Ausgabe 
12.5.1917
 
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Pechmarie und Hans im Glück.

Die Geschichte einer Jugendfreundschast von C. v. D o r n a u. Nachdruck und Ueberseyungsrecht,i.n fremde Sprachen Vorbehalten.

(Schluß.)

Das war ein wundervolles Heimkommen! Ein Herbsttag von strahlender Pracht Sonnenschein über allen Wegen. Er hatte sich innerlich ein wenig vor dieser Heimkehr ge-' fürchtet, Var dem Wiedersehen mit den vertrauten Dingen, zwischen denen er so viel gelitten, so Bitteres durchkämpft hatte. Nun war alles leicht, milde, verklärt, überwunden. Er dachte mit Rührung des Grabes, in den: die Mutter seines Kindes schlief. Unter dem Namen kannte er ihrer liebevoll gedenken. Sie war ja von ihm gegangen, ehe die Enttäuschung alles hatte zermalmen können, was ihn einst für sie erfüllte. Und doch nicht so früh, daß er nicht schon geahnt, gewußt hatte: seine Liebe würde an dieser Enttäu­schung einmal sterben müssen.

Ein ruhiger, versöhnender Gedankengruß dem halbver- geßueir Grabe. Dann eilte seine Seele den raschen Füßen voraus zu seinein Kinde.' Er hatte sein Gepäck auf der Bahn gelassen intb ging mechanisch durch die altbekannten Gassen den altbekannten Weg. Sah nicht rechts, noch links, ging immer rascher, voll immer freudigerer Erwartung. Er kann über den Marktplatz und dachte gar nicht daran, nach Phipp Kochs Hans auch nur mit einem flüchtigen Blick hinüberzuseheu.

Und sah o es halb nicht, was andere, die über den Platz schritten, erstaunt, erschrocken, tu bewegtem Verstehen sahen: Die zugezogerien Borhäirge an der ganzen Vorderfront den Arzt, der achselzuckeud, mit tiefernstem Gesicht davon­ging, die alte Wirtschafterin Liese, die mit dickb.Noeinten Klugen hinter dem Arzte die Haustür schloß.

Haus Jmhoff sah nut vorwärts. Er sprang die Stufen zur Tür seines HLuZchens in freudiger Eile empor. Kr schellte fast stürmisch, ohne auch nur an die kranke Mille zu

denken-die treue Wärterin seines Kindes öffnete. Er

lachte sie strahlend an, und sie lachte zurück, ohne daß die wundervolle Ruhe ihres Volksstammes durch das Erstaunen über sein plötzliches Erscheinen gestört worden wäre.

Es ging Mille bedeutend besser. Der Doktor war heute früh sehr zufrieden gewesen. Es wäre besser gegangen, seit­dem das Fräulein da war. Mille schlief jetzt ganz tief uud ruhig.

Und das Fräulein?

Das sei natürlich beim Jungen oben. In dem großen Klltanzinmier. Das hätte doch das Fräulein für den Jungen eingerichtet.

Havs Jmhoff stieg langsam nach oben. Das Herz klopfte Mn so, er konnte nicht springen wie vorhin. Die freudige Erwartung, sein Kind wiederzusehen, lähmte ihn beinahe.

Mo das Altanzimmer war des ffelneu Hans Spiel-

[tute geworden! Es hatte leer gestanden, als Hans Jinhoff der Große abveiste. Die Möbel und Ausstattung, an der die arme Elfriede so reiche Freude gehabt, waren von dem Witwer an ihre Mutter geschenkt worden. Frau Wieden* brancks Dank lvar so freudig überrascht, so begeistert ae- wesen, daß Halis wehmütig lächelnd empfunden hatte: Dies: Geschellt hatte die Trauer gedämpft.-,

Er stand wohl eine Mnute oben im Flur, ehe er die Tür öffnete. Danll schalt er sich selbst töricht ob seines ge­heimnisvollen Zauderns. Und öffnete ganz leise mW trat ein.

Es war niemand in dem großen Zimmer, durch daS sein suchender Blick fuhr. Mer vom Man draußen, durch die weit offene Glastür drang krähendes Kinderjauchzen bis zu ihm. Auf den Zehenspitzen ging er näher heran und spähte vorsichtig hinaus.

Und stand, und blickte, und die Minuten verstrichen uu- empfunden.

In Gold und Purpur umrahmte das Herbstlaub ein be­zauberndes Bild: Ein Mädchen mit langen, dunkleit' tief- herabhäugenden Zöpsen, auf den: Boden klüeend, die Anus zärtlich weit ausgebreitet, mit liebeglühendem, frendegeröte- tein Antlitz, mit strahlenden, wounelächeluden Augen.i Und die Arine, den Blick, das Lächeln dem holdesten kleinen Wesel: entgegengebreitet, dein blonden, blauäugigen Lockerr- köpfchen, das strampellld, breitbeinig, ein bißchen unsicher noch, aus die Kniende znstrebte. Ganz eins ins andery vertieft, jauchzend vor Lust alte beide! Uud nun lief das Elwelknäblein auskreischend in den sicheren Hafen der liebe­vollen Arme die letzten Schrittchen waren mehr Mir seliges Taumeln, und das junge Weib riß es fest, fest au sich und küßte den kleinen, glüheudroten Ml lud gltd stammelte:

Halis! Mein Hans! Liebster! Geliebtester!"

War denn das Marie? Konnte das Marie sein? Gab es denn so Frauen, die erst auf dem UnNvege über die Mutterschaft zllin Weibe werden?

Ja, die gab's also. Hier war eine davon. Eine von diese:: kühlen, spröden, keltschverschlossene:: Weib es natu ren,

deren Hingabe berauschender ist als die aller anderen--

Wie er sich ihrer Liebe mit einem Herzschläge so völlig bewußt ward! Wie klar er sein eigenes Herz erkannt« in diesen seligen Minuten! Vielleicht lvar dies alles schon unerkannt in ihm gewesen damals, vor drei Jahren, als. sie beide im herbstlichen Abenduebel auf der alten Steil:- brücke ftaubeu und die plötzliche, tiefe Sehnsucht ihn gepackt hatte nach einen: Herzen, dem er alles war

Damals hatte ihll eil: Irrlicht seitablvärts gesockt. Mer Halls im Glück kann lvoht einmal auf Irrwege, auf itmH Wege geraten sein guter Stern führt ihn schließlich, zur rechter: Zeit, auf den rechten Fleck zurück.

Damals lvar Nebel über den: Wege gewesen heut sag der volle, lautere Sonnenschein auf der ganzen Welt. UUd zeigte ihrn so deutlich die Straße, die er zr: gehen hatte