Ausgabe 
23.6.1917
 
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nach Weit mid b<x Meng« ftagie, hatte die Zeugnisse seiner schen EittwickLung sorgfältig vor jedem! profanen Blick vor­igen. Nur spärlich traten diese persönlichen Dokumente, in denen N ürit einer sonst nirgends, selbst bei Goethe nicht wiederkehrenden Vusführlichkett sein inneres Leben gegliedert, ans Licht, und in weitere Kreise orangen !nnr seineBriefe an eine Freundin", die aber, in versttin: melier, ja verfälschter Form veröffentlicht, einen fremlben, hMs väterlich-engen Zug xfj-tn anhefteten. Es war ein kimneS Unternehmen, als Rudolf Hayn: 1856 ans Grund so pvcmgelhafter Kenntnisse ein Charakterbild Kumboldts entwarf. Und nur diesem geistesverwandten Meister der Biographie konnte es gelingen, eine so wundervolle, für immer gültige Darstellungs Ms dem tiefsten Nacherleben der ganzen Zeit hervorzubringen^ In Unverrückbaren Linien sind hier die Umrisse seiner Eigenart festge- halteir. aber die lebendigen Inhalte, die seitdein immer reicl>ec dem Bilde zuströmten, machen es dem heutigen ^Beurteiler sehr viel schwerer, die Widersprüche und komplizierten Seelenvorgänge der Hnmboldtschen Individualität zur einheitlichen Auffassung Man« ,'.'.e,lzu schließen. Die Wiederauferstehung, die der Freund Goe- thes und Schillers in« 20. Jahrhundert erlebte, hat ihn seinem Volke näher gebracht, als ihrn der Lebende je gestanden, aber noch ist es keinem gelungen, über Hahm hinaus all die nenentdeckten Geistes^ schätze in einer neuen Darstellung seines Lebens fruchtbar zu fnachen.

Die Berliner Akademie der Wissenschaften, zu deren Zierden Humboldt gehörte, hat seine Schriften seit 1903 in einer vorzüg­lichen Ausgabe gesammelt, die an Reichtun: und Sorgfalt hoch über den gesammelten Werken steht, in denen Wilhelms Bruder Alexander zun: ersten Adale ein Denkmal seines Schaffens errichtet. Nur die Briefe stehen noch aus. Doch gerade als Bricfschreiber ist Humboldt in letzter Zeit in der ganzen Hülle und Frische seines We­sens vor uns getreten durch die Veröffentlichung des Briefwechsels n«it seiner Gchtin Caroline, der jetzt in sieben starken Bänden vorliegt. Es gibt ivenige Briefwechsel der Weltliteratur, die sich an Innigkeit des Gefühls, an Höhe des geistigen Standpunktes, air Tiefe der inneren Einblicke und Weite der äußeren Ausblicke Mit der Zwiesprache dieser beiden genialen Menschen vergleichen können. Ein Querschnitt durch die- stolzeste Zeit des deutschen

f nsteS wird geboten, von der Aufklärung über die Epoche des lassizisMus und der Ro«uantik zu den Jahren der deutschen Erhe­bung und der Begründung der deutschen Geisteswijsenschaften., Freilich erscheinen hier Humboldt und Caroline auch vielfach in emem neuen Licht. Tie Heroen, deren Marmorbilder man be- tmmdert, lassen in den Stürmen irdischer Leidenschaft Mensch- läches-Attzümcnschliches ahnen. Es sind zwei sensible von W Zeitereignissen erregte Naturen, deren Weg über Abgründe der Leidenschaft auf die Höhen der Menschheit führt. Mer gerate! weil wir die Erschütterungen und den Zwiespalt Humboldts ftüher so abgeklärt erscheinenden Temperaments nun mitcrleben können, erscheint uns die vollendete Harmonie, zu der er sich durchrang, noch ergreifender, tritt uns seine Persönlichkeit menschlich näher. Mben diesen Familienbriefen sind es die neuen Briefe an Schiller, die erst kürzlich bekannt wurden, sind es die gereinigten und er­gänzten: Briefe an Charlotte Diebe, die nun über das enge spieß­bürgerliche Niveau der ersten Herausgeberin emporgehoben werden, sind es die zahlreichen Tagebücher mit ihren Selbstanalysen, aus denen die dämonische Natur Humboldts mit einem fast unheimlich Nahe,: Feuer leuchtet.

Winckelmann hat den nackte«: Menschen als den wichtigsten .Gegenstand der antike«: Plastik bezeichnet. Humboldt, dieser be­geisterte Verehrer der Griechen, dessen Weltanschauung der der Antike näher gekommcn wie die irgendeines andern modernen Menschen, wählte ebenfalls den Menschen, aber de,: innere«: Men­schen, zuin! Ziel <m seines Studiums. So sehen wir bereit» benj jungen Juristen, unbefriedigt vorn Staatsdienst, auf Reisen der: Verkehr nnt bedeutenden Männern suchen, sehen ihn durch seine ersten Freunde, durch Förster, den Altertumskenner Wolf und Schiller eingeführt werden in die politischen Wirrnisse der Gegen­wart, in die Wunder der Antike, in das 'Reich der Kunst und des .Gemes. Tie Bekanntschaft mit Schiller war Humboldts größtes Erlebnis, da fte ihn dein VdeiMer: in seiner höchste«: Idealität nahe brachte. So wird er zun: berufensten Deuter seiner Kunst- ,me jene herrlnche Schilderung Schillers in der Borerümerung zw dem von Humboldt veröffentlichten Brief,vechsel zwischen den bei­den, wie seine erst neuerdings bekannt gewordene Wallenstein- Analyse bei reisen. Daneben aber befähigte ihn seine seltene An­lage, auch bie Individualität Goethes bis in ihre letzten G.-und- tnebe zu begreifen. Es ist ja seine gcistesgeschichtliche Stellung in unserer Kultur, daß er das Mittelglied bildet zwischen unsenls beü>en größten Dichtern, daß die heroische Idealität Schillers und d:e Plastftcke Anschauungskraft Goethes in seiner Natur zur Ein- heit verschmolzen sind. In zahllosen Aeußeruugeu, so in seinen Gedachitmsrede, in seiner Besprechung der Italienischen Reise, in ferner unübertrefflichen Zergliederung derMarienbader Elegie", Kat er dm Kern der Goetheschei: Kunst erkannt. Ms Schüler und-Ge-« noste Goethes ging er nach Rom^, um hier die Arrtike in unnnttel- bare,: Mschaannngei: zu erlebe::. Aber sein allseftiger Geist drängte rhn Mn Erfassen der gesaullen Menschheitsgeschichte, mit derest Zdeen und Problemen er sich in zahllose,: Entwürfen auseinander- fetzte. Bon der Werte aber ging sein Weg immer inehr in die Tiefe,

wnü so erkannte er allmählich in der Sprache dei: Nrgiünd allaZ Geistergeschehens, den besonderen Ausdruck der verschiedensten Völ­ker und Zeften; sie bot ihm den Schlüssel zNp Erkenntnis jener! Ewigkeitselemente, die er stets im Menschen gesucht hatte. Das Sprachstudiunr, das de:: letzte:: Teil seines Lebens ans füllte und feine wissenschaftlich bedeutendsten Werke gezeitigt hat, ist so die Erfüllung all seiner Bestrebungen. Die vergleichende Sprach^ Wissenschaft, die er dabei schuf, war pur ein Nebenprodukt seines Wirker:», so wie er zugleich der Geschichtsschreibung Rankes, der von Steinthal ausgebauten Völkerpsychologie entscheidende Anregun- gen bot. Sein Denken ist weltgeschichtlich in dem höchsten Sinne, daß es über den Zeiten und den Bölken: steht. Aber seine Wurzeln r'uhen fest im deutschen Wesen, und gerade ivir Heutigen dürfen nie vergessen, daß Humboldt ein Deutscher war, dem sein Vater­land über alles ging .Und der seiner Nation seine besten Kräfte? geweiht hat.

Ter deutsche Geist sitzt Ihnen zu tief, als daß sie irgendlva aUfhören könnten, deutsch zu empfinden und zu denken." So schrieb ihm Schiller in seinem letzten Briefe nach Rom. Und diese Heimat^- llebe pt der Grundton all seines Fühle,rs. Das Sch,weise,: in dis r^erne brachte ihn Deutschland llnmer näher, so ivenn er 1600 :,: der Sierra Morena jene Weissagung an das deutsche Volk rich­tete, die uns heute wieder besonders ergreift: r

Wenig noch wird erkannt das Volk, das still Und bescheiden,

Aber tieferen Ernstes, kühnere Bahnen sich bricht;

Doch sie kommt, die vergeltende Zeit, schon winkt sie nicht fern mehr. Wo es dem Folgegeschlecht zeichnet den leuchtenden Pfad."'

Als daher in der Zeit der Not der Ruf seines Königs an ihtn ergmg, M:tzUw:rken an der geistigen Erhebung seiires Volkes da hat er nicht einen Augenblick gezögert.Ich liebe Deutschland recht e:gentl:ch :n tiefer Seele," schrieb er im frischen Abschieds schmerz von seinem geliebten stiom. Das Unglück der Zeit knüpft Mich noch enger d-nan, und da ich fest überzeugt bin, daß gerade d:es Unglück Motiv ivevden sollte für die einzelnen, mutiger pH streben, so möchte ich sehe,: ob die gleiche StinmtuUg auch d» andern herrschend wäre, und dazu beitragen, sie zu verbreiten.^ In jenem emzigen, aber für das deutsche Geistesleben so unendlich folgereiche,: Jahre, da er als Leiter des preußischen Unterrichts- Wesens alle sittlichen Kräfte der Nation mobilisierte, hat er es> verstanden, seinen Geist unserer ganzen Kultur aufzuprägen. Es :st ich rer unbegreiflich, was er damals geleistet: von der Gründung! der Universität Berlin bis zur Sorge für die Ritter-Akademien, von der Einführung der Pestalozzischeu Ideen in den Volks schul­st,: terrrcht bis zur Pflege der Musik m den Schulen. War er schon :n dem Paris der Revolution für die kanrische Philosophie unter den Franzosen eingetreten, so ivußte er nun das ganze Geistesleben, mit den Ideen der deutschen Philosophie zu beseelen. Ms ihn dann wrdrige Umstände diesem ihm so gemäßen Wirkungskreise entzogen, bat er als Diplonmt es verstcnchen, Oesterreich auf der Prager Konferenz zUm Anschluß an Preußen zu betvegen, und damit die wichtigste staatsm!ä::nische Tat zicr Befreiung seines' Lande» voll­bracht. Bei den Friedensverhandlnngen loar er die diplomatische stütze Preußens, u:ck> ioir dmken heute besonders daran, daß er seme ganze Persönlichkeit dafür einsetzte. Um die Wiederheraus- gäbe von Elsaß-Lothringen im zwerten Pariser Frieden zu er­reiche::. Sein Streben war vergeblich, vergeblich auch sein groß« artiger Entwurf einer preußischen Verfassung, deren freiheitlichen Grundsätze,: in der Zeit der Karlsbader Beschlüsse kerne Gel­tung verschaffen konnte. So staick» die Zeit den höchsten Bieten! fernes staatsmännischen Wirkens hemmend im Wege und er. der üllgemein für die größte polllftche Begabung Preußens galt. Würbe durch die Intrigen Hardsilbergs ans seinen Llemtern verdrängt.

Unter der Fülle von Beübungen, die Wilhelnr von Hünv- böldts Persönlichkeit in einem schiller-Nden, schier unbegreiflicheni Glanze erstrahlen lassen, war die diplonuitische wohl seine urstä'üng!- lichste. Während ihn: das literarische Schasse,: sehr schwer fiel, war er SinMeister des Aktenschreibens", der die umfangreichsten' Denkschriften und Gesetzentwürfe mühelos ausarbeitete. Aber zum großen Staatsmann fehlte ihn: das Gefühl für äußere Macht, fehlten ihm Energie und der starke Drang zum Handelm Nur geistige mtf* seelisch Größe ließ er gelten. Idealität und Humanität dünktcni :hiN d:e höchsten Ziele der Menschheit, Schauei: und Erkenne:: d:e höchste,: Aufgaben des Menschen. An den, indischen Epos Bhagavad- Gita, das eins der wichtigsten Erlebnisse seines Greisenalters ivurde, fesselte ihndas Handeln, gleichsan: als handle nian nicht".Das sttmmt mit meiner Individualität wunderbar überein," schrieb er an Niebuhr. Uird damit wird der letzte Schlüssel zu der rätsel-- vollen Persönlichkeit dieses Mannes geboten. Er war kein Tat­mensch, für den Handeln Notive,ü>igkell und Genuß bedeutet, sondern eine unendlich aufnahmefähige 9?ptur, deren innerstes Leben im Cunpfangen und Verarbeiten gewonnener Eindrücke bestand. F,-ei - lich wußte er durch die Kraft des Willens sich zum Handeln nr zwingen, aber doch so, daß er sich nie durch äußere Motite dab^ besttmmen liep. Mle Kräfte der Seele waren von ihm vollendet harmonisch gejtaltet, und wenn irgendein Sterblicher, so h>:t er dlls M>rt seines Freundes Schiller Lügen gestraft:Zlvischen Sinnenglück u,ck> Seelenfrieden bleibt de,,: Menscl/en nur die bange Wahl". Auf seine Stirn, lvie auf der deshr>hen Uraniden", leuck>- tet ihr vermählter Strahl.