ob das eine „Menge" ist. Der Herr, den Sie eben sahen, ist ein Kunde bei uns, und der andere Herr, den Sie neulich! bei mir trafen, das ist ein — sehr naher Freund von mir; dann kenne ich Sie noch — aber Sie rechnen vielleicht doppelt oder dreifach, nicht wahr — und außerdem noch mindestens ein Dutzend Offiziere, die sich ja mit Vorliebe bei uns photographieren lassen."
Mr. Bost wußte, daß ihn das schöne Fräulein zuweilen ,?verulkde", aber das nahm er nie Übel, hatte sie ibm doch wirklich schon ein paarmal gestattet, sie zu einer Berliner Sehenswürdigkeit zu begleiten.
„Fräulein Stockton," sagte das Mädchen, das oben öffnete, „es ist Besuch stir Sie da. Fräulein Berber wartet in Ihrem Zimnrer auf Sie."
Therese stand am Fenster, als Ruth eintrat, und betrachtete eingehend eine kleine Photographie von Hermann Kürow, die auf dem Schreibtisch gestanden hatte.
„Guten Aberld," rief sie der Eintretenden entgegen. „Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit. Ich- habe mich hier in das Bild Ihres Liebsten vertieft — das ist er doch, nicht Wahr?"
„8a, so sieht er ungefähr aus. Nett, wenn auch nicht hübsch."
„Hübsch! Ein hübscher Mann ist etwas so Unangenehmes! Llber dies hier ist ein prächtiger Kopf. Ich glaube, hinter dieser festen Stirn wohnen nur kluge und gütige Gedanken. Und dieser ruhige, heitere Mund wird niemals harte oder gar rohe Worte zu Ihnen sprechen."
Ruth war neben Therese getreten und blickte gedankenvoll auf das Bild herab.
i . ,Ach hoffe es," sagte sie ernst. „Aber das eine muß ich doch gestehen, daß ich die deutschen Ehefrauen bisher nicht beneidet habe."
„Ich auch nicht. Deshalb werde ich auch nicht wieder heiraten. Auf zwanzig rücksichtslose Männer kommt noch raum ein rücksichtsvoller."
„Nun, so nach Prozenten kann ich es nicht berechnen,
habe ja auch nicht so viele Einblicke in Familienleben gehabt, wie Sie. Aber da, wo ich bineinblickte — nein, verlockend war das gewöhnlich nicht/'
„Ich will nicht generalisieren und auch nicht ungerecht fein. Es mag wohl in den meisten Fällen mit an der Frau gelegen haben. So viel glaube ich aber bestimmt: einer von den beiden Gatten wird allemal untergebuttert."
„Was wird er? Unterge."
„Gebuttert, stmtre ich. Das ist ein volkstümlicher, ab« treffender Ausdruck. Haben-Sie schon einmal solch hölzernes Butterfaß gesehen? Ja? Nun sehen Sie — so ist es oft in der Ehe. Kommt da noch Sahne und Schaum und Fett hoch, ko wird es unaufhörlich wieder 'heruntergearbeitet, und zu- «tzt ist es nur noch ein einziges, festes, solides Stück Butter, und der Rest ist unbedeutendes, nichtssagendes Zeug. Zuweilen ist die Frau das Butterstück, und zuweilen der Mann. Meistens bei uns zulmche der Mann. Ausnahmen bestättgen die Regel."
Therese hatte trocken und ganz sachlich gesprochen. Ruth aber erhob abwehrend beide Hände:
„Sie machen mir ja Angst, Therese!" c ,,2kh bewahre, Sie bekommen nicht so leicht Angst. Auch sind Sie niemand, der sich an die Wand drücken läßt, davor ist nur gar nicht bange. Ich habe nun aber auch einige ganz entgegengesetzte Fälle kennen gelernt, die sogenannten idealen Ehen. Da ging es herrlick) zu! Bloß waren sie zumeist etwas langweilig."
„Nun" sehen Sie," lachte Ruth. „Zufrieden sind Sie nie - ßfy Mr meine Person ziehe ein wenig Langeweile ganz entschieden ledem auch nur vorübergehenden Zank vor. Zank ist schrecklich. Schrecklich!"
Sie dachte an ihren mürrischen, zänkischen Vater, und Therese wußte das. So stellte sie Kürows Bild wieder auf den Schreibtisch, ivandte sich zu Ruth rrnd sprach:
„Ich rede, als ob ich stundenlang Zeit hätte; habe aber 0ar r-5 tn€ -cn r 1 ? , nur her, um Ihnen mitzuteilen, daß inein neulicher Vorschlag mit Frau Ulrich mehr Gestalt gewinnt."
Therese war nicht eingeweiht in die Geheimnisse von Frau Ulrich u;rd Herrn Berber. Sie hatte nur den Auftrag bekommen, sich nmch einer „recht lieben, jungen Dame um- ? rau Ufrwfy eignen würde; und heute hatte Onkel Berber ihr mitgeteilt, daß die Idee, Fräulein Stockton vorzufchlagen, „vielleicht gar nicht so ganz von der Hand zu weisen" sev
Deshalb war Therese jetzt hier und fragte Ruth, wie sie über die Sache denke.
„Ich weiß," schloß sie ihre Rede, „daß Ihnen die Stellung bei Otter nicht ganz so zusagt, daß sie Ihnen zu wenig privat, zu — ich möchte sagen indiskret ist."
„Sie haben recht," erwiderte Ruth ^rötend. „Es war jo sehr freundlich von Ihnen, mich dort anzubringen, und nun sieht es fast undankbar aus, daß es mir nicht so sehr gefällt."
„Undankbar? Unsinn, Kleine. Ich bin ja froh, daß ich Ihnen gleich etwas anderes anbieten kann. Nur müssen Sie mir von vornherein Ihre Bedingungen nennen, damit ich meinem gestrengen Onkel alles recht deutlich und unverblümt wiedersagen kann. Wer Frau Ulrich ist, das wissen Sie jla schon. Daß Sie es dort gut haben werden, steht fest; die Frau hat ein goldenes Herz. Was aber haben Sie nun für besondere Wünsche auszusprechen?"
Ruth fuhr ihr Gespräch mit Hermann durch den Kopf, und sie sagte zaghaft:
„Ich glaube, Frau Ulrich! darf nicht wissen, was ich gern möchte. Denn es ist ein bloßer Wunsch, und daran darf die Sache nicht scheitern."
, „Nun? Heraus mit der Sprache, Ruth, es wird doch nichts Gefährliches sein."
. .„Ich — ich möchte gern manchmal — frei haben, damit ich — reiten kann."
Therese sank auf einen Stuhl und brach in ein perlendes und keineswegs leises Gelächter aus.
„Kinder!" rief sie endlich aus, „hat man jemals solch eine haarsträubende Naivität vernommen? Eine Gesellschafterin bei einer alten Dame will spazieren reiten? Sie sind wohl ganz und gar nicht bei Trost, Kleinchen?"
Ruth schwieg kleinlaut, aber sie sah betrübt aus.
(Fortsetzung folgt.)
Die Franzosen und unsere Heldenfriedhöfe.
„L'Jllusttation" r«m 12. Mai 1917 bringt einen Artikel von Henri Labedan: „Die bedeutungsvollen Stunden. Eine andersartige Besetzung." Da dieser Artikel ein' Musterbeispiel ungeheuerlicher Verhetzung ist und die wahre Gesinnung der Kulturfranzosen kennzeichnet, ist es dankenswert, daß das KIriegs-Presse-Amt Berlin durch die Verbreitung einer Uebiersetzung die Möglichkeit bietet, dieses Kulturdokument zur Kenntnis des deutschen Volkes zu bringen. Wir geben nachstehend die Aufforderung, selbst vor den Grä- Jjjtm des in ehrenvollem Kampfe gefallenen Feindes nicht haltzu- Machen, wieder: '
. Die Deutschen sind stark, zugegeben — und sie selbst halten sta- Wr stärker, als es ziemlich ilst. —, unsterblich sind sie nicht.
Man tötet viele von ihnen —■; da§ ist eine Tatsache — unÄ auch sie müssen in'Menge sterben.
Was macht Deutschland mit seinen Toten?
Es begräbt sie, werden Sie antworten.
Sehr richtig. Mer 'dier beginnt die lehrreiche und sonderbare Geschuhte, die herlsamje Üchre, die uns in dieser Hinsicht die Art ihres Vorgehens gibt.
Der Germane hat die Gewohnheit, seine Denkart in absoluter Weise überall zum Ausdruck zu bringen, er behandelt den Tod und den Toten unter dem doppelten Gesichtspunkt, der ihn überall führt, manchmal bis zur Blindheit: Dem des Stolzes, der Aufdringlichkeit und dem das Gewinns, des Nutzens. Sein und Scheinen.
, Aus Dünkel versucht er etwas Großes zu machen, was ihm me gehngt, und unternimmt dann etwas Kolossales. Sie glauben! doch nicht etloa, daß das ununterbrochene Schauspiel der schrecklichen ^^^rnben und die schmerzlichen Betrachtungen, die der« Krieg wden Menschen von GM und Herz machen läßt, imstande wären, den Barbaren angesichts seiner Toten jene Winsheit, Einfachheit, Vernunft, Schlcklichkeit,^Demut und Geschmackerhebung jn lehren, die bei dein Uebermvß von Leiden und Hingabe die ohnmächtige, Bettachtung der großen Mysterien erzeugt? Nein. — Mcht einmal angesichts des Grabes ersehnt uirü sucht der Barbär von heute -u „verstehen". Die Knochen eines pommerschen Grenadiers sind chm durchaus nicht so wertvoll, wie Bismarck es einst behauptet hat sie müssen Heute bis zum Schüsse ihre Pflicht tun, und wtt werden sehen, was man alles von ihnen erwartet.
Der egoistische und gefühllose Ueberlebende, der sich den Amschern gibt, die gefallenen Kameraden zu ehren, denkt im Grunde, fernes Herzens nur an sich selbst. Einzig und allein in seinem eigenen Interesse gibt er große Summen für prächtige Begräbnisse und Trauerdekoratwnen aus. Inschriften, Girlanden, Paraden, Kränze, Reden, all die Ehren, die er dem Verstorbenen zu erweisen scheint, erweist er in sträflichem Wickel sich selbst. Der Grabstein seines Freurwes ist der Spiegel, in dem er sich beschaut, währ eich er vor sich selbst das Gewehr präsentiert. Errichtet er Stelen und Säulen, stellt er Erngangstore und diese ganze anspruchsvolle FriedhofÄ- architektur ans, in der er der Ähanitwslie seiner plumpen, brutalen!


