Ausgabe 
30.6.1917
 
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Kunst ungehemmten Lauf läßt, so geschieht das nickt aus Achtung vor den Toten und aus Frömmigkeit, sondern um den Dünkel deS Leberrden zum Ausdruck zu bringen.

Die deutschen Friedhöfe, die überall in den besetzten Gebieten, angelegt sind und von Tag zu Tag an Ausdehnung und Bedeutung wachsen, bieten in dieser Einsicht einen greuticheil und bezeichnen­den Anblick. W sind nickst kleine Gelegenheitsfriedhöfe, rührend und naiv, in Eile und je nach den augenblicklichen Bedürfnissen an­gelegt, sondern richtige Daueranlagen, durch die Man kostenlos ge­wissermaßen Dauergrabkouzessiouen auf unserem Boden hat ge­winnen wollen. Füä die abscheuliche Arbeit haben wir sehr gegen unseren Willen alles Nötige geliefert. Mit Ausnahme des Toten, der von ihnen kommt, kommst alles Ueb'rige von uns und gehört uns. Die Erde ist unsere Erde, dys Holz unser Holz, deb Stein unser Stein. Es sind unsere Kreuze' Unsere schönen eiser­nen Käeuze (b!ie sie sich genommen, ihre letzten. (Änm.:Ihre letzten", Anspielung auf unserEisernes Kreuz" im Gegensatz hier zu den französischen eisernen Grab-Kreuzen.) Unsere Grabplatten und Grabgitter sind's, die heute die Leichen der Feinde ruhig und geachtet bedecken und umfrieden. Sie haben unsere Grabstätten ge­plündert und unsere Toten beraubt. Sie haben unsere Grabdenk­mäler aus der Erde gerissen, wo sie unsere Vorfahren und Vätev aufgestellt, haben sie weggeschleppt, haben die französischen Namen, die darauf standen, ausgckratzt, ausgekratzt die ewigen Klagen, Nach­rufe und Gebete, haben sie überarbeitet und gereinigt von allem, was sie mit der Vergangenheit verband, und mit diesen Materialien, nenaufgearbeitet und profaniert, haben sie ihre Baudenkmäler hech^ gestellt, ihre Eingangstore der Kommandanturen, ihre Tempel mit Kapitalen in falschem Griechisch und unechtem Romanisch, ihre luthe­rischen Vordergaebel, die kubische unjd scheußliche Anhäufung ihrer, Maurerarbeiten.

In diesen christlichen Stein, diesen geweihten Marmor, hat der Meißel ihrer Künsthandw rker, noch stumpf von dem Au brechen der Geldschränke, grobe Götterbilder einer lederen Kunst gegraben, in der sich Münchener Sttl mit kanakischem paart, Statuen vonr Apollos vom Kasernenhof und nackte Kriege;, die antik sein sollen und nach dem Oberleutnant riechen, dessen gewöhnliche Nacktheit Modell und Stellung gab, und all' das in halbkreisförmigen The­aterbauten und Säulengängen ans Beton, um darin den Oedipns zu spielen, den Oedipns.. >aus Köln.

Und unter unseren in Helmspitzensorm zugeschnittenen Taxus­bäumen, inmitten unserer Zypressen, auf den Beeten unserer Rasen­plätze stehen die Statuen von feistwangigen Germanien und Miner- ven mit den Körpern unförmlicher Melber; Statuen einer Sorte von bösen Engeln mit dem Antlitz eines verdammten Professors und den Brustmuskeln eines Herkules aus einer Jahrmarktsbude, die ihre Würgerhände auf die Parierstangen riesenhafter Schwerter stützen. Und diese ekelhaften Engel der Bestialität wagen es, au ihren Lastträgerschnltern ein Paar Flügel zu tragen, die ihrerseits so schwerfällig, dick und minderwertig aus sehen, als wären sie aus­drücklich dazu gemacht, den Ausstieg zu hindern, den Sturz hervor- zurufen und ihre Träger an der Erde festzuhalten.

Rechnen Sie dazunoch Löwen, Adler, Greife, Sphinxe, Sieg- sriedschwerter, TheateMiilde, Blumenmädchen un!d die Gottheiten des Rhei'ines, die übitr Urnen weinen, die Blierkrägen ähneln, dev ganze Schund der Wagnerschen Mythologie ausgehauen aus dem Stein oder Marmor der Kämme unserer Schlösser und überall aus­gestellt zu beiden Seiten der Fried hofswegc, an ihren Kreuzungen und aus ihren Plätzen, und Sie werden sich utoch immer keine Vor­stellung von diesen Friedhöfen machen können in ihrer finsteren abstoßenden Häßlichkeit, ihrer unerträglichen Anmaßung, die sie unter unserem Himmel ansbreiten.

Denn durch all diese Ausschweifungen etiles schauerlichen» Dünkels, denen sich der von Stolz trunkene Barbar hingibt, um sich für seine andauernden Mißerfolge zu entschädigen, leuchtet klar die Berechnung», did ttefe Absicht und der leitende Gedanke hindurch.

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Miese Totenstätten sind einzig und allein in der Absicht gebaut, um ihnen schon heute eine Handhabe zu bieten, eine Art von. Er­oberung und Besitzergreifung, die bestehen bleiden und ewig dauern sollen trotz der Räumung.

Unseren Boden herabzuwürdigen, zu entehren, zu verunstalten, m unterdrücken, zu demütigen!, ihn selbst nach öe/ni Rückzug ich.ch besetzt zu halten, mH zlvftr in jeder nur möglichen W,eise durch seine beleidigende Kunst und seine agressive Aesthetik, durch seinen Sttl, seine Monumente, die Unverschämtheit seiner Embleme und die Heuchelei seiner Grabschriften, die Herausforderung seiner Sta- tuen und beleidigenden Allegorien das ist das Endziel des Deut­schen, sein Kriegsplan in der Niederlage.

Er kannte unsere altangeborene Achtung vor dem Tode und sagte sich, daß dank dieses heiligen Gefühls die Gebäulichkeiten und Bildwerke, mit denen er absichtlich vor seinem Rückzug unserem Boden bedeckt hat, unverletzt bleiben wiljrden. Er hofft unter dem Deckmantel seiner Toten-den Arm unserer Leb.Nden angesichts dieser l)erausforderndeu Trophäen zurmckzuhalten. Mehr noch, die Geister zu fesseln, in Erstaunen zu setzen und zu beeinflussen durch einen; Schein von Grüße und Pappkartonmajestät. Die Stelen, hat ec in ferner Verschlagenheit berechnet, werden Ankündigungen seiner K'rakt. Zeugen seines Widerstandes werden und die Säulen eine Art

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von Grenzpfählen dar stellen. Und da bxerfe ganze schöne Anlage bestehen bleiben wird, allein ilnberührt innMten allgemeiner Vev- Wüstung, wird er damit ist jkder SstcM und jedem Dorf eigre deutsche Permanenz schaffen, eine ständige Erinnerung, eine Zone des Grausens möglichi aber eines ungeheuren, furchtbaren, mcheimlichen Grausens, das das Gedächttris an den großen verab- scheuten Namen für immer wachhalten wird.

In der Tat, der ewige Haß, den man diesem teuflichen Feinde weiht, kümmert ihn wenig, vorausgesetzt, daß er in jedem Fall mag er besiegt, vertrieben mch geäck/.at sein trotz allem Spni^ und Z-eichien. seiner Verbrechen, seines Einfalles zurücklassen kann. Die iinvertilgbare Spur hat er schon in Form seiner Zerstörungen zurtickgelassen, aber das allein genügt ihm nicht. Er will sich auch durch Bauten unserem Gedächtnis aufzwingen, bei uns festsetzen, und zu diesem Zweck hat er seine Erinnerungs- nird Grabdenkmäler 'erfunden. Auf der einen Seite vernichten, auf der anderen bauen beides tut er.

Wenn unsere Beobachter im Flugzeug das Chaos der Kriegs- zone überfliegen, sehen sie neben jeder zerstörten und verwüsteten Stadt einen einzigen großen Platz, der unberührt und gepflegt ist der Bochefriedhof.

Häuser und Schlösser sind zerstört, verbrannt, aber die letzten Ruhestätten der Herren Brandstifter recken ihre weißen turmähn­lichen Portale ruhig in die^Luft. Die Keller sind leer, die Gräber Frankreichs geschändet, seine Särge aufgcbrochen, aber die sterb­lichen Ueberreste der Säufer und Schänder rachen friedlich in ihren schönen Gewölben. Kirchen und Kathedralen sind dem Erdboden gleichgemacht, aber die Giebel der Friedhofstore, die zum Ruhme der Offiziere derKultur" erckänt wurden, erheben sich überall. Die Museen sind ihrer Schätze beraub-t, die Sammlungen gut ver­packt über den Rhein gewandert; aber die Räuber lassen uns dafür zum Ausgleich Probestücke ihrer eigenen Meisterschaft zurück, ih«S zwiefachen Könnens, mag es sich um Zerstörungen oder Auchmr handeln. »

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Rias werden wir angesichts dieser klugen Organisation, dieser Ausnutzung ihrer Toten seitens der Deutschen tun?

Werden wir auf diese scheußliche Mache hineinfallen? Werden wir die Einfalt besitzen, den Fehler begehen, die gutmütigen Tor­hüter dieser Zweigniederlassungen, die Wächter dieser Totenmuseen, die Gärtner dieser Anlagen zu werden? Werben wir sie pflegen und unterhalten? WIerden wir den Einwjphnern, die nicht einmal mehr den Platz ihrer in Asche liegenden Häuser auffinden konnten, die Marter auferlegen, stets auf die weiße, Keine, soeben erst er­baute und geschmückte Stadt der feindlichen Toten zu blicken, ge­schmückt mit unseren Blnmen, beschattet von unseren Bäumen, den einzigen, die man nicht umgehauen hat? Werden wir mitten unter uns nach dem Kriege diese Orte feindlicher Ansammlung lmd kauf­männischer Vereinigung dulden, die geeignet sind, ihr Kommen imd Gehen, ihre Wallfahrten, ihre Karawanen zu Jährestagsfeiern. kurz alle Arten von Eindringen und Sicht-Ausbreiten zu begünstigen?

Ich stelle diese notwendige Frage und überlasse es unseren Soldaten, daraus zu antworten.

Wir werden die Totest nicht anrühren, die da ruh^n. Da sie nun einmal hergekommen sind, um hier zu sterben, lassen wir ihnen unseren Boden. Mögen sie ihn düngen. Aber nichts weiter. Die secks'Fuß Erde, ans welche sie'wie jeder Mensch ein Anrecht haben, gelten aber nur fiilr die Länge, nicklt auch siütt die Hlöhe. Lassen wir ihnen ein einfaches kleines Holzkreuz, niedrig und gut, so sind wir schon mehr als freigebig. Und wEs den Rest anbetrifft .* l nieder mit ihm. Pickel und Mauerbrecher herbei. Nieder mit den stierköpfigen Engeln, mit den Luzifarn von der Spree, den geslü!- gelten Siegesgöttinnen, den zweiköpfigen Lüstern, den Trophäen aus/Zement. Dsiir werden sie in die Nacht zurückwerfen, weit noch hinter die Götterdämmerung, alle diese Götter der Tetralogie, die wir von ihren! Sockel: gestürzt haben, imd Npttur, Witterung, Jahreszeiten und Jahre werden ans diesem Nichts dann machen, was ihnen gefällt.

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* Gewinnung von Fett ans Baum knospen? Die Garten weit" 21. Jahrgang, Nr. 25 von 22. Juni 1917 Seite 289 berichtet:Der KI r i e g sa u s s ch n ß s ü r p f l a n z- l i ch e und tierische O e l e u u d .F e t t e hat sieb ber eits in den ersttw Rionaten des Jahres' 1916 mit der Frage der Bei.Wer­tung der Banmknospen beschäftigt. Dnr-tt Gutachten w'ssensckask- licher Sachverständiger wurde überems-i-rmend selige' eckt, dal die Baumknospen in der Hauptsache harzige Stoffe und Gerbsäure ent- halttn, so daß ein Ersatz für Oel oder Fett daran? nicht gewonn-en werden ^ kann. Bestem fa!ls sind die Banmknospen a:if Harz zu verarbeiten, lvas indessen mit Rücksicht an' Pie mit dem Ein sammeln verlmndenen außerordentlichen Schwierigkeiten mckt lohnend ist. Unter BezuanahNle aus ein ihnen z a gangenes Flugblatt d e r R o h ft o f f st n d i e n - u n d Be r w e r t n u g s ge sel! ^ schüft m. b. H. in Berlir:-Wilmersdorf, :omin die Sarmckn'ng von Linkem- und Bnchenknospen zwecks Gewinnung von Fett und m-cnschliehen Nahrungs- und Futtermitteln dringend empfohlen wird, habon sich verschiedene Kommu.ialverbände an das Kriegs ernähruu-gsamt in der .WnnäÜme gelvairdt. daß, die frag'icl Per-