Ausgabe 
30.6.1917
 
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Die blonde Drossel

Roman von E. Fahrow.

(Fortsetzung.)

^Entweder oder! Entweder ich habe so viel, daß ich die Sache ordentlich und gründlich machen kann, oder ich fange gar nicht erst damit an. Damit meine ich, wenn mir meine große Erfindung nicht glückt, so warten wir noch ein Weilchen, nicht wahr?"

Oh gern!" rief sie frisch.

Er aber runzelte die Stirn.

Gern? Nein, gern sollst du nicht warten. Für mich ist es ein unerträglicher Gedanke, noch lange ohne dich leben zu müssen."

Und hast doch sechsundzwanzig Jahre ganz gut ohne mich leben können."

Was man nicht kennt, das vermißt man nicht. Aber du bist wohl eine solche kühle Blume, daß du nicht ntetitf brennende Ungeduld teilst?"

Bin ich kühl? Ach nein, ich glaube nicht."

So entzückend unschuldig kam das heraus, und so leuch­tend rein war der Blick ihrer großen Augen, daß er Mühe hatte, auf seinem Sitz zu verharren.

Mit blanken Zähnen biß Ruth in den saftigen Braten, der jetzt aufgetragen war. Hermann hatte sorgfältig die Bowle gemischt und trank ihr so oft zu, daß sie lächelte und nickte, aber dazu den Kopf schüttelte.

Zu alledem sang ein Zeisig aus einem der Bäume, und Hermann legte seine Hanjd auf die ihre.

Horch," sagte er leise,der singt wie du."

Ein einziges Mal hatte er ihrem wnnderholden Gesang gelauscht, kurz bevor sie Dortmund verlassen hatte. Sie hatte es nicht gewußt, denn ganz heimlich hatte er sich dazu unter ihr Hoffenster gestellt; der alte Stockton hätte ihn dort nicht entdecken dürfen, denn nach wie vor wäre ja dem wunderlichen Kauz ein solcher Freier als eineUnmöglichkeit" erschienen.

Ruth neigte sich vor, um zu sehen, ob andere Gäste nicht zu nahe saßen. Zufällig war das nicht der Fall, und sie zierte sich nicht lange.

Ganz leise begann sie zu trillern, so leise, daß es für eine Berufssängerin eine Kunstleistung ersten Ranges ge­wesen wäre.

Kürow war selbst musikalisch, spielte schön Geige und hätte ein Leben ohne Musik für halb verloren erachtet.

Atemlos lauschte er. Nach ivenigen Minuten hörte Ruth wieder auf, denn au entfernteren Tischen hob hier und da doch einer den Kopf und blickte sich suchend um.

Du!" flüsterte Hermann weich und langsam,du ach du!"

Später," sagte Ruth,werden wir uns gegenseitig also Musik machen. Und zusammen können wir musizieren! Ich glaube, das rverden unsere glücklichsten Stunden sein."

Sie iverden alle glücklich sein, Ruth. Du und ich, wir

werden zusammen das ergeben, was Gott selbst für eine Ehe gewollt hat einen harmonischen Zweiklang."

Eine Terz!" rief sie heiter.Eine große Terz, wie fk die großen, fröhlichen Glocken haben! Nicht eine kleine in Moll, die so leicht traurig klingt."

Er erhob sein Glas und blickte sie unendlich selig an.

Es lebe die große Terz!" sagte er.Tu mir Bescheid, mein Mädel."

12. Kapitel.

Seit seiner letzten Aufnahme war Heinz Riethling jeden Tag bei Otter erschienen.

Ruth mußte ihm höflich Rede stehen, denn dazu war sie hier; auch konnte sie nicht umhin, den lebhaften, geistreichen Plairderer liebenswürdig zu finden. Er verstand es gut, dieses Plaudern, weil er mit unfehlbarer Sicherheit heranszufinden wußte, was dem anderen interessant war.

Bei Ruth hatte er es beim zweiten und dritten Besuch mit feurigen Blicken und Sch ineicheleien versucht, war aber einer so kühlen Abwehr begegnet, daß er nun den Ritter­lichen und Ehrfürchtigen hervorkehrte.

-'Auf Anlerika brachte er die Rede, bewies, daß er mit den Dichtern und Denkern von jenseits des Meeres gut ver­traut war (wenigstens konnte Ruth uid)t merken, daß seine Weisheit eine ganz junge, aus dem Konversationslexikon her­rührende tvar), und versicherte, daß er einengrenzenlosen Respekt" vor allem Amerikanischen habe.

Dann traf ihn Ruth zufällig, als sie um sechs Uhr nach Hause ging. Er behauptete, denselben Weg wie sie zu

S en, und blieb an ihrer Seite, bis das Haus der Pension ubert erreicht war.

Einige Schritte vor der Haustür nmrde sie von Mr. Bost begrüßt, der mit aufreizender Unhöflichkeit über chren eleganten Begleiter hinwegsah ruck) nur fie anblickte, während er grüßte und bei ihr stehen blieb.

Riethling lächelte sarkastisch. Dieser ausländische Jüng­ling mit dem Knabengesicht störte ihn durchaus nicht, viel­mehr amüsierte er fkfy, daß jener so wütend über sein Aus- tauchen war.

Ruth hatte Bost die Hand geschüttelt und freundlich ge­sagt, daß sie nun wohl zusammen hinanfgehen könnten.

Aha," dachte Riethling,also so ganz und gar un­zugänglich ist sie doch nicht! Diesem langhaarigen Affen macht sie ganz freundliche Augen."

Er empfahl sich mit gewohnter guter Form, wobei er nicht verfehlte, dem Amerikaner zum Aerger von einem bal­digen Wiedersehen zu sprechen- und Mr. 'Bost aus Phila­delphia ahnte nichts davon, daß er soeben mit einem zoolo­gischen Vergleich bedacht worden war.

In der Tat trug er das Haar, wie die meisten seiner; Landsleute, ziemlich lang für preußische Begriffe.

,/Sie kennen schon eine Menge Herren hier," meinte er, seine knabenhafte Eifersucht ganz offen zeigend

Finden Sie?" neckte ihn Ruth.Nun, ich lveiß nicht.