Dfe blonde Drossel
No man von E. Fahrow.
(Fortsesuug.)
Herr Stockton war fassungslos.
Dieses Benehmen ging über sein Verständnis, und er Wußte nicht, wie er sich dazu stellen sollte. Sein Zorn war scholl verflogen, und ein unangenehmes Gefühl voll etwas Neuem und Ueberraschcndem begann sich seiner zu bemach Ligen.
Mit der instinktiven'Klugheit ihres Geschlechts fand Ruth auch den richtigen Weg aus dieser trotz ihrer Geringfügigkeit bedeutsamen Stunde.
Sie hatte den 'Abendtisch gedeckt und kam jetzt ganz freundlich auf ihren Vater zu, den offenen und ruhigen Blick fast fröhlich auf ihn gerichtet. 0 -
„Alles fertig, Pa!" sagte sie. „Komm nur und iß — ich kann dir sagen, so vorzüglich, wie die Makkaroni gewärmt schmecken, sind sie frisch niemals."
Er war ganz verdutzt. Und vor Ratlosigkeit folgte er ihr und kam an den Tisch.
Zwar sprach er noch nichts, versuchte auch wiederholt, feine vorherige Herrschermiene wieder aufzunehmcn, aber es lucktc ihm nicht. Auch plauderte seine ihm immer rätselhafter und nach und nach unheimlich lverdende Tochter in so unbegreiflicher Ilnbefangenheit darauf los, daß es schwierig war, das eisige Schweigen beizubehalten, das doch die einzig statthafte Haltung geboten hätte.
Ruth erzählte von dem eigenen Zimmer, das Wecker ihr eingeräumt hatte, und fügte lachend hinzu:
„Eigentlich war mir die Geschichte unverständlich mein hoher Chef war so ganz anders als sonst. Von der liebenswürdigen Seite hatte ich ich: noch gar nicht kennen gelernt."
Stockton spitzte förmlich die Ohren.
„Er interessierte sich schon immer für dich," erwiderte er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wenn er sich jetzt noch weiter für dich — ich meine — es wäre ja nicht ausgeschlossen, daß hm."
Mit einein halb verlegenen, halb beleidigten Räuspern hielt er inne. Ruth hatte ihn gar so erstaunt angesehen.
Er suhlte auch ihren Blick noch, während er sich fcfjou wieder mit seinem Essen beschäftigte, dem er übrigens alle Ehre antat.
Ruth hatte blitzschnell verstanden, worauf er abzielte. Und in verstärkter Kraft erhob sicl) in ihr das Gefühl der Abivehr nub des Unwillens, das so neu und sofort so energisch in ihr aufgestanden war.
„Oho!" sagte sie sich. „Also der reiche Schwiegersohn, von dem Kürow vorhin sprach, dieser imaginäre, unsinnige Jemand konnte, wenn cs nach meinem Vater ginge, getrost ein angejahrter Witlver sein? Das wäre gut genug — das wäre sogar eilt großmächtiges Glück für mich, denkt er!
O ja, das denkt er sicherlich! — Geld hat er ja doch, der Herr Wecker!"
Und plötzlich wurde sie ganz wild, fing an zu lachen — es klang aber nicht besonders lustig —, legte Messer und Gabel bin, schob die kleinen Unterzähne vor und ries dann mit einer Stimme, die ihr selbst laut und schrill vorkam:
„Ich glaube, Papa, du irrst dich sehr. Erstens in Herrn Weckers Absichten, und zlveitens in mir. In mir ganz be sonders! Dentl so gehorsam ich dir auck) bisher war, und so sehr ich es als meine Pflicht erachte, dir das Leben so viel wie möglich zu erleichtern, so unbedingt lehne ich es ab, in meinen allerpersönlichsten Angelegenheiten jemals einen andern als meinen eigensten Willen auszuführen."
„Ruth," erklärte Stockton, „du hast den Verstand verloren!"
„Rein, mir scheint, eher habe ich ihn jetzt erst gesunden. Entschuldige, Papa, ich habe durchaus nicht die Absicht, ungezogen oder lieblos zu sein. Aber was ich gesagt habe, ist mein Ernst!"
„Komplett verrückt!" murmelte Stockton. Und er blickte seiiw Tochter besorgt und gespannt an, wie etwa ein Arzt einen neuen Fall betrachtet hatte.
Ruth blies die Luft in einem langen Zuge von sich .Sie fühlte sich erleichtert und sofort auch wieder beruhigt. Nun wußte ja der Vater, daß es für seine Willkür eine Schranke gab. Er wußte auch, daß ein Mann wie Herr Wecker für sie gar nicht in Frage kam. Was er twch nicht wußte und übrigens auch nicht zu wissen brauchte, das war der eigentliche Beweggrund zu ihrer energischen Abwehr.
Hermann Kürow? — Den betrachtete doch der eigen- finnige und selbstbewußte alte Mann viel zu sehr von oben herab; nicht um die Welt hätte jetzt Ruth seinen Namen nennen mögen.
Und um jeder tvciteren Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen, erhob sich Ruth, räumte still und geschäftig den Abendtisch ab und holte ihre Näharbeit, mit der sie sich hinsetzte.
Stockton sah sie nun schon fast scheu von der Seite an. Das Mädck)en war ja offeitbar nicht bei Sinnen - oder war hysterisch wie alle die andern Frauenzimmer, auf die als Gattung er mit mitleidiger Herablassung niederzublicken pflegte.
Gleichwohl blieb ein undeutliches, unbegründetes Gefühl von Bedrückung und bevorstehenden loeiteren Unannehmlichkeiten in ihm zurück.
Er seufzte tief und laut aus, wie es seine Gewohnheit war, und schlurrte in das geheimnisvolle Gemach, das sein „Laboratorium" hieß, und das voll von Plänen, Werkzeugen und unbegreiflichen kleinen Modellen aller Art steckte.
,Morgen werden wir weiter sehen," sagte er sich fortwährend. ,-Wir werden das Kind schon wieder zur Vernunft bringen. Wenn Wecker sie heiraten wurde - einen solideren Hintergrund könnte ich mir gar nicht wünschen. Und der Mann könnte noch sein GlM dabei machen! Er braucht


