Die blonde Drossel.
Noman von ®. Fahr 0 tt>.
(Fortsetzung.)
rief Therese, „Sie sind doch sonst so ungemein vernünftig, Kind. Das ist doch klar, daß ich so etwas nicht verlauten lassen darf. Frau Ulrich würde denken, daß sie eine heimliche Kunstreiterin ins Haus nehmen soll."
„Es i)t 'wahr," murmelte Ruth, „ich »oerde darauf ver- zichten müssen."
„Sicher. Aber es steht Ihnen doch frei, die Stelle gar Nicht anzunehmen. Bleiben Sie bei Otter, dann sind Sie natürlich viel freier."
„'Nein, nein, ich will ganz gern zu Frau Ulrich. Ich weiß nicht, wieso, kann es wenigstens ilicht ganz klar aus- d rücken, aber alles, was Sie mir von ihr erzählt haben, spricht so herzlich zu mir. Wenn ich ihr gefalle, dann sage ich zu."
„Gut, meine liebe Ruch. Dann essen Sie morgen bei Mvau Ulrich Abendbrot. Ich sollte fragen, ob Sie um sechs Uhr, nach Geschäftsschluß, hmLoaumen wollen."
So ward es abgemacht, und Ruth schlief in dieser Nacht Au.Ul erstenmal, feitbeut sie in Berlin war, unruhig und rrämnte soriderbaves, wirres Zeug. Sie sah immer Hermann Inlit einem Schwert« in der Hand auf einem Steinsockel stehen. Und sie wußte dennoch, dies war nicht etwa Her- lmcmM sder Cherusver, fmident Moow, der Zivilinaenieilr, iihr heimlicher Schatz.
Am nächsten Abend um halb sieben stand sie in der Helten Diele in Frau Ulrichs Haus und blickte sich mit Herzklopfen um. Sie konnte nicht ahneil, daß noch stärkeres Herzklopfen die stattliche, grauhaarige Frau empfand, der man soebeii ihre Ankunft gemeldet hatte.
„Haben Sie dem Fräulein geholfen, die Sachen abzulegen?" fragte sie das Stubenmädchen.
„Ja, gnädige Frau, sie hat abgelegt: soll ich die Dame hier herein führen?"
„In das Blumenzimmer, Marie."
Ein schräger Sonnenstrahl siel durch den Erker in das große, trauliche Gemach, als Ruth über die Schwelle trat und einige Schritte ans die hochgewachfeue Matrone Au tat.
„Meiii eigen Fleisch und Blut?" klang es Frau Ulrich durch Herz und Sinn, als das schlanke, schöne Geschöpf sich shr näherte. „Guter Gott, ivelch großes Glück für mich! So Wie sie aussieht, so kann ja nur ein liebes Kind feinf"
Etwas von diesen warmen, mütterlichen Gedanken Mochte in den klaren Augen tiegeil, die so frisch leuchteten wie die einer Jungen.
Die große, aber durchaus nicht häßliche Hand streckte sich Ruth entgegen, und die sonore Stimme sprach:
„Das ist also Fräulein Ruth Stockton? Seien Sie mir willkommen, liebes Kind. Nun wollen wir iins ein wenig kennen lernen, ilicht wahr?"
Sie hatte Ruths zierliche Hand in der ihren behalten mrd führte sie zu einem Sessel hin, der schräg vor tjwse Blumenplatz stand. Der; Papagei schlug sanft mit den bun- ten Flügeln, sagte aber nichts, und Frau Ulrich wies auf ihn hin:
„Sehen Sie, das war nun mein einziger Gesellschafter in diesem großen Hause. Es war mir zu einsam geworden so nach und nach. Und deshalb möchte ich mir gern eine junge Gefährtin nehmen. Schwer sollen Sie es bei mir nicht haben."
„Gnädige Frau," murmelte Ruth, die sonderbar gerührt war, „Sie sind so sehr freundlich. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen genügen »oerde. Ich war ja noch nie in Stellung."
„Ich kveiß. Und das betrachte ich als einen Vorteil. Ich hätte mir nie eine berufsmäßige Gesellschafterin nehmen mögen. Nur ein offenes, fröhliches Wesen wollte ich neben wir habeil. Ich hatte mir immer eine Tochter gewünscht, und nur das, was ich von einer Tocl>ter erwarten würde, möchte ich von Ihnen geleistet haben."
„Das wird ilicht schwer sein."
„Nun, ich bin vielleicht gar nicht so einfach zufrieden zu stellen, wie Sie denken. Ich wäre zum Beispiel enttäuscht, wenn Sie ungleicher Stimmung wären, oder Empfindlichkeit zeigten, oder wenn Sie erwarteten, eine vornehme Dame nlit allerlei Feinheiten zu finden. Das bin ich nicht. Ich bin eine ganz einfache Frau."
„O, ich fühle, wie Sie sind!" rief Ruth. „Aber was mich betrifft, so kann ich nicht viel mehr sagen, als daß ich gelernt habe, niemals empfindlich zu sein. Ich habe bis vor kurzem bei meinem Vater gelebt, und er war sehr leicht gereizt ilild heftig. Ich glaube, Launen habe ich nicht."
„Und hanswirtschaftlich siiid Sie erfahren?"
„Ich habe unfern kleinen Haushalt allein besorgt, das ist alles. Einen sehr großen Haushalt zu leiten, das erfordert gewiß mehr Erfahrung."
„Ist »licht nötig, idj meine nur so ein bißchn Haus- tochtertatigkeit. Und musikalisch sind Sie aucl), wie ich durch Herrn Berber hörte: ein meuig vorlesen wird^ie nicht au- strengen, und an die frische Luft »verden Sie genngetchi kommeil. Sehen Sie, dort unten liegt unser Garten."
Ruth hörte es wohl, daß sie sagte „unser" Garten. Das war, als sei sie bereits int Hause und gelte als Familienmitglied.
Eine rasche Dankbarkeit quoll in ihr auf, und sie liiußte sich zusammenltehmen, um nicht lebhaft diesen Empsinduiigelt Ausdruck zu geben. Aber ein Heller Ausdruck in bei Bewunderung entfuhr ihr doch, als sie hinunterblickte in den ausgedehnten, parkartigen Garte»», der hier einen so großen Luxus bedeutete.
„Wie schön, lute wunderschön!" ries sie aus. „O, gnädige- Frau, »oenn ich früh ausstehen dürfte und dort in dem Garten hernmgehen, bevor Sie auf sind! Das »väre ja eine Vorfreude für den ganzen Tag."
„Ich kann Ihnen nicht versprechen, spät auszusteheit,"


