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mildert den Fall! Jetzt, da ich die Ehre gehabt habe, Sie kennen zu lernen, empfinde icb mein Eindringen bei Ihnen mehr und mehr als ungehörig. Es tut mir furchtbar leid. Und es liegt mir daran, Ihnen eine bessere Mei­nung von mir beizubringen. Darf ich nicht ein andermal Iviederkommen? Vielleicht am Vormittags

Ich bedaure, ich empfange leine Herrenbesuche."

Ach so! Nun, aber unter Kollege:: ? Wäre nicht vielleicht gerade eine Aussprache ich meine, wir könnten ja vielleicht gegenseitig etwas voneinander lernend

Therese schüttelte lächelnd den Kopf. Und während sie über den sonderbaren Kauz lächelte, der in voller Aufrichtig­keit jetzt devot und bescheiden war, sah sie so anziehend aus, daß er sie anstarrte, ohne noch weiter zu reden.

Therese räusperte sich nochmals und bewegte sich noch Mehr der Tür zu. Wie von unsichtbaren Drähten gezogen, folgte er ihr. Und an der Tür legte er die Hände zusammen und fragte dringlich:

Wo speisen Sie?"'

Therese platzte mit einem hellen Gelächter heraus. Sie Lachte so herzhaft und so lange, daß er Zeit hatte, ihr wun­dervolles Gebiß und ihr ganz von Lachmuskelchen durch­zogenes Gesicht genai: zu betrachten. Dann öffnete sie weit Die Tür, machte eine kleine Verbeugung und rief:

Leben Sie wohl, ungeschminktester aller Sterblichen! Ueberlassen Sie es den Göttern, ob Sie mich einmal Wieder­sehen werden, und gelvvhnen Sie sich etwas mehr Gelassew- heit an. Ich empfehle mich Ihnen."

Er war hinaus, ehe er noch recht wußte, wie. Drinnen «uf dem Sofa saß Therese und lachte noch lange und cms- Liebig, wenn auch jetzt nur noch leise.

7. Kapitel.

Vor dem Bahnhof auf dem Potsdamer Platz stand wie festgebannt Ruth Stockton und starrte in das Meer von Licht, Lärm, Leben und Hast, das hier stürmte. Neben ihr blickte Franziska Sebius ebenfalls in das Gemühl: jedoch mit einer heiteren und beinahe mitleidigen Miene, die deut­lich ihre Gedanken verriet.

Gott im Himmel," dachte sie,wie ist es nur möglich, daß es mir jemals in diesem Skandal gefallen hat! Man lieht ja fast nichts vor lauter Lärm! Und dabei erinnere ich mich noch gut der Zeit, wo nur eil: Teil der Berlinere Straßen asphaltiert war, und wo man buchstäblich schreien mußte, wollte man sich seinem Nachbar verständlich machen."

Ihre Stimme war auch letzt immer noch laut aeirua, «ts sie zu Ruth sprach:

Also, Kindchen, dies wäre der erste Eindruck gewesen!

r habe ihn dich volle drei Minuten genießen lassen, das schon eine ZertverschWendung in dieser amerikanisch ge­lten Stadt, wo Gelo und Zeit eins sind. Du brauchst nichts zu sagen, ich sehe es schon, daß es dir gefällt. .Deine Augen glänzen. Du kannst auch noch weiterstrahlen, heute und morgen, bis die Arbeit beginnt. Borläuftg bist du noch unter meinen Fittichen, und jetzt geleite ich dich in deine Pension."

Sie wilckte einer Automobildroschke, denn sie hatte sich vorgeiwmmen, ihrem Schützling gleich alle Herrlichkeiten der Weltstadt lnöglichst in der Nahe zu zeigen, damit der Nerz der Neuheit nicht von jeinand anders ausgebeutet wer­den konnte.

Wir haben ja nur das bißchen Handgepäck," sagte sie, können wir gleich noch eine kleine Spazierfahrt machen. Dein Koffer kommt erst in zwei oder drei Tagen an. Chauffeur, fahren Sie nach den Linden, dann zurück durch Friedrich- und Leipziger Straße und halten Sie hier in der Königgrätzer Nummer 132."

Sie stiegen ein, und Franziska freute sich, daß die Bor- Wereilendeii doch Zeit fanden, Ruths vor Aufregung und Erwartung leuchtendes Antlitz bewundernd zu bemerken.

Lautlos sauste das Gefährt davon. Ruth faßte nach Franziskas Hand; der Ateni stockte ihr, die zahllosen elek- mjchen Lichter blendeten sie, und sie empfand etwas wie Angst.

< ^ ra j?p fa tat, als bemerke sie es nicht. In rascher Rede erllärte und erzählte sie, scherzte in ihrer trocknen Art Mid stockst dairn wie zufällig ein, daß man in der Pension, wo sie angemeldet waren, nicht bleiben werde, weit sie au teuer fei 0

UM meinetwillen solche Kosten! Wie soll ich das nur wieder gutmachen V

Na, höre, das ist doch einfach genug! Du wirst mir bei Heller unb Pfennig zur.ückzahlen, was ich auslege/ es ist nichts als kaufmännischer Kredit, was du bei mir genießest."

Ruth drückte die kleine, feste Hand, die auch hier ohne Handschuhe neben der ihren lag.

Liebes Herz!" murmelte sie .Ich weiß schon Bescheid!

Aber ich bin doch froh, daß ich dir folgte und herkam. « Glaubst du, daß mein Vater überwinden wird, daß ich mich ihm zum ersten Male widersetzte?"

Kind," versetzte Franziska philosophisch,es muß alles im Leben einmal zum ersten Male getan werden! Dein Va­ter wird eben die Raupen, die er im Kopfe hat, ein wenig einschränken, dann überwindet er auch den Aerger über deine Wioersetzlichkrit."

Aerger," sagte Ruth nachdenklich.Wenn es nur das wäre! Aber er sprach immer nur von Kränkung und Undank­barkeit."

Mun ja, weil er eben die großen Worte liebt. Das sind für ihn wichtige Werte, crn denen er sich selbst aufrickstet oder niederdonnert. Dieselben Tatsachen mit ganz nüchter­nen Worten benannt, wirken ganz arrders, glaube mir das.

Ich weiß, daß dein alter Herr seinen grimmigsten Zorn auf mich persönlich wie auf einen Brennpunkt sammelt, und das wird dir zum Vorteil gereichen, während es mich ganz unberührt läßt."

Wieso?" fragte Ruth erstauart.Gerade bei dir hat er doch die Stellung angenommen, die ihm sein Brot gibt! Da kann er dir doch nicht zürnen?"

Im Gegenteil, er zürnt mir, weil ich ihn: die Mög­lichkeit geboten habe, sich durch eigene Arbeit zu erhalten! Das ist im Grunde ganz verständlich. Es kommt immer dar­auf an, daß wir verstehen, warum ein Nebenmensch so und nicht anders handelt; dadurch gewinnt mau Menschen­kenntnis und Erkenntnis überhaupt. Sieh mal, wie über­trieben dort die Dame in dem Wagen sich frisiert hat. Es ist doch merkwürdig, wie jede Mode, mag sie auch schon an sich unbequem und nicht naturgemäß sein, doch immer sofort übertrieben wird!"

(Fortsetzung folgt.)

Der Ausreißer.

Skizze von Max Adler.

Peter ging, den neuen graugrünen Rucksack aufgepackk, in de. Rechten den Knotenitock schwingend, rasch durch die morgenfrischen Straßen. Manchmal vergewisserte er sich, ob der Revolver noch in der Hosentasche stak. Dann lief er wieder schneller. Von Berlin W bis nach dem Schlesischen Bahnhof war ein gutes Stück Wegs: da mußte einer, der den Fahrgeldgroschen sparen i»ollte, tüchtig aus greifen. Denn ganz sicher war er eigeMlich nicht, daß marh ihn einstellen werde, und darum wollte er jck>enfalls das Geld für die Rückfahrt zusammenbehalten. Obzwar: brauchen konnte man da draußen wahrhaftig jeden; und wenn er nur erst an Ort und Stelle war, so würde sich schon alles finden.

Vor dem Bahnhof gesellte sich ein Mann in einer abgetragenen Uniform zu ihm, der offenbar auch zur Front wollte. Er erzählte ihm einige Episoden aus angeblich mitgefochtenen Kämpfen un^ fragte ihn über seine.Absichten aus. Peter, der, wie der Mann in der sehr schlissigen Uniform so unbefangen-kameradschaftlich plau­dernd neben ihm einherging, von dem frohen Gefühl beseelt war, als läge jetzt die größte Schwierigkeit die des Hineimoeuhsens in die neue Sphäre bereits weit hinter ihm, vertraute sich dem Begleiter unumwunden cm, und sein Vertrauen wuchs, als ihm jener aus seiner Praxis heraus in väterlichem Tone mit Ratschlägen uitb Warnungen diente.

Ob er schon eine Soldatensahrkarte habe? Die käme nämlich bedeutend billiger.

Wie er dazu gelangen könne? Ganz einfach: er weiche für sich -wer gleichlautende nehmen eine für die Rückfahrt und chm eines der beiden Billette abtreten.

Peter leuchtete die Idee ein. Da war er ja aller Sorgen wegen der hohen Fahrkosten überhoben: denn bei der Ankunft an ihrem Beittmmungsort wollte es der Soldat ebenso machen.

Der Mann in der Uniform nahm den dargebotenen Fünszig- marhchem Peters ganze Habe und versprach, den Rest zurück- zuormgen. Die Karte:: bekomme er hier nebenan in der Bahnhvfs- kanzlei.

Er verschivand durch eine Durchgangstür imd kam nicht wieder zum Vorschein.

Peter wartete in dem brausenden Gewimmel der Bahnbofsvoc- halle zehn zwanzig, vierzig Minuten. Als er auf die Uhr sah, merkte er, datz der letzte Zug, der heute noch süx ihn in Betracht W2B, ber eits g6gc fapt ;