Ausgabe 
19.5.1917
 
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Die blonde Drossel.

Roman von E. F a h r o tv.

Copyright 1916 U) Greiner L Co., Berlin M. 30. (Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

y~., dtus dem grauen Hailse mit der Sandsteintreppe und der Säulenhalle an der Südseite trat Frau Karoline Ulrich und st^nmte die Arme in die Seiten. Gleich darauf entsann sie daß sie sich dies ja abgewöhuen moUte; sie ließ die Arme snikeil uich fuhr in der sachgemäßen Prüfling des Gespanns vor der Tür fort.

Es war ein stattlicher Landauer mit zwei stattlichen Nappell imb einem ebenso stattlichen Kutscher. Dieser blickte bewegungslos geradeaus, bis seine Herrin sagte:

Morsen, Kufke."

Morsen jnä' Frau/' erwiderte er und wartete weiter. Frau Ulrich kam die Stufen herab und trat an das Hand­pferd heran, dem sie tastend über das rechte Knie fuhr. Immer \iüd) nicht ganz in Ordnung, Kufke," sagte sie. Wird woll ooch nischt.mehr, jnä' Frau. In unsen 'Alter fangt man an, klapprig 31 t werden."

* ö ^ te ' ^obei ihr großes, klargeschnittenes

Gesicht plötzlich länger aussah. Er hatte ja recht, der Knske, Fe waren alle zusalnmen nicht die Jüngsten mehr. Aber es ging doch noch.

r. l' 9 l n 9" allerlei noch in Frau Ulrichs reichem Haus- stand und Leben, wofür andere Leute längst Ersaß geschafft hatten. Sie war aber konservativ in dieser Hinsicht, während sie politisch den allerfreiesten Ansichten huldigte.

Ein wenig ungeduldig blickte sie hinüber nach dem Ein­gang zu dem Nebengebäude, über dem eine große Uhr die inerte Stunde anzeigte. Doch in demselben Augenblick öffnete srch btc Tür, und ihr Vermögensverwalter und Faktotum Herr Berber trat heraus, wie gewöhnlich verdrießlich und vertrocknet aussehend. Da er seine Prinzipalin lvarten sah, kam er eilig heran.

Punkt vier Uhr, Frau Ulrich," sagte er. Hierauf zog er den Hut, wodurch er seine schimmernde Gtatz enthüllte, und fügte hinzu:

Ergebenster Diener. Wohin fahren wir?"

Nachm Tiergarten," erwiderte Frau Ulrich und stieg mn, nachdem Berber den Wagenschlaq geöffnet hatte. Er folgte ihr behende und nahm auf dem Rücksitz Platz. Anders tat er es nicht seit fünfzehn Jahren.

dluch fuhr man seit fünfzehn Jahren aus diesem fern Osten tliglich nachdem Tiergarten, was nicht hinderte, t Zerber Tag für Tag dieselbe Frage stellte und stets die glei Antwort erhielt.

i<*, wrr srnd Gewohnheitsmenschen," sagte Frau rJx /£ lI l cr I an 9 cn Weile, als habe sie einen selbstver­

ständlich cn Gedankengang verfolgt, lind dann abspringend:

Was macheir wir nun mit Ihrer Nichte, Berber: So geht es doch wohl nicht, wie das Mädel es sich denkt."

. Er nahm den £mt ab, wischte sich mit dem feinen, duf­tenden Taschentuch die Stirn und räusperte sich. Dann sprach er zögernd:

Was will ich da machen! Wer A gesagt hat, muß auch B sagen. Ich hätte sie eben nicht aus dem Hause lassen sollen."

Unsinn, Berber! Das ist ja bloß so eine Redensart, ww man sie ausspricht. Warum muß man denn durchaus B sagen, ioenn man A gesagt hat? Da müßte man ja auch dann C und das ganze Alphabet durch bis zu Ende herbeten! Und Ja und Amen zu allem sagen, was so ein Mädel sich m den Kopf setzt, bloß weil man ihr erlaubt hat, sich auf eigene Füße zu stellen?"

Sie i)t eben nicht leicht zu leiten, die Therese. Sie hat nch vorgenommen, daß sie ganz selbständig sei, mir nichts werter schulden will als die gute Erziehung, die ich ihr ja gottlob geben lassen konnte . . ."

Uiid die mehr wert ist als Geld!" unterbrach sie ihn energisch.Gott, der gelehrte Krimskram ist es ja nicht, der den Menschen macht, sondern die Gesinnung. Aber Bildung ist ist schon was wert!"

Dies kam mit einem vielsagenden Seufzer heraus. Herr Berber blickte seine Prinzipalin mit unbegrenzter Hochach­tung an, wobei sein griesgrämiges Gesicht sich nur wenig veränderte.

erzensbildung!" sprach er mit Betonung. Auf d i e kommt es an!"

^ '$ a 6 ut. Ich weiß schon, wie Sie es meinen.

Und über Ihre Therese reden wir noch. Sehen Sie mal, die Kachelfabrik hier. Die hat auch mein Karl gegründet, das heißt, der Gedanke stammte von ihm, aus Sand auch solche bunten Diiiger zu brennen. Und dann hat er seinem Freunde Halwich das Geld vorgeschossen, damit der anfangen konnte. Und zum Dank dafür hat ihn nachher der feine Halwich nicht mehr angesehen, als er reich geworden war."

.. Berber warf einen verächtlichen Blick auf das Backstein­gebäude und tat es dann mit einer fortwedelnden Handbewe­gung ab.

Kränken Sie sich nicht mehr über beit Menschen," sagte er, indem er mit künstlicher Aufmerksamkeit nach der andern Seite blickte.Außerdem ist er ja tot, und seine Herren Söhne werden bald genug das Geld verpulvert haben. Der Wagen federt aber gar nicht mehr gut, Frau Ulrich!"

Sie überhörte diese Bemerkung wie immer, wenii Berber auf Neuerungen uiid überflüssige Anschaffungen hinsteuerte. Ueberdies hatte diesen Landauer noch ihr seliger Karl an- geschafft, und deshalb war er ihr heilig.

Man war endlich im Tiergarten angelangt, und in der Nähe des Großen Sterns stiegen die Insassen aus.

,. Pünktlich wie ein Uhrwerk zog Berber ein Blatt mit Notizen heraus und Wollte den täglichen Rapport beginnen.