Ausgabe 
26.5.1917
 
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Der Pfingfwoge! und die Pfingstrose.

Als einer der Letzte« Stngvä-g-el trifft bei uns ein etwas scheuer und unsteter Geselle ein, der Pirol, der, weil er gerade in der Pfingstzeit sich besonders bemerkbar macht, in manchen Gegenden uus-eveS Vaterlandes auch Pfingsst Vogel genannt wird. Den Namen Pirol verdankt der Vogel fernem Rufe, der wiePeripiriol" klingt; der Name ist also onomatopoetisch oder auf -gut Deutsch gesagt: lautnach- aymend gleich dem des Knckitcks. In ernigeir Gegeirden Wcrtteldeutschlands überscht das Volk den Ruf des Pfingst- vogels mit den Worten:Pfingsten, Bier holn, aussaufen, mehr holn!" In Norddeutschland gar übersetzt man seinen Sang mit dem rnerklvürdigeN Satz:Hast du sopen (gesoffen.), so betahl ook!" Mau begegrret auch den seltsamen Bezeich­nungenBieresel" undBierhahu" für den Vogel. Ans all dem geht hervor, daß man ihn mit denr Brauch des Pfingst- breres im Freien in Verbindilng gebracht hat, der heute liwch verschiedentlich geübt wird, aber wegen der gegen­wärtigen Knappheit an denr edlen Stoff in diesen Kriegs- Aeiteir eine sehr erhebliche Ei'.lschränkung erfahren hat... Das Gefieder des Pfingstvvgels ist gelb mit schwarzein Flügeln und schwarzem Schwanz, bei den Weibchen nnd den jungen ist das Gefieder gelbgrün Diese Färbung kenn- zeichnet den Vogel als einen Beroohner der Tropenzonen, der gleich dem Knckuck und Wiedehopf im Norden nur Sonmieraufenthalt nimmt, während er gleichzeitig dem! Naturgesetz Genüge tut, das die Erhaltung der Art zum Welt hat. Spät kommt er angereist, und früh, wenn die Smme noch brennend heiß herniederscheiut, zieht er in kleinen Trupps von dannen. Am frühesten hat man ihn bei uns in Baden und im Elsaß, nämlich schon um den 1. Mai, beobachtet. In der nördlichen Nheinebene erscheint er um den o. bis 12. Mai, nnd im Nordosten Deutschlands taucht er um die Mitte dieses Monats auf. UnnultelOar darauf geht ? n . v kunstvollen Nestbau, der fast einer kunstgerechten hJBeBerei gleicht. Das Nest hängt in der Gabelung eines Astes; Fuerst wird, um den Nestbau von- unten noch sicherer zu lassen, ein Netzwerk von hm nnd her geschlungenen starken Dalmeir angelegt, und in diese äußere Hülle kommt dann eme Matratze von glatten Grashalmen, die mit den -lehren vom hohren Grunde des Nestes gegen den einporgewölbten Raiw zugekehrt sind. Zwischen beide Schichten kommt eine Polsterung von Weichen Moosen und Flechten. In diesem be- paglichen Bau brütet dann das Ehepaar von Ende Mai bis Juni. Die Jungen mausern sich schon im Nest. Der scheue uitb zänkisch veranlagte Vogel, der auch dem Menschen nach Möglichkeit aus dein Wege geht, macht sich durch die Vertilgung voll allerlei schädlichen Raupen Nutz­last er ist aber ein besonderer Liebhaber der süßen Kirschen ^deswegen bei den Obstzüchtern ganz und gar nicht be-

Er besitzt nämlich als sachverständiger Feinschmecker vte üble Angewohnheit, sich von den Kirschen die reifsten aiis-

Msuchen, nnd von diesen pickt er nur die süßesten Stellen an. Es wird behauptet, daß ein einziges Pirolpaar imstande sei« wu, einen inittelgroßen Kirschbaum in einem Tage zu ver­wüsten; bei dieser Behauptung liegt.aber wohl sicher eine kleine Uebertreibung vor. Ist die Brutpflege beendet, so geht der Pfingstvogel bereits im August wieder gen Süden und zieht, obwohl er iiur ein mittelmäßiger Flieger ist, bis in das äquatoriale Afrika und nach Madagaskar. . . . Auch an der Pflanzenwelt ist die Pfingstzeit '.licht spurlos vorüber­gegangen, und da die Rose die Königin der Blumen ist, die mit allen großen Festen gern in Verbiildung gebracht wird, 0SJJpk Gu f^ Pfingstrose gehen. Weil aber bei uns zu Pfingsten die Rosen noch nicht blühen, so vertritt die stolze, früher blühende Päonie, die ihren Namen dem Apollon Päon, dem heilenden Apollo, verdankt, ihre Stelle. Sie wurde bei uiis zunächst als besondere Seltenheit geschätzt und dementsprechend bewundert, als sie aber immer häufiger an- gepflanzt wurde und auch im Bauerugarten Aufnahme gefunden hatte, erhielt sie wohl auch den zu Urte E)t ent wenig herabsetzertden Namen Bauernrose. Tatsächlich müssen wir dem Bauerngarten dankbar sein, daß in ihm so viele liebliche Blumen des Lenzes uub des Sommers Zuflucht gefunden haben, die bei den Stadtbewoh­nern aus der Mode, gekommen und durch irgendeinen frem­den, prunkenden Eindringling aus deren Gunst verdrängt worden waren. Im Bauerugarten haben unsere Ziergärtner so mancheNeuheit" entdeckt, und sie haben sie als solche wieder in Mode nnd damit zu Ehren gebracht. So ist es auch der Bauerurose ergangen. Als Päonie und Pfingstrose genießt sie wieder eine von Jahr zu Jahr sich steigernde Be­liebtheit sowohl als Garten- und Parkblume wie als Schnitt- blUme. Sie muß ja die wieoererlangte Gunst mit einigen Schwestern teilen, die aus China und Japan zu uns ge­rammen sind nnb die manche Eigenarten in Form und Farbe aufzuweisen hasten, sie weiß sich aber ihnen gegenüber sehr wohl 511 behaupten, und sie wird hoffentlich so bald nicht wieder aus der Mode kommen. Die Pfingstrose, die mit ihrer edleren Schioester in der Farbenpracht wetteifern kann, ge­hört zu den Hahnen kämm gewachsen, den Ranuiikelazeen, und ist somit eine Verwandte des Hahnenfußes, des Rittersporns, der Waldrebe (Klematis), Anemone usw. Oefleres Umpflan­zen schädigt ihr Gedeihen, die schönsteil Blüten findet nian daher immer an älteren Pflanzen, die inan an ihrem alten Standorte belasseil hat. Wildwachsend trifft man sie in Deutschland und Oesterreich nur auf dem Müllersberg bei Neichenstall, in Oberbai-ern und im südlichen Kram an. Sie galt früher als Heilmittel gegen die Gicht und heißt daber noch heute m verschiedeneil Gegeirden unseres Vaterlandes Gichtrose. Nach der griechischen Göttersage soll Apollon Päon, der Gott der Heilkunde, mit ihrem Kraut den Gott der Unter­welt Pluto geheilt haben. Dieser Gott hatte sich offenbar in den kühlen und lichtlosen Räumen der griechischen Unter- welt ein Gichtleiden zugezogen.