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Er biß dk Zähne Mammen, um nicht laut los zu he ulen. Erft nachträglich fiel ihm auf, daß der Mann feilt Seitengewehr getragen hatte Und daß feine Uniform ihm anscheinend viel zu groß gelvesen mar. Und nun nnr-ihm pennCv daß das üu chanpt kein Soldat gewesen war, sondern ein Schwindler, ein Bauernfänger, von denen ec schon so manches gehört hatte.
Sollte er sich mit der Polizei in Verbindung setzen? Dann vrachte er sich von vornherein verdächtig. Und nach Hause? Dort würde syn sofort nach seinen Ersparnissen fragen, die er sonst stets der Mütter zur Aufbewahrung überließ. Sie hatte ihni den Schein ohnedies nur ungern mitgegeben; eigentlich nur deshalb, weil der angebliche Klassenausslug so früh stattfaud und keine Zeit mehr zunr Weck)seln blieb.
Er hatte keine Mahl Mehr. Die Brücken hinter ihm waren abgebrochen. Langsam, wie zerschlagen, drängte er sich durch das Gewühl der Neisenden ins Freie.
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Dalwar er also toicder — in Berlin! ... Es kam ihm wirklich vor, als wäre er soeben erst von einer langen Reise zurückgekehrt, als sähe er die Straßen der Stadt zum ersten Male.
Nun konnte er also zusehen, wle er sich allein durchschlüge!
Der junger meldete sich. Er setzte sich in einer Anlage auf eine Bank und verzehrte nach und nach den eßbaren Inhalt seines Rucksacks. .Dabei müßte er darüber lachen, wie wenig er seinem Appetit zügetraut hatte. Und mit dem Lachen kam ihr der alte Wagemut. Fürchten? — Er hatte junge, gesunde Glieder und formte arbeiten. Mit bfc Zeit würde sich sck)on irgend eine Art von selbstständiger Existenz für ihn finden; und nmittlerweile erlebte er wenigstens etwas.
^ Voll Neugier und Erwartung, so. als wäre er am Ziel seiner Fahrt angelcmgt, schleuderte er durch die Straßen, die ec nie zuvor gesehen hatte. Ec träümite sich in crne fremde Stadt, in eine der eroberten Polenstädte des Ostens. Manchmal drang aus einem geöffneten JOflbeu der Duft von getrockneten. Mandeln, geröstetem Kaffee ot»er frischgeschmierten Peitschenciemen, wie er ihn oft in den Gassen kleiner Provinzstädte wahrgenonrmen hatte. So erfrischt Und wohlig erregt war ec von der Wanderung und den neuen Eindrücken dieses Tages, daß <er sich stark genug gefühlt hätte, mit leeren Taschen geradewegs in den Krieg zu marschieren.
Als es schon gegen Nachmittag ging, kam ec an einer Destille im äußersten Berlin O vorl>ei, aus der die dü.men, ungelenken Töne eines kindlichen Klavierspiels drangen. Er ging hinein und bestellte für den letzten Groschen, den er noch irgendwo in seiner Weste Versand, ein Glas Bier. Während Herr Knopfe das Bier einschenkte, hatte Peter seine iklerne Tochter, die eben einfingerigi mit einem holperigen „W-er weiß, wann wir uns iviederseh'n ..." über die vergilbten Lasten gehüpft war, teils durch Ueverrcdnng, teils mit Gervalt vom Klavierstuhl verdrängt und oie „Mondschein- sonate" zu spielen begonnen.
Das klang nun freilich etwas anders, als es Herr Knopke von seinen gelegentlichen „Künftträstm" sonst Ul hören gewohnt war. Nur ein bißchen zu leise, meinte er. Aber dann wurde es schon lebendiger in der Klaviatur, und gegen den Schluß hin ging es!
* richtig toll zu. Wan konnte ja nicht eigentlich sagen, daß es lustig war; aber cs dröhnte und bumste doch, daß es nur so seine Ät hatte! Die paar Gäste, die im Lokal waren, brachen ihre Kriegsdebatten plötzlich ab, um zuzuhöc-en, und vor dem Eingang standen, etliche Passanten, die ganz verdutzt hinein.starrten.
Das war immerhin schon etwas: eigentlich schon eine richtige „Attraktion"!
AIS Peter fertig war und, ganz erschöpft von der Anstrengung, aus dem alten Kasten etlvas herauszuholen, sich erheben wollte, um sein Glas Bier anszutrüiken, spürte er plötzlich, ivie Knopke^ schwere Hand sich väterlich ans seine Schulter legte.
„Bleiben Sie sitzen, junger Mann; bleiben Sie ruhig sitzen! Hier ist alles, was Sie brauchen. Es geht auf Regimentsunkosten. Greifen Sie zu und spielen Sie »veiler! Al-ec nun mal etioas recht Lustiges!"
Aus dem Pianino stand ein Tablett mit dem bestellten Glas Bier und etlichen belegten Stullen.
Nach und nach hatte sich das Lokal mit Neugierigen und i Stammgästen gefüllt. Peter spielte itatcr deni sanften Druck der Knopkeschen Aninnerkunst — die ganze Batterien srischgesüllter j Biergläser ausmarschieren ließ — „seine Tänze": Lannersche uns- Sckmbertt'che Walzer und sonstige Dinge von Qualität, die hier zivar sehr hoch im Kurs standen, die man jedoch passieren ließ, weil sie wenigstens im Takt die Richtung hielten.
Aber plötzlich brach er jäh ab. Der Dunst und Lärnr um ihn her, das schwere Bier und sein eigenes überlautes Spiel, mir dem er sich Gewalt antat, hatten ihn betäubt. Er verspürte nur ein dttmpfes, schmerzhaftes Ben?ußtsein der falschen Situation und lwt, den Kops auf die Hände gestützt, den erwartungsvoll Harrendeir den Rücken zügewandt, das Bild eines rm Raum Verlorenen, Ratlosen, Entgleisten. •
Was hätte er Harum /gegeben, wenn er nun einfach ohne Sckam, hätte nach Hause gehen können! . . .
Aber formte er das Geld nicht auf dem Ausflug verloren, haben? Nein — man würde nach'vrschen und so erfahren, daß er überhaupt nicht dabei war.
Er kam sich recht verlassen vor.
Der.Wirt setzte sich zu ihm: zwecks Engagenientverhandtungen. Er ivlltt für jeden frag fünf bis sechs Stunden spielen, seine Tochter unterrichten und dafür das Essen und zehn Mark Monatsgehalt bekommen.
Er wollte cs sich noch einen Tag überlegen. Jnsgehenu lockte, ihn das Angebot. Es war immerhin ein Anfang zur Selbstständigkeit. Und eine abeutwwrlick omantischc .Trutzstimm'ung, lag über demi Ganzen, ähulick) jener, in der er heute morgen ans gezogen war.
Dann, während Papa Knopfe wieder *»ufgestanden rvar. um Gäste zu bedienen, und die allgemeine Aufmerksamkeit anderen Dingen zugervandt schien, begann er leise und versunken, sein! Lieblings stück zu spielen: Schumanns „Vogel als Prophet."
Eine junge jchrvarzgekleidete Dame, die bereits längere Zeit vor dem Eingang tzugehört hatte, >var eingetreren und hatte sich stall an cinen Scitentisch gesetzt: so behutsam, wie nran in eine Kirche tritt, wenn die heilige Handlung im .Gange ist. Nie war sie in solcher Umgebung ge'.vesen. Und fühlte jia> doch aus rätselhafte» Act heimisch berührt. War es inöglich, datz es derartiges hier gab? Und ihre UÜberraschung wuchD als sic den jugendlichen Spielar erblickte. Was ihr, der Leidgereiften, Seele und Sehnsucht erfüllte: unter den Fingern dieses Kindes formte es sich zu künfllerisch- vollenlxtem Ausdruck. Süß und selig sang der frohtvaurige Vogel- toünd. Sic mußte die Augen schließen, damit niemand sehen könne, wie sic vor Sehnsucht und Trauer sich seuchteteu. . . .
Jrgcnchivo in der Nähe intonierte plötzlich ein anzüglicher Vierbau, der lossenbar die Zeit zu allgemeinen nmsikalischeu Gefühls- explosioneu für gekommen erachtete^ breit und dröhnend: „In der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht . . ."
Erschrocken sah sie noch, wie der Klavierspieler, aus allen Himmeln der Versunkenheit gerissen, den Deckel des Pianinock Mklappte, Mütze, Stock ruid Muck sack ergriff und weinend zu0 Tür hinausstür-zte.
(Schluß folgt.)
vLkmr Achtes.
* Aus den Geheimnissen der Kriegsberichter st a 1 1 u n g. In den achtziger Jahren veröffentlichte ein damals sehr bekannter Wiener Journalist, der Ehcsv.daktcur der „Wiener Presse" Lercher, einig? Erinnerungen, aus denen man erkennen kann, wie es ein gesrückter Kriegskorrespondent machen touß, um sein Blatt mit Nachrichten zu versorgen. Lercher erzählt da unter anderem: „Bei der Kriegs- und ebenso bei der Friedensber!ch«t- erstattung spielt ein bißchen Mutterwitz die größte Rolle. Bei Beginn der russischen Operationen an der unteren Donau im letzte», Rus'ijch-Tltttischen Kriege fand ich mich urplötzlich in ein schwnng- hastes Lieserimssgeschäst von Lebensmitteln und in ärztlich.; >,wn- snltationen verwickelt. Ohue die Appiobatron der militärischen 'Zen'iur erlangt zu haben, durste der Berichterstatter der „Presse" kein Telegramm absenden, und diese erlaubte während der Operationen keine Mitteilungen über dieselben. Chissretelegramüne waren verpönt, und nun galt es, trotzdem Telegramme zu improvisieren. Eines schönen Abends, es war zur Zeit, als die türkischen Monitor? den befestigten Brückenkopf von Ealatz sorcimen ivollten, erhielt ich an meine Privatadresse die Depesche: „Unser Malaria- patie-.tt beute nach i Uhr drei heftige Schüttclsrostanfälle, starke Dosen Sulphat-E hinin brachten Beruhigung. Hoffe keine neue Recidive.^ Im nächsten Morgenblatte der Presse stand zu lesen: .Galatz. Heute nachmittag nach 1 Uhr erneuerten die türkisches Monitors drei.'wal ihren Argriss aus den öefesrigten Brückenkopf, wurden aber durch konzeirtriertes Geschntzfeuer derart zuriuk-.o- rcitfen, daß ihre Wiederkehr fraglich geworden/ Ein anderes Mal wucde dringend eine namhafte Haserlieserung bestellt rmd mitgeteilt. daß aus den Moldau-wolachischeu Bahnhöfen hinlänglich Kurnrutz lagern; dies war zu deuten: Die Artillerietransporte seien abgeschlossen, aber es rc^rden Kavallerienachqckxübe erwartet. Des Morgens um 3 U^r nach dem Tage der Hinrichtuirg der Zaren- mör^er in Petersburg nackte mich ein Nachbar, an den aus Petersburg ein rätselhaftes Telegramm eingelausen rvar, das der auch in journalistischen Dingen findige Mann als der Redaktion gehörig erkannte. Dasselbe lautete: „Uncahärter Skandal. Zanken sie unseren Lieferanten tüchtig aus. Geschäft gesülwdat. Bei der hittigen Druckprobe Papierrolle in Rorationsnraschine viermal gerissen. Papier oh'enl-ar faul. Zuin Uebersluß noch Maschinen- r.einer besoffen/ Unter den Originaltelegrammen des Morgen- blattes der „Presse" war zwei Stunden später zu lesen: ,Bei der haltigen Hinrichtung der nihilistisckren Attentäter ereignete 'ich ein unerhörter Skandal; viermal rissen die offenbar angefaulten Stricke, und der Henker war während seiner Funktion 'getrunken/ — Man muß freilich bei derartigen journalisttschni Rätselauf- aaben befürchten, daß doch dann und wann die Rätsel recht falsch gelöst werden."
* Alkoholwürfel bei den Indianern. Die Herstellung der Lebensmittel in Wün'elforni. hie während des 5t*rioqe# bei wls einen so ungeahnten Äusschntong- genommen hat, ist keimswegs etwa eine Erfindung unserer modernen Ino-ntrte. Gewisse Indianerstämme ^idamerikas, namentlich im Britckck<- Gupana, haben sich bereits in dieser Form zu helfen gesucht, v» ans ihr geliebtes Vaiwari, ein bevauschendes, gegorenes Getränk, bei


