Die blonde Drossel,
Roman von E. Fa h x ow.
(Fortsetzung.)
4. Kapitel.
Als sie jetzt auf der Straße den wohlbekannten, schwe- ren Schritt des Vaters hörte, der gewichtig durch die nächtliche Stille klang, erhob sie sich schnell und trug ihre Arbeit in die Küche.
Gleich darauf schlüpfte sie in ihr Schlafzimmer, wo sie der Ersparnis wegen kein Licht brannte, löste ihr reiches Haar und ging zu Bett.
Sie konnte nicht gleich einschlafen und hörte, wie der Vater, der stets rücksichtslos war, unr:chig hin und her ging. Es tarn ihm gar nickt in den Sinn, daß er seine Dockten stören könnte, llnd da er die Gewohnheit hatte, Selbstgespräche 51t halten, hörte sie mehr als einmal den Namen Wecker aussprechen.
Das gab ihr ein unbehagliches Gefühl, und sie seufzte leise und schwer.
Es war ihr peinlich, daß der Vater persönlich bekannt Mit ihren: Chef war, wenn auch nur oberflächlich. Wußte sie doch, daß der schrullige Alte alle Menschen nur in eine Beziehung zu sich und seinen Erfindungen brachte und sie danach beurteilte. Wer ihm nützlich sein konnte oder sich auch nur für seine Ideen interessierte, der galt ettoas bei ihn:. Die übrige Menschheit lvar Spreu — Kaff — ein Nichts.
Endlich siegte Ruths Fugend und Gesundheit, und sie schlununerte ein, um erst nach sieben Stunden erfrischt aufzuwachen.
Als sie ain Morgen, nachdem sie die ganze Wohnung aufgerälnnt und dem Vater sein Frühstück wann gestellt hatte, in ihrem Bureau erschien, trug sie ihr Geschäftsgesicht, das ernst und ruhig war.
Zu ihren: Erstaunen fand sie im Bureau schon Herrn Wecker vor.
Seine große, hagere Gestalt stand vor dem Aktenschrank, mit dem Rücken zur Tür. - Als sie eintrat und guten Morgen sagte, wandte er sich halb um, machte eine kleine Verbeugung und erwiderte den Gruß.
Seil: von grauen: Haar umrahmtes, kühles, scharfgeschnittenes Gesicht sah freundlicher aus als sonst in den Geschäftsräumen, wo er von naseweisen, jungen Angestellten der „Mann mit der eisernen Maske" genormt wurde.
Ruth mochte ihn ganz gut leiden, wenn sie seinen Blick nicht sah; wenn sie aber seinen Augen begegnete, fühlte sie sich unarrgenehm berührt. Sie fand, er habe einen begehrlichen Ausdruck darin.
„Fräulein Stockton, Sie foituneu eitte Biertelstmcke früher als nötig," sagte Wecker, indem er seinen noch dunk
len, spitzgeschnittenen Vollbart streichelte. ,Lhre Kolleginnen lassen sich das akademische Viertel rncht entgehen."
„Ich ko:nn:e ganz gern pünktlich," erwiderte sie, int«^ sie die dunklen Schreibärmel überzog und sich an ihren Platz begab.
Er beobachtete mit heimlichem Wohlgefallen ihre hurtigen, nie hastigen Bervegungen, ging zwecklos einige Male in dem nicht großen Raume hin und her und sagte daun in einem Tone, der Ruth gezwungen Vorkommen wollte:
„Dieses Zimmer ist eigentlich zu klein für drei Damen. Ich habe deshalb beschlossen, Ihnen in dem kleinen Kontor neben meinem Arbeitszimmer einen Platz einzurichten. Sie haben ja doch hauptsächlich mik mir persönlich zu tun, die anderen Damen weniger. Da ist es bequemer für uns beide, wenn ich nicht erst immer nach J'h::en klingeln bra::che. Fr: der Tat ist das Zimmer schon für Sie bereit. Wollen Sie es sich, bitte, einmal ansehen?"
Erstaunt blickten die grauen Angen zu ihm auf. „Was ficht dich an?" schienen sie zu sage::. „Du bist ja ganz sorcker- bar! Redest so haspelig und siehst dabei immer an mir vorbei. Sollte ich da etlva das Unglück gehabt haben, dein Wohlgefallen zu erregen?"
Denn soviel wußte Ruth schon vom Leben, daß sie 'unterscheiden konnte,, wo Gefahr war ur:d wo nicht.'
Sie durste natürlich ihrem Unbehagen keinen Ausdruck geben; und es schoß iyr auch sogleich tröstlich durch den Sinn, daß ja Kürow ebenfalls oft mit dem Ches zu verhandeln hatte, und daß auch sein Zimmer dort in der Mhe lag.
Ein wenig zaudernd folgte sie dein jetzt rasch vorangehender: Wecker.
Er schritt durch sein Arbeitszimmer, einen hohen, mit prachtvollen Eichenscknitzereien ausgestatteten Raum, in dem über einem mit Fetten bedeckten Divan das große Oelbild seiner verstorbener: Frau hing.
Diese sah ungemein stattlich und ungemein streng auf dem Bilde aus. Auf ihren länglichen Gesichtszügen schien geschrieben zu stehen: „Ich bin eine Patrizierstochter — und zwar eine Hamburger Patrizierstochter! Ich bitte dies zu beachten!"
Ruth konnte sich nicht helfen, sie mußte jedesrnal leise lächeln, wenn sie dieses Bild sah.
Sie hatte die Verstorbene nicht gekannt, doch rvar es nicht schwer, sie sich neben Wecker vorznstellen. Auch er war geldstolz und trug den Kopf höher als nötig, und auch er legte Wert aus seine Herkunft aus guter, rheinischer Familie.
Daß die Ehe eine kühl konventionelle genasen, und daß Herr Alwin Wecker auch hier und da einen kleiner: Seitensprung nicht verschrnäht hatte, das flüsterte man sich laut und leise in der Stadt zu. —< Ruth hörte aber nicht auf dergleichen hin, schon deshalb nicht, nwil sie kern Fnteresse an der Person ihres Prinzipals nahm.
Desto:nehr nahm er jedoch an der ihren — vorläufig noch, ohne daß sie es ahnte.


