es mußte sich gut leben lassen in den sonnigen, großen Räumen mit oeu vielen Blume:: und den: schönen Garte:: u,ck» inmitten so vieler altmodischer Ml der und Andenken.

Beim Abendessen genoß Frau Ulrich znm erstenmal das Vergnügen, m einer lautlosen, selbstverständlichen Art urn- svrgt zu werden. Eine andere Hcnck» goß ihr das helle Bier ein. das sie regelmäßig trank, und zierliche, weiße Finger schalten ihr Obst zum Schlüsse.

Es war neun Uhr geworden, als die Tafel aufgehoben wurde, und nun noch ein halbes Stündchen auf der Garten­terrasse folgen sollte.

.Dort brannte bereits eine große, elektrische Stehtanipe, die in einer Ecke der großer: Terrasse über einein kleinen, gemütlichen Ptauderplatz leuchtete. Aus dem Rohrtischcheu stand Rauchzeng, und zu Ruths Ueberraschung ergriff Frau Ulrich eine Zigarette und bot auch ihr welche an.

Sie rauchen natürlich/" sagte sie n,it gutmütigen: Spott. ,Ms ich jung war, galt das fiir si:rchtbar unpassend. Mer das ist lange her, nick) das Alter darf nicht zurück­bleibe,:, sonst lacht die Jugend uns aus. Sie sehe::, ich rauche ebenfalls. Ein oder zivei Zigaretten am Tage, nicht mehr. Und nun, da wir seit ein paar- Stunde,: bekannt mittinander sind, können wir die Sache abmachen, nicht wahr? Ich lasse Sie nachher nach Ihrer Pension zurück­fahren, der Wagen ist schon bestellt/"

Wenn Sie es mit mir »vagen wollen, Frau Ulrich? Ich darf ganz aufrichtig sagen, daß ich glücklich darüber wäre."

Da streckte sich ihr die große, feste Hand entgegen, und o:e gute, warme Sttmme sprach:

Abgemacht, Fräulein Stockton. Sie kominen an: Ersten Au mir als meine liebe Hausgenossin. Und wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich Sie beim Borrmmen nennen/"

Fern f" ries Ruth, unwillkürlich das Wort gebrauchcmd, das Therese ber jeder Gelegendeit cm wandte.

Frau Ulrich lachte herzlich auf. llnd als sie eine Stunde später ihr Schlafgemach auft suchte, da stand sie mit gefalteten Händen still vor de»st Biloe ihres Karl, das hier in Lebensgröße hing. ;

Srehst du, mein Karl/" murmette sie,nun ist deiitt» Alte nicht mehr allein! 9tun hat ihr der liebe Gott doch noch das Kind geschickt, das sie sich ihr ganzes Leben la:H gewünscht hat. Und du siehst herunter a::s dernen, Himmels^ stübchen und bist zufrieden, nicht »vahr, mein Karl'?""

Cs »var ihr, als ob Karl Ulrich tatsächlich ein weniA mehr als sonst auf s ie herunterlächelte. Aber vielleicht »van das nur eine optische Täuschung. ,

(Fortsetzung folgt.)

Unter der blühenden Linde.

,O Lindenduft! O Linden bäum!

Ihr inahnt inich wie ein Kindheitsttannr,

Wo ich euch immer finde.

Die Lmdcn lieblich überaus; >

Es stand ja meines Vaters Haus In: Schatten einer Linde!"" 1

Obrvohl viele Deutsche und -namentlich sehr viele Großstädter sich nicht dessen rühme,: können, daß ihr Vaterhaus in: Schatten einer Linde gestanden habe, so hat doch der Dichter der hier wieder^ gegebenen Verse jedem Deutsche,: aus der Seele gesprochen. /£>(« Linde ist dein Deutschen »vie kaum ein anderer Baun, ans Herzt gelvachsen. Zwar 'hat sie nicht auf die Bezeichnungder deutsche! Baum"" Anspruch; diese gebührt seit jeher der deutsche,: Eiche, dem Sinnbild deutscher Kruft, Festigkeit, Tüchtigkeit :md Charakter- stärke, aber die Eiche ist ein WaldbauM, r:nd sie komint nicht gut in der Nähe menschlicher Siedlungen fort. Dagegen liebt die Lind« den Wald nicht sonderlich, ihr ist es an, wohlsM in der Nähe menschlicher Niederlassungen, daher darf sie in keinen, Dorfe, auf keinem Gutshofe fehlen, und daher ist sie auch unser beliebtester Mleebau.nl. In einer der berühmtesten Szenen von Goethes Faust, demOsterspazieraang". sehen wir, wie sich schon am ersten Osterfeiertage die Bauern des Dorfes rocker der noch belaubten Dorflinke zu Gesang und Tar:z vereinigen, und in den« LiedeDer Schäfer putzte sich zun, Tanz", daS dort die Banenr» singen, 'heißt es: >

Schon um die Li:ck>e war es voll.

Und alles tanzte schon wie toll. ..

Und von der Lücke scholl es iveit,

Juchhe! Juchhe!

Juchheisa! Heisa! He!"

Unsere heidnischen Vorfahre:: glaubten, daß die Linde als ein der Göttin Freya heiliger Bann: gegen den Blitz gefeit sei, und sie? suchten deshalb unter ihr Schutz beim Gewitter. Dies soll auch Karl den Großen bewogen haben, die AnvflanMng dieses Baumes in den Dörfern, euf den Marktplätzen und njM die Kirchen herum anzn- ordnen. Tie Linde in des Torfes Mitte vereinigte aber nicht Nur seit jeher die Dorfbewohner KU Spiel und Tian!z unter 'ihrem» schattigen Laubdach, sie »var auch der altdeutsche Rechts-- und Ding- bäum. Namentlich in den von sächsischen Stämme,: bewohnte»« Gebieten unseres Vaterlandes wurden unter der Linde die wichh tigsten Beschlüsse der Gemeinde gefaßt. Auch die altdeutsche,: Ge­richte tagten in ihrem Schatten, so sonders die Femgerichte. Von! den beiden Dottnrunder Femlinden singt Freiligrath:

Ties sind die Linden; beide Morsch und alt!

Rechts die zerbarst; sie klafft mit jähen: Spalt

Auf von der Wstrzel bis zur Splitterhaube. '

Weit aber greift sie Mit der: Msten ans;

Fast wie die Sck-wesler prangt sie grün nick» kraus Und schmückt die Stirn mit frühlings frische in Laube."

Die beiden ans einem! Erdbügel zwischen den benachbarten Bahist-, Höfen der BergischtMärkischen und der Köln-Mückener Bah,^ stehenden uralten Linden sollten nach deM Plan zun: Bahnhof dep Küln-Mindener .Bahn den Anlagen dieses Bahnhofes »veichen,^ Könia Friedrich Wilhelm IV. aber rettete die beiden Lücken durch d:e Zahlung der hohen EntschädigungssuNpne, die die Bahnver!-, waltung fordette: als bei der Eröffnung dev Bahn der erste Dampf­zug vorüberbrauste, stand der König zufrieden lachend unter denrj schattigen Laubdache des alten Lmdenpaares. Die dercksche Lind« aber ist in allererster Reihe der Baum der Liebenden. Kein Baum reicht im entferntesten an die Bedeutung heran, die der Liirde in« deutschen Volks- und Liebeslied als dein! Baum btx Liebe und Treue znkommt. Eines der schönsten Liebeslieder Walther von der Vogels werde begrünt mit den Verse:::Unter der Linde auf der- Heide,/, Wo ich mit meiner Trauten saß/" Ein ganz besonderes Lobliedi wird der deuhchen Linde gesungen in der bekannten von Achim von Arnim Und Clenwns Brentano heranKgegebenen alten Lieder-, sarmnlnngDes Knaben Wunderhorn"", von der Heinrich Hein«» sagt: .In diesen: Augenblicke lieat dieses Buch vor mir, und es», ist mir, als röche ich den Duft der deutschen Linde. Tie Lückej spielt nämlich eine Hauptrolle ü: diese,: Liedern, in ihrem Schatten» kosen abends die Liebenden/sie iik L^hsinMbuipn^ tckid Ml eicht