Ausgabe 
30.5.1917
 
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Während er mit einer Geschäftigkeit, die nur schlecht feine Nervosität verbarg, das kleine Zimmer zeigte, in dem sie nun ganz allein arbeiten sollte, bemerkte er, daß ihre Wangen wieder ein wenig schmaler geworden, waren, uno daß der nrüde Zug um ihren Murrd zjugenommen hatte. Mit einer Art von Ruck sprang er plötzlich von fernem

^hnen nur gestehen, Fräulein Stock ton, daß ick) diese Aenderung hauptsächlich um Ihretwillen vorge- nonrmen habe. Sie passen doch gar nicht zu Ihren Koller ginnen drüben und müssen sich außerdem noch anstrengen, indem sie jene beaufsichtigen. Hier aber können Sie ohne weiteres auch einmal eine halbe Stunde ansrnhen. Und oav scheint mir nötig, da Sie ja auch zu Hause ziemlich angestrengt tätig sein müssen." ....

Ruth wunderte sich innner mehr; aber sie suhlte die Freundlichkeit aus seinerr Worten heraus und dankte etwas verwirrt. Wer mochte ihrem Chef denn Mitteilungen über ihre häuslichen Verhältnisse gemacht haben? Doch nicht etwa Mrow?

Das schniale Zimmer, in dern sie nun hausen sollte, war behaglich eingerichtet; es wies außer dein Arbeitstisch und arideren BureaUmöbeln auch zwei bequeme tiefe Lehn-

e le auf, zwischen denen ein Tischchen mit einer zierlichen seemaschine stand. < . ..

Herr Wecker wies mit einem kurzen Lächeln daraus hin. Dies," sagte er,ist nicht mein Verdienst, sondern ich wurde dazu veranlaßt durch eiiie Freundin von Ihnen. Sie meinte, starker Kaffee wäre Ihre einzige Schwäche."

Franziska Sebius!" ries Ruth, die Hände verwundert «usammenschlagend, lwas für reizend kindliche Bewegungen sie zuweilen hat, dachte Herr Wecker).Ist es zu glauben? Aber wie fiommt es, daß sie mit Ihnen. .

lieber Sie gesprochen hat? Das ist nicht so wunder­bar, wir sprechen uns zuweilen. Urrd sehen Sie, dort konimt sie eben selbst. Morgens um halb neun! Eine tüchtig« Geschäftsfrau!"

lieber den breiten Gartensteig, den man voni Fenster aus überblickte, kam in der Tat Franziska daher.

Sie hatte wie gewöhnlich die Hände in die Taschen ihres Jacketts' verseiikt, und ihre gespitzten Lippen ließen vermuten, daß sie leise vor sich hinpfiss.

Run flogen ihre scharfeii, blauen Augen empor zu dem Fenster, an dem Riith stand; daß dicht hinter ihr Wecker Posto gefaßt hatte, konnte Franziska nicht sehen, sie ver­mutete es aber.

Lässig winkte sie Ruth einen Gruß zu, schlug dann wie ein Hase einen unerwarteten Haken und begrüßte im näch­sten Augenblick Hermann Kürow, der auf den kleinen Seiten- etngang zu den Burearls zusteuerte.

So früh bei Wege, Frau Sebius?"- ries dieser mit seiner tiefen, immer ein wenig dröhnenden Stimme.Was schafft uns denn die Ehre?""

Geschäfte, Herr Ingenieur. Wissen Sie nicht, daß ich Herrn Wecker ein Riefenterrain ab kaufen will? Achtzig ganze Quadratmeter, die an meinen Hof stoßen, urrd aus denen ich einen Park ä la Fürst Pückler anlegen will."

Während sie sprach, ließ Kürow seine Blicke suchend über die große Hauswand gleiten, wo sonst zuweilen um diese Zeit Ruths blonder Kopf sichtbar wurde. Die Ent­täuschung in seinen Augen amüsierte Franziska, und sie fuhr fort:

Augen links, junger Mairn! Oder eigentlich doch Augen geradeaus zu mir hin, da ich, wie mir scheint, ja zu Ihnen rede. Denn dort rechts finden Sie doch nicht mehr den Stern, nach dem Sie ansschauen. Das war es nämlich, was ich Ihnen sagen wollte Fräulein Stockton

S t Von heute ab in denr kleinen Extrazimmer neben dem es. Natürlich hätten Sie das nachher ebenfalls erfahren: aber ich wollte Jhiren ein allzu überraschtes Gesicht vor Ihrem hohen Borgesetzterl ersparen."

Ueberrascht und zornig gerrug sah er allerdings aus. Aber noch bevor er etwas Zusammenhäilgeiides herausbrin- gen konnte, fiel ihm Franziskas flinke Zunge in die Rede.

Gestern verhandelte ich mit Herrn Wecker wegen des .Gartenlandes. Wir sind ja alte Bekannte er brachte das Gespräch auf Rltth das tut er jedesmal, wenn er mich steht und ich beschloß, Ihnen einen Wink zu geben." Eirren Wink? Meinen Sie denn, Frau Sebius . . ." Ich Hab' hier nur ein Amt und keine Meinwig! Ueber- haupt fann man bei jungen Mädchen nie etwas sicher

nkeinen oder man irrt fick meisterls dabei. Aber so­viel weiß ich einen: anoern ließe ich sie nicht, welln ich's hindern könnte, und wenn ich ein junger Manu mitj einer Zukunft wäre! Himmel, Herr Mrow, nrachen Sie doch rächt ein Gesicht tvie Parsifal, der reine Tor! Wenn das jemand siebt, glaubt er, ich wäre hochbegabt und Sie das Gegenteil davon. Während es sich doch umgekehrt ver­hält! Addio!"

Sie war ebenso unerwartet verschwunden, wie sie vor­her anfgetaucht war, und Mrow blieb wie betäubt zurück.

Aber so wenig er ijtt allgemeinen Plötzlichkeiten ge­wachsen war, so rasch konnten doch gelegentlich seine Ent­schlüsse sein, und so zielbewnßt pflegte er sie dann ailszu­führen.

In feinem Kopf kreuzten sich wie blanke Klingerl die Gedanken.

Erstens er mußte Ruth heiraten oder zeitleberrs un­glücklich bleiben. Zweiterls Ruths Vater würde mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln gegen ihr: arbeiten, denn feilte fixe Idee uttb seine enorme Selbstsucht ließen ihn mit aller Gewalt einen reichen Schwiegersohn begehren. Drittens aber Ruth allein sollte, mußte, würde hier ent­scheiden. Und das heute noch!

Bei Zeus!" rnurnlelte Mrow, ails er bei diesem Schluß angelangt war,Frau Sebius verdient einen Lorbeerkranz. Einen Orden! Ein Denkmal! Ohne sie wäre ich vielleicht noch lange neben Rllth herAetapert, ohne ein Wort zu sagen. Und eines Tages' hätte ich das Nachsehen gehabt!

» Nun aber vorwärts, vorwärts!"

Er hatte die letzten Worte laut vor sich hingesprochen und damit das Erstaunen Weckers erregt, der vor einigen Minuten seine nüblichen Morgengang durch alle Bureaus begonnen uild zugleich mit Mrow dessen Arbeitsraiim be­treten hatte.

Nun, nun," sprach er den Herein stürinenden an,Sie kommen ja wie eine Petarde! Halten Sie immer Selbst­gespräches'

Nicht immer, .Herr Wecker. Nur zuweilen, wenn mir die Welt zu bunt wird. Guten Morgen."

Guten Morgen! Also ist Ihnen schon heute am frühen Morgen etwas so sehr Buntes begegnet?"

Wie rncrn's nimmt. Ich traf unterwegs einen alten Ziogenbock, der sich an den jüngsten Rosensträuchern gütlich tat. Das brachte mich auf."

Herrn Wecker war es, als ob ein feindlseliger Ton aus den sonderbaren Worten seines jungen Angestellten klänge. Aber er war sich nicht sicher und hörte überhaupt nurj noch mit halbem Ohre bin. Was gingen ihn schließlich die Stimmungen dieses jungen Menschen an.

Herr Mrow," sagte er, indem er ans eine Zeichnung auf dem Tisch wies,das da ist phantastisches Zeug.- Bleiben wir nur bei unfern bewährten, alten Systemen, dann können wir getrost Schritt mit unserer Konkurrenz! halten. Ich bin nicht für himmelstürmende Neuerungen."

Das da" war ein von Kürow entworfener Plan, mit­tels dessen man eine gefahrlosere Grrrbenbefördernng für die Mannschaften einrichten konnte als bisher.

Mrow hatte sich monatelang mit der Idee beschäftigt, bevor er sie als reif und ausführbar vorgelegt hatte.

Jetzt mit einem Wort und einer Handbewegung seine Arbeit abgetan zu sehen, vermehrte seinen Grimm. Und der sonst so ruhige Mann vergaß, wie gleichmütig ihm im all­gemeinen die Meinung der Leute war, und rief erbittert:

Wem: jede Neuerung als Phantasterei angesehen wer­den würde, ein netter Fortschritt für die Welt und die Kultur wäre das!"

Nun hatte Herr Wecker die unangenehme Eigenschaft, sich über den Aerster anderer Menschen zu freuen, besonders darin, wenn er ihn hervorgerufen hatte, und wenn ihn ein Untergebener empfand.

Warum erbosen Sie sich denn so?" fragte er freund­lich.Fühlen Sie sich so besonders berufen, für die Welt und die Kultur zu sorgen?"

Jawohl," entgegnete mit erzwungener Gelassenheit Mrow,das tue ich. Und ich werde den Stempel der Lächer­lichkeit dafür mit Würde tragen!"

Dabei machte er eine kleine, so ironische Verbeugung/ daß es nun Wecker für gut fand, die Prinzipalsmiene ans- zusetzen.

Das interessiert mich nicht," sagte er scharf.Dagegen würde es mich sehr interessieren, heute endlich die Auszüge