Ausgabe 
23.6.1917
 
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Märe mb «Tekfi aus der Straße die beiden Mädchen zusanlf- Wen getroffen hätte."

Zufall gibt es nicht, lieber Berber. Sie wissen doch, daß ich glaube, der liebe Gott lenkt alles selbst, was geh schreht."

Berber dachte, dann müsse der liebe Gott eine ganze Menge zu tun haben, wenn er persönlich die Geschicke der gesamten Erdbevölkerung lenken wollte. Aber dergleichen jußerte er aus Respekt nicht.

Wie sieht sie denn aus, diese meine Nichte?"

Außerordentlich hübsch vor allem."

Ach, das ist nicht die Hauptsache. Sieht sie nett Mt? Sie wissen doch, was ich meine."

Nett? Sie meinen so gewissermaßen solide? Ja­wohl, so sieht sie aus. Sie ist hellblond und schlank und nicht klein gerade, aber auch nicht so groß wie Therese."

Glücklicherweise! Und was macht sie denn nun hier?"

Sie sucht eine Stellung, glaube ich. In Dortmund war sie Buchhalterin bei einem großen Kohlen- oder sonstigen Grubenbesitzer. Dieser Herr Wecker saß übrigens ebenfalls Mit an dem Stammtisch, und ich hörte, wie er sich in einem eigentümlich spitzen Ton nach Fräulein Ruth bei Herrn Stock- Ion erkundigte."

Berber, ich bin ganz überwältigt. So viel Neues auf einmal haben Sic mir gebracht! Wirklich, ich fiihle mich ganz schwach."

Sie lehnte sich zurück, mrd mit Schrecken sah Berber, daß lie fahl und verfallen aussah.

Er sprang auf und wollte nach dem Mädchen klingeln, Aber sie erhob abwehrend die Hand.

Bloß ein Glas Wasser", sagte sie.Dort drüben auf der Anrichte steht es. Gleich wird es vorüber sein; aber ich glairbe, ich werde mir tatsächlich eine Stütze oder Ge­sellschafterin annebmen müssen/'

Berber spitzte die Ohren. So gut kannte er seine Herrin, daß ihn: sofort »ihr ganzer Gedankengang klar war. Nichts 'konnte ihr augenblicklich willkommener sein als dieser kleine Bchwächeanfau. Sie hatte dann vor sich selbst einen guten Vorwand, Fräulein Stockton ins Haus zu nehmen.

«Das würde sie ja unbedingt nun tun. Er kannte doch Frau Ulrich!

Auf der Anrichte int Nebenzimmer fand er ein schönes alchrodisches Glas und eine dazu gehörige Wasserslasche, beide aus Rubinglas, mit eingeschliffenen Blumen und Tieren verliert.

Frau Ulrich trank bedächtig einen Schluck von dem Wasser, nach einem Weilchen noch einen, und dann setzte sie iS auf das Tischchen zwischen den Blumen. Auf der lackierten Platte des Tischchens waren aus buntem Perlmutter zwei prachtvolle Fasanen eingelassen, die auf einem etwas zu dünnen, blühenden Zweige saßen.

Berber wußte, daß einst Karl Ulrich dieses japanische Kunstwerk seiner Gattin alsOsterei" geschenkt hatte. Nun saß sie alle Tage hier zwischen ihren Blumen davor und achtete das bunte Stück gewiß gleich einem kleinen Haus- astar.

Eines," sagte Berber mit Entschiedenheit,möchte ich. Ihnen aber anznraten mir erlauben, Frau Ulrich. Sagen Zie Jhrem Bruder nichts davon, daß - und irr welcher: Verhältnissen Sre leben."

Für so einfältig brauchen Sie mich doch nicht zu Halter:!" versetzte sie. Und als habe sich ihre Zunge jetzt lmeder gelöst, fuhr sie rasch fort:

Ich will August natürlich unterstützen, wen:: es nötig ist, aber zu wkrjsen braucht er noch nichts von mir. Und ebenso mit dem Mädchen Ruth heißt sie? Hübscher Name. Also auch sre braucht noch kern Wort von unserer Verwandt­est zu erfahren. Kann ja eigentlich auch gar nicht der- gleuhen vermuten, wenn sie doch Stockton heißt. Das sieht auch wieder August so ähnlich. Solche Alfanzereien! Hat erneu ehrlichen deutschen Namen und spielt sich auf den Arnerrkaner raus. Na, er soll mir nur kommen! Spreche rch ihn, dann krregt er gehörig die Wahrheit zu hören."

Mit Genugtuung bemerkte Berber, daß alte Lebens- aerster ferner Prrnzrpalrn nun zurückgekehrt waren. Sie er­hob sich auch retzt und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten, dre Hände auf dem Rücken gefaltet. *

Wenn das Machen mir gefällt," murmelte sie,dann beiden geholfen. Dann habe ich jemand, der sich um mich bekümmert, und sie braucht sich ihr Leben lang keine

Sorgen mehr zu machen, braucht auch' nicht uin ihr tägliches Brot zu arbeiten."

.. . sie Lust hat, eine Hausstellung anzunehmen, Frgu Ulrich, das weiß ich nicht. Man müßte da mal fragen . .

Nur vorsichtig, Berber! Nicht fragen, so direkt mehr Fühlhörner ausstrecken. Ihre Nichte zum Beispiel, die müßte das besorgen. Aber sie dürste ebenfalls noch nichts ahnen von der Verwandtschaft."

Tut sie auch nicht. Ich habe doch selbstverständlich kerne Silbe von der ganzen Sache verlauten lassen. Aber wenn ich nun Therese in diesen Tagen sage, daß Sie eins Gesellschafterin suchen man könnte ja besonders englische Sprachkenntnisse wünschen . . ."

Du meine Güte, Berber, wo ich kein Wort von solchem Zeug verstehe!"

^ben darum. Dann könnte die Gesellschafterin Ihnen! englische Bücher oder Zeitungen übersetzen. Ich meinte es doch auch nur als Ausrede. Musikalisch soll das Fräulein übrigens auch sein."

So, so, das freut mich. Musik kann ich viel hören, es wird mir nicht leicht zu viel. Wenn ich nur das Kind mal sehen könnte ich bin ordentlich ängstlich! Wenn sie mir nun nicht gefällt?"

Sie gefällt Ihnen ganz sicher, Frau Ulrich. Wenn sie doch sogar mir gefallen hat!"

Karoline Ulrich lachte ihr behagliches Lachen.

Da haben Sie nun wieder recht, Berber. Sie alter Knurrhahn haben doch an jedem etwas auszusetzen. Ich kann schon viel darauf geben, daß sie Ihnen gefallen hat."

, meinte er,nämlich, Frau Ulrich, sie sieht

dem Bilde dort etwas ähnlich."

Er zeigte auf das Jugendbildnis, das vor einer so langen Reihe von Jahren ein talentvoller, junger Maler von Frau Ulrich angefertigt hatte. Sie zeigte zwar darauf eine etwas sentimentale, schiefe Kopfhaltung, die Ruth durch­aus frenrd war; aber eine gewisse Aehnlichkeit war wirklich vorhanden, vor allem auch m dem freien, klaren und guten

(Fortsetzung folgt.)

Wilhelm von Humboldt.

(Zn seinem 150. Geburtstage, 22. Juni.)

Bon Dr. Paul Landau.

. Fs gibt einige tvenige weltgeschichtliche Gestatten, in denen sich der Geist eines großen Zeitalters wie in einem leuchtenden Symbol rn seiner ganzen Kraft tutb Vollendung dar stellt. Wohl haben sie auch an den Werten der Kultirr .Mitgeschafftm, die sich rn ihrem; Wesen .^ullt: aber ihre höchste Leistung liegt nicht so in ihrer schöpferischen Arbeit, als rn den: Erleben der neuen Menschheit^ loeen, vre rhre Zeit geboren, liegt in der großartigen Steigerung/ ibrer Individualität. Solche representative men" sind für die Antike Perckles Lorenze de Medrcr für die Renaissance; für Unser deutsches klaistsches Zeitalter ist es Wilhelm von Humboldt. In ihnr ist der klassische deutsche Mensch", wie ihU Kaut und Fichte gefordert Herder und Jean Paul geahut, Goethe und Schiller geschaut haben, zur Wirklichkeit geworden. Die nltseitige Aus-, brldung die harmonische FiUle seines Wesens, sie sind der beste Beweis für die Macht und Weite der Epoche, die ihm die Möglich- r ö",w einzigartigen Entwicklung gewährte. Je reicher imser Ueberblick über das ungeheure Feld seiner Tätigkeit wird in die verborgenen Goldschächte fernes} Tokens, desto Unfaßlicher er feint uns das Werk dieses Mannes der als Jüngling rn Studien und Reisen das Werden und Wissen der geschichtlichen Welt in sich aussog, der als Mann ans deni diplomatischen Konferenzen die Geschicke der Völker mübestimmte und durch seine Organisation der preußischen Bildnngsanstalten dems Geistesleben eines ganzen Jahrhunderts die Wege wies, der als Ererv lchlretzlich m seinen sprachvcrgleichenden Werken eine neue Methode der Wissenschaft begründete. Als Staatsmann und als Gesetzgeber als Böllerpwchologe und als Sprachkenner, als öfc storrker und als Aesthetrker, als Philosoph, Philologe und Päda­goge, als Nebersetzer und Dichter hat Humboldt unvergängliche Spuren seines Wirkens hmterlassen und Keime ausgeftreut, deren Saat züM Teil heute noch nicht anfgegangen ist. Wenn wir uns an! semew Gedenktage die Gestalt diesesidealen Deutschen" vor die Seele rufen, dürfen wir uns nicht in der verwirrenden Fülle seiner r-i l rrl cl ' lmtöen verlieren, sondern müssen die stolze Einheit mög- lw,'st klar zu erkennen suchen, die den ewigen Wesenskern dieses Mannes ausmacht: seine in ihrer Frllle so unsäglich komplizierte mb boch m ihrer Vollendung völlig geschlossene Persönlichkeit.

Als Wilhelm von Humboldt am 8. April 1835 seine Seher- miQen für immer schloß, war er trotz seiner Mltberühmtheit eins fernem runern.Wesen noch aanz unbekannter Mann. Wohl hatte sich ein Teil fernes Lebens, der seiner staatSMännischen Laufbahn, rn breitester OeffentlrMit abgespielt, aber d^r Meise, der so gay