Die blonde Drossel.
Roman von E. Fahrow.
(Fortsetzung.)
„Schon gut, Berber, ich kenne ja Ihren £mfj gegen die Engländer, wenn ich ihn auch nicht teile. Sie wissen aber, ich hasse überhaupt kein Volk. Und wenn ich morgen einen Reger kennen lerne, der ein braves Herz hat, dann esse ich KUt einem Tische mit ihm und freue mich, wenn er von meiner Freundschaft was wissen will. — Nun erzählen Sie aber um Himmelswillen weiter. — Ihr Agent kriegte es Wirklich raus, Wo mein Bruder geblieben war?"
„Ja, und zwar hauptsächlich deshalb, iveit sich damals noch Ihr Bruder mit seinem ehrlichen, deittschen Namen nannte. Später hieß er dann nicht mehr Stock, sondern Stockton." (Berber sprach mit spitzen Lippen den Namen so geziert wie möglich und mit beißender Verachtung ans.
„Soso, Stockton. Sieht ihm ähnlich, dem August. Ich sagte Ihnen ja, daß er immer eine verdrehte Schraube war."
,^Jawohl. Auch drüben hatte er diesen Ruf. In Cincinati, wohin ich mich wandte, hat er übrigens ziemlich lange gelebt. Und rein zufällig war er auch bekannt mit dem Inhaber meines Auskunftsbnreaus. Er ging aber dann vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren weiter, nach Kolo- rado, dann nach anderen Staaten, verheiratete sich, verlor die Frau und wanderte endlich mit ein paar tausend erworbenen Mark wieder zurück nach Deutschland. Wenn er von dort aus nicht prahlerisch an seinen alten Bekannten in Cincinati geschrieben hätte, würden meine Nachforschungen vergeblich geblieben sein,- sie haben auch ein paar hundert Mark gekostet."
„Das mack)t ja nichts, Berber."
„Die erste Anfrage ging brieflich ab, alles andere dann telegraphisch."
„Wie gut, daß >vir Kabel haben! Und nun weiter?"
,^Ja, also Herr S—s—stockton sitzt in Dortmund und seine Tochter ist in Berlin."
,I?n Berlin? Berber, wirklich und wahrhaftig? Was wacht sie denn hier? Was ist sie denu für ein Mädchen?"
„Nun, es scheint ja, als rvenn sie ganz aus seiner Art geschlagen wäre — , ich meine, im Guten. Nach ihrem Vater scheint sie durchaus nicht geraten zu sein. Ich bin nämlich neulich, als ich zlvei Tage Urlaub uahni, selbst in Dortmund gewesen, Frau Ulrich."
„Sie rührender Mensch! Haben Sie ihn selber gesehen, meinen Bruder August?"
Berber schmunzelte und sein faltiges Gesicht sah zum Lachen komisch dabei aus.
„Ich hatte die Ehre!" sagte er. „Denn es war ein Sonntag, und ich konnte Herrn Stockton dort sehen, wo er sich so recht natürlich gab, am Stammtisch. Er sieht nicht gerade blühend aus — ist er annähernd sechzig, so könnte man ihn. nuch ßU iwch älter halten — und daß er es —
noch sehr lange machen wird, glaube ich nicht. Er ist nicht etwa krank; aber gebrechlich sieht er aus."
Frau Ulrich schluckte ein paarmal. Sie war froh, daß! er wenigstens nicht in Not war, und daß sie nun noch Zeit hatte, etwas für ihn zu tun. Aber schon die nächsten Wort« ihres Getreuen machten sie stutzig.
„Es ist ein Glück," sagte er bedächtig, „daß der Herr nichts von Ihnen und Ihrem Gelbe weiß, Frau Ulrich.
Denn eigentlich ist er insgeheim immer auf der Jagd nach einem Geldgeber, der ihm seine verdrehten Pläne verwirklicht. Alle seine Projekte erfordern Riesensummen zur Ausführung, das hat er mir selbst gesagt."
„Die alte Geschichte! Mit Kleinigkeiten hat sich August nie abgegeben. Schon als halbwüchsiger Bengel wollte er zum Beispiel Berlin zu einer Gebirgs- nnd Jnselstadt machen."
„Was?"
„Es war ein ganz ernster Plan, in den er sich so verrannt hatte, daß er sich zuletzt sür das verkannte Genie und uns alle für verbohrte Dummköpse hielt. Er behauptete, nur in einer imposanten Gegend könne eine Weltstadt wie Berlin sich entwickeln. Man müsse also einige hohe Berge im Norden aufrichten. Er hielt das nicht sür unmöglich, und ich weiß ja auch nicht, ob nicht vielleicht wirklich ein genialer Kern in alledem steckte. Er sprach von Felsenblöcken, die man mit Maschinen heranschleppen, von ungeheuren Mengen von Erd- t
reich, das man zwischen diesen Felsblöcken aufschichten müsse.
Ich glaube, mehrere hundert Meter hoch wollte er das künstliche Gebirge errichten."
„Wozu denn bloß, tvozu denn bloß?"
„Ach, so genau weiß ich das nicht mehr. Er redete sich das eben ein. Berlin wäre dann gegen Norden vor raühen Winden geschützt, und die Spree mußte in riesigen Betten rund um die innere Stadt, die dann die eigentlich „vor-- nehme" sein sollte, geführt werden. Dort in der Mitte sollte das Schloß, sollten die Museen und lauter Prachtstraßen liegen. — Ja, August wollte eben zaubern! Anstatt einer flachen Stadt in märkischem Sand sollte ein Märchen erstehen, umgeben von Bergen, fruchtbar gemacht durch ro- mantsich schöne Gärten und Felder, ja es sollte jedenfalls ganz so aussehen, als ob wir in einer gesegneten, reichen.
Landschaft lebten, anstatt in einer sehr bescheidenen. — Kurz,
August war eben ein Projektenmacher, solange er lebte. —
Und nun lebt er noch — als.alter Mann — unverändert!"
,^Ja, und es scheint, daß man ihn nicht recht ernst nimmt. Seine Tochter dagegen — nnd nun kommt das ganz Merkwürdige, Frau Ulrich — denken Sie bloß, mit der hat sich schon seit ein paar Wochen meine Nichte angefreundet."
,^Jst es zu glauben? Aber Berber, wie kam denn das, ich bitte Sie?"
„Zufall!" brummte Berber, ,,was sonst? Ich wäre auch nie darauf gekommen, daß solch ein Zufall wirklich eintreten könne, Wenn ich nicht gestern aus Dortmund zurückgekommen
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