Uber zu seinem Erstaunen legte ih'm Frau Ulrich die Hand Auf den Arm und sprach : ^
„Lassen Sie das jetzt, Berber. Ich habe anderes ftttt Mnen zu besprechen, was mir wichtiger ist."-
Herrn Berbers spärliche Augenbrauen zogen sich rn he Höhe. Erstens begriff er nicht, was! wichtiger sein sollte glS sein Geschäftsbericht, und darin wunderte er sich über-, Mipt über die heute so sprunghafte Manier seiner Herrin, imnrnerfort brach sie ab und fing Von neuen Dingen an. Wurde sie etwas nervös auf ihre alten Tage? ,
Wer aber die große, starke Gestalt an seiner Serie betrachtete, der mutzte zunächst der: Eindruck einer eisen-
M ten Gesundheit beklommen. .Das Volte, kräftig gefärbte atronengesicht, das lebhafte, klare, blaue Au-ge, die glänzenden, dunklen, ein wenig grau gesprenkelten Scheitel, auf Venen ein nicht ganz moderner Hut mit seidenen Bindci- bändern saß, das alles sprach von nichts weniger als Ner- Pjosität.
Und jetzt blieb Frau Ulrich stehen, stemmte wieder die Arme in die Seiten und seufzte vernehmlich.
„Ich halte es nicht mehr aus!" ries sie. „Ich muß Sie ins Vertrauen ziehen. Ich hatte schon lange diese Absicht. Mer das ist nicht so einfach. Ich will, und ich will auch nicht"
Berber machte „Hm" und wertete.
„Nämlich" fuhr sie fort, indem sie ihn bedeutungsvoll! cknsah, „es betrifft meinen Bruder."-
„Aha!" sagte Berber. Es klang, als wisse er nun Bescheid; aber er wußte gar nichts.
Frau Ulrich ging weiter und sprach jetzt schneller.
„Daß ich einen Bruder hatte und daß er von jeher eine verdrehte Schraube war, das wissen Sie ja. Er ging nach Amerika, als er jung war. Und daß er drüben nicht die erhofften Goldklumpen gefunden hatte, das ersahen wir aus seinem Schweigen. Ich freilich, ich konnte damals keine Briese erwarten, denn ich war ein dummes Ding von fitnfzehn Jahren. Aber meine armen Eltern, die habe ich oft seufzen hören, daß ihr Einziger sortgegangen war, anstatt ihnen arbeiten zu helfen."
„Das ist lange her," murmelte Berber. „Nachher kam ja das Glück."
„Ach, was man so das Glück nennt! Das hätte ja auch ebenso gut ein Unglück sein können! Ich verheiratete mich eben mit Nachbars Karl, dein der Rübenboden gehörte, welchen wir gepachtet hatten. Denn Karts Eltern waren einfache Büdner, und meine waren sogar bloß Arbeitsleute. Uno Karl und mir ist es nicht an der Wiege gesungen wor-, den, daß wir mal mit Trakehnern fahren würden."
„Ein Automobil wäre aber noch besser!" murmelte Berber unsachgemäß. Er konnte es nicht lassen, es gehörte zu seinen Schwächen, immer höher hinaus mit Frau Ulrich zu wollen, als sie selbst mochte.
Sie schüttelte den Kopf.
„So ein Stinkdings kommt mir nicht in die Remise!" sprach sie energisch, „und Sie brauchen nicht immer wieder davon anzufangen."-
„Aber," sagte er eigensinnig, „solche Sachen sind Sie doch Ihrem Reichtum schuldig!"
„Was?" rief sie, lauter als nötig war. „'Jetzt, wo ich keinem Menschen was schuldig bin, soll ich meinen Geldsäcken etwas schuldig sein? Sie sind nicht bei Trost, Berber! Hören Sie lieber zu, was ich Ihnen erzähle, und verderben .Sie mir nicht die Laune."
. „Ms ob so was möglich wäre, Frau Ulrich!"
Sie lachte behaglich.
„Sagen Sie das nicht! Ich bekomme jetzt manchmal Anwandlungen von Melancholie, und dann packt mich ein Kater. Gerade in solchen .Stunden reut es mich, daß ich noch gar nicht nach meinem Bruder geforscht habe. Das heißt, eigentlich wäre das ja seine Sache gewesen!" „Natürlich wäre es das!"■
„Er hat sich eben nie um mich gekümmert, dazu war er wahrscheinlich zu stolz!"
Ihr gutmütig spottender Ton ließ Berber mißmutig den Kopf schütteln.
„Stolz nennen Sie das, Frau Ulrich? Eine Schlechtigkeit war es! Wo er doch gehört hatte, daß Ihre Eltern tot waren!"
„Rai ja, das war eben das Letzte, was er gehört hatte. Und daß ich mit meinen siebzehn Jahren in Stellung gegangen war, wußte er auch. „In Dieustz" nannte es ganz
trchtig meine gifte Mutter, die es ihm schrieb. Mer ich! hatte Glück, schon damals! Das alte Fräulein, bei dem ich diente, brachte mir ordentlich die Haushaltung bei, und so nebenher noch! ein bißchen Bildung. Mer die Haushaltung', das bleibt doch die Hauptsache Kr uns Frauen/'
Berber schwieg. Seine Mchte Therese, an der er Vaterstelle vertrat, war ja hier anderer Meinung; und er hielt doch etwas von ihr, so klug und hübsch wie sie bei altem! Eigensinn war. ' !
„Ja," fuhr Frau Ulrich fort, „und dann kam mein Karl, der Nachbars Karline nicht vergessen hatte, und holte mich, und wir heirateten. Und ein paar Jahre darauf kam dort in unfern Osten der große Rappel, und im Handumdrehen war mein Karl Millionär. Bloß weil er das bißchen Acker besaß! Eigentlich war es doch unglaublich!"
„Und dann hat Ihr Bruder nie etwas erfahren?"
„Ich glaube nicht, denn er war doch ein „Genie" und' baute in Amerika Luftschlösser. Und er und Karl hatten sich nie leiden können. Aber das ist nun schon lange her; und! nun habe ich Gewissensbisse und möchte wissen, was aus meinen! Bruder geworden ist."
Berber zog sein Notizbuch hervor, als wollte er eine Warenbestellung notieren:
„Vorname?" fragte er. „Atter? Letzter Aufenthalt?"
M t Stock hieß er. Er muß jetzt so an die Sechzig o wir das letztemal von ihm hörten — ungefähr vor sechsunddreißig Jahren —, da saß er in Cincinnati und „wollte" von dort eigentlich nach Colorado. Oder nach West- indien. Er „wollte" immer was! Aber es kam nie zu was Rechtem."
Berber hatte die Notizen niedergeschrieben und wartete, ob er noch weiteres hören werde. Aber cs erfolgte nichts mehr. Frau Ulrich war tief in Gedanken versunken, bis sie wie zur Rechtfertigung sagte:
„Wenn es ihm schlecht geht, und ich fahre inzwischen hier mit Trakehnern spazieren — das wäre doch wirklich schändlich."
„Kann ich nicht finden! Was geht das Sie an, wenn es dem hochmütigen Herrn schlecht geht? Hat er es etwa um Sie verdient, daß Sie sich Kopfschmerzen um ihn machen?"
„Ach, Berber, wenn es jedem von uns immer bloß nach Verdienst ginge, wo kämen wir da hin! Na, machen Sie nicht Ihr beleidigtes Gesicht, ich weiß ja, Sie sind überzeugt von einer ausgleichenden Gerechtigkeit, schon hier auf unserer Erde! Ich bin anderer Meinung, aber darüber wollen wir uns nicht streiten. So, und nun habe ich vom Herzen herunter, was icb sagen wollte, und ich weiß, Sie werden mir die gewünschten Auskünfte verschaffen. Und nun sehen Sie mal bloß die neuen Anlagen hier an, ist das nicht ein Staat?."
(Fortsetzung folgt.) ' t*
Pfingstrose».
SklM Von Margareth'e^anckner« , ' ■
Gisela Döring lehnte gedankenverloren anr Fenster ihres Zimmers. Es war noch ganz früh am Morgen. Durch die Räume; ihrer elterlichen Wohnung! drang noch kein Laut des erwachenden! Tages. Behutsam öffnete sie die Fensterflügel, mu die sonnig! klare Morgenluft hereinzNlassen. Ans dem Garten, der das kleine Einfamilienhaus umgab, grüßten leuchtende Päonien. Pfingstrosen, die sie einst nicht gepflückt hatte und die ihr darum z'nm Schicksal geworden waren. IhrPfluge riß sich gewaltsam' von den arelleu, roten Knospen los Und blieb 'länge auf den schlanken, im' Morgen!- wind unruhigen Zweigen der PfingstMaien haften. Wie leises Vibrieren keuscher Franensoelen, die sich vom' kosenden Lenzhauch tiefer Liebe lümwleht ifühlem, so wütete sie das zitternde, ruhei- suchende Blätterspiel an.
Bor einem Jahr jtväre ihr kein solcher Gedanke gekommen'^ gewiß nicht! .Da hatte Gisela Xiikrng noch ruhigen Herzens die vielbesungene Liebe als menschliche Schwachheit belächelt. Damals! konnte sie noch wicht begreifen, toeshalb sich so viele zu ihren! Sklaven machten. .Nein. — Gisela Döring war kein Schwächling, sie strick), diese so unfrei machende Herzensregnug einfach als nicht vorhanden aus ihrem!Leben. Ws aber eines Tages doch der schmucke Leutnant Rolf Werner, der sie, ehe er hinauszog, gern als ge^ liebtes W»eib in der Heimat zurückge lassen hätte, vor sie hin trat! Und sie uw, ihre Hand bat, da hatte wähl fiir Minutendauer ihn Herz, schneller geschlagen und ihr Blick tvar sekundenlang beglückt an zwei trejuen, blauen Mugen hängen geblieben, bis sie diese Schwäche wieder überwunden, bis ihre Lippen wieder das alte, selbstsichere Lächeln gesunden hatten. Nein — Leutnant Rolf Werner täuschte sich sicher in seinen Gefühlen fiir sie. Jetzt, \m es galt, hinaus ins Felo m ziehen, wo es ganz erklärlich tvar, daß die HitiaMMhendett von r »eschen Regungen erfüllt thaxen, woM


