Die blonde Drossel,
Roman von E Fahrow (Fortsetzung.)
Mit großen runden Augen, die aussahen ivie graublaue €>teinmurmelii, blickte et um sich und fragte "ganz zutraulich Franziska, wo „die schone Fräuleiw' sei, die dock) Vorhin nritgekommen wäre
Franziska -og die Achseln bis an die Ohren.
„Verschwunden, Mister Bost! Gärrzlich unsichtbar geworden! Es tut mir leid, aber es ist so! Und lüie steht es ntil : bcc Glasindustrie drüben? Ich bin nämlich vom Fach, erzählen Si. mir doch^clwas davon."
Bost sah verwunderter und unschuldiger aus als je. Und mit gewinnender Zutraulichkeit erwiderte er, daß er eigentlich nur hier sei, um seine allgemeine Bildung ein wenig zu vervollkommnen.
„Soso, das ist mir recht lieb," antwortete Franziska, „dann haben Tie ja viel freie Zeit und können den Kavalier spielen ich meine den echten, ehrerbietigen Ritter, wissen Sie."
„O ja, ich verstehe fein!" ries er freudestrahlend, „und bei uns dt Aemärikä ist man ieberhaupt mehr ritterlich^gegen schöne Damen, als hier."
„Ach was! Also gegen die schönen Damen bloß? Was sollen dann die Armen anfangen, die häßlich sind?"
Winijred Bost lächelte vcrschnitzt:
„Häßliche Damen g >. b t es icbechanvt nicht?" verkündete er, indem er sich ries verbeugte und dabei die Hand auf die Magengegend preßte.
Franziska betrachtete ihn wohlwollend durch ihre blitzenden Kneifergläser.
„Nicht übet," "sagte sie. „Tie können es noch weit brirrgen. Mr Bost, fahren Tie nur ßo fort. — Wie geht es Ihnen, Fräulein Schubert? Ganz gut, nicht wahr?"
Damit begrüßte sie die Schwester des ersten Fräuleins Schubert, das Fräulein Melanie, die ebenso groß und fast noch magerer war als Fräulein Melinda.
Unter den Gästen war ein aufgeregtes und ziemlich lautes Hin und Her, weil alte Welt sich in diesen Tagen um eine übermoderne Kunstausstellung stritt: man bewunderte oder verdammte diese Richtung, je nachdem mau ein Mode- Vasall^ war oder nicht.
Fräulein Schubert hatte nieurals eine ausgesprochene Meinung in solchen Fragen: sie verstand es meisterlich, jedem in verbindlicher Weise recht zu geben, ohne sich jemals in einer allzu bestinimten Weise sestzulegen. Auch war es ihr lieb, wenn man lebhaften Meinungsaustausch bei Tisch pflegte: nur politische Gespräche durften nicht auskommem
Fräulein Melinda hielt auf „internationale Lust" \n chrem Hanse, wie es für ein Pensionat selbstverständlich ivar; selbstverständlich \vox sie selbst durchaus deutsch gefiturt; aber nicht „teutsch"; ein Unterschied, den Fräulein Melinda
hier und da mit einem, ibrer Meinung nach feinen Lächeln zu erwähnen liebte.
Franziska langweilte sich sträflich. Ihre kühlen, klugen Augen wanderten von einem der Tischgäste zu dem andern, und sie fand, daß auch hier wieder lauter gleichgültige Men- )chen zusammengewürfelt waren, die wohl kaum durch innere Faden aneinandergeflochten waren oder jemals sein würde,t.
Nein, hier brauchte hoffentlich Ruth nicht lange zu ble» den. Sie fand vielleicht bald fefteti Grund unter den Füßen, oder eigentlich, wie cs Franziska wünschte, ein „Sprung brett".
Schließlich hatte sie geholfen, das Kind zu entwurzeln.' eine Art von Heimat hatte sie ja doch in Dortmund gehabt wenn es auch ein hartes Leben riehen dem tyrannischen Alten gewesen war. Würde sie ihr wahres Heim nun in der Kunst finden? Oder durfte man das nicht hoffen, weil es der lieben Kleinen, \vrit sic selbst meinte, <m Künstlerblut fehlte?
Frau Tribatdi würde das bald entscheiden. Und wenn es mit der Kunst nichts war, dann war eben doch Berlin das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Man konnte nicht wissen, was dieses wogende und lobende Meer für Ruth ans User spülen würde. Bis Herr Kürow Haus und Herd hatte, war wohl noch gute Weile; aber gerade darum war es gut, daß nun das Kind der häuslichen Sklaverei entrissen war und das Leben von ganz neuen Seiten kennen lernen sollte Brachte das Neue ihr nicht alt das Glück, das die treue Freundin für sie erhoffte, so brachte es doch wenigstens Er- fahrung unb als dessen Frucht — Weisheit. Das Höchste!
Franziska Sebius nrußte schon imierftd* recht alt ge worden sein, daß sie Weisheit für das Höchste hielt. Ruth war ja sehr jung.
Und Jugend weiß nichts von Weisheil uitb will nicht- davon wissen.
8. Kapitel.
Ruth war nun bereits acht Tage in Berlin.
_ Sie hatte sich teils allein, teils begleitet von Winifre, Bost, einige Sehenswürdigkeiten angesehen, hatte sich bei Frau Tribatdi für zwei Abendstunden zum Unterricht rin schreiben lassen und sich ihr Urteil über die berühmte Ge sangsmeisterin dahin gebildet, daß sie fand, sie sei zu liebens würdig, um aufrichtig zu sein.
Daß die Tribatdi von ihrem Gesänge entzückt war, wunderte sie nicht; sie witßte ja, wie wundcrhold der Hang. Aber deshalb brauchte man sie doch nicht gleich zu umarmen und ein für allemal zu allen Festen und täglichen Veranstaltungen so dringend cinzuladen.
Eifrig hatte sie auch nach Beschäftigung gesucht und täglich mehrere Besuche bei Firmen gemacht, wo sie eine Anstellung erhoffte.
Bis jetzt hatte sie nichts Passendes gefunden, oder wenn es ihr beinahe schon passend erschienen war, so hatte Therese Berber, der sie getreulich von jedem versuch berichtete, ihr
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