Ausgabe 
9.5.1917
 
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. Nein, faß schon nichts dawider! Das redest du mir nicht wieder cni$. Ich darf dich zier Bahn dringen, Marie"

Marie kämpfte einen Augenblick mit sich. Nein, sie wallte jetzt rächt tager mit ihm znsanimen sein, seine Selbst­bezichtigungen nicht auhören, seinen ernsten, unruhigen Blick

nicht nrehr aus sich ruhen fühlen-Laß das gefälligst,"

Versetzte sie knapp.Ich besorg' das alles viel lieber allein. Endlich! Emma! Ist die Droschke ba?"

Das rührige kleine Harisntädchen hatte aus eigener Ueberlegung den. Wagen besorgt. Es trug nun. Maries Handko-ffer nach nute::. Marie wollte ihr folgen, sah sich noch einmal nach Haus um er tat sofort herbei und umschloß ihre ansgestreckte Mchte mit beiden Händen.

Wenn ich doch nur auch irgend etwas tun konnte!" sagte er kläglich.

Sie nrußte ein wenig lachen. Er hatte in diese::: Mo­ment etwas so rührend, so jugendhaft Unbeholfenes!Du Sannst die Miete bei meiner Wirtin für mich bezahle::!" sagte sie fast heiter.Sie liegt bereits abgezählt auf meinem Schreibtisch. Ich wollte sie gerade hinunterbringen, ehe du

kamst. Heut' ist doch der erste Oktober-- Leb 'wohli

du bekommst bald Bescheid."

Sie entzog ihm rasch die Hand, die er noch festhielt, nickte ihm kurz zu und ging davon. Ihr weibliches Gefolge schloß sich draußen im Korridor an uni) brachte sie aufgeregt die Treppen Hinab; auch ein paar ihrer jungen Pensionärin­nen waren darunter. Haus kam ganz gedankenlos hinter-^ her. Und [taub in der offener: Haustür rtaben Fräulein Meta Stilltng, gerade noch rechtzeitig angelangt, um Marie

in: Wäger: ver schmück) ei: zu sehen-Und gerade noch

rechtzeitig, urn der Abfahrertaen besagtes Fräulein Meta und ihn selber dicht nebeneinander, abschied winkend, als hübsches Griwpenbild erscheinen zu lassen.

Dies Bild nahm Marie mit sich auf die Reife. Es ver­ließ sie die nächsten Stunden nicht wieder. Es packle sie wie ntit glühenden Zangen, und ein bitteres, häßliches Ge­fühl brarmtc [ich tief in ihre Seele Hinei::, bis ein noch tieferes, mächtigeres Gefühl sie überkam: das der Sehn­sucht nach ihren: kleinen Liebling bis die leidenschaftliche, sehnsüchtige Fce:tde aus das Wiedersehen mit Hans Jmhofss Kind Hans Jmhofss Bild in ihr erblassen ließ!

Hans stieg neben Fräulein Meta ins zweite Stockwerk hürauf und holte sich das Geld für die Wirtin ans Maries kleinen: Zimmer. Fräulein Meta wollte ihm dabei behilflich sei::, aber er rotes sie beinah unhöflich zurück. Die allzu Liebenswürdige begann ihm lästig zu werden. Ihn: ging *9 viel durch den Kopf und Sinn, wobei ihr flaches, wohl- ^.^ogenes Geschwätz störte. Es gab doch recht wenig Frauen, dir rechtzeitig zu schweigen verstanden! Er kannte eigentlich nur eine einzige: Marie. Er dachte in emem Gemisch von Beivnnderung und Rührung an sie, und es bereitete ihm geradezt: ein geheimes Wohlgefichl, einen Wunsch von ihr zu erfüllen, etwas für sie zu tun, und wenn's auch nur diese lächerliche Kleinigkeit war.

Da lag das Geld, sorgfältig eingewickelt, und daneben das Mietsquittm^gsbuch. Gr nahm be:des an sich und schickte sich zum Gehen. Aber er sah sich vorher noch eünnal mit einen: langen Blick in den: winzigen Zimmer che;: unr, ihm war's plötzlich so zumute, als ob er sehr viel darin erlebt tzätte. Da streikte sei:: Auge die Truhe. O, Marie! Am Schloß der Truhe hing ja noch ihr Schllüsselbmck)!

Er erschrak förmlich über ihren Leichtsinn, ihre Vergeß­lichkeit, und mußte doch gleich wieder gerührt vor sich hin läck-eln : das war so ganz sie selber, daß sie ihm förmlich wrperlrch nahe schrei:.

Rasch den Schlüsselbund abgezogen und ihr versiegelt ^tal-geschickt! Ja, war denn auch die Truhe abgeschlossen? Er versuchte, bewahre, sie sprang auf! Und da lag auch sein Buch, ba& unglückselige Buch, das so viel Verwirrung in Marres Kopf und Leben angestiftet zu haben schien, und da, da lagen ja noch Wele, v-lle andere Bücher, arte aleichnäßia gebmwen, alle, alle, seine Bücher.

Er beugte sich tief über die verräterische, alte Truhe; :dn: tat's nicht als Unrecht vor, daß er so tief hineinsah, es war ernfach ein übermächtiger Zwang, die Notwendigkeit, zu wiften, !vas ihn dazu trieb. Und als er sich wieder auf- rrchtete, hatte ihm die Mihe des Backens das Blut zu Kopfe getrieben, :rnd rn [eine:: Angen glänzte es verräterisch r^r at ! schmnte er sich, lvarf er den Deckel wieder zu,

schloß ab, steckte die Schlüssel ein und besam: sich erst im allerletzten Augenblick, er war schon halb draußen in: Kor­

ridor, daß er das Geld auf den: Schreibtische hatte liegen! lasjen. Holte es eilig, wobei er ärgerlich nrtd Verwirrt vor sich hinürurmelte, rannte draußen dieplastische Empfangs­dame" beinahe um und begab sich ntit einer gewissen eifrigen Wichtigkeit zur Frau Hausbesitzerin, wie er:: guter, kleiner Junge, der von seiner Manra mit einem Groschen zum Krämer geschickt ward.

Sehr ernst, sehr nachdenklich ersten er ein Stündchen später wieder in: Treppe:chcrus. U::d stieß sofort mit einem kleinen Herrn zusammen, der an ihm vorbei nach oben strebte.

Sie sahen sich an:Phipp!"Hans!" Da hielten sie sich schon an den Händen. Und Hans sah :nit tiefem Er­schrecken, das er rasch zu verbergen" strebte, in das schmerz­lich veränderte Gesicht oes jüngeren Freundes.

Der hatte de:: Blick doch erfaßt u:rd verstanden. Er nickte in wehmütig-heiterer Ruhe:

,/I«, sieh, Hans Imhoff, unsere Krankheit! Du weißt schon, nun hat sie mich auch! am Kragen. Aber wie kommst du denn hierher? Ich vermutete dich noch im Süden."

Hans erzählte. Phipp sah an ihm vorbei die Treppe hinauf.

Und Maries' fragte er plötzlich.

Dein Neffe hat sie vorhin telegraphisch gerufen, weil die alte Mille plötzlich erkrankt ist. Du kommst nicht direkt Von zu Hause?"

Ich fuhr bereits gestern nach Berlin, ich wollte noch einmal zu einen: Arzte. Es ist doch immer gut, wem: man Völlig Bescheid weiß, nicht wahr? Und nun treffe ich Marie nicht einmal an. Schade! Ich hätte sie gern gesehen und gesprochen, es hat wohl so sein müssen."

Du findest sie nun ja gleich zu Hause an," sagte Hans betreten. Der kleine, gute Freuno scknen ihm so lounder- lich verändert. So fremd, so fern, so beinah abweisend gleich­gültig. Als ob er gar nicht mehr recht hinhörte, wenn der - andere sprach. Hans hatte ihn: eigentlich erzählen wollen, was alles er eben mit der Wirtin verhandelt und sonst be­schlossen, daß die brave Frau, die ihm redselig über vieles Aufklärung verschafft, gern erbötig sei, Maries Pension selbst zu übernehme::, freilich auf etwas verrrnnftgemäßerer Basis. Ohne Fräulein Meta und Konsorten. Daß er, Hans, aber doch hoffe, Marie aus diese Weise wenigstens einen Teil des geopferten Kapitals wieder zu verschaffen. Daß er überhaupt jetzt e:rtschlossen sei, als wahrer, treuer, brüder­licher Freund für sie einzutreten!

Dies alles und noch einiges mehr hatte er dem kleinen Phipp anvertraue:: wollen. Aber er brachte keinen einzigen Satz mehr heraus. Das war ja aar nicht nrehr der kleine Phipp Koch-, der da vor ihm stano im unsicheren Dämmer- licht des bunt verglasten Treppenhauses.

Du bleibst noch hier?" fragte die sanfte Stimme. Dann sage ich dir gleich jetzt Lebewohl, Hans, ich fahre mit dem Abendzuge. Und du, Hans?" Die großen glänzende:: Angen schlugen sich voll zu Hans Inchosf auf,du wirst auch bald kommen, ich weiß es, wenn du nrich an.ch nicht mehr triffst."

Du willst noch eimnal verreisen?" fragte Hans fast zaghaft.

Wieder dies erhaben ferne, aeheimrnsVolte Lächeln:

Ja, ich verreise; leb wohl, Hans. Grüße Marie. Biel Glück euch beiden!"

Und die kleine, schlanke Gestalt glitt tww: der Stufe weg, auf der sie eben noch nebeneinander gestanden mit leisen, raschen Schritten die Treppe vollends hinunter wandte sich noch eimnal um, winkte einen Mlfreuudlichen Gruß Zurück und Verschwaird in dem Menbenbei: Lichtstemn, den das heftig von außen anfgestoßene große Hausportal here:::flr:ten ließ.

Hans stand wie gelähnll, es überfiel ihn: dies war ja ein Abschied fürs Leben, und ein dieses' Bangen ging durch ferne Seele: Galt das dir oder galt das nrir? Nur für Sekuudenspanue. Dann grüßte der heraufkommende Portier neugierig-mißtrauisch. Und Ha:rs grüßte mechanisch wieder und ging ganz langsam, in tiefen Gedanke:: davon.

Draußen auf der Straße blieb er plötzlich stehen.

Ich hätte ja Phipp die Schlüssel nntgeben können!" sagte ergänz laut. U:cki wußte gleich, wie er's aussprach, daß er das gar nicht gewagt haben würde. Ging grübelnd lange Zeit aufs Geratewohl umher, irgendwo, verbrachte einen ruhelose::, ungemütlickMn Tag und eine fast schlaflose