T7l ?9(? Nr. 65

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Die blonde Drossel.

Roman Don E. F a h r 0 w.

(Fortsetzung.)

In dein vornehnlen Hause des berühmten Photographen Otter waren die Geschäfte bald erledigt.

Der Inhaber, ein freundlicher, alter Herr, der aber selbst nur noch dann in de,'. Werkstätten erschien, wenn Fürstlichkeiten zu Aufnahmen angemeldet waren, begrüßte Ruth freundlich, fragte nach ihren Sprachkenntnissen, machte ihr einige väterlich klingende Kornplimente über Aussehen und schloß gleich einen Vertrag mit ihr, der vorläufig für ein Vierteljahr gelten sollte. Das Gehalt war ebenso hoch lvie das, welches'sie b-ei Wecker, unguten Angedenkens, erhalten hatte. Und in Berlin durfte sie, tv-enn sie tvollte, alles für sich verbrauchen, nachdem ihr Vater sich wohl oder übel entschlossen hatte, die Stellung bei. Frau Sebms an- zunehmen.

Arm in Arm verließen die junge:: Damen das Haus. Fch werde lange nicht soviel verbrauchen," rief Ruth,und ich kann meinem Vater jeden Monat noch eine Hum me senden."

Therese war van Franziska in die Eigentümlichkeiten des alten Stocktvn eingeweihl worden. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte:

Das wäre vielleicht ein Fehler. So viel ich tveiß, hat dock» Ihr Vater seit! Auskommen. Sparen Sie das, was Sie etwa erübrigen, für Notfälle ans: ich kann. Ihnen sagen, nichts ist entsetzlicher, als wenn man zum Beispiel im Falle einer Krankheit ganz ohne eigene Mittel ist. Bei allen: Respekt vor nnsereiu Bersicherungswesen muß ich Ihnen doch den deutlichen Rai geben: Werden Sie niemals krank; aber wenn Sie es werden, dann seien Sie froh, wem: Sie eine eigens, kleine Reserve haben? Auch für eine kurze Erho­lungsreise muß man stets ein paar Kröten beiseite legen. Denken Sie doch bloß an, welches Hochgefühl Sie erfüllen würde, wenn Sie das erste Mal aus eigene Kosten in die Alpen oder an die See gingen."

Ach. ich bin nicht so reiselustig," murmelte Ruth, drüben sind wir mehr als genug auf der Eisenbahn nncher- gevollt. Und von der See habe ich gleichfalls genug bekom­men: denn wir kamen nicht aus einem Dampfer, sondern auf einem altmodischen und langsam fahrenden Segelschiff her­über. Aber sagen Sie, wo gehen wir dein: eigentlich hin?"

Zur Untergrundbahn ein dummes Wort, nicht wahr? Wir haben es aus dem Englischen übernommen, aber es hat ja keinen richtigen Sinn: dennGrund" bedeutet bei uns doch incht Erde, wie dort in den: mir überhaupt so un­sympathischen England. Warum sagen wir nicht einfach Tiefbahn?" Ach, mein liebes, geliebtes Berlin, und bii, mein über alles geliebtes Vaterland, warum machst du immer, immer noch nicht ein so stolzes und eigenes Gesicht, wie du es dock) wahrhaftig dürftest?!"

Thereses Wangen hatten sich gerötet und ihre großen dunklen Augen brannten, wie stets, ivenn sie auf Deutsch­lands Größe und Deutschlands Schwäche zu sprechen kam. Aber schon fuhr sie lächelick» fort:

Hier sind wir schon? Und nun versenken wir uns in den Schoß der Erde. In einer guten Viertelstunde atmen wir Waldluft."

Sie flogen in den stillen, dunklen Schacht hinein, Ruth ganz voller Neugierde und Freude, wie ein Kind, das etwas beschert bekommt.

In der Heerstraße stiegen sie ans.

Scharen von Ausflüglern waren schon unterwe-S: Therese kannte hier jeden Steg.

Kolonne marsch?" kommandierte sie, indem sie weit ausschritt und dabei den Hut abnahm, um ihn sofort mit einer Nadel am Kleide befestigt zu tragen.Gleich werden wir hinaus fei» aus der Menschenmenge, die ich nicht ansstehen kann. Und wenn das Glück gut ist, gelingt mir vielleicht eine Tieranfnahme mitten in: Walde."

Sie trug ein federleichtes'Gestell aus Aluminium und einen Aufnahmeapparat. Ohne dieses berufliche Rüstzeug machte sie keinen größerer: Spaziergang, auch ließ sie sich nie beim Tragen helfen und behauptete, diese Dinge seien ihr eine süße Last.

Ruth atinete tief und wohlig den Waldesduft ein. Wie wunderschön waren diese hochragenden Kiefern, die piuiew- gleich gegen den tiefblauen Himmel abstachen. Quer durch die Forst ivanderte Therese, die einen bei Frauen seltenen Orientierungssinn besaß. Bald mischte sich Laubwald zwischen die Nadelhölzer, das Gelände hob und senkte fick), kleinere, und größere Seen tauchten auf und verschwanden wieder, und ganz vereinzelt nur begegnete ihnen ein Mensch.

Sirrd Sie müde?" fragte nach einer Stunde rüstigen und beinahe stummen Dahinschreitens Therese.

Ach nein? Ich werde immer frischer. Welch eine Ueber- raschung ist das, so dicht bei Berlin solche herrliche Wal­dungen!"

Therese nickte; sie war befriedigt, daß sie eine so schlveig- same Weggefährtin gefunden hatte. In der Regel schwatzten in die Menschen, wenn sie wanderten, das störte ^beresej jedesinal.Der Wald spricht ganz allein," dachte Therese, was soll einem dabei das unnötige Reden der Leute?"

Eben jetzt blieb sie stehen und lauschte aufmerksam eine Weile. Sie hatte das leise Pfeifen eines Rehs gehört, und stellte lautlos ihren Apparat auf. Durch Zeichen verständigte sie Ruth, daß sie stehen bleiben und sich ganz ruhig verhalten müsse. Ein Haselgebüsch deckte sie beide gegen Süden hin. Von dorther nahten sich wirklich drei Rehe, eine Ricke mit ztoei Kälbchen.

Auf einem runden Rasenfleck, der fünfzig Meter weiter zwischen Birken uub Buchen herüberleuchtete, hatte sich ein winziaes Tümpelchen gebildet. Hier standen saftige Halme und Blumen, so recht ein Tisch voller Leckerei für die Kleinen.

Therese richtete ihr Objektiv auf die reizende Gruppe.