Die blonde Drossel.
r Roman von E. Fahrow.
tFortsetzung.)
Noch eine ganze Stunde besprach sich Frau Ulrich mit ihrem Faktotum, dann entließ sie ihn, damit in den neuen, aufregenden Plänen keine Verzögerung eintrat.
Als er fort war, stand die große, stattliche Frau eine Weile still mitten im Zimmer und blickte mit bewegter Miene umher
Daß hier Jugend einziehen sollte! Daß ein frisches, ßhönes Geschöpf hier matten, eine Helle Stimme zwitschern, daß ein unverdorbenes und vielleicht ein dankbares, war- mes Herz hier ein Hciju finden sollte eine Berwauote, eine ihres eignen Blutes jetzt an ihrer Seite leben sollte, das War alles wie ein Wimder
Aber wie ein herrlühes, beglückendes Wunder?
Warnt war ihr Herz, und warm blickten ihre Augen, als sie das Blumenzimmcr verließ und durch eine Reihe wohnlich eingerichteter Räume hinüberying nach den beiden Gartenzimmern, die bisher die „Gastzimmer" geheißen hatten
Gäste hatten selten hier gehaust. Aber nun konnten fie einen Zweck erfüllen, konnten einen Gast aufnehmen, der kein Fremdes bleiben, der ein lrnrktiches, richtiges Kind des Hauses werden konnte.
„Gott gebe seinen Segen dazu!" murmelte Frau Ulrich, als sie ihren Rundgang beendet hatte und wieder vor dem Ständer angelangt war, wo der zahme Papagei sich zutraulich und erfreut vor ihr verneigte. Er konnte nur sehr wenig sprechen, aber dieses wenige pflegte er zu merkwürdig passen oen Zeiten anzubringen.
Und als Frau Ulrich ihm jetzt freundlick) über den runden, kleinen .Kopf strich, murmelte er:
„Hast dii gut gemacht, Frauchen. Hast du gut gemacht."
11. Kapitel.
Fräulein Ruth Stockton hatte seit einigen Wochen ihr Anit im Atelier Otter angetreten und zur Zufriedenheit des Chefs wahrgenommcn.
. Sie harte ietzt, da die Reisezeit so viele Berliner fernhielt, nicht gerade anstrengenden Dienst, doch war immer ein Kommen und Gehen in dem luxuriösen Raum, wo sie waltete.
Eben lat sich die Tür wieder auf, und ein hochgewachsener Herr trat ein, kam mit dem Hut in der Hand näher und sah die schlanke Empfangsdanre in ihrem dunkelblauen Schneiderkleiü sich entgegenkommen.
Sie erkannte ihn sofort nach der großen Anzahl von Photographien, die hier von ihm vorhanden waren.
Er blickte freundlich — allzu freundlich, dachte Ruth — die neue Angestellte an und fragte: ^
„Kann ich sogleich eine Aufnahme machen lassen? Ich habe leider nur sehr wenig Zeit."
„Wenn Sie eine halbe Stunde Geduld haben wollten, es sind gerade einige Kinderaufnahmen im Gange."
„Kinder? 2lch, Himmel, das kann abec unendlich tätige dauern, fürchte ich! Ich bin hier sehr bekannt, Fräulein mein Name ist Riethling, Referendar Riethling."
,Za, ick) weiß. Es find viele Bilder von Ihnen hier. Aber die Kinder müssen nun doch erst fertig seit!, nicht wahr^-Wvlleu Sie vielleicht wiederkommen, dann sorge ich dafür, daß Sie nicht zu warten brauchen, lvenn Sie zurück kehren."
Rilth ahnte nicht, daß der glattrasierte, junge Herr, der halb wie ein Schauspieler und halb wie ein sehr vornehmer Lebemann aussah. ganz genau wußte, daß er die rer zende Sängerin ans dem Walde von treulich vor sich hatte
Er Dlickte sich Utlschlüsfig um, zögerte einige Sekunden und hing dann sei nett Hur an einen Haken.
„Ich warte lieber hier", sagte er. „Vielleicht haben Sie die Güte, mit inir ein passendes Format und sonstige Wichtigkeiten nuszusuchen. Es handelt sich nämlich um eine Auf nähme für eine sehr einflußreiche Persönlichkeit, die mich noch nicht kennt. Man möchte doch einen möglichst günstigen Eindruck machen!"
Er lächle bei diesen Worten und sah sie kindltch treuherzig an. , L .
Diese Miene war eine tvohlbewußte Besonderhett an ihm, die er tausendmal in ihrer Wirkung erprobt hatte. Die Menschen, vor allem die Damen, faßten Bertrauen zu chm, wenn er fein „knabenhaftes" Wesen hervorkehrte
Ruth war viel zu harmlos und unerfahren, um das zu merken.
„Das Format müssen Sie schon selbst bestimmen , antwortete sie, ebenfalls lächelnd. „Vielleicht hier, diese Größe? Und in der neuen skizzenhafteti Art ausgenommen? Die Bilder sehen säst wie Handzeichnnngeu aus."
Er beugte sich neben ihr über die Photographien, die ne zeigte, und atmete dabei den Dust ihres lichten Haares ein
„Eine süße Kröte!" dachte er fortwährend. „Sie könnte einem gattz gründlich den Kopf verdrehen, wenn man nicht wüßte, daß hier bei Otter keine „leichten Fliegen" angestellt werden."
Er wählte eine ganze Weile, sieß sich immer wieder andere Muster zeigen und fragte dabei sck)einbar nebenbei:
„Sie sind noch iiicht lange hier, nicht wahr, Fräulein? Vor Ihnen War eine sehr große, stattliche Dame hier — was
ist aus ihr geworden?"
„Die Dame hat sich selbständig gemacht. Sie ist Tier Photographin. — Ich glaube, jetzt werden die Kinder gleich kommen, und Ihrer Aufnahme steht dann nichts entgegen. Haben Sie sich zu dieser Große hier entschlossen?"
Sie sprach jetzt in höflich geschäftsmäßigem Ton, denn es waren neue Kunden soeben eiiigetreten, denen sie entgegenzugehen hatte.
Hein; Riethling imitbc in die Werkstätte gebeten, und als er nach einer halben Stunde zurückkam, fand er die


